1922 – 1984
Franz Fühmann
Kurzbiografie↑
Franz Fühmann zählte zu den bedeutendsten Schriftstellern der DDR. Er arbeitete als Lyriker, Nacherzähler, Essayist und Kinderbuchautor und wurde am 15. Januar 1922 in Böhmen geboren. In seiner Jugend war er ein überzeugter Anhänger des Nationalsozialismus; in sowjetischer Kriegsgefangenschaft wurde er zum Sozialisten. Später verhielt er sich zunehmend kritisch gegenüber der Entwicklung der DDR, von der er in seinen letzten Jahren bitter enttäuscht war. Sein Werk kreist immer wieder um die schonungslose Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und um die Wiederbelebung von Märchen, Mythos und Phantastik.
Biografie↑
Geboren wurde Fühmann als Sohn eines deutschböhmischen Apothekers im Riesengebirge. Über den genauen Geburtsort gehen die Quellen auseinander: Wikidata nennt Rokytnice nad Jizerou, die Deutsche Nationalbibliothek Rochlitz an der Iser – gemeint ist derselbe Ort, der heute in Tschechien liegt und damals zur Tschechoslowakei gehörte. Nach eigenen Worten wuchs er in einer „Atmosphäre von Kleinbürgertum und Faschismus“ auf und wurde zum fanatischen Anhänger des Nationalsozialismus.
Nach der Volksschule besuchte er von 1932 bis 1936 das Jesuitenkonvikt Kalksburg bei Wien. Anschließend ging er auf Gymnasien in Reichenberg und Hohenelbe. In Reichenberg trat er dem Deutschen Turnverein bei, der späteren sudetendeutschen Hitler-Jugend. 1937 wurde er Mitglied einer pennalen Burschenschaft. Nach der deutschen Annexion des Sudetenlandes 1938 trat er der Reiter-SA bei. In der Reichspogromnacht im November 1938 beteiligte er sich an der Zerstörung der Synagoge von Reichenberg.
Im Januar 1941 legte er sein Notabitur ab. Es folgte eine kurze Immatrikulation für Mathematik an der Deutschen Universität Prag, dann der Reichsarbeitsdienst in Ostpreußen. Noch 1941 wurde er in die Wehrmacht eingezogen. Als Nachrichtensoldat war er in der Sowjetunion und in Griechenland im Einsatz, zuletzt im Rang eines Obergefreiten. Um 1944 erschienen einige seiner Gedichte in der nationalsozialistischen Wochenzeitung Das Reich. Im Mai 1945 geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft. 1946 kam er an die Antifa-Schule in Noginsk bei Moskau und wurde danach selbst Assistenzlehrer an solchen Umerziehungslagern. In diesen Lagern wurde er zum Sozialisten stalinistischer Prägung.
Zu Weihnachten 1949 kam Fühmann aus der Gefangenschaft nach Ost-Berlin, wo Mutter und Schwester lebten. Er wollte der SED beitreten, wurde aber gedrängt, sich stattdessen in der Blockpartei NDPD zu engagieren, der er 1949 beitrat. Dort arbeitete er mehrere Jahre hauptamtlich in der Zentrale, unter anderem als persönlicher Referent des stellvertretenden Vorsitzenden Vincenz Müller und als Leiter des Arbeitsgebiets Kulturpolitik. 1952 wurde er Mitglied des Parteivorstands. Von 1954 an war er vom Ministerium für Staatssicherheit als inoffizieller Mitarbeiter unter dem Decknamen „Salomon“ erfasst; da er weder Berichte lieferte noch zu Treffen bereit war, entpflichtete ihn die Stasi 1959 wieder. Seit 1950 war er mit Ursula Böhm verheiratet; 1952 wurde die Tochter Barbara geboren.
Die Bekanntmachung von Chruschtschows Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 erschütterte seine Überzeugungen. 1958 legte er seine Ämter in der NDPD nieder und erwarb ein Grundstück in Märkisch Buchholz, wo er von da an als freischaffender Schriftsteller lebte. Nach den kulturpolitischen Beschlüssen des 11. Plenums des ZK der SED 1965 wandte er sich künstlerisch vom Sozialistischen Realismus des Bitterfelder Weges ab und mythologischen Themen zu. Die Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 stürzte ihn in eine tiefe Lebenskrise und in den Alkoholismus; im selben Jahr begab er sich zur Behandlung in die Psychiatrische Universitätsklinik Rostock. 1972 trat er aus der NDPD aus.
In den 1970er Jahren ging er immer weiter auf Distanz zur Staatsführung. 1976 gehörte er zu den Erstunterzeichnern des Protestbriefs gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Danach führte die Staatssicherheit einen Operativen Vorgang gegen ihn unter der Bezeichnung „Filou“; sein öffentlicher Wirkungsradius wurde eingeschränkt, Lesungen wurden teilweise verhindert. 1977 trat er endgültig vom Vorstand des Schriftstellerverbands und aus der Akademie der Künste zurück. Anfang der 1980er Jahre engagierte er sich in der inoffiziellen Friedensbewegung und nahm 1981 an der ersten Berliner Begegnung zur Friedensförderung teil. In seinen letzten Lebensjahren verzweifelte er zunehmend an den starren politischen Verhältnissen. Franz Fühmann starb 1984 im Alter von 62 Jahren an einer Krebserkrankung. Auf seinen Wunsch hin wurde er in Märkisch Buchholz begraben, nicht im ungeliebten Berlin.
Literarische Merkmale↑
Seine Laufbahn als Schriftsteller begann früh: Bereits 1942 erschien im Hamburger Verlag Ellermann eine erste eigenständige Veröffentlichung, weitere Gedichte in der Wochenzeitschrift Das Reich. Erste literarische Anerkennung in der DDR erhielt er für seine Kriegserzählungen. Die Novelle Kameraden wurde 1957 von der DEFA verfilmt. Um 1959 versiegte seine eigene lyrische Produktion; die letzten Gedichte erschienen im Band Die Richtung der Märchen von 1962. Zugleich verstärkte sich seine Nachdichtung fremder Literatur, vor allem aus dem Ungarischen und Tschechischen.
Ein durchgängiger Zug seines Schreibens ist die schonungslose Auseinandersetzung mit der eigenen faschistischen Vergangenheit. Im Erzählzyklus Das Judenauto von 1962 verarbeitete er seine Erfahrungen aus den Jahren zwischen 1930 und 1949 und zeigte, wie Ideologie die Wirklichkeit überlagert, wie Feindbilder entstehen und wohin das führen kann. Diese Selbstprüfung erreichte in den Auschwitz-Passagen seines Ungarn-Tagebuchs Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens von 1973 einen Höhepunkt. Dieses Buch bezeichnete er selbst als seinen „eigentlichen Eintritt in die Literatur“. Von da an verstand er das Schreiben als einen Weg, sich Klarheit über sich selbst zu verschaffen.
Ein zweites großes Feld ist der Mythos. Seit den 1950er Jahren beschäftigte er sich mit Märchen und Mythen und schrieb antike, mittelalterliche und barocke Stoffe neu. Daneben entstanden Kinderbücher wie Vom Moritz, der kein Schmutzkind mehr sein wollte und Filmszenarien. Von 1968 an befasste er sich ein Jahrzehnt lang mit dem Werk E. T. A. Hoffmanns, ebenso mit Novalis, Ludwig Tieck und Jean Paul. Um 1980 wandte er sich der Traumlehre Sigmund Freuds zu, bearbeitete eigene Träume und interessierte sich für Randständiges, etwa die Welt behinderter Menschen. Zu seinen späten Hauptwerken zählt der Trakl-Essay Vor Feuerschlünden von 1982, der in der DDR wie in der Bundesrepublik eine breite Leserschaft erreichte. Sein als opus magnum geplantes Buch Im Berg blieb Fragment und erschien erst 1991 aus dem Nachlass.
Rezeption↑
Als einer der wichtigsten Schriftsteller der DDR wurde Fühmann für seine Glaubwürdigkeit, sein Engagement für Benachteiligte und seine anteilnehmende Art geschätzt. Sein Anliegen, in der Literatur das Phantastische stärker zur Geltung zu bringen, wirkte auf die kulturelle Entwicklung des Landes. Schon in den 1950er Jahren setzte er sich dafür ein, dass in der DDR bislang unerwünschte Autoren erscheinen konnten, und erreichte Veröffentlichungen von Freud, Trakl und anderen. Seine Popularisierung der Theorien Freuds führte dazu, dass dessen Werke nach 1982 in der DDR wieder nachgedruckt wurden.
Seine Nacherzählungen mythologischer Stoffe in moderner Sprache eröffneten vielen Lesern einen neuen Zugang zu sonst schwer verständlichen Texten. Seine Kinderbücher, allen voran Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel, wurden von jungen wie älteren Lesern mit Begeisterung aufgenommen. Er förderte zahlreiche junge Autoren und setzte sich für Schriftsteller ein, die unter Repressionen zu leiden hatten. Eine von ihm angeregte Anthologie junger kritischer DDR-Autoren, unter ihnen Uwe Kolbe und Sascha Anderson, wurde 1981 durch führende Kräfte der SED verhindert.
1956 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis der Deutschen Akademie der Künste. Freundschaften verbanden ihn unter anderem mit Christa Wolf, Sarah Kirsch, Ludvík Kundera, Wieland Förster und Ingrid Prignitz, seiner langjährigen Lektorin. 1999 wurde an der Berliner Staatsbibliothek der „Franz Fühmann Freundeskreis“ gegründet, der sein Werk verbreiten und erschließen soll und seit 2006 als „Internationaler Franz Fühmann Freundeskreis“ firmiert.
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