1951
Tauben im Gras
Überblick↑
Der Roman Tauben im Gras von Wolfgang Koeppen erschien 1951 und bildet den Auftakt zu einer Reihe von drei Romanen, die als Trilogie des Scheiterns bekannt wurde. In 105 kurzen, episodenhaften Abschnitten verfolgt das Buch über dreißig Haupt- und Nebenfiguren an einem einzigen Tag durch eine bayerische Großstadt der Nachkriegszeit unter amerikanischer Besatzung. Wegen seines Aufbaus, der sich an der Montagetechnik und dem inneren Monolog des modernen Romans orientiert, gilt das Werk als bedeutender Beitrag zur deutschen Nachkriegsliteratur.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
An einem Tag um das Jahr 1950 laufen in einer bayerischen Großstadt, vermutlich München, viele Handlungen zugleich ab. Die Spuren des Zweiten Weltkriegs prägen noch das Stadtbild, doch das Leben beginnt sich langsam zu beruhigen und die Verhältnisse bessern sich. Luxusgüter bekommen die weniger begüterten Deutschen oft nur über Beziehungen zu den amerikanischen Besatzern. Freundschaften und Affären deutscher Frauen mit schwarzen Soldaten werden von Teilen der Bevölkerung mit rassistischen Vorurteilen betrachtet.
In schnell wechselnden Szenen zeigt der Roman einzelne Menschen bei ihren Gängen durch die Stadt. Da ist die Kriegerwitwe Carla mit ihrem Liebhaber, dem amerikanischen Soldaten Washington Price. Da ist der Schriftsteller Philipp, der von einem großen Roman träumt, aber nicht zu schreiben vermag, und seine niedergedrückte Frau Emilia, die den Familienschmuck unter Wert verkauft. Da sind der Filmschauspieler Alexander und seine feierlustige Frau Messalina. Dazu kommen amerikanische Besucher: der bekannte Dichter Mr. Edwin auf Vortragsreise, eine Gruppe junger Lehrerinnen aus Massachusetts, der Flieger Richard Kirsch auf Verwandtenbesuch und weitere Reisende.
Auf diese Menschen bezieht sich der Titel: Sie sind wie Tauben im Gras, zufällig für eine Weile am selben Ort versammelt. Die meisten Begegnungen im Buch entstehen durch Zufall. Nach und nach verknüpfen sich die vielen Erzählfäden immer enger, und einzelne Beziehungen und ihre Spannungen treten schärfer hervor.
Die Handlung im Detail↑
Am Morgen nach einer ausschweifenden Feier in seinem Haus fährt der Filmschauspieler Alexander ins Atelier, um an einer weiteren Folge des Erzherzog-Films zu drehen, der die Zuschauer die Leiden des Krieges vergessen lassen soll. Seine Feier hatte seine Frau Messalina mit der Malerin Alfredo und der jungen Susanne gestaltet; der ermüdete, impotente Alexander war nur Zuschauer. Zur gleichen Zeit bringt die fromme Kinderfrau Emmi seine Tochter Hillegonda zur Frühmesse, um das Kind von den Sünden der Eltern zu befreien.
Der Schriftsteller Philipp hat die gemeinsame Wohnung in der Fuchsstraße nach einem Zornanfall seiner Frau verlassen und übernachtet im Hotel „Zum Lamm“. Er soll für Alexander ein Drehbuch schreiben, findet dazu aber keine Kraft; echte Dichtung ist ihm das nicht. Seine Frau Emilia stammt aus wohlhabender Familie, hat ihr Erbe aber im Krieg und durch die Währungsreform großenteils verloren. Sie hält das Paar über Wasser, indem sie Silber, Schmuck und Antiquitäten aus der verfallenden Villa unter Wert verkauft. Über Philipps Lethargie verzweifelt, trinkt sie viel.
Washington Price, ein schwarzer amerikanischer Soldat aus Baton Rouge und Baseballspieler der „Red Stars“, unterhält eine Liebesbeziehung mit der Kriegerwitwe Carla. Carla hat mit achtzehn schwanger geheiratet und ihren Mann vermutlich bei Stalingrad verloren; sie arbeitet als Schreibkraft bei der Besatzung, wo sie Washington kennenlernte. Ihre Mutter, Frau Behrend, verurteilt die Verbindung als Schande, nimmt aber Washingtons Geschenke an. Bei ihren Treffen im Domcafé beklagen Frau Behrend und ihre Freundinnen die moderne Zeit und verharren in alten Denkmustern. Carlas Sohn Heinz bewundert einerseits den erfolgreichen Sportler mit dem amerikanischen Auto, übernimmt andererseits das Vorurteilsdenken seiner Jungenbande, die ihn deswegen beschimpft. Als Carla von Washington schwanger wird und Druck zur Abtreibung entsteht, denkt Washington über einen Umzug nach Paris nach, den auch Carla gutheißt.
Mr. Edwin, ein belesener, philosophischer Dichter, ist in die Stadt gekommen, um im Amerikahaus eine Rede über die Gefährdung des europäischen Geistes zu halten. Beim Versuch, ihn im Auftrag der Zeitung „Neues Blatt“ zu befragen, trifft Philipp im Hotel auf die Lehrerinnen aus Massachusetts, die ihn zunächst für den berühmten Dichter selbst halten. Wegen seiner geringen Englischkenntnisse kann Philipp den Irrtum nicht aufklären und flieht beschämt. Vor allem die einundzwanzigjährige Kay, eine glühende Verehrerin Edwins, überträgt ihre Begeisterung nun auf den deutschen Schriftsteller. Philipp begegnet auch Messalina, die ihn zu ihrer Party einlädt. Später fliehen beide Dichter, Philipp und Edwin, unabhängig voneinander vor Messalina in den Hotelhof, kommen aber aus Scheu nicht miteinander ins Gespräch.
Am Abend versammelt sich ein buntes Publikum zu Edwins Vortrag. Für die meisten ist es ein gesellschaftliches Ereignis. Ein Defekt der Sprechanlage bringt den Redner aus dem Konzept, seine Rede wird schwer verständlich, und ein großer Teil der überforderten Zuhörer schläft ein. Dabei zitiert Edwin Gertrude Stein mit den Worten, die dem Roman den Titel geben: wie „Tauben im Gras“. Philipp, der verspätet mit Kay erscheint, erkennt zwar Größe in dem Vortrag, ahnt aber, dass er folgenlos bleiben wird.
Richard Kirsch, ein amerikanischer Flieger deutscher Abstammung, staunt beim Verwandtenbesuch über den Wiederaufbau der Stadt. In der Lebensmittelhandlung wartet er auf Frau Behrend, während diese sich im Domcafé mit ihrer Tochter streitet. Zu einem Gespräch kommt es nicht, denn Richard lernt ein „Fräulein“ kennen und verliert das Interesse an dem Besuch. In einem Laden trifft Kay auf Emilia, die dort Schmuck verkaufen wollte. Spontan schenkt Emilia der eben erst Kennengelernten ihren Schmuck; die beiden Frauen küssen sich.
Gegen Ende verdichten sich die Fäden zur Katastrophe. Der schwarze Soldat Odysseus Cotton, der sich vom alten Dienstmann Josef seinen Musikkoffer tragen ließ, wird von Susanne bestohlen. Er sucht den Dieb unter den Gästen, es kommt zum Streit, und Steine fliegen. Unter ungeklärten Umständen trifft ein Stein den alten Josef am Kopf und verletzt ihn tödlich. Die Nachricht und Gerüchte über angebliche Morde heizen die Stimmung an. Alkoholisierte Gäste aus dem Bräuhaus ziehen empört zum Klub der schwarzen Soldaten, wo Jazz gespielt wird, und bewerfen ihn mit Steinen; auch Frau Behrend gehört zum Pöbel. Washington und Carla werden als „Taximörder“ beschimpft und angegriffen. Die Opfer der Gewalt sind Unschuldige.
In dieser Nacht endet auch Philipps Begegnung mit Kay enttäuschend. Ernüchtert vom hässlichen Hotelzimmer verabschiedet sie sich und lässt ihm den Schmuck zurück, den Emilia ihr geschenkt hatte. Emilia betrinkt sich unterdessen, frustriert über Philipps Abwesenheit. Vor dem Fenster hört man die Hilferufe Edwins: Auf seiner nächtlichen Suche nach schönen jungen Männern ist er einer Bande arbeitsloser Jugendlicher in die Hände gefallen, die in ihm einen wohlhabenden Freier sehen und ihn zusammenschlagen.
Stil↑
Kennzeichnend für das Werk ist die Montagetechnik: In 105 kurzen Abschnitten schneidet der Roman hart von einem Handlungsstrang zum nächsten, oft ohne dass ein neuer Absatz den Wechsel anzeigt. Das fordert dem Leser viel Aufmerksamkeit ab. Zur Orientierung dient das rasche Wiederauftauchen von Signalwörtern, vor allem der Namen der handelnden Personen, aber auch von Gegenständen wie der „grünen Ampel“ an einer Kreuzung. Zeitungsmeldungen sind in die Erzählung hineinmontiert; in der Erstausgabe und in Taschenbuchausgaben seit 2007 erscheinen sie durchgehend in Kapitälchen.
Der innere Monolog und die Reihung von Gedankenfetzen bestimmen den Ton. Koeppen wollte den Roman ursprünglich ganz ohne Punkte schreiben, damit er noch stärker wie ein einziger, fortlaufender Gedanke wirkt. Das gestattete ihm der Verlag nicht; als Kompromiss rang er ihm eine besondere Zeichensetzung ab. Auch diese Fassung gilt als Beispiel für den modernen Roman. Ein Rezensent des Spiegels beschrieb den Stil als „gehetzt“ und als ein „stoßweises Vonsichgeben des Bodensatzes nie ganz zu verarbeitender Erlebnisse“.
Rezeption↑
Als Auftakt der Trilogie des Scheiterns nimmt der Roman einen festen Platz in der deutschen Nachkriegsliteratur ein und zählt wegen seiner modernen Erzählform zu den viel beachteten Werken seiner Zeit. Schon bei Erscheinen fand der ungewohnte, gehetzte Stil in der Kritik deutliches Echo. Über die Jahrzehnte festigte sich das Ansehen des Buches als eigenständiges Beispiel des modernen Romans in deutscher Sprache.
Im Jahr 2023 entzündete sich ein neuer Streit an dem Werk: Diskutiert wurde die Verwendung rassistischer Begriffe für schwarze Personen, die im Text vorkommen. Damit rückte der Roman erneut in die öffentliche Aufmerksamkeit und wurde Gegenstand einer Debatte über den Umgang mit solcher Sprache in älteren literarischen Werken.
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