1730 – 1788
Salomon Gessner
Kurzporträt↑
Als Idyllendichter, Maler und Grafiker gehörte Salomon Gessner zu den bekanntesten Schweizer Autoren des 18. Jahrhunderts. Geboren 1730 in Zürich, machte er sich früh einen Namen mit Gedichten und Gemälden und fand mit seinen in Prosa geschriebenen Idyllen ein europaweites Publikum. Seine Werke wurden in fast alle europäischen Sprachen übersetzt. Neben dem Schreiben und Malen war er als Verleger, Kupferstecher und Illustrator tätig und gründete 1780 die Zürcher Zeitung, aus der später die Neue Zürcher Zeitung hervorging. In Zürich bekleidete er zudem mehrere öffentliche Ämter.
Biografie↑
Geboren wurde Salomon Gessner am 1. April 1730 in Zürich. Sein Vater Hans Konrad Gessner war Buchdrucker, Buchhändler und Verleger sowie Mitglied des Hohen Rats von Zürich; seine Mutter hieß Esther Hirzel. Von 1736 bis zu seinem Tod lebte Gessner im Haus Zum Schwanen in der Münstergasse 9 im Zürcher Niederdorf, das sein Vater erworben hatte. In der Schule zeigte er sich laut der Neuen Deutschen Biographie so ungelehrig, dass die Eltern ihn einem Landpfarrer zur Erziehung anvertrauten.
Im Jahr 1749 begann er eine Lehre in einer Buchhandlung in Berlin – nach Angabe der Deutschen Biographie in der Spenerschen Buchhandlung. Er brach sie schon im folgenden Jahr ab und wandte sich der Landschaftsmalerei und der Radierkunst zu. In Berlin lernte er unter anderem Karl Wilhelm Ramler kennen, der ihn angesichts seiner schwachen Verskunst auf die poetische Prosa verwies, die Gessner später für seine Werke wählte. Nach einem kurzen Aufenthalt in Hamburg, wo ihn Ramler und Friedrich von Hagedorn beeinflussten, kehrte er Ende 1750 nach Zürich zurück. Dort verband er sich in den literarischen Zirkeln vor allem mit Christoph Martin Wieland freundschaftlich.
Zur Mitarbeit im väterlichen Geschäft hatte Gessner wenig Neigung. Lieber zeichnete, malte und dichtete er und genoss mit Freunden das Leben. Er schloss sich der Dienstags-Compagnie an, einer Gruppe von rund zwanzig jungen Männern aus Zürichs führenden Familien, die sich jeden Dienstag zum Gedankenaustausch traf. Von der Naturschwärmerei erfasst, verstanden sich die jungen Männer in Anlehnung an die antike Schäferdichtung als Sihl-Schäfer.
Einen Namen machte sich Gessner mit dem Lied Lied eines Schweizers an sein bewaffnetes Mädchen (1751) und dem Gedicht Die Nacht (1753). Die Idee zu seinem größeren Gedicht Daphnis (1754) schöpfte er aus Jacques Amyots Übersetzung des Longos. Die erste Sammlung seiner Idyllen erschien 1756 zugleich mit Inkel und Yariko. Es folgten Der Tod Abels, eine Art idyllisches Heldengedicht in Prosa, und 1762 eine Sammlung seiner Gedichte in vier Bänden. Von der Malerei vom Dichten abgehalten, ließ er erst 1772 ein zweites Bändchen Idyllen und die Briefe über die Landschaftsmalerei erscheinen. In der Landschaftsmalerei erwarb er sich bleibende Verdienste; zu seinen besten Arbeiten zählen zwölf radierte Landschaften, die er 1770 herausgab.
Im Jahr 1761 war Gessner Mitbegründer der Helvetischen Gesellschaft. Im selben Jahr heiratete er gegen den Willen seines Vaters Judith Heidegger, die Tochter des Verlegers und Konkurrenten Heidegger. Ebenfalls 1761 wurde er Teilhaber der Firma Orell, Gessner & Co. und 1763 künstlerischer Leiter der Porzellan- und Fayence-Manufaktur im Schooren in Kilchberg. Aus der Ehe gingen die Tochter Dorothea (1763) sowie die Söhne Conrad (1764) und Heinrich (1768) hervor. Das väterliche Geschäft übernahm er 1775 ganz, überließ dessen Führung aber weitgehend seiner Frau.
Gessner übernahm zahlreiche öffentliche Ämter. Ab 1765 gehörte er dem Großen Rat der Stadt Zürich an, 1767 dem Kleinen Rat. Ab 1768 war er Obervogt von Erlenbach, ab 1776 Obervogt zu den Vier Wachten und von Wipkingen. Von 1781 bis zu seinem Tod verwaltete er als „Sihlherr“ den Sihlwald und war für die Versorgung der Stadt mit Brennholz verantwortlich. In seinem Haus an der Münstergasse empfing er viele Gäste; 1766 war die Künstlerfamilie Mozart bei ihm zu Besuch. 1780 begründete er die Zürcher Zeitung, aus der 1821 die Neue Zürcher Zeitung hervorging.
Gessner starb am 2. März in Zürich. Über das Todesjahr gehen die Quellen auseinander: Wikidata nennt 1788, die Deutsche Nationalbibliothek dagegen 1787. Die Basler allgemeine Lesegesellschaft übernahm 1799 von seiner Witwe den gesamten Bestand seiner Kunstwerke und Schriften.
Literarische Merkmale↑
Bekannt wurde Gessner vor allem für seine Idyllen, die ein goldenes Zeitalter ungestörter Eintracht feierten. Obwohl er sich auf den antiken Dichter Theokrit berief, den er nur aus Übersetzungen kannte, stand er der arkadischen Schäferwelt der italienisch-französischen Hofpoeten des 17. Jahrhunderts näher. In eine idealisierte Landschaft stellte er einfache Schäferfiguren des goldenen Zeitalters, deren Herzensgüte, Heiterkeit und wehmütige Verklärung sowohl den Moralismus wie das ästhetische Spielverlangen seiner Zeit ansprachen. Ideale wie Unschuld, Naivität, Einfalt und Empfindung traten anmutig hervor.
Nach Ramlers Rat wählte Gessner für seine Dichtungen die poetische Prosa. Ihre Machart war laut der Neuen Deutschen Biographie im Deutschen vorher unerhört: Trotz enger Thematik gewann seine Prosa eine ungeahnte Musikalität. Goethe bescheinigte ihm in Dichtung und Wahrheit „wahres Dichtergefühl“, benannte aber zugleich das Wesentliche kritisch: „Das Charakterlose … bei großer Anmut und kindlicher Herzlichkeit.“ Die Konturlosigkeit seiner Figuren trat hinter deren Anmut zurück.
Als „Malerdichter“ verkörperte Gessner den Dilettanten und Autodidakten, der Dichtung und bildende Kunst verband. Nach 1760 wandte er sich stärker dem Radieren, Zeichnen und Malen zu. Seine Bemühungen führten schließlich zu den ausgewogenen Gouachelandschaften der Jahre nach 1780. Diese künstlerische Begabung kam auch seinen Verlagen zugute: Viele Werke gestaltete, schmückte und illustrierte er selbst.
Rezeption↑
Sein schmales Werk wirkte auf die Zeitgenossen fast sensationell. Kaum einem Dichter wurde laut der Neuen Deutschen Biographie je ein Ruhm so wenig geneidet wie Gessner. Seine Dichtungen wurden in fast alle europäischen Sprachen übertragen und fanden ein breites Publikum. Bemerkenswert ist, dass fast alle seiner Werke in den 1750er Jahren entstanden; nach der Herausgabe seiner Schriften in vier Teilen 1762 entstanden keine nennenswerten poetischen Werke mehr.
Seine Bücher zählen auch als Druckwerke zu den schönsten ihrer Zeit. Die Quartausgaben seiner Idyllen von 1773 und seiner Werke von 1777/78 und 1788 wurden dank ihrer vorzüglichen Ausstattung mit Vignetten und Titelumrahmungen gerühmt. Die persönliche Beziehung zu namhaften Schriftstellern kam dabei seinen Verlagsgeschäften zugute.
Gessners Wirken hinterließ auch in der späteren Literatur Spuren. Gottfried Keller erwähnte seine Tätigkeit an der Porzellanmanufaktur in den Zürcher Novellen, im Band Der Landvogt von Greifensee.
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