1511
Lob der Torheit
Überblick↑
Das Werk Lob der Torheit gehört zu den bekanntesten Schriften des niederländischen Humanisten Erasmus von Rotterdam. Die satirische Rede erschien 1511 unter dem lateinischen Titel Moriae Encomium, bekannt auch als Lob der Narrheit. In ihr ergreift die Torheit selbst das Wort und preist ihre eigenen Verdienste um die Menschheit. Das Buch zählt zu den wirkmächtigen Beispielen der Narrenliteratur seiner Zeit.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Eine Frau von schlechtem Ruf tritt an ein Katheder und beginnt eine Rede. Sie nennt sich Stultitia, die Torheit in Person, und hält mit sichtlichem Genuss eine Lobrede auf sich selbst. An ihrer Seite steht ihr Gefolge, darunter Eigenliebe, Schmeichelei, Vergesslichkeit, Faulheit und Lust. Mit ihm, so erklärt sie, habe sie sich die Welt untertan gemacht.
Ihre Behauptung lautet: Ohne die Torheit könnte kein Mensch ein angenehmes Leben führen. Ihre Gaben verteile sie großzügig und oft auch ungefragt. Der Reihe nach nimmt sie die Menschen durch, denen sie zu ihrem Glück verholfen habe. Junge und Alte, Frauen und Männer, das einfache Volk und die Gelehrten, Kaufleute und Dichter, Juristen und Grammatiker, Mönche und Theologen, Bischöfe, Kardinäle, Fürsten und Könige: keiner bleibt verschont.
Je länger die Rednerin spricht, desto deutlicher wird, was ihr Eigenlob tatsächlich zeigt. Sie hält ihren Zuhörern einen Spiegel vor und liest ihnen die Leviten. Dabei bedient sie sich eines bunten Wörtermischmaschs. Nach dem Vorbild der Gelehrten, die sie verspottet, greift sie sich willkürlich Zitate aus Dichtung, Philosophie und Theologie heraus. Diese legt sie in ihrem Sinn aus. Am Ende steht das Bild einer verrückten Welt, in der einer über den anderen lacht.
Die Handlung im Detail↑
Das Buch ist eine einzige, durchlaufende Rede. Stultitia, die personifizierte Torheit, betritt das Katheder, bekennt sich zu ihrem Namen und beginnt ein Loblied auf sich selbst. Sie berichtet von ihrer Zeugung und ihren Vorzügen und stellt ihr Gefolge vor, darunter Eigenliebe, Schmeichelei, Vergesslichkeit, Faulheit und Lust. Mit diesem Gefolge regiert sie als Weltherrscherin.
Dann arbeitet sie sich durch die Menschheit. Die Jungen lobt sie, denn Jungsein sei nichts anderes als Unbesonnenheit und Unvernunft. Die Alten lobt sie ebenso: Je mehr sie sich dem Greisenalter nähern, umso mehr kommen sie auf die Kindheit zurück. Über die Götter lästert sie. Den Unterschied von Mann und Frau erklärt sie mit Behagen. In der Liebe hingen die Mädchen mit ganzem Herzen an den Toren. Die Weisen mieden und verabscheuten sie wie einen Skorpion. Dem Mann habe sie geraten, sich ein Weib zu nehmen, ein ebenso dummes wie reizvolles Wesen. Es folgen ihre Ansichten über Freundschaft und Ehe, über Kunst, Krieg und weise Männer.
Besonders ausgiebig widmet sie sich den Berufen und Ständen. Das einfache Volk lebe am glücklichsten, weil es die Künste nicht kenne und nur dem Trieb der Natur folge. Den Kaufleuten bescheinigt sie das widerwärtigste aller Geschäfte. Dichtern seien Eigenliebe und Schmeichelei eigentümlich. Schriftsteller schrieben ohne Vorarbeit, was ihnen gerade einfalle. Die Rhetoren lehrten sogar das Scherzen und rechneten damit zur Torheit. Juristen häuften Präzedenzfälle an, die nicht zur Sache passten. Logiker und Sophisten stritten verbissen um des Kaisers Bart und verlören dabei die Wahrheit aus den Augen. Die Grammatiker altern vor der Zeit in ihren Tretmühlen und Folterkammern inmitten des Kinderhaufens. Die Philosophen tun so, als hätten sie der Natur hinter ihre Geheimnisse geschaut, seien aber für die Aufgaben des täglichen Lebens kaum brauchbar.
Von dort führt die Rede immer näher an die Kirche. Über Aberglaube, Ablass und Heilige spricht Stultitia so offen wie über Dünkel und Schmeichelei. Die Mönche hielten es für den Inbegriff frommen Wandels, die Bildung bis zur Unkenntnis des Lesens zu vernachlässigen. Beim Predigen träten sie auf, als seien sie bei Gauklern in die Lehre gegangen. Die Theologen bezeichneten als Scharfsinn, was die Menge nicht begreift, griffen vier oder fünf Worte auf, entstellten sie nach Bedarf und machten sie mundgerecht. Papst und Kardinäle seien äußerst freigebig in Interdikten, Amtsenthebungen und Bannandrohungen. Im Wettbewerb um geistliche Ämter und Pfründen setze sich ein Büffel eher durch als ein Weiser. Fürsten, Könige und Höflinge schröpften die Bürger und leiteten die Staatseinkünfte in die eigene Tasche, wobei auch die gröbste Ungerechtigkeit noch unter dem Schein des Rechtes auftrete.
Die Summe all dessen ist das törichte Welt-Theater. Das gesamte menschliche Leben, so die Rednerin, sei nichts anderes als ein Spiel der Torheit. Ein Verrückter lache über den anderen, und sie bereiteten sich gegenseitig Vergnügen. Gerade darin aber liegt nach ihrer Logik ihr Verdienst: Sie lenkt den Blick des Menschen vom großen Elend ab. Wer von hoher Warte auf das Leben sähe, erblickte es in maßloses Unheil verstrickt. Der Trug und Schein halte die Augen der Zuschauer gebannt, und das eben heiße Mensch sein. Auch den Gegensatz zwischen den Geistigen und dem Volk nennt sie: Beide hielten einander für verrückt, und ihre Anschauungen seien nicht zu versöhnen.
Zum Schluss wendet sich die Rede der Bibel zu. Stultitia gibt eine Übersicht über das Stichwort Torheit in der Heiligen Schrift. Dann stellt sie die Frage, ob ein wahrhaft christliches Leben nicht Torheit sein müsse in den Augen einer Welt, die selbst die törichte ist. Sie spricht zuletzt von der Verzückung der Frommen als Vorgeschmack des Himmels und beendet die Rede mit Selbstironie.
Darin liegt der Kunstgriff des ganzen Buches. Erasmus kritisierte Kirche und Christen. Er konnte jedoch darauf verweisen, dass nicht er selbst, sondern allein eine Törin eine solche Rede halten könne. Dieser Balanceakt gelang ihm – auf Dauer freilich nicht: Jahrzehnte nach seinem Tod kam Erasmus auf den Index.
Stil↑
Durchgehend spricht in diesem Buch nur eine einzige Stimme: die der Torheit selbst. Nach eigener Angabe schrieb Erasmus das Buch 1509 in nur einer Woche, im Haus seines Freundes Thomas More. Er legte es als durchlaufenden Text ohne Kapitelüberschriften an. Gedruckt füllt es heute ungefähr hundert Seiten im Kleinformat. Trotz der fehlenden Überschriften ist der Aufbau klar erkennbar. Er führt vom Auftritt der Torheit über ihre Zeugung, die Lebensalter, die Geschlechter, Freundschaft und Ehe, Kunst und Krieg, die Wissenschaften und Stände bis hin zu Theologen, Mönchen, Fürsten und Päpsten. Danach folgen die Torheit in der Bibel und die Verzückung der Frommen als Vorgeschmack des Himmels.
Das durchgehende Mittel ist die ironische Überzeichnung. Weil die Torheit sich selbst lobt, trifft jedes Lob genau das Gegenteil dessen, was es zu sagen vorgibt. Mit rhetorischer Eleganz zielt Erasmus auf die Dummheiten und Laster der Menschen. Auf raffinierte Weise zeichnet er so ein Spiegelbild seiner Zeit. Dazu gehört auch, dass die Rednerin die Gelehrten in ihrer eigenen Münze bezahlt. Ihr Wörtermischmasch greift willkürlich Zitate aus Dichtung, Philosophie und Theologie heraus und verfälscht sie im eigenen Sinn. Genau das wirft sie den Theologen vor. Am Ende lässt Erasmus seine Stultitia die Lobrede mit Selbstironie beschließen.
Rezeption↑
Zu ihrer Zeit war die Schrift wirkmächtig und gehört zu den herausragenden Beispielen der Narrenliteratur. Bis heute zählt sie zu den bekanntesten Werken ihres Verfassers. Jahrzehnte nach seinem Tod kam Erasmus auf den Index der verbotenen Bücher. Der Index von 1564, der aus dem Konzil von Trient hervorging, verbot auch Lob der Torheit ausdrücklich.
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