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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Tausendundeine Nacht
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Tausendundeine Nacht
– Werkseintrag –

Tausendundeine Nacht

· Erzählung

Eine junge Frau erzählt um ihr Leben: Nacht für Nacht bricht Scheherazade ihre Geschichte an der spannendsten Stelle ab. Die anonyme Sammlung wuchs über Jahrhunderte aus Stoffen Indiens, Persiens und der arabischen Welt; nach Europa kam sie ab 1704 durch Antoine Galland.

Überblick↑

Die Sammlung Tausendundeine Nacht ist anonym und hat keinen bestimmten Verfasser. Sie steht hier beim französischen Orientalisten Antoine Galland, weil ihr Weg nach Europa bei ihm beginnt. Ab 1704 erschien seine französische Übersetzung, am Ende in zwölf Bänden, die letzten nach seinem Tod 1715. Galland ist Übersetzer und Vermittler, nicht Autor. Über alle Fassungen hinweg zählt die Forschung rund 550 Geschichten aus dem arabischen, persischen und indischen Kulturraum; die einzelnen Fassungen enthalten weit weniger. Die Sammlung wuchs über Jahrhunderte und wurde immer wieder neu zusammengestellt. In der Rahmenhandlung erzählt Scheherazade Nacht für Nacht, um ihr Leben zu retten. Die älteste umfangreichere Handschrift ist die nach Galland benannte in Paris. Sie bricht in der 282. Nacht ab.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Am Anfang steht ein König, dessen Vertrauen zerbrochen ist. König Schahriyar muss feststellen, dass seine Gattin ihn betrügt. Seither traut er keiner Frau mehr. Er heiratet nur noch für eine einzige Nacht und lässt die junge Frau am nächsten Morgen töten, aus Angst vor einem neuen Betrug. Scheherazade, die Tochter seines Wesirs, setzt diesem Kreislauf der Gewalt eine List entgegen. Nach der gemeinsamen Nacht beginnt sie, dem König und ihrer Schwester Dunyazad eine Geschichte zu erzählen. Beim Morgengrauen bricht sie an der spannendsten Stelle ab. Der König will das Ende hören und schiebt die Hinrichtung auf. So geht es Nacht für Nacht weiter, denn Scheherazade hat immer eine neue Geschichte und webt geschickt weitere in eine bereits begonnene ein.

Was sie erzählt, ist von großer Vielfalt. Liebesgeschichten stehen neben Abenteuern, Anekdoten neben Tragödien und Komödien, Gedichte neben Fabeln, religiösen Legenden und derben Burlesken. Viele Geschichten haben ausdrücklich erotischen Charakter. In zahlreichen Erzählungen treten historisch belegte Personen auf, besonders Herrscher, aber auch Amtsträger und Künstler. Immer wieder begegnen dem Leser der Kalif Harun al-Raschid und Personen aus seinem Umfeld. Bis heute am bekanntesten sind Ali Baba und die vierzig Räuber, Sindbad der Seefahrer und Aladin und die Wunderlampe.

Die Handlung im Detail↑

Die Rahmenerzählung setzt mit dem Ehebruch der Königin ein. König Schahriyar entdeckt den Betrug seiner Gattin. Sein Vertrauen in Frauen und ihre Treue ist dauerhaft zerstört. Er fasst einen grausamen Entschluss: Er heiratet nur noch für jeweils eine Nacht, um seine Bedürfnisse zu stillen. Die junge Frau lässt er am folgenden Tag ermorden, damit sie ihn nicht betrügen kann. Scheherazade, die Tochter seines Wesirs, will diesen Kreislauf der Gewalt durchbrechen. Nachdem sie mit dem König das Bett geteilt hat, erzählt sie ihm und ihrer Schwester Dunyazad eine Geschichte. Bei Tagesanbruch hält sie an der spannendsten Stelle inne. Der König, begierig auf den Schluss, verschiebt die Hinrichtung. Scheherazade erzählt immer wieder neue Geschichten und flicht weitere in eine begonnene ein. So wiederholt sich das eintausend weitere Nächte lang. Am Ende verschont der König Scheherazade. Damit hat sie den Kreislauf der Gewalt durchbrochen. Die Einzelheiten des Schlusses unterscheiden sich je nach Fassung.

Innerhalb dieses Rahmens stehen Erzählungen, die sich stark voneinander unterscheiden. Sie reichen von historischen Erzählungen über Anekdoten, Liebesgeschichten, Tragödien und Komödien bis zu Gedichten, Fabeln, religiösen Legenden und Burlesken. Viele sind ausdrücklich erotisch, einige gehen bis ins Pornografische. Häufig sind die Geschichten über mehrere Ebenen miteinander verknüpft, sodass eine Erzählung die nächste in sich birgt.

Die Entstehung erstreckt sich über viele Jahrhunderte. Das Strukturprinzip der Rahmengeschichte und einige der enthaltenen Tierfabeln weisen auf einen indischen Einfluss hin. Unter der Herrschaft der Sassaniden wurden die indischen Erzählungen wahrscheinlich ins Mittelpersische übertragen. Das mittelpersische Buch Tausend Erzählungen gilt als Vorläufer der arabischen Sammlung. Es ist verschollen. In zwei arabischen Quellen des 10. Jahrhunderts wird es aber noch erwähnt.

Die Übersetzung ins Arabische entstand wahrscheinlich im späteren 8. Jahrhundert unter dem Titel Alf Layla, also „Tausend Nächte“. Das älteste Zeugnis ist ein einzelnes Blatt aus dem 9. Jahrhundert, das die Orientalistin Nabia Abbott 1948 bekannt machte. Im 10. Jahrhundert wird das Buch unter dem Titel Tausend Nächte erwähnt. Aus der Zeit um 1150 stammt die erste Erwähnung des arabischen Titels Alf layla wa-layla, aufgezeichnet in der Notiz eines jüdischen Buchhändlers aus Kairo. Im Westen der arabischen Welt verbreitete sich die Schwestersammlung Hundert und eine Nacht. Wann sie entstand, ist ungeklärt.

Im Lauf der Zeit kamen immer neue Erzählungen hinzu: aus arabischen Quellen Geschichten um den historischen Kalifen Harun al-Raschid, später phantastische Geschichten aus Ägypten und Syrien. Immer wieder wurden neue Sammlungen zusammengestellt. Selbst die berühmte Geschichte von Sindbad gehörte nicht zu allen Versionen. Einen geschlossenen Urtext mit einem bestimmten Autor, Sammler oder Redaktor gibt es deshalb nicht. Es handelt sich um eine offene Sammlung mit vielen Bearbeitern, auf die die mündliche Erzähltradition des Orients eingewirkt hat. Bis ins ausgehende 18. Jahrhundert lassen sich Neukompilationen nachweisen. Eine der letzten ist die Ägyptische Rezension, die der Orientalist Hermann Zotenberg als solche erkannte. Bald nach 1800 gelangten einige ihrer Handschriften nach Europa, unter anderem durch Joseph von Hammer-Purgstall. Er fertigte 1804 bis 1806 eine französische Übersetzung an, die verloren ist. Handschriften dieser Rezension dienten als Vorlagen der Druckausgaben von Bulaq 1835 und Kalkutta 1839–1842.

Die älteste umfangreichere Handschrift ist die Galland-Handschrift in Paris. Sie entstand wahrscheinlich im 15. Jahrhundert; die Datierung ist umstritten. Sie ist ein Torso und bricht mitten in der 282. Nacht ab. Ihren Namen trägt sie nach dem französischen Orientalisten Antoine Galland (1646–1715), der sie 1701 erworben hatte. Ab 1704 veröffentlichte Galland eine französische Bearbeitung und begann damit die europäische Rezeption. Den ersten Band widmete er der Marquise d'O, einer Hofdame der Herzogin von Burgund. Seine Scheherazade rückt die Forschung in die Nähe der französischen Märchenerzählerinnen um Madame d'Aulnoy. Nach seinem Tod 1715 kam die Handschrift in den Besitz der Bibliothèque du Roi, der heutigen Französischen Nationalbibliothek. Galland nahm auch Geschichten auf, die in seiner arabischen Vorlage fehlten. Dazu gehört Sindbad der Seefahrer, den er bereits nach einer eigenständigen arabischen Vorlage übersetzt hatte, bevor er von der Handschrift überhaupt wusste. Weitere zehn Geschichten übernahm er 1709 von Hanna Diyab, einem maronitischen Christen aus Aleppo. Insgesamt erhielt er von Diyab sechzehn Geschichten, mündlich oder schriftlich, wie Gallands Tagebuch belegt. Darunter waren Aladin und die Wunderlampe und Ali Baba und die vierzig Räuber. Von keiner dieser Geschichten ist eine arabische Handschrift aus der Zeit vor Galland bekannt; spätere arabische Fassungen von Aladin und Ali Baba folgen Gallands Text. Literaturwissenschaftler sehen bei Aladin zudem Parallelen zu Diyabs Autobiografie.

In der Universitätsbibliothek Tübingen liegt eine illustrierte arabische Handschrift aus Damaskus von etwa 1640. Sie umfasst die 284. bis 541. Nacht und schließt damit fast an die Galland-Handschrift an. 2010 entdeckte die Orientalistin Claudia Ott in einer Berliner Ausstellung des Aga Khan Museums eine Handschrift von Hundert und eine Nacht. Sie stammt aus dem Maghreb oder aus Andalusien und ist vermutlich um 1234 geschrieben.

Stil↑

Kennzeichnend für die Sammlung ist ihr Bau aus Geschichten in Geschichten. Die Rahmenerzählung um Scheherazade hält alles zusammen, und in sie sind Schachtelgeschichten eingelegt, die oft über mehrere Ebenen miteinander verknüpft sind. Der Abbruch an der spannendsten Stelle ist dabei das treibende Mittel: Jede Nacht endet mit einem offenen Schluss, der zum Weiterhören zwingt. Der Sprachstil ist häufig sehr blumig. An vielen Stellen verwendet das Werk Reimprosa, also kunstvoll gereimte Prosa. Die Galland-Handschrift ist in Mittelarabisch gehalten, einer Mischung aus klassischem Arabisch und Umgangssprache. Die Vielfalt der Gattungen ist beachtlich: Historische Erzählung, Anekdote, Liebesgeschichte, Tragödie, Komödie, Gedicht, Fabel, religiöse Legende und Burleske stehen nebeneinander.

Rezeption↑

In Europa gilt Tausendundeine Nacht vielen als Märchenbuch für Kinder. Das trifft nicht zu, denn im Original handelt es sich um eine Geschichtensammlung für Erwachsene mit teils sehr erotischen Erzählungen. Ursache des Missverständnisses ist vermutlich die erste europäische Übersetzung durch Antoine Galland. Sie erschien ab 1704 in zwölf Bänden, die letzten nach seinem Tod 1715. Dabei entschärfte oder tilgte er die religiösen und erotischen Bestandteile. Gerade diese Fassung wirkte unerwartet stark.

Die deutsche Übersetzungsgeschichte verläuft in vielen Schritten. August Ernst Zinserling übertrug den Text nach der französischen Fassung Joseph von Hammers ins Deutsche; sie erschien 1823–1824 in Stuttgart und Tübingen. Eine auf Galland fußende vollständige Übersetzung lieferte Max Habicht gemeinsam mit Friedrich Heinrich von der Hagen und Karl Schall 1825 in Breslau. Die erste deutsche Übersetzung aus arabischen Originaltexten stammt vom Orientalisten Gustav Weil und erschien um 1840. Weil stützte sich unter anderem auf die arabische Bulaq-Ausgabe von 1835. Max Henning besorgte für Reclams Universal-Bibliothek eine weitere deutsche Übersetzung in 24 Bänden, die in den 1890er-Jahren erschien.

Berühmt wurde die ungekürzte englische Übersetzung von Richard Francis Burton. Er veröffentlichte die Geschichten 1885–1888 in 16 Bänden unter dem Titel The Book of the Thousand Nights and a Night. Damit löste er im viktorianischen England einen Skandal aus. Auf ihrer Grundlage entstand eine deutsche Übersetzung von Felix Paul Greve.

Für den Insel Verlag überarbeitete der Orientalist Enno Littmann die Greve-Übersetzung. Seine Fassung erschien 1921 bis 1928. Ihr legte er die redigierte, in Indien gedruckte arabische Ausgabe von 1839–1842 zugrunde. Der tunesische Arabist Mahmud Tarshuna gab die Schwestersammlung Hundert und eine Nacht kritisch heraus, nach Handschriften des 18. und 19. Jahrhunderts.

Der Arabist und Islamwissenschaftler Muhsin Mahdi (1926–2007) legte 1984 eine kritische Edition der Galland-Handschrift vor. Damit ist der Text der Handschrift in seiner ursprünglichen Form zugänglich. Claudia Ott veröffentlichte 2004 die erste deutsche Übersetzung dieser Edition. Otto Kallscheuer hob in der Zeit ihr „klares, lebhaftes Deutsch“ hervor und lobte, dass sie auf „orientalisierende Ausschmückungen“ verzichtet habe. Bis 2022 erschienen von Ott drei Übersetzungsbände.

Die Wirkung der Sammlung reicht weit über die Literatur hinaus. Film, Oper, Ballett und Fernsehen haben den Stoff immer wieder aufgegriffen. Pier Paolo Pasolini verfilmte ihn 1974 als Erotische Geschichten aus 1001 Nacht. Steve Barron drehte 2000 den Fernsehfilm Arabian Nights – Abenteuer aus 1001 Nacht. Sogar auf dem Saturnmond Enceladus trägt die Landkarte Namen aus den Geschichten. Die Orte und Gestalten der Sammlung liefern dort die Bezeichnungen.

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