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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Witold Gombrowicz
Witold Gombrowicz
1904 – 1969
– Autorenporträt –

Witold Gombrowicz

1904 – 1969 · 64 Jahre

Einer der bedeutendsten polnischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der ab seinem 35. Lebensjahr im Exil lebte – zunächst 24 Jahre in Argentinien, später in Frankreich.

Kurzbiografie↑

Zu den bedeutendsten polnischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts zählt Witold Gombrowicz. Geboren 1904 auf einem Landgut in Małoszyce, wuchs er in einer wohlhabenden Familie des polnischen Landadels auf. Sein erster Roman Ferdydurke erschien 1937 und gilt als eines der Schlüsselwerke der modernen polnischen Literatur. Von seinem 35. Lebensjahr an lebte Gombrowicz im Exil, zunächst 24 Jahre in Argentinien, später in Frankreich. Er starb 1969 in Vence in Südfrankreich.


Biografie↑

Auf einem Landgut in Małoszyce nördlich der Stadt Opatów in Kleinpolen kam Witold Marian Gombrowicz am 4. August 1904 zur Welt. Damals gehörte die Gegend zu Kongresspolen im Russischen Kaiserreich. Seine Familie zählte als Landadel zur polnischen Oberschicht. Sein Vater Jan Onufry Gombrowicz stammte aus Litauen und verwaltete einen Teil der Güter seiner Frau Antonina, geborene Kotkowska; außerdem gründete er eine Papierfabrik namens „Witulin“. Witold hatte drei ältere Geschwister, die Brüder Janusz und Jerzy sowie die Schwester Irena. Die Kinder wurden von französischen und schweizerischen Kindermädchen erzogen, sodass Witold schon früh Französisch und etwas Deutsch lernte.

1911 zog die Familie nach Warschau. Ab 1916 besuchte er dort das angesehene Lyzeum St. Stanislaus Kostka. Nach dem Abitur 1922 studierte er an der Universität Warschau Jura und schloss 1928 mit der licence en droit ab. Sein Vater ermutigte ihn, das Studium in Paris fortzusetzen. Dort schrieb er sich zwar am Institut des hautes études internationales ein, verbrachte die Zeit aber vor allem mit ausgedehnten Reisen. 1929 kehrte er nach Warschau zurück und wurde Referendar an einem Warschauer Gericht. Eine juristische Laufbahn kam für ihn jedoch nicht infrage. Durch das Erbe seines Vaters finanziell gut abgesichert, führte er das Leben eines jungen Bohemiens. Er verkehrte in den literarischen Cafés der Stadt, knüpfte Kontakte zu Literaten und Künstlern und begann zu schreiben. 1937 erschien sein erster Roman Ferdydurke, der bis heute als zentrales Werk seines Schaffens gilt.

Nach der Veröffentlichung von Ferdydurke reiste Gombrowicz erneut, zunächst nach Italien. Im Juli 1939, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, unternahm er eine Schiffsreise nach Buenos Aires in Argentinien. Wegen des Kriegsausbruchs kehrte er nicht mehr nach Polen zurück und blieb schließlich 24 Jahre in Argentinien. Ohne Zugriff auf sein Vermögen war er auf die Unterstützung der polnischen Gemeinschaft in Buenos Aires angewiesen. Zwischen 1947 und 1955 nahm er eine ungeliebte Anstellung bei der Banco Polaco an, die ihm einen bescheidenen Lebensunterhalt sicherte. Als seine eigentliche Lebensaufgabe betrachtete er jedoch das Schreiben; daneben galt seine Leidenschaft dem Schachspiel.

Auf Einladung der Ford Foundation kehrte er 1963 nach Europa zurück, allerdings nicht in die Volksrepublik Polen, sondern zunächst nach Paris. Dank des Stipendiums ging er im Mai 1963 für ein Jahr als Artist in Residence nach West-Berlin, zur selben Zeit wie Ingeborg Bachmann. Die beiden freundeten sich an. Zu westdeutschen Nachkriegsautoren fand er dagegen keinen Zugang; ein Zusammentreffen mit Günter Grass endete für ihn in Langeweile.

Obwohl er in Berlin Polen bereits atmosphärisch spürte, fuhr er nicht dorthin. 1964 ließ er sich in Vence nahe Nizza in Südfrankreich nieder. Die Erlöse seiner inzwischen in mehrere Sprachen übersetzten Werke verschafften ihm ein gesichertes Einkommen. Seine wachsende internationale Bekanntheit nährte sogar Hoffnungen auf den Literaturnobelpreis. 1968 heiratete er Rita Labrosse. Gombrowicz starb 1969 an den Folgen seiner lebenslangen Asthma-Erkrankung und einem Herzleiden. Sein Grab befindet sich in Vence. Das genaue Todesdatum wird unterschiedlich angegeben: Neben dem 25. Juli 1969 findet sich auch der 24. Juli 1969.


Literarische Merkmale↑

Schon Gombrowicz’ Frühwerk, der Erzählband Pamiętnik z okresu dojrzewania (deutsch Memoiren aus der Epoche des Reifens) von 1933, wurde von der polnischen Kritik gänzlich missverstanden. Daraus erwuchs ein wiederkehrendes Motiv: In seinem Roman Ferdydurke rechnet er mit der Ignoranz der Kritiker ab, die er spöttisch „intellektuelle Tanten“ oder „Kulturtanten“ nannte. Dieser Konflikt begleitete ihn sein Leben lang. Seither war er stets darum bemüht, Leser und Kritiker über seine Absichten aufzuklären.

Dieses Bemühen prägte auch die Form seiner Bücher. Jede der drei zu seinen Lebzeiten erschienenen Ausgaben von Trans-Atlantyk versah er mit einem neuen Vorwort. Um das Verständnis seiner selbst und seines Werkes durchzusetzen, begann er 1953, sein Tagebuch (Dziennik) zu schreiben, das regelmäßig in der Pariser Zeitschrift Kultura erschien. Jahre später bezeichnete es die Literaturwissenschaft als sein bedeutendstes Werk.

In den 1960er Jahren entstanden zwei weitere Romane: Pornografia von 1960, im Deutschen als Verführung und als Pornographie erschienen, sowie Kosmos von 1965, das auf Deutsch unter den Titeln Indizien und Kosmos herauskam. Spätestens in dieser Zeit wurde seine schriftstellerische Bedeutung auch international anerkannt.


Rezeption↑

Verlegt wurde Gombrowicz zunächst außerhalb seiner Heimat: Seine Werke erschienen seit 1951 in Frankreich und seit 1959 auch in Deutschland, in Polen dagegen erst seit 1986. In der Volksrepublik Polen war er 1953 vom stellvertretenden Ministerpräsidenten Józef Cyrankiewicz angeprangert worden, weil er mit Feuereifer die Argumente deutscher Chauvinisten aufgegriffen habe.

Im Nachhinein wurde sein Andenken vielfach geehrt. Der polnische Sejm erklärte das Jahr 2004 zur Erinnerung an seinen hundertsten Geburtstag zum Witold-Gombrowicz-Jahr. Nach ihm ist der Witold-Gombrowicz-Literaturpreis benannt, eine polnische Auszeichnung für ein bedeutendes Prosadebüt eines Autors oder einer Autorin, das im Vorjahr auf Polnisch erschienen ist. Der Preis wird in Radom verliehen, ist mit 40.000 Złoty dotiert und wird vom Bürgermeister sowie vom Witold-Gombrowicz-Museum organisiert. Am 19. Juli 2021 wurde an seinem ehemaligen Wohnort in Berlin, im Hansaviertel an der Bartningallee 11, eine Gedenktafel enthüllt.

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