1816 – 1872
Friedrich Gerstäcker
Kurzporträt↑
Zu den beliebtesten Erzählern des deutschen Abenteuer- und Reiseromans im 19. Jahrhundert zählt Friedrich Gerstäcker. Geboren 1816 in Hamburg, wanderte er als junger Mann nach Nordamerika aus und durchzog das Land sechs Jahre lang in den unterschiedlichsten Berufen. Aus diesen Erfahrungen schöpfte er nach seiner Rückkehr ein umfangreiches erzählerisches Werk, dessen bekannteste Bücher Die Regulatoren in Arkansas und Die Flußpiraten des Mississippi seinen literarischen Ruf begründeten. Sein Leben blieb von immer neuen Fernreisen bestimmt, die ihn nach Südamerika, Australien, Ozeanien, Ägypten und wieder nach Nordamerika führten. Er starb 1872 in Braunschweig, mitten in den Vorbereitungen zu einer Reise nach Asien.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Gerstäcker in einer Künstlerfamilie: Sein Vater war ein gefeierter Opernsänger, seine Mutter Louise Friederike Herz ebenfalls Sängerin. Nach dem frühen Tod des Vaters kam der Junge mit seiner Schwester Molly in die Obhut des Onkels Eduard Schütz, eines Hofschauspielers in Braunschweig. Dort besuchte er das traditionsreiche Martino-Katharineum, später in Leipzig die Nicolaischule.
Gegen seinen Willen begann er 1833 in Kassel eine kaufmännische Lehre, die er nach wenigen Monaten abbrach. Der Mutter eröffnete er, dass er nach Amerika auswandern wolle. Als Vorbereitung ließ er sich stattdessen zunächst auf dem Rittergut Döben bei Grimma zum Landwirt ausbilden. Seine Vorstellung von der Neuen Welt gründete sich auf Bücher: Er war ein begeisterter Leser von Daniel Defoes Robinson Crusoe und der ersten Lederstrumpf-Erzählungen von James Fenimore Cooper. Zeitlebens bezeichnete er sich als „Schüler Coopers“.
Im März 1837 trat er als Auswanderer seine erste Reise in die Vereinigten Staaten an. Dort führte er ein abenteuerliches Leben in immer wechselnden Berufen, unter anderem als Heizer, Matrose, Jäger, Farmer, Koch, Silberschmied und Holzfäller. Auf weiten Wanderungen von der Grenze Kanadas bis Texas lernte er Land und Leute gründlich kennen. Seine Tagebuchaufzeichnungen schickte er der Mutter, die sie an Bekannte weitergab. Im September 1843 kehrte er nach Deutschland zurück und ließ sich zunächst in Dresden nieder. Er fertigte Übersetzungen aus dem Englischen an und veröffentlichte erste Arbeiten in Zeitschriften.
Sein erstes Buch, Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten Nord-Amerikas, erschien 1844 und beruhte auf seinem Tagebuch. Um diese Zeit heiratete er die Schauspielerin Anna Sauer, Tochter eines Dresdner Kunstmalers; die Angaben zum Jahr schwanken in den Quellen zwischen 1845 und 1847. Mit den Romanen Die Regulatoren in Arkansas und Die Flußpiraten des Mississippi gelang ihm der Durchbruch, und er konnte fortan als freier Schriftsteller leben. Auch die deutschen Verhältnisse verfolgte er aufmerksam und beobachtete die Revolution von 1848 genau.
Von 1849 bis 1852 unternahm er eine große Reise, die ihn nach Südamerika, Kalifornien, Tahiti und Australien führte; seine Familie war durch die veröffentlichten Werke abgesichert. Eine weitere Reise nach Südamerika trat er 1860 an, von der er 1861 zurückkehrte. Im selben Jahr starb seine erste Frau. Mit einer Reisegesellschaft Herzog Ernsts II. von Sachsen-Coburg und Gotha brach er 1862 nach Ägypten auf. Ein Jahr später heiratete er ein zweites Mal, die junge Niederländerin Marie Luise Fischer van Gaasbeek.
Zu seiner letzten großen Reise brach Gerstäcker 1867 auf. Sie führte ihn von Nordamerika über Mexiko und die Westindischen Inseln nach Venezuela. Danach ließ er sich in Braunschweig nieder. Am Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 nahm er noch als Kriegsberichterstatter teil. Im Alter von 56 Jahren starb er 1872 in Braunschweig an einem Hirnschlag, mitten in den Vorbereitungen für eine Reise nach Asien und Indien.
Eine eigene Rolle spielte in seinen frühen Jahren die Arbeit als Übersetzer. Zwischen 1844 und 1849 übertrug er zahlreiche Romane und Erzählungen aus dem Englischen ins Deutsche, darunter 1847 Herman Melvilles Omoo. Diese Tätigkeit half ihm, sich ein eigenes schriftstellerisches Werk zu erarbeiten: Die Vorlagen ermutigten ihn, Ähnliches aus eigenem Erleben zu gestalten. Der junge Gerstäcker, der nach eigenem Wort „weit besser mit der Büchse als mit der Feder umzugehen“ wusste, fand so über das Übersetzen den Weg vom Abenteurer zum eigenständigen Schriftsteller.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Gerstäcker ist die enge Bindung seines Erzählens an selbst Erlebtes. Er legte seine Erfahrungen in wahrheitsgetreuen Berichten nieder, die zum Teil ausdrücklich für Auswanderer bestimmt waren, und in wirklichkeitsnahen Romanen. Seine reichen Erfahrungen verwob er mit rasch gestaltender Phantasie zu kecken, naturwahren Bildern. An diesen Bildern fehlt es nach dem Urteil der Allgemeinen Deutschen Biographie oft an künstlerischer Durcharbeitung und Vertiefung, nie aber an Lebensfülle und spannender Handlung.
Am stärksten wirkt er dort, wo er Schauplätze und geschichtliche Hintergründe schildert. Seine Darstellungen des zeit- und lokalgeschichtlichen Hintergrunds gelten laut der Neuen Deutschen Biographie als treffend und literarisch gelungen, getragen von menschlicher Anteilnahme und scharfer Beobachtung. Diese Beobachtung untermauerte er zunehmend durch das Studium ethnographischer und landeskundlicher Literatur. Seine Figuren dagegen vertiefte er psychologisch nur wenig; sie dienen im Wesentlichen als Träger der Konflikte. Im Mittelpunkt stehen für ihn die kulturhistorischen Auseinandersetzungen an der „Grenze“ der Europäisierung, die er in spannenden Handlungsgefügen zur Anschauung bringt.
Sein Blick reichte weit über Nordamerika hinaus. Neben diesem Schwerpunkt bezog er Südamerika, Australien und Ozeanien ein und gewann dem völkerkundlichen Roman in Deutschland damit weltweite Themen. Bevorzugte Schauplätze waren die heißen, leidenschaftsreichen Tropengegenden. Seine Reisewerke traten an Zahl und Bedeutung hinter den Romanen zurück; die Romane waren es, die ihm seine Beliebtheit verschafften.
Rezeption↑
Schon mit dem Erstlingswerk Die Regulatoren in Arkansas begründete Gerstäcker 1846 seinen literarischen Ruhm. Die Neue Deutsche Biographie nennt den Roman kraftvoll und erlebnisgesättigt. Seine Bücher fanden bei einem großen Teil der deutschen Lesewelt Anklang, und sein Schriftstellerberuf trug fortan seine weltweiten Reisen. Zu den vielgelesenen Hauptwerken zählen neben den Flußpiraten des Mississippi auch Die beiden Sträflinge.
Die Bedeutung dieser Werke geht nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie über die von Jugend- oder Unterhaltungslektüre hinaus. Indem Gerstäcker Südamerika, Australien und Ozeanien einbezog, erweiterte er den völkerkundlichen Roman in Deutschland zu einem weltweiten Genre. Seine Bücher erschienen in vielen, zum Teil bearbeiteten Auflagen und wurden ins Englische, Niederländische, teils auch ins Französische und Spanische übersetzt.
Neben dem erzählerischen Werk entfaltete er eine ausgebreitete journalistische Tätigkeit. Er verteidigte die Interessen deutscher Auswanderer und Ansiedler in fernen Ländern, besonders in Südamerika, und betonte immer wieder die Notwendigkeit fester nationaler Institutionen zur Vertretung deutscher Interessen außerhalb Europas. Die Allgemeine Deutsche Biographie rechnet ihm diese Bemühungen gerade in den politisch schläfrigen Zeiten vor 1848 und nach 1850 an.
Sein Nachleben spiegelt sich in der Verbreitung seiner Schriften: Von 1872 bis 1878 erschienen seine Gesammelten Schriften in 43 Bänden, und seit 1903 folgten verschiedene Ausgaben und Bearbeitungen für die Jugend. Zu seinem Werk und seiner Bedeutung für den exotischen und völkerkundlichen Reiseroman liegt eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten vor, die bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückreichen.
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