1879 – 1959
Nagai Kafū
Kurzbiografie↑
Nagai Kafū war ein japanischer Erzähler, Essayist und Verfasser von Tagebüchern. Er wurde 1879 in Tokio geboren und trug ursprünglich den Namen Nagai Sōkichi. Nach Jahren in den Vereinigten Staaten und in Europa kehrte er 1908 nach Japan zurück und machte die sich wandelnde Großstadt zu seinem großen Thema. Er schrieb über Geishas, Tänzerinnen und andere Menschen am Rand der Gesellschaft, in denen er einen Rest der alten Edo-Zeit bewahrt sah. Sein Tagebuch führte er bis zu seinem Tod im Jahr 1959 fort.
Biografie↑
Geboren wurde Nagai am 3. Dezember 1879 in Tokio. Seine Familie war wohlhabend und im Handel tätig. Der Vater stammte aus einer Samurai-Familie und war während der Edo-Zeit Beamter und Geschäftsmann geworden. Nagai hatte drei Brüder und eine Schwester.
Ab 1896 studierte er klassische japanische Literatur und Chinesisch. Zwei Jahre später begann er, Kurzgeschichten zu schreiben; die ersten davon erschienen 1900. Im Jahr darauf arbeitete er kurze Zeit als Zeitungsreporter und nahm daneben das Studium des Französischen auf.
1903 schickte ihn sein Vater aus geschäftlichen Gründen nach Amerika. Nagai kümmerte sich dort jedoch kaum um die Geschäfte der Familie. Ihn interessierten eigene Lebenserfahrungen, die er früh in kritischen Schriften verarbeitete. Er reiste quer durch die Vereinigten Staaten: nach Tacoma und Seattle, nach Washington und St. Louis. 1905 ging er nach New York und arbeitete dort als Angestellter einer japanischen Bank. 1907 folgten Aufenthalte in Paris, Lyon und London.
Aus diesen Auslandsjahren gingen zwei Bände mit Kurzgeschichten und Skizzen hervor, in denen sich der Einfluss von Maupassant und Musset zeigt. 1908 kehrte Nagai nach Japan zurück. Er war nun ein junger Autor, der durch die Zeit in der Fremde einen eigenen Blick auf sich selbst und auf das Wesen der japanischen Kultur gewonnen hatte. Was der westliche Einfluss in Japan bewirkte, wollte er genau beobachten, und er studierte dafür dessen Quellen.
An der Keiō-Universität wirkte Nagai als Professor für Literatur. Seit 1916 lebte er als freier Schriftsteller. Zwischen 1921 und 1937 veröffentlichte er nur wenige Arbeiten. 1937 erschien sein spätes Hauptwerk Die Romanze östlich des Sumidagawa, auch unter dem Titel Eine seltsame Geschichte östlich vom Fluss bekannt, in fünfunddreißig Folgen in der Tageszeitung Asahi Shimbun. Es war die Zeit des chinesisch-japanischen Krieges.
Mehrere Arbeiten Nagais durften während des Krieges nicht erscheinen. Sie wurden erst nach der Niederlage Japans veröffentlicht. 1952 erhielt er für sein Werk den Kulturorden. Nagai starb am 30. April 1959 in Ichikawa.
Literarische Merkmale↑
Novellen, Erzählungen, Essays und Tagebücher bilden Nagais Werk. Er gilt als einer der feingeistigen und leisen, dabei aber durchaus politischen Autoren des 20. Jahrhunderts.
Sein großes literarisches Thema ist die sich wandelnde Stadt der Moderne. Darin verbinden sich die Sehnsucht nach dem alten Edo, dem Tokio der Vergangenheit, und die Abneigung gegen das verwestlichte Tokio der Gegenwart. Dazu kommt seine Zuneigung zu den Halbausgestoßenen: zu den Geishas und ihrem Anhang, denen es gelungen war, sich ein wenig von der Edo-Zeit zu bewahren. Seine Bücher schildern das Leben im Tokio der frühen Jahre des 20. Jahrhunderts, vor allem das der Geishas, Prostituierten, Tänzerinnen und anderer Menschen am Rand der Gesellschaft.
Wie Oscar Wilde war Nagai ein früher Beobachter und Berichterstatter, der aus dem Ausland über seine Heimat schrieb. Den ersten Kulturschock nach der Ankunft in Amerika hatte er bald überwunden. Die Werte seiner Heimat sah er durch den westlichen Einfluss auf eine harte Probe gestellt.
Als Tagebuchschreiber zählt Nagai zu den bedeutendsten des 20. Jahrhunderts. In Japan steht er in der alten, tausendjährigen Tradition des literarischen Tagebuchs, die er zu einem neuen Höhepunkt führte. Täglich unternahm er Streifzüge durch die Stadt und richtete seinen kritischen Blick auch auf Gassen, die andere Schriftsteller mieden. So wurde er zu einer Art Flaneur im Sinne Baudelaires und Manets. Zugleich war er in Tokio, seiner Geburtsstadt, nicht mehr wirklich zu Hause: Er durchwanderte sie mehr und mehr mit dem distanzierten, nachdenklichen Blick eines Fremden. Das Tagebuchschreiben setzte er bis zu seinem Tod 1959 fort.
Rezeption↑
Mit dem Kulturorden wurde Nagai 1952 für sein Werk ausgezeichnet. In den 1990er Jahren erschien bei Iwanami Shoten eine Ausgabe seiner gesammelten Werke in dreißig Bänden.
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Aus dem Werkverzeichnis↑
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