1607 – 1676
Paul Gerhardt
Kurzporträt↑
Als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Kirchenlieddichter gilt Paul Gerhardt, geboren am 12. März 1607 in Gräfenhainichen, gestorben am 27. Mai 1676 in Lübben im Spreewald. Er war evangelisch-lutherischer Geistlicher und Theologe und wirkte als Pfarrer in Mittenwalde, Berlin und schließlich in Lübben. Sein dichterisches Werk besteht fast ausschließlich aus geistlichen Liedern, die er in enger Zusammenarbeit mit dem Berliner Kantor Johann Crüger schuf. Viele seiner Lieder, darunter das Passionslied O Haupt voll Blut und Wunden und das Sommerlied Geh aus, mein Herz, und suche Freud, sind bis heute im Gebrauch. Sein Leben war geprägt von den Nöten des Dreißigjährigen Krieges und von einem konfessionellen Streit, der ihn zeitweise sein Amt kostete.
Biografie↑
Geboren wurde Paul Gerhardt 1607 als zweites von vier Kindern einer Gastwirtsfamilie in Gräfenhainichen. Sein Vater Christian ernährte die Familie durch die Bewirtschaftung eigenen Gartenlands, engagierte sich im Rat der Stadt und wurde zu einem der drei Bürgermeister gewählt. Paul selbst bevorzugte später die latinisierte Form seines Namens, Paulus. Er besuchte die Stadtschule und erwarb dort Grundkenntnisse in Latein und im Chorgesang. Wie viele Familien in Kursachsen litt auch die seine unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges, unter Hungersnot, Seuchen und den Übergriffen der Soldaten. 1619 starb sein Vater, 1621 seine Mutter.
Ab dem 4. April 1622 besuchte Gerhardt die Fürstenschule St. Augustin in Grimma, die als Schmiede des sächsischen Pfarrer- und Beamtennachwuchses galt. Neben der lutherischen Lehre wurden dort auch die freien Künste unterrichtet, darunter Rhetorik, Musik und Poetik. Das Abschlusszeugnis bescheinigte ihm Fleiß, Gehorsam und Talent. Am 15. Dezember 1627 verließ er die Schule und zog nach Wittenberg. Dort immatrikulierte er sich am 2. Januar 1628 für das Studium der Theologie. In Wittenberg fand er bedeutende Lehrer der lutherischen Orthodoxie, aber auch der Dichtkunst wie August Buchner. Aus der Verbindung von Frömmigkeit und Dichtung, die er hier ausbildete, sollten später seine Kirchenlieder erwachsen. Zur Finanzierung des Studiums arbeitete er als Hauslehrer. Die Kriegsjahre trafen ihn auch persönlich: Seine Geburtsstadt wurde am 11. April 1637 von schwedischen Soldaten zerstört, und im November 1637 starb sein Bruder Christian.
Um 1643 beendete Gerhardt seine Studien und ging nach Berlin, wo er erneut eine Anstellung als Hauslehrer fand, diesmal bei der Familie des Kammergerichtsrats Andreas Berthold. An der Berliner Nikolaikirche wirkte damals der Kantor Johann Crüger, der 1640 das Gesangbuch Praxis Pietatis Melica herausgegeben hatte. Zwischen beiden entstand eine langjährige freundschaftliche Zusammenarbeit. Als Crüger sein Gesangbuch 1647 erneut auflegte, steuerte Gerhardt bereits 18 Lieder bei; bis zur fünften Auflage 1653 stieg ihre Zahl auf 82.
Sein erstes kirchliches Amt trat Gerhardt spät an. Nach dem Tod des Mittenwalder Pfarrers empfahl das Berliner Konsistorium ihn für die vakante Stelle. Am 18. November 1651 wurde er in der Berliner Nikolaikirche ordiniert und trat am 30. November sein Amt in der Mittenwalder St.-Moritz-Kirche an. In diese Zeit fällt das Passionslied O Haupt voll Blut und Wunden, die Übersetzung eines mittelalterlichen lateinischen Textes, der dem Zisterziensermönch Arnulf von Löwen zugeschrieben wird, lange jedoch fälschlich Bernhard von Clairvaux zugeordnet wurde, und später Eingang in Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion fand. Am 11. Februar 1655 heiratete Gerhardt Anna Maria Berthold, die Tochter seines früheren Dienstherrn. Das Familienleben war von schweren Verlusten überschattet: Von den Kindern des Paares überlebte allein der Sohn Paul Friedrich seine Eltern.
Im Mai 1657 wurde Gerhardt zum zweiten Diakon an der Berliner Nikolaikirche gewählt. In dieser Zeit geriet er in einen konfessionellen Konflikt. Der brandenburgische Kurfürst gehörte dem reformierten Bekenntnis an, während die Bevölkerung überwiegend lutherisch war. Gerhardt vertrat den lutherischen Standpunkt entschieden und nahm 1662 am Berliner Religionsgespräch teil, das 1663 ergebnislos abgebrochen wurde. Als der Kurfürst 1664 ein Toleranzedikt verordnete und die Unterschrift der lutherischen Geistlichen verlangte, verweigerte Gerhardt sie und wurde am 13. Februar 1666 entlassen. Berliner Bürger, der Magistrat und die märkischen Landstände setzten sich für ihn ein, sodass der Kurfürst ihn am 12. Januar 1667 wieder einsetzte. Gerhardt jedoch verzichtete aus Gewissensgründen auf die Rückkehr, worauf am 4. Februar 1667 die endgültige Entlassung folgte. In dieselben Jahre fällt die erste Gesamtausgabe seiner Lieder: Der Kantor Johann Georg Ebeling gab 1667 die Geistlichen Andachten mit 120 Liedern heraus. 1668 starb seine Frau Anna Maria.
1668 wurde Gerhardt zum Archidiakon an der Nikolaikirche im kursächsischen Lübben berufen. Wegen der Krankheit seines Sohnes und des nötigen Ausbaus der Pfarrwohnung verzögerte sich der Amtsantritt bis zum 16. Juni 1669. Dort versah er seinen Dienst zur Zufriedenheit der Gemeinde und lebte in bescheidenen Verhältnissen bis zu seinem Tod am 27. Mai 1676. Beigesetzt wurde er am 7. Juni 1676 im Chorraum der Kirche, die seit 1931 seinen Namen trägt.
Literarische Merkmale↑
Das dichterische Werk Gerhardts umfasst neben einigen lateinischen Gelegenheitsgedichten ausschließlich geistliche Lieder, insgesamt 134 deutsche Dichtungen. Innerhalb dieser Gattung behandelte er die ganze Fülle möglicher Themen. In den Liedern zum Kirchenjahr betrachtete er die heilsgeschichtlichen Tatsachen und dachte sie in ihrer Bedeutung für den Menschen durch. Das Neue seiner Dichtung liegt laut der Neuen Deutschen Biographie in der persönlichen Aneignung: Die theologische Aussage verbindet sich mit einer innigen, gefühlvollen Antwort des Gläubigen. Diese enge Verbindung von objektiver Glaubenswahrheit und persönlichem Empfinden macht die Eigenart seiner Lieder aus.
Viele seiner Texte lehnen sich an Vorbilder an. Das Passionslied O Haupt voll Blut und Wunden geht auf mittelalterliche Hymnen zurück, in denen sich die Frömmigkeit meditierend in das Leiden Christi versenkt. Im Vergleich mit seiner Vorlage erscheint bei Gerhardt das Leidenschaftliche stiller und ins Innige gewendet. In den Tageszeitenliedern zeigt sich das Leben geborgen unter Gottes Schutz, doch umgeben von den real erlebten Gefahren des Krieges und von den Anfechtungen des Zweifels. Die Gelassenheit von Liedern wie Befiehl du deine Wege oder Warum sollt ich mich denn grämen erwächst aus dieser Tiefe. Im Sommerlied Geh aus, mein Herz, und suche Freud halten sich die Freude an der erlebten Schöpfung und der Hinweis auf eine höhere, ewige Wirklichkeit die Waage.
Immer wieder wurde die Frage nach dem Subjektiven in Gerhardts Liedern gestellt. Dem Empfinden des Einzelnen ist bei ihm mehr Raum gegeben als im reformatorischen Choral. Doch bleibt dieser Einzelne stets Glied der Kirche: Seine Aussagen sind nicht individualistisch, sondern für jeden Glaubenden nachvollziehbar. Das Schwergewicht verschiebt sich dabei von den Taten Gottes hin zu der Weise, in der der Mensch ihnen begegnet, zu Dank, Bitte und Bekenntnis. Maß und Ausgewogenheit prägen laut der Neuen Deutschen Biographie auch die formale Gestaltung seiner Verse.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten erwarb sich Gerhardt mit seinen geistlichen Liedern über Berlin hinaus Ansehen. Als er 1666 abgesetzt wurde, setzten sich die Gewerke, die Bürgerschaft und der Magistrat für ihren Prediger ein, und auch die märkischen Landstände intervenierten gegen seine Entlassung. In den Eingaben zu seinen Gunsten wurde betont, dass er sich in seinen Predigten nie polemisch geäußert habe; sie nahmen ausdrücklich auch auf seine Dichtung Bezug. Sein Festhalten am lutherischen Bekenntnis überlieferte er in eigenen Worten, als er die Rückkehr ins Amt ablehnte: „Ich fürchte mich für Gott, in dessen Anschauen ich hier auf Erden wandele … und kann nach dem, wie mein Gewissen von Jugend auf gestanden und noch itzo stehet, nicht anders befinden.“
Die Verbreitung seiner Lieder verdankt sich zunächst der Zusammenarbeit mit Johann Crüger, der sein Gesangbuch Praxis Pietatis Melica 1648 mit Gerhardts Lied Wach auf, mein Herz, und singe eröffnete. Nach Crügers Tod übernahm Johann Georg Ebeling die Herausgabe und fasste die Dichtungen in den Geistlichen Andachten zusammen. Eine breite Nachwirkung zeigt sich darin, dass sein Passionslied O Haupt voll Blut und Wunden Eingang in Bachs Matthäus-Passion fand. Bis in die Gegenwart hält die Beschäftigung mit ihm an: Zu seinem 350. Todestag erschien 2026 der Band 50 Blicke auf Paul Gerhardt von Claudia Wasow-Kania und Konrad Klek. Eine moderne kritische Gesamtausgabe seiner Lieder fehlt bislang.
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