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Werkseintrag · Godwi oder das steinerne Bild der Mutter
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Godwi oder das steinerne Bild der Mutter
1800
– Werkseintrag –

Godwi oder das steinerne Bild der Mutter

1800 · Roman

Ein Briefroman, der mitten im zweiten Band aus sich selbst heraustritt: Brentanos früher Versuch, romantisches Schwärmen und ironische Selbstzerstörung in einem einzigen Buch zu vereinen.

Überblick

Mit dem Roman Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter – Ein verwilderter Roman legte Clemens Brentano 1800/1801 sein erstes größeres Prosawerk vor. Er schrieb es zwischen Frühsommer 1798 und August 1801. Unter dem Pseudonym Maria ließ er es bei Friedrich Wilmans in Bremen erscheinen. Der erste Band kam um die Jahreswende 1800/1801 heraus, der zweite Ende Oktober/Anfang November 1801. Der Untertitel Ein verwilderter Roman ist Programm. Brentano sprengt die Form, bricht im zweiten Band offen mit dem ersten und führt die romantische Erzählweise an ihre Grenzen. Heute gilt das Buch als ein Schlüsselwerk der Frühromantik – gerade weil es so eigenwillig und sperrig ist.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht der junge Baron Karl Godwi, Sohn eines Frankfurter Bankiers. In Briefen an seinen Freund Karl Römer schwärmt er zunächst von einer kurzen Liebschaft mit der reichen Engländerin Molly Hodefield in Kassel. Auf einer Reise findet er eine Brieftasche und bringt sie dem Eigentümer zurück. Auf dessen Schloss wird er als Gast aufgenommen. Dort nähert er sich der jungen Joduno von Eichenwehen an. Durch sie lernt er deren Freundin Otilie Senne kennen. Otilie lebt mit ihrem alten Vater Werdo, einem schwermütigen Harfner, und einem Pflegekind namens Eusebio auf der benachbarten Burg Reinhardstein.

Bald wechselt Godwi auf die Burg hinüber. Zwischen ihm, Joduno und Otilie entstehen Gefühle, die niemand recht zu ordnen weiß. In den Briefen, die zwischen den Beteiligten hin- und herwandern, klingen immer wieder Andeutungen an: ein Ring mit dem Namen "Marie", die unklare Verwandtschaft zwischen Molly und Godwi, ein verschollener Bruder des Vaters in Italien und das Geheimnis um Eusebios Herkunft. Godwi gerät in eine innere Krise. In ihr erscheint ihm das steinerne Bild seiner früh verstorbenen Mutter. Der zweite Band wechselt dann die Tonlage radikal. Ein Ich-Erzähler tritt auf, sucht Godwi auf seinem Landgut auf und beginnt, dessen Familiengeschichte aufzurollen.

Die Handlung im Detail

Der erste Band ist ein reiner Briefroman. Baron Karl Godwi, junger Sohn eines Frankfurter Bankiers, schreibt seinem Freund Karl Römer, einem Angestellten des Vaters, von Lady Molly Hodefield in Kassel, die ihn nach zwei Wochen Liebschaft fortgeschickt hat. Auf der Heimreise findet Godwi eine Brieftasche mit wertvollem Inhalt und überbringt sie dem Verlierer, dem Freyherrn von Eichenwehen, auf dessen Schloss er nun als Gast lebt. Während der Hausherr ausreitet, nähert sich Godwi der achtzehnjährigen Joduno von Eichenwehen, die ihr Bruder Jost auch Klaudia nennt. Joduno erzählt ihm von ihrer Freundin Otilie Senne, die mit ihrem greisen Vater Werdo und dem Pflegekind Eusebio auf Burg Reinhardstein wohnt.

Joduno schwärmt Otilie brieflich von ihrem neuen Bekannten vor. Godwi erklärt Römer, "Glück und Genuß" seien ihm Lebenszweck. Otilie schreibt zurück, sie sorge sich um ihren bekümmerten Vater und um den kranken Eusebio; einmal habe sie beim Erwachen einen Ring mit dem Namen "Marie" gefunden. Römer berichtet von einer Geschäftsreise nach Kassel, wo er ein Spießrutenlaufen, einen Auftritt des Landgrafen Wilhelm und auch Molly erlebt hat. Werdo Senne, ein Harfner, der sich im Dichten betäubt, bittet Molly auf die Burg, weil Eusebio nach ihr verlange; er spricht rätselhaft vom "Kind seiner Marie".

Godwi zieht zu Werdo nach Reinhardstein um. Molly antwortet Werdo, sie wolle kommen, aber Godwi nicht begegnen; sie erzählt von der Liebschaft mit ihm, von einer Verwandtschaft, die er verheimliche, und davon, dass sie Jost von Eichenwehen bei Sangesauftritten kennengelernt habe. Jost berichtet seiner Schwester von Kassel und wünscht sich für sie einen braven, gesunden Mann – keinesfalls Godwi. Godwi schreibt Römer, er sei Otilie nähergekommen und habe Werdo erheitern können; die Liebe zu Molly erscheine ihm nun wie die "Liebe des Naturforschers zur Natur". Durch Eusebios Gesang findet er einen verlorenen Ton seiner Kindheit wieder. Da erscheint ihm das steinerne Bild seiner früh verstorbenen Mutter; er erkrankt, wird von Otilie und Eusebio gepflegt, erkrankt bei einer zweiten Erscheinung erneut. Joduno gesteht ihrer früheren Klosterfreundin Sophie Butler, sie liebe Godwi nicht, könne ihn aber nicht vergessen, weil er eine "ungekannte Begierde" in ihr entzündet habe. Eine Antonia Firmenti schreibt an Godwis Vater; er erfährt, dass sein verschollener Bruder Francesco beim Bankier sei, und es ist von Francescos Liebe zu einer Cecilie und deren Tod die Rede. Römer wertet Godwis Briefe als Zeichen einer "vollkommenen Krise" und kündigt an, dass er bei Sophie Butler die Ankunft Godwis und Jodunos erwarte.

Der zweite Band, in einunddreißig Kapitel gegliedert, bricht mit der Briefform. Ein Ich-Erzähler sucht Godwi auf, um Gerüchten nachzugehen. Godwis Vater soll inzwischen in Italien leben, Godwi selbst ein Landgut nahe der Stadt bewohnen, wo er einem Mädchen namens Violette ein prächtiges Grabmal errichtet habe. Dritte beschreiben ihn als "sehr einfach, ruhig und verschlossen", mit einem "großen Kummer". Der Erzähler übergibt Godwi den ersten Band, wird auf dem Gut herumgeführt und erhält Papiere aus dem Schreibpult, damit der zweite Band deutlicher ausfalle.

Nun wird die Geschichte von Godwis Mutter Marie Wellner erzählt. Marie, Tochter des reichen alten Wellner in einer Ostseestadt, wurde von Joseph, einem Angestellten des Vaters, unterrichtet. Beide verliebten sich und tauschten mit dem Segen des Vaters goldene Ringe. Joseph wurde auf Geschäftsreise nach Amerika geschickt, nach einem Jahr blieben seine Briefe aus. Godwis Vater, ein reicher Engländer, der sich in der Stadt niedergelassen hatte, verliebte sich in Marie und half dem alten Wellner aus finanzieller Not. Joseph galt als tot, der sterbende Vater wünschte die Heirat – Marie willigte ein und gebar einen Sohn. Ihre Liebe zu Joseph blieb. Sie ging oft mit dem kleinen Godwi zum Hafen und weinte. Als Joseph eines Tages tatsächlich auf einem Schiff zurückkehrte, streckte Marie die Arme nach ihm aus, stürzte in die See und war tot. Joseph wird als Werdo Senne offenbart.

Godwi erzählt weiter, wie sein Vater nach Deutschland kam. Als junger Mann hatte dieser ein Verhältnis mit Molly Hodefield, aus dem Karl Römer hervorging. Er verließ sie und ging nach Deutschland. Molly lebte darauf mit einem deutschen Adligen zusammen, der heimkehrte, um sich an Godwis Vater zu rächen, im Duell aber von diesem getötet wurde – nicht ohne zuvor Werdo Senne nach England geschickt zu haben, der aus Molly "ein neues Wesen machte" und dann nach Amerika absegelte. Godwis Vater fing Werdos Briefe an Marie ab und fälschte schließlich auch dessen Totenschein. Nach seiner Rückkehr und Mariens Tod verband sich Werdo mit der Tochter eines Amtsmanns; sie gebar Otilie und starb bei der Geburt. Werdo zog sich nach Reinhardstein zurück. Molly reiste nach Deutschland in Werdos Nähe und leistete unterwegs der Italienerin Cecilia Geburtshilfe. Cecilia gebar Eusebio, starb aber. Molly verschaffte dem Vater des Kindes, dem Maler Franzesko Fiormonti, eine Anstellung bei Godwis Vater und zog Eusebio zwei Jahre lang auf, ehe sie ihn Werdo anvertraute. Römer wurde als vermeintliches Waisenkind zu seinem leiblichen Vater nach Deutschland geschickt. Franzesko bewirkte schließlich, dass Werdo und Molly Godwis Vater seine Untaten verziehen. Gerührt übergab dieser die Firma an seinen Sohn Karl Römer und warb für ihn erfolgreich um Jodunos Hand.

In einer überraschenden Wendung schickt Godwi am Schluss seinen Vater, Werdo und Molly, Franzesko mit Eusebio sowie Otilie – die nun Franzesko liebt – gemeinsam nach Italien, mit der Abschiedsbitte: "Glückliche Reise … kommt um Gotteswillen nicht wieder." Zum Schluss bittet der Ich-Erzähler Godwi um Verzeihung und gelobt: "Ich will es nicht wiederthun."

Stil

Schon der Untertitel Ein verwilderter Roman weist auf das Besondere der Form hin. Brentano wollte ausdrücklich kein geordnetes Erzählwerk, sondern eine bewusst "verworrene Formlosigkeit". Der erste Band ist ein vielstimmiger Briefroman. Rund ein Dutzend Figuren kommen nebeneinander zu Wort: Godwi, Römer, Joduno, Otilie, Werdo, Molly, Jost und andere. Andeutungen, Geheimnisse und eingelegte Volkslieder bestimmen den Ton.

Im zweiten Band bricht Brentano diese Form auf. Ein Ich-Erzähler tritt auf, besucht den Helden selbst und übernimmt die Erzählung. Diese rollt nun in einunddreißig Kapiteln die verzweigte Familiengeschichte auf. Der Bruch ist gewollt. Die Tonlage wechselt vom lyrisch-empfindsamen Schwärmen zur Ironie, die das eigene Romanmaterial offen verspottet. Bezeichnend dafür ist die Schlussgeste: Der Erzähler verordnet den eigenen Figuren die Reise nach Italien, und Godwi muss ihm verzeihen. Auffällig ist auch das Namensspiel: "Godwi" bedeutet nach Schulz "wie Gott", die Mutter heißt Marie, deren erste Liebe Joseph. So lässt Brentano die Heilige Familie in der Konstellation seines Romans anklingen.

Rezeption

Schon vor dem Erscheinen warb Christoph Martin Wieland am 3. April 1800 in einem Brief an den Verleger Wilmans für die Publikation. Die Drucklegung des ersten Bandes begann im Spätsommer 1800. Der zweite Band entstand unter Zeitdruck, nachdem der Verleger Brentano im Sommer 1801 in Göttingen zur Eile gedrängt hatte. Achim von Arnim erhielt schon am 7. Dezember 1801 ein Exemplar des zweiten Bandes. Er hielt das Werk zunächst für gelungen, äußerte aber ein Jahr später, aus der "zerbrochenen Laute" erklinge keine "frohe Nachricht".

Bei den meisten Zeitgenossen stieß der Godwi auf scharfe Ablehnung. Friedrich Schlegel notierte in sein Widmungsexemplar das spöttische Distichon: "Hundert Prügel vorn Arsch, die wären Dir redlich zu gönnen, / Friedrich Schlegel bezeugt's, andre Vortreffliche auch". Dazu sammelte er sogar noch Unterschriften. Nach Guido Görres blieb der Roman lange unbeachtet und wurde "guten Theils Maculatur".

Joseph von Eichendorff lobte 1847 die im ersten Band eingelegten Volkslieder und den "tiefen Ernst des Vortrags". Den zweiten Band sah er als Selbstvernichtung des Werks durch "bitterste Ironie". Pfeiffer-Belli hob den Bruch zwischen beiden Bänden hervor. Der erste sei "von einem jugendlich-leidenschaftlichen Atem getragen", das "innerste Heiligtum des ganzen Buches", das Bild der Mutter, aber "versteint"; die Satire des zweiten Bandes sei "zügellos". Riley deutete das Buch als "Selbstdarstellung eines vorwitzigen Jugendlichen auf der Suche nach sich selbst". 1893 promovierte Alfred Kerr mit der Dissertation Godwi. Ein Kapitel deutscher Romantik und machte das Werk damit für die Forschung wieder sichtbar.

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