1646 – 1715
Antoine Galland
Kurzbiografie↑
Antoine Galland war ein französischer Orientalist und Münzkundler, der die arabischen Märchen aus Tausendundeiner Nacht nach Europa brachte. Geboren 1646 im picardischen Rollot, lernte er früh alte Sprachen und erwarb später in Konstantinopel Türkisch, Persisch und Arabisch. Ab 1704 erschien in Paris seine Übertragung Les mille et une nuits, mit der die Erzählungen erstmals einem europäischen Publikum zugänglich wurden. Galland gilt als erster europäischer Übersetzer dieser Sammlung. Er lehrte am Collège de France Arabisch und starb 1715 in Paris.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Antoine Galland in einfachen Verhältnissen. Er wurde am 4. April 1646 in Rollot in der Picardie geboren und stammte aus einer Familie von Kleinbauern. Den Vater verlor er im Alter von vier Jahren. Schon als Zehnjähriger lernte er in Noyon Altgriechisch, Latein und Hebräisch. Später studierte er in Paris am Collège Royal und an der Sorbonne.
Seine sehr guten Griechischkenntnisse öffneten ihm den Weg in den diplomatischen Dienst. Der französische Gesandte Marquis de Nointel nahm ihn 1670 auf eine fünfjährige Mission zur Hohen Pforte nach Konstantinopel mit. Dort erwarb Galland Kenntnisse des Türkischen, Persischen und Arabischen. Auf dieser Reise legte er auch den Grundstock seiner bedeutenden Münzsammlung.
Weitere Reisen in den Osten folgten. 1676 ging Galland nach Jerusalem, um alte Denkmäler und Inschriften zu untersuchen, zu verzeichnen und zu zeichnen. Zum gleichen Zweck brach er 1679 im Auftrag der Französischen Ostindienkompanie zu einer dritten Reise in die Levante auf; dort sollte er außerdem Stücke für die Antikensammlung Colberts erwerben.
Sein erstes bedeutendes Buch erschien 1694 in Paris: Les paroles remarquables, les bons mots, et les maximes des Orientaux, eine Sammlung bemerkenswerter Aussprüche und Lebensregeln aus arabischen, persischen und türkischen Werken, versehen mit eigenen Anmerkungen. Das Buch wurde mehrfach neu aufgelegt, 1695 in Lyon und 1730 wieder in Paris.
Nach der Rückkehr wurde Galland 1701 Mitglied der Pariser Akademie der Inschriften und schönen Künste. 1709 erhielt er die Professur für arabische Sprache am Collège de France. In diese Jahre fällt die Arbeit, für die er bekannt blieb: Ab 1704 erschien in Paris seine Übersetzung der Märchen aus Tausendundeiner Nacht unter dem Titel Les mille et une nuits: contes arabes. Das Werk wuchs auf zwölf Bände an, die bis 1717 herauskamen, also über seinen Tod hinaus. Einige der bekanntesten Geschichten der Ausgabe, darunter Aladin und Ali Baba, stehen in keiner älteren arabischen Handschrift: Galland hörte sie 1709 in Paris von dem syrischen Erzähler Hanna Diyab aus Aleppo und hielt sie in seinem Tagebuch fest. Aladin erschien 1712 im neunten und zehnten Band.
Ein Teil seiner Arbeiten blieb unveröffentlicht oder erschien erst nach seinem Tod. 1724 kamen in zwei Pariser Bänden seine Übertragungen indischer Märchen und Fabeln heraus, Les contes et fables indiennes de Bidpaï et de Lokman, die er aus dem Türkischen des Ali Tschelebi-ben-Saleh übersetzt hatte; 1784 legte M. Cardonne sie erneut auf. Zahlreiche weitere Übersetzungen wurden nie gedruckt, darunter eine Übertragung des Korans und eine Geschichte der türkischen Sultane, die Histoire générale des empereurs Turcs. Sein Tagebuch aus der Zeit in Konstantinopel gab Charles Schefer erst 1881 in Paris heraus, als Journal d'Antoine Galland pendant son séjour à Constantinople 1672–1673.
Galland starb im Februar 1715 in Paris und wurde auf dem Friedhof der Pfarrkirche Saint-Étienne-du-Mont begraben. Umstritten ist der genaue Todestag: Die Normdaten führen den 17. Februar 1715, andere Angaben nennen den 19. Februar 1715.
Literarische Merkmale↑
Gallands literarische Bedeutung liegt nicht in eigenen Erfindungen, sondern in der Vermittlung. Er arbeitete aus dem Arabischen, Persischen und Türkischen und gab seinen Sammlungen eigene Anmerkungen bei, wie schon der Titel von Les paroles remarquables, les bons mots, et les maximes des Orientaux ankündigt. Seine Übertragung der Märchen richtete sich an ein europäisches Lesepublikum, das mit der arabischen Erzählwelt nicht vertraut war. Wie frei ein Übersetzer dabei handelt und handeln darf, ist bis heute Gegenstand der Forschung: Eine Untersuchung von Akkad Alhussein aus dem Jahr 2019 nimmt Galland und seine Fassung von Tausendundeiner Nacht gerade als Beispiel für die Spielräume übersetzerischen Handelns.
Rezeption↑
Berühmt wurde Galland vor allem durch die Märchen. Seine Übersetzung machte die Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht in Europa bekannt und blieb über Generationen die Grundlage weiterer Ausgaben. Im 19. Jahrhundert erschienen Bearbeitungen seiner Fassung, unter anderem 1840 durch Silvestre de Sacy und 1857 durch Jules Janin.
Auch im deutschen Sprachraum wirkte sie früh. Bereits zwischen 1781 und 1785 legte Johann Heinrich Voß in sechs Bremer Bänden eine deutsche Übersetzung vor, Die tausend und eine Nacht arabische Erzählungen; 1999 wurde diese Ausgabe als Mikrofiche wieder zugänglich gemacht. 1983 erschien in Stuttgart eine bibliophile Neuausgabe auf Gallands Grundlage, bearbeitet von Babina von der Heydt.
Als Person und Gelehrter blieb Galland ebenfalls im Blick der Forschung. Charles Schefer veröffentlichte 1881 sein Konstantinopel-Tagebuch, und Mohamed Abdel-Halim legte 1964 in Paris eine Darstellung seines Lebens und Werks vor. 1999 wurden seine Paroles remarquables neu herausgegeben. Die Übersetzungswissenschaft beschäftigt sich weiter mit ihm, wie der Aufsatz von Akkad Alhussein in der Zeitschrift Chronotopos von 2019 zeigt.
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