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Porträt Erasmus von Rotterdam
Erasmus von Rotterdam
um 1466 – 1536
– Autorenporträt –

Erasmus von Rotterdam

um 1466 – 1536

Gelehrter der Renaissance und führende Stimme des europäischen Humanismus: Seine Satire „Lob der Torheit“ verschaffte ihm Geltung in ganz Europa, bis heute gilt er als Wegbereiter der europäischen Aufklärung.

Kurzbiografie↑

Erasmus von Rotterdam gilt als einer der bekanntesten Gelehrten der Renaissance und als führende Stimme des europäischen Humanismus. Er wurde um 1466 geboren und starb 1536 in Basel. Als Theologe, Philologe, Priester und Schriftsteller gab er im Laufe seines Lebens zahlreiche Bücher und Schriften heraus. Seine Satire Lob der Torheit verschaffte ihm Geltung in ganz Europa. Er gilt als „Fürst der Humanisten“; bis heute wird er zu den Wegbereitern der europäischen Aufklärung gezählt.


Biografie↑

Erasmus war der uneheliche Sohn des Goudaer Priesters Rotger Gerard und der Arzttochter Margaretha Rogerius. Als Geburtsort gilt Rotterdam, das damals zu den Burgundischen Niederlanden gehörte, einem Teil des Heiligen Römischen Reiches. Sein Geburtsjahr ist umstritten, wahrscheinlich liegt es zwischen 1466 und 1469. Den Vornamen Erasmus wählte der Vater aus Verehrung für den heiligen Erasmus von Antiochia. Diesen riefen Seefahrer in Seenot an. Den Beinamen Desiderius, „der Erwünschte“, fügte er später selbst hinzu. Er benutzte ihn ab 1496. Er hatte einen drei Jahre älteren Bruder namens Pieter, mit dem er gemeinsam erzogen wurde.

In den 1470er Jahren besuchte Erasmus die Schule in Gouda, wo sein Onkel Pieter Winckel Schulmeister war und später sein Vormund wurde. Über diese Schulzeit äußerte er sich im Rückblick abschätzig. Ab 1478 besuchte er mit seinem Bruder die Lateinschule des Lebuinus-Stifts in Deventer. Dort unterrichteten ihn Alexander Hegius und Frater Johannes Synthius. Begegnet ist ihm in Deventer auch Rudolf Agricola, den er sein Leben lang als Vorbild ansah und der sein Interesse an der Literatur der klassischen Antike weckte. 1483 starb die Mutter, 1484 der Vater. Um 1483 beendete die Pest diese Schulzeit. Er verließ die Schule ohne Abschluss, aber mit ausgezeichneten Lateinkenntnissen; geprägt hatten sie das Werk De linguae latinae elegantia libri sex des Laurentius Valla. Danach besuchte er die Schule der Brüder vom gemeinsamen Leben in ’s-Hertogenbosch. Dann entschied der Vormund, den Jungen auf ein Ordensleben vorzubereiten.

1487 trat Erasmus in das Augustinerchorherrenstift Steyn bei Gouda ein. Sein Bruder Pieter war zuvor ebenfalls in ein Kloster eingetreten. Laut der Neuen Deutschen Biographie trat der früh Verwaiste ohne besondere Neigung ein, und zwar auf Drängen seiner Vormünder. Hier liegt der erste Grund für seine spätere Abneigung gegen das Mönchtum. Im April 1492 empfing er die Priesterweihe. Aus dieser Zeit stammen Briefe an den jüngeren Novizen Servatius Rogerus. In ihnen sprach er seine Zuneigung zu dem Mitbruder offen und leidenschaftlich aus. Sein Interesse an klassischer Literatur teilte er brieflich mit Cornelius Aurelius, einem Augustinerchorherrn bei Leiden.

1493 verließ Erasmus das Kloster und betrat es nie wieder. Er wurde Sekretär des Bischofs von Cambrai, Heinrich von Glymes und Berghes; vermittelt hatte die Stelle sein langjähriger Freund Jacobus Batt. Von 1495 bis 1499 studierte er an der Sorbonne in Paris Theologie, ermöglicht durch den Bischof. Eine Krankheit unterbrach das Studium; dazu kamen Geldnöte und die schlechte Versorgung am Collège Montaigu, wo er mit achtzig weiteren Studenten wohnte. Die Lebensbedingungen dort machte er später für seine Erkrankung verantwortlich. Im Frühjahr 1496 erkrankte er und ging nach Holland zurück, kehrte dann aber nach Paris zurück und wohnte privat. Seinen Unterhalt verdiente er mit dem Unterricht der Brüder Heinrich und Christian Northoff aus Lübeck. In Paris hatte er Kontakt zu französischen Humanisten, unter ihnen Robert Gaguin und Fausto Andrelini. Die scholastische Theologie bereitete ihm offenbar Schwierigkeiten; den Grad des baccalaureus biblicus erwarb er nicht. Promoviert wurde er erst später in Italien.

Ab November 1498 war Erasmus Erzieher von Lord Mountjoy und lebte in dessen Pariser Wohnung. Im Sommer 1499 ging er mit seinem Schüler nach Bedwell in Hertfordshire. In England wurde er mit Thomas Morus und John Colet bekannt, später auch mit William Warham, John Fisher und dem jungen Prinzen Heinrich, dem späteren König Heinrich VIII. Morus nahm ihn 1499 in die Residenz im Eltham Palace mit. Mit dem erwachsenen König hielt Erasmus später einen regelmäßigen Briefwechsel in lateinischer Sprache. In England lernte er das höfische Leben kennen und schätzen und entwickelte sich zu einem weltgewandten Gelehrten. Laut der Neuen Deutschen Biographie wies ihn Colet auf Paulus und Platon hin und gab ihm damit den Leitgedanken, mit dem er seine bisherigen literarischen Ideale überwand und dem philosophus christianus zuordnete. Die Forscherin Erika Rummel hat festgestellt, dass seine Reifung als Theologe erst ab 1500 einsetzte: Erst in seinen Dreißigern fasste er den Entschluss, sich ganz der heiligen Literatur zu widmen.

Von 1500 bis 1506 hielt sich Erasmus abwechselnd in den Niederlanden, in Paris und in England auf. Einen Ruf an die Universität Löwen lehnte er 1502 ab, weil er sich auf die Übersetzung griechischer Texte konzentrierte. 1504 entdeckte er die Annotationen Vallas zum Neuen Testament und gab sie in Druck. 1506 zog er nach Italien, das er bis 1509 bereiste. Am 4. September 1506 wurde er in Turin zum Doktor der Theologie promoviert. In Venedig lernte er den Verleger Aldus Manutius kennen und ließ bei ihm einige Werke drucken. Das Amt des Apostolischen Großpönitentiars, das ihm in Rom von den Kardinälen angeboten wurde, lehnte er ab.

Von 1511 bis 1514 lehrte Erasmus in Cambridge Griechisch und wohnte im Queens’ College. Erzbischof Warham ernannte ihn 1511 zum Rektor der Gemeinde St Martin's Church in Aldington. Er sprach jedoch nur Latein und Niederländisch. Seine seelsorgerischen Pflichten konnte er auf Englisch daher nicht erfüllen. Schon ein Jahr später legte er das Amt nieder. Jahrelang pendelte er zwischen England, Burgund und Basel. 1516 ernannte ihn Prinz Karl, der spätere Kaiser Karl V., zu seinem Rat. Ihm widmete Erasmus Die Erziehung des christlichen Fürsten.

1514 kam Erasmus erstmals nach Basel. Von 1521 bis 1529 lebte er dort ganz. Seine Schriften ließ er in der Werkstatt seines späteren Freundes Johann Froben drucken. Zuvor lebte er von 1517 bis 1521 in Löwen und half, das Collegium Trilingue zu gründen. Diese Einrichtung diente dem Studium des Lateinischen, Griechischen und Hebräischen. Die Texte wurden dort nicht mehr in lateinischer Übersetzung gelesen, sondern im Original. 1518 erschien die erste Ausgabe der Colloquia familiaria, eines der beliebtesten Bücher des 16. Jahrhunderts. Die Schrift kritisiert mit Schärfe die Missbräuche der Kirche. Albrecht Dürer begegnete Erasmus auf seiner Reise in die Niederlande 1520/21 und fertigte eine Porträtzeichnung von ihm an. 1521 arbeitete Erasmus einige Monate in Anderlecht. Papst Hadrian VI., 1522 gewählt, führte mit ihm einen Briefwechsel. Er bestürmte ihn, nach Rom zu kommen und über Lösungen für den durch die Reformation gefährdeten Frieden der Christenheit zu beraten. Erasmus bot seinen Rat und volle Unterstützung für die innere Reform an. Wegen seiner Nierensteine musste er aber ablehnen. Er versicherte dem Papst seine Loyalität, besonders mit Blick auf Martin Luther. Er schrieb ihm, er sehe die Gefahr, dass die Sache in einem blutigen Mord ausgehen werde. 1524 begegnete er erstmals Johannes a Lasco, dem späteren Reformator Frieslands. Dieser wurde einer seiner Lieblingsschüler.

In Basel setzte sich die von Johannes Oekolampad betriebene, an Zwingli angelehnte Reformation durch. Erasmus ging deshalb 1529 nach Freiburg im Breisgau. Als Priester und Augustiner-Chorherr lehnte er die Reformation ab. Er wohnte zunächst im Haus zum Walfisch. Inzwischen war er wohlhabend und kaufte sich 1531 ein eigenes Haus. Im Mai 1535 besuchte ihn der Genueser Kaufmann Raffaelo Maruffo. Dieser berichtete über das Schicksal des Thomas Morus. Heinrich VIII. hatte sich zum Oberhaupt der englischen Kirche erklärt. Dem früheren Lordkanzler befahl er, diesen Schritt durch einen Eid anzuerkennen. Morus weigerte sich. Deshalb wurde er gemeinsam mit Bischof John Fisher im Tower von London eingekerkert und vor Gericht gestellt. Im Juni 1535 schrieb Erasmus an den Antwerpener Kaufmann Erasmus Schets. Darin drückte er sein Unverständnis über das Handeln des Königs aus. Morus wurde am 6. Juli 1535 enthauptet. Vom Tod des Freundes erfuhr Erasmus erst durch Briefe vom August. Über ihn fand er die Worte: „Thomas Morus, Lordkanzler von England, dessen Seele reiner war als der reinste Schnee, dessen Genius so groß war, wie England nie einen hatte, ja nie wieder haben wird, obgleich England eine Mutter großer Geister ist." Gegen Ende der Freiburger Zeit verfasste Erasmus die Schrift Praeparatio ad mortem in Vorbereitung auf seinen eigenen Tod. Darin bezeichnete er ein ehrliches Leben als einzige Bedingung für einen glücklichen Tod.

1535 kehrte Erasmus nach Basel zurück. Dort starb er 1536; als Todestag werden der 11. und der 12. Juli genannt. Trotz seiner Ablehnung der Reformation genoss er hohes Ansehen. Das zeigte sich darin, dass er als katholischer Priester im mittlerweile protestantisch gewordenen Basler Münster beigesetzt wurde. Das Begräbnis fand unter großer Anteilnahme der Basler Bevölkerung statt. Sein Vermögen von 5.000 Gulden vermachte er einer Stiftung. Bonifacius Amerbach verwaltete sie, und sie sollte vor allem Armen und Kranken zugutekommen. Allein zwischen 1562 und 1585 erhielten 1.618 Studenten, Schüler und Gelehrte Stipendien. Bis 1869 gewährte die Erasmus-Stiftung 9.000 Stipendien und 3.000 Beihilfen. Bei einem Umbau des Münsters um 1855 störte ein Heizkanal die vermutete Grabstelle. Der Grabstein wurde versetzt.


Literarische Merkmale↑

Erasmus schrieb Latein, und zwar ein Latein, das sich bewusst von der Schreibweise des Mittelalters abhob. Sein Vorbild war Laurentius Valla, an dessen Werk über die Eleganz der lateinischen Sprache er seine eigene Sprache geschult hatte. Laut der Neuen Deutschen Biographie hob er im Anschluss daran die Antike als ästhetisches Kulturprinzip vom mittelalterlichen Sprachgebrauch ab. Die Antike war für ihn jedoch kein sittlicher Maßstab, und so suchte er zeitlebens nach einem solchen.

Kennzeichnend ist seine pädagogische Ader. Sie bewahrte ihn, wie die NDB notiert, vor bloßer Vielwisserei und ließ ihn immer nach dem praktischen Wert des Wissens fragen. In seinem Enchiridion militis christiani suchte er die ursprüngliche Einfachheit des christlichen Glaubens von der Bildung her und in der Gesinnung zu erneuern, im Gegensatz zur Scholastik und zur Veräußerlichung des spätmittelalterlichen Kirchenwesens. Von da war es nur ein Schritt zu dem Vorhaben, die Texte selbst wiederherzustellen, auf denen diese Bildung ruhen sollte: Erasmus wandte die Methoden der humanistischen Textkritik auf die Heilige Schrift an.

Seine Wirkung als Schriftsteller verdankt er vor allem der Verbindung von Gelehrsamkeit und Spott. Im Encomion Morias, dem Lob der Torheit, verdichteten sich seine italienischen Eindrücke zu einem literarischen Kunstwerk. Der Gedanke, der darin aufbricht, führt über den Humanismus hinaus. Der „Weise“ finde in den Büchern nur tote Formeln. Der „Tor“ dagegen lerne im Leben die wahre Klugheit der Erfahrung. Die Torheit lobt sich selbst, und mit ihr die irrationale Fülle des Daseins. Erasmus wollte das Lob der Torheit als Mittelstück zwischen einem Lob der Natur und einem Lob der Gnade verstanden wissen. Das mittelalterliche System bestritt er in seinen Grundlagen nicht. Doch überall wendete er die Idee gegen die Erscheinung. So konnte er vom Lächeln über den Menschen unversehens zu einer Zeitsatire von schonungsloser Schärfe vorstoßen. Auch die Colloquia familiaria gehen mit den Missbräuchen der Kirche entschieden ins Gericht.

Auffällig ist schließlich, wie sehr sein Werk aus dem Briefwechsel lebte. Mit Päpsten, Königen, Ordensleuten und Schülern stand er in lateinischer Korrespondenz; viele dieser Briefe gehören zum Bild seines Schaffens.


Rezeption↑

Seiner geistigen Herkunft nach stand Erasmus außerhalb der deutschen Entwicklung. Dennoch wurde er laut der Neuen Deutschen Biographie zur Zentralfigur des deutschen Humanismus. Damit wurde er auch für die Reformation bedeutsam. Als er 1514, bald fünfzigjährig, erstmals mit Deutschland in Berührung kam, war seine geistige Entwicklung bereits abgeschlossen. Seine Adagia und die Colloquia erschienen in zahlreichen Ausgaben in Paris, Venedig, Löwen und Basel. Das Encomion Morias verschaffte ihm Weltgeltung. Gewidmet hat er diese Schrift seinem Freund Thomas Morus.

Nach Erasmus sind weltweit Bauwerke, Straßen, Plätze und Einrichtungen benannt. Dazu zählen die Erasmusbrücke in Rotterdam und die Erasmuslinie der dortigen U-Bahn. Zu den bekanntesten Benennungen gehört die Erasmus-Universität Rotterdam. Sie gab sich 2019 ein Leitbild, das sich ausdrücklich auf ihn beruft. Der Erasmus-Preis wird jährlich vom Vorstand der Stiftung Praemium Erasmianum verliehen. Ausgezeichnet werden Personen oder Institutionen, die einen außergewöhnlichen Beitrag zur Kultur, Gesellschaft oder Sozialwissenschaft in Europa geleistet haben. Seinen Namen trägt auch das Erasmus-Programm der Europäischen Union. Es ermöglichte rund zwölf Millionen Europäern ein Auslandsstudium. Junge Teilnehmer werden als „Generation Erasmus“ bezeichnet. Umberto Eco sagte dazu einmal: „Erasmus has created the first generation of young Europeans.“ Weiter sind ein Asteroid, eine Pflanzengattung, eine Buchreihe, mehrere Gymnasien und ein früherer Trans-Europ-Express nach ihm benannt.

Für Ralf Dahrendorf verkörpert Erasmus einen geistigen Habitus, der immun macht gegen die Versuchungen des Totalitarismus und des Faschismus. Menschen mit dieser Haltung nennt Dahrendorf „Erasmus-Intellektuelle“ oder „Erasmier“. Als Merkmale führt er den Mut zur Freiheit in der Einsamkeit, das Leben mit Widersprüchen, das engagierte Beobachten und die leise Passion der Vernunft an. Zu den Erasmiern zählt er unter anderen Karl Popper, Raymond Aron, Isaiah Berlin, Hannah Arendt und George Orwell. Erasmier seien jene, „die zu allen Zeiten dafür sorgen, dass Gesellschaft und Denken offen bleiben“. Der Begriff selbst war schon zu Lebzeiten des Erasmus in Gebrauch. Er bezeichnete damals die Denker und Gelehrten, die ihm nacheiferten.

Die Rotterdamer Bibliothek verwaltet mit mehr als 5.000 Büchern von und über Erasmus eine der umfangreichsten Sammlungen zu seiner Person. Das Erasmushaus in Brüssel, in dem er 1521 lebte, ist heute ein Museum und besitzt die Erstausgaben seiner Werke. In Jakarta gibt es seit 1970 das Erasmus Huis, eine Bibliothek mit Kulturprogramm. Teile seines Nachlasses sind im Historischen Museum Basel ausgestellt. Rotterdam feiert seit 2006 jährlich am 28. Oktober seinen Geburtstag, am ersten April das Erscheinen des Lobs der Torheit und am 11. Juli die „Nacht des Erasmus“. Sonderbriefmarken und Gedenkmünzen erschienen in den Niederlanden, in Belgien und anderen Ländern, darunter 2022 eine 2-Euro-Gedenkmünze aller Länder der Eurozone zum 35-jährigen Bestehen des Erasmus-Programms.

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