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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Vladimir Nabokov
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Porträt Vladimir Nabokov
Vladimir Nabokov
1899 – 1977
– Autorenporträt –

Vladimir Nabokov

1899 – 1977 · 78 Jahre

Russisch-amerikanischer Erzähler des mehrfachen Exils, der mit „Lolita“ einen Welterfolg und literarischen Skandal zugleich schuf.

Kurzbiografie↑

Zu den einflussreichsten Erzählern des 20. Jahrhunderts zählt Vladimir Nabokov, ein russisch-amerikanischer Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Schmetterlingsforscher. Geboren 1899 in eine wohlhabende Petersburger Adelsfamilie, verbrachte er sein Leben im mehrfachen Exil: erst in Berlin und Paris, dann in den Vereinigten Staaten, zuletzt in der Schweiz. Seine frühen russischen Werke veröffentlichte er unter dem Pseudonym W. Sirin für ein Publikum von Exilrussen. Weltbekannt wurde er 1955 mit seinem zwölften Roman Lolita, dessen Erfolg ihm erlaubte, die Professur aufzugeben und sich ganz dem Schreiben zu widmen. Neben Lolita zählen die Romane Pnin, Fahles Feuer und Ada oder Das Verlangen zu seinen bekanntesten Büchern.


Biografie↑

Aufgewachsen ist Nabokov in einer einflussreichen und wohlhabenden Aristokratenfamilie, die zu jener kosmopolitischen russischen Oberschicht gehörte, welche die Revolution auslöschte. Sein Großvater Dmitri Nikolajewitsch Nabokow war russischer Justizminister, sein Vater Wladimir Dmitrijewitsch Nabokow war Politiker und 1917 an der provisorischen republikanischen Regierung beteiligt. Die Mutter, Jelena Iwanowna Rukawischnikowa, war Tochter eines reichen Landbesitzers. Der Vater war westlich orientiert; es gab englische Gouvernanten und Literatur im Haus, sodass der Sohn schon als Kind Französisch und Englisch sprach. Er galt als kränkliches, behütetes Kind mit starker Mutterbindung. Früh entwickelte sich seine Leidenschaft für Schmetterlinge und für das Gedichteschreiben. Bereits mit 17 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband.

Um der Oktoberrevolution zu entgehen, floh die Familie 1917 zunächst nach Jalta. Der Vater blieb einstweilen in Sankt Petersburg, wurde 1918 von Bolschewisten verhaftet, konnte dann aber ebenfalls auf die Krim fliehen. Von dort ging die Familie über London nach Berlin, wo sie über zehn Jahre verbrachte. Nabokov selbst schrieb sich am Trinity College im englischen Cambridge ein und studierte dort von 1919 bis 1922 Naturwissenschaften sowie russische und französische Literatur.

Nach dem Studium siedelte er zu seiner Familie nach Berlin über. Dort arbeitete er als Privatlehrer, Übersetzer, Gelegenheitsschauspieler und sogar als Tennislehrer. Unter dem Pseudonym W. Sirin, das er im Januar 1921 erstmals verwendete, veröffentlichte er erste Prosa; das Pseudonym half auch, ihn nicht mit seinem Vater zu verwechseln. Am 28. März 1922 kam der Vater in der Berliner Philharmonie bei einem Attentat rechtsradikaler Exilrussen ums Leben, als er dem eigentlich gemeinten Politiker Pawel Miljukow zu Hilfe kommen wollte. Für Nabokov war dies eines der einschneidendsten Ereignisse seines Lebens. Im Mai 1923 traf er auf einem Maskenball Véra Jewsejewna Slonim, die er am 25. April 1925 heiratete. Mit Maschenka und König, Dame, Bube gelangen ihm erste Achtungserfolge, die auch in deutscher Übersetzung bei Ullstein erschienen. 1934 wurde der Sohn Dmitri geboren, das einzige Kind der Ehe.

Trotz der Machtübernahme der Nationalsozialisten und obwohl Véra Jüdin war, blieben die Nabokovs vorerst in Berlin. 1936 entschloss sich die Familie zur Ausreise. Nabokov ging nach Paris, Véra zunächst mit Dmitri nach Prag. Im Mai 1939 starb dort seine Mutter. 1940 übersiedelte die Familie in die USA, wo Nabokov am American Museum of Natural History in New York als Schmetterlingsexperte arbeitete. Es folgte eine akademische Laufbahn, die ihn über die Stanford-Universität, das Wellesley College und die Harvard-Universität 1948 an die Cornell-Universität führte, wo er eine Professur für europäische und russische Literatur innehatte. 1945 wurde er US-Staatsbürger. Im Januar desselben Jahres starb sein jüngerer Bruder Sergej im Konzentrationslager Neuengamme.

Mit den Tantiemen aus Lolita konnte sich Nabokov 1959 von seiner Professur zurückziehen. 1961 zog er mit seiner Frau in die Schweiz und verbrachte den Rest seines Lebens im Palace-Hotel in Montreux. Er starb am 2. Juli 1977 und wurde in Clarens begraben. In den Quellen widersprüchlich ist der genaue Sterbeort: Während die verlässlichen Eckdaten Montreux nennen, verzeichnet die Wikipedia als Sterbeort Lausanne.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Nabokovs Erzählwerk ist ein ironisches Spiel mit der Erzählperspektive, mit Intertextualität und einer konstruktivistischen Sicht auf Erinnerungen. Im Mittelpunkt stehen meist männliche Protagonisten, die oft die Lebensumstände und Ansichten ihres Schöpfers teilen: Sie leben im Exil, haben Muttersprache und Vaterland verloren, und einzig die Sprache vermag Erinnerung und Identität zu bewahren. Häufig arbeitet Nabokov mit Zitaten, die er teils verdreht wiedergibt, und mit Wortspielen über mehrere Sprachen hinweg. All dies verlangt vom Leser, wie der Literaturwissenschaftler Achim Hölter schreibt, Mehrsprachigkeit, Belesenheit und die Bereitschaft, „nach Art des Schachspielers oder Kreuzworträtsel-Spezialisten über Eck zu denken“. Deshalb werden vor allem seine späten Romane der postmodernen Literatur zugerechnet.

Ein wiederkehrendes Mittel ist das unzuverlässige Erzählen. Erstmals nutzte er es im Kurzroman Der Späher von 1930, in dem die Erzählperspektive für den Leser zunächst unbemerkt vom Ich-Erzähler in die dritte Person wechselt. In Lolita wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive des Täters Humbert Humbert erzählt, der apologetisch auf den Leser einzuwirken versucht; ein fiktiver Herausgeber warnt im Vorwort vor seinen Manipulationen. Auch Fahles Feuer lebt von einem solchen Erzähler: Der Roman erscheint als Kommentar des fiktiven Literaturwissenschaftlers Charles Kinbote zu einem 999 Zeilen langen Gedicht und wirkt zunächst wie die Parodie eines wissenschaftlichen Textes. Da die Erzählung nicht chronologisch verläuft und weitgehend aus Verweisen besteht, kann das Buch auf verschiedenen Wegen gelesen werden; sein Biograph Brian Boyd hielt es für möglich, dass Fahles Feuer „der perfekteste Roman [ist], der je geschrieben wurde“.

Immer wieder findet sich bei Nabokov die Metafiktion, das Buch, das der Leser gerade in Händen hält. So verfasst der greise Van in Ada oder Das Verlangen selbst das Buch seiner Liebesgeschichte, angereichert mit einem Reichtum an Anspielungen, Zitaten und mehrsprachigen Wortspielen. Nabokov schrieb neun Romane auf Russisch und acht auf Englisch und übersetzte seine russischen Werke später selbst ins Englische. Neben der Literatur galt seine Leidenschaft der Schmetterlingsforschung und der Schachkomposition, an die er dieselben Anforderungen stellte wie an das Schaffen anderer Kunstwerke.


Rezeption↑

Bekannt wurde Nabokov schlagartig durch Lolita, den er lange nur schwer bei einem Verlag unterbringen konnte, weil das Buch als obszön oder pornographisch galt. Er hatte den Entwurf zwischenzeitlich verbrennen wollen; seine Frau Véra rettete ihn in letzter Minute vor den Flammen. 1955 erschien der Roman schließlich beim Pariser Verlag Olympia Press. In den USA und Großbritannien löste das als skandalös empfundene Buch eine literarische Debatte aus, die zugleich Verleger und Leser für den Roman gewann. Der Verkaufserfolg war beträchtlich: Innerhalb weniger Tage musste die dritte Auflage gestartet werden, und es war der erste Roman seit Gone with the Wind, von dem binnen drei Wochen mehr als 100.000 Exemplare verkauft wurden.

Der Nabokov-Experte Dieter E. Zimmer nannte es einen glücklichen Zufall, dass Nabokov den Roman zu Beginn der 1950er Jahre abschloss; zehn Jahre später, als das Sexualtabu bereits gefallen war, hätte das Werk kein derartiges Aufsehen mehr erregt. Marcel Reich-Ranicki schrieb 1987, die damalige Diskussion erscheine aus heutiger Sicht absurd und lächerlich zugleich, denn es gebe in dem Roman keinen einzigen Satz, der ihn auch nur in die Nähe der Pornographie rücke.

Die durch Lolita gewonnene Bekanntheit sorgte dafür, dass auch Nabokovs übrige Werke in zahlreichen Ländern eine breite Leserschaft fanden. Sein umfangreichster Roman Ada oder Das Verlangen wurde nach seinem Erscheinen 1969 gespalten aufgenommen und galt als anspruchsvoller noch als der Ulysses von James Joyce; für Brian Boyd bildet Ada den Höhepunkt von Nabokovs Schaffen. Bis heute gilt Nabokov als einer der einflussreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

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