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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Ferdydurke
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Ferdydurke
1937
– Werkseintrag –

Ferdydurke

1937 · Roman

Ein dreißigjähriger Mann wird von seinem alten Lehrer zurück auf die Schulbank gezwungen – und muss erfahren, wie unerbittlich die Gesellschaft jeden Menschen in eine Form presst.

Überblick↑

Der Roman Ferdydurke von Witold Gombrowicz erschien 1937 und trägt in manchen Ausgaben die Jahreszahl 1938. Es handelt sich um ein Werk der literarischen Avantgarde, das schon vor dem Zweiten Weltkrieg als bedeutend galt und in viele Sprachen übersetzt wurde. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie der Mensch von außen geformt wird und ob er je „er selbst“ sein kann. Heute zählt das Buch zu den wichtigsten Werken der polnischen Literatur der Zwischenkriegszeit und gehört in Polen zum festen Bestand der Schullektüre.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Die Hauptfigur ist Józio Kowalski, ein dreißigjähriger Mann, der als Schriftsteller gerade erst begonnen hat. Eines Tages taucht unerwartet sein früherer Lehrer auf, Professor Pimko, und versetzt ihn zurück in seine alte Gymnasialklasse. Die Gegenwart des Erwachsenen wird plötzlich zur wirklich erlebten Vergangenheit: Der reife Mann findet sich wieder als Schüler unter Schülern.

In der Schule wird Józio dem unterworfen, was Gombrowicz das „Verkindlichen“ nennt – einem Zwang, wieder klein, unmündig und unfertig zu werden. Von dort führt sein Weg durch weitere Stationen, an denen ihm immer neue Rollen und Verhaltensformen aufgedrängt werden. Der eigentliche Gegenstand des Buches sind dabei nicht die Abenteuer selbst, sondern die Frage dahinter: Wer bin ich, bin ich wirklich ich selbst, und lässt sich das überhaupt sein? Der Roman verbindet diese Suche mit beißender Gesellschaftssatire, grotesken Szenen und einem Spiel mit dem Unsinn.

Die Handlung im Detail↑

Der dreißigjährige Józio Kowalski wird von seinem einstigen Lehrer, Professor Pimko, aufgesucht und kurzerhand in die Welt der Schule zurückgeholt. Was für den Erwachsenen längst vergangen war, wird für ihn wieder zur unmittelbaren Wirklichkeit. In der Gymnasialklasse setzt der Vorgang ein, den Gombrowicz „Verkindlichung“ nennt: Die Jugendlichen werden künstlich klein und unreif gehalten, und auch Józio wird in diese Form hineingezwungen.

Von der Schule gelangt er in ein bürgerliches, „modernes“ Haus. Hier soll die Selbstformung den Normen einer angeblich fortschrittlichen Gesellschaft folgen, die sich Aufgeklärtheit und Duldsamkeit zur Pflicht macht. Auch dort wird Józio in vorgefertigte Muster des Denkens und des gesellschaftlichen Anpassens gepresst. Schließlich lehnt er die ihm zugewiesene Rolle ab. Auf Zureden seines Schulkameraden Miętus flieht er, um für diesen einen „Menschen ohne Form“ zu suchen – einen Menschen, der noch nicht von den Zwängen der Gesellschaft geprägt ist.

Auf seinen weiteren Wanderungen kommt Józio auf den Landsitz der Verwandten, des Ehepaars Hurlecki. Dort herrschen die Traditionen und Rituale des ländlichen Adels. So durchläuft die Figur drei „menschliche Häuser“: die Schule, das moderne Bürgerhaus und das altmodische Gutshaus. In jedem dieser Bereiche wird sichtbar, wie der Einzelne unentrinnbar geformt wird – nicht nur durch äußere Einflüsse, sondern auch durch die Art, wie er sich selbst sieht.

Der Erzählstrom wird durch zwei eingeschobene Geschichten unterbrochen, die dem Roman vorangestellte Deutungen mitgeben: die Erzählungen über Filidor und über Filibert, jeweils mit einer eigenen Vorrede. Sie gliedern das Buch und spiegeln sein Grundthema. Denn worum es Gombrowicz eigentlich geht, sind nicht die Abenteuer Józios, sondern die Frage nach dem Werden des Menschen: Wer bin ich, bin ich ich selbst, und ist es überhaupt möglich, „man selbst“ zu sein? Diesem Gedanken kehrte der Autor Jahre später in seinem Tagebuch zurück, und er verbindet Ferdydurke mit dem späteren Roman Trans-Atlantyk aus dem Jahr 1953.

Stil↑

Prägend ist die kühne Formsprache: Gombrowicz arbeitet mit grotesken Situationen, mit dem Surrealen und mit reinem Unsinn, und zwar zu einer Zeit, als diese Strömungen in der polnischen Literatur noch kaum heimisch waren. Die erfundene Handlung ist dabei bewusst nicht der eigentliche Zweck. Sie dient als Bühne für eine gedankliche Auseinandersetzung über die Formung des Menschen.

Ein besonderes Bauprinzip sind die beiden eingeschobenen Erzählungen über Filidor und Filibert samt ihren Vorreden. Sie teilen den Roman und kommentieren ihn zugleich, sodass Erzählung und Selbstdeutung ineinandergreifen. Dazu kommt die scharfe gesellschaftliche und sittliche Satire: Gombrowicz legt die Schwächen und Gewohnheiten der polnischen Gesellschaftsschichten bloß und verschont dabei auch die höchsten „nationalen Heiligtümer“ nicht – Glaube, Vaterlandsliebe und Ehrgefühl.

Auch der Titel selbst ist Teil dieses Spiels mit der Form. Seine Herkunft hat der Autor nie eindeutig geklärt. Eine verbreitete Vermutung führt ihn auf eine Figur namens Freddy Durkee aus dem Roman Babbitt von Sinclair Lewis zurück. Eine andere deutet ihn als lautliche Wiedergabe des englischen „thirtieth door key“, also „Schlüssel zur dreißigsten Tür“, passend zum Alter der Hauptfigur. Eine dritte Deutung geht davon aus, dass der Titel grundsätzlich sinnlos sein soll und gerade darin – im Fehlen einer Bedeutung – seine Bedeutung liegt.

Rezeption↑

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg wurde das Werk als bedeutend anerkannt, und es fand rasch den Weg in viele Sprachen. Heute gilt es allgemein als eines der herausragenden Werke der polnischen Literatur zwischen den Weltkriegen und gehört in Polen zum Kanon der Schullektüre.

Der Stoff hat über die Jahrzehnte zahlreiche Bearbeitungen angeregt. 1985 entstand eine Fernsehinszenierung im Rahmen des polnischen Fernsehtheaters in der Regie von Maciej Wojtyszko. 1991 verfilmte der Regisseur Jerzy Skolimowski den Roman, unter anderem mit Iain Glen, Crispin Glover und Zbigniew Zamachowski. 2005 wurde am Teatr Wielki ein Ballett nach Motiven des Buches uraufgeführt. Vor allem in Polen wurde der Roman immer wieder für die Bühne eingerichtet; allein in den letzten drei Jahrzehnten kam es dort zu zahlreichen Neuinszenierungen.

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