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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Wolfgang Koeppen
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Wolfgang Koeppen
1906 – 1996
– Autorenporträt –

Wolfgang Koeppen

1906 – 1996 · 89 Jahre

Wolfgang Koeppen zählt zu den wichtigsten Erzählern der frühen Bundesrepublik – seine drei Romane „Tauben im Gras“, „Das Treibhaus“ und „Der Tod in Rom“ aus den frühen 1950er Jahren sind kritische Bestandsaufnahmen der Nachkriegsgesellschaft.

Kurzporträt

Zu den wichtigsten Erzählern der frühen Bundesrepublik zählt Wolfgang Koeppen, geboren 1906 in Greifswald, gestorben 1996 in München. Bekannt wurde er vor allem durch drei Romane, die er Anfang der 1950er Jahre in rascher Folge veröffentlichte: Tauben im Gras, Das Treibhaus und Der Tod in Rom. Diese oft als Trilogie des Scheiterns bezeichneten Bücher sind kritische Bestandsaufnahmen der Nachkriegsgesellschaft. Danach veröffentlichte Koeppen nur noch wenig und wandte sich vorwiegend Reiseberichten zu. Sein langes literarisches Schweigen und die hohen Erwartungen an ein weiteres großes Werk begleiteten seine späten Jahrzehnte.


Biografie

Als uneheliches Kind kam Wolfgang Arthur Reinhold Köppen 1906 in Greifswald in Vorpommern zur Welt. Bis etwa 1923 schrieb er sich noch „Köppen“, später wählte er die Form „Koeppen“. Seine Mutter Maria Köppen (1877–1925) arbeitete als Weißnäherin und später als Souffleuse am Stadttheater Greifswald. Zum Vater Reinhold Halben, einem Privatdozenten für Augenheilkunde, hatte er zeitlebens kaum Kontakt; laut der Deutschen Biographie stritt dieser die Vaterschaft in den 1920er Jahren gerichtlich ab.

Nach dem Tod der Großmutter zogen Mutter und Sohn 1908 oder 1909 nach Thorn in Westpreußen, wo eine Verwandte den Haushalt eines Baurats führte. Dessen Bibliothek nutzte der Junge ausgiebig. Um 1912 folgte die Übersiedlung nach Ortelsburg in Masuren. Dort besuchte Koeppen ab 1915 das Realgymnasium. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs floh er kurz nach Greifswald. 1919 kehrte die Familie endgültig dorthin zurück. Aus finanziellen Gründen musste Koeppen auf die Knaben-Mittelschule wechseln, die er nach dem Ende der Schulpflicht verließ. Anschließend arbeitete er als Laufbursche in einer Greifswalder Buchhandlung.

Es folgten Jahre wechselnder Tätigkeiten. Koeppen wurde Volontär am Stadttheater Greifswald und besuchte als Gasthörer Vorlesungen an der Universität. Er heuerte 1922/23 in Stettin als Kochjunge auf einem Frachtschiff an und verdingte sich als Gelegenheitsarbeiter, unter anderem als Fabrikarbeiter, Platzanweiser und Prüfer von Glühlampen bei der Firma Osram. Verschiedene Theaterengagements dauerten jeweils nur kurz: 1923 spielte er am Fürstlichen Schauspielhaus in Putbus auf Rügen, 1924 sollte er am Theater Wismar arbeiten, 1926/27 war er Dramaturgie- und Regievolontär am Stadttheater Würzburg. In Berlin fand Koeppen 1927 Kontakt zum dramaturgischen Kollektiv von Erwin Piscator und lernte die Schauspielerin Sybille Schloß kennen. Seine unerwiderte Liebe zu ihr verarbeitete er später in seinem ersten Roman.

Seit den späten 1920er Jahren veröffentlichte Koeppen kürzere literarische und journalistische Texte, vor allem Film- und Theaterkritiken, unter anderem in der Zeitung Berliner Börsen-Courier. Bei diesem linksliberalen Blatt war er ab 1932 Feuilletonredakteur, bis die Zeitung Ende 1933 nach der nationalsozialistischen Machtübernahme eingestellt wurde. Der Verleger Bruno Cassirer ermöglichte ihm 1934 eine längere Reise durch die Schweiz und Italien. Im selben Jahr erschien der Roman Eine unglückliche Liebe, 1935 der Roman Die Mauer schwankt. Von 1934 an lebte Koeppen in Den Haag bei einer ihm bekannten Anwaltsfamilie, die ins Exil gegangen war. 1938 kehrte er nach Deutschland zurück, da er in den Niederlanden keine feste Existenzgrundlage fand.

In Berlin arbeitete Koeppen ab 1939 für Filmstudios und verfasste Filmexposés und Drehbücher. Wegen der Arbeit an einem nie erschienenen Roman mit dem Titel Mit Einsetzen der Flut wurde seine Einberufung im April 1940 zurückgestellt. 1943 oder 1944 übersiedelte er nach Feldafing am Starnberger See. Laut der Deutschen Biographie war er dort entgegen eigener Aussage, „in den Untergrund gegangen“ zu sein, weiterhin für den Film tätig. Anfang 1945 wurde er zum Volkssturm eingezogen. In Feldafing lernte er Marion Ulrich (1927–1984) kennen, seine spätere Frau. Nach dem Krieg lebten beide zunächst vom Verkauf von Antiquitäten; 1948 heirateten sie. Im selben Jahr erschien der von Koeppen bearbeitete Text Aufzeichnungen aus einem Erdloch unter dem Namen Jakob Littners, ohne dass Koeppen genannt wurde. In den Nachkriegsjahren arbeitete er außerdem als Verlagslektor und schrieb 1947/48 Feuilleton-Beiträge für die Zeitung Die Neue Zeitung.

Von 1949 an entstand die Verbindung zum Verleger Henry Goverts, und es folgten die drei großen Romane: Tauben im Gras (1951), Das Treibhaus (1953) und Der Tod in Rom (1954). Auf Vermittlung von Alfred Andersch bereiste Koeppen in den folgenden Jahren für den Süddeutschen Rundfunk zahlreiche Länder, darunter Spanien, Italien, die Sowjetunion, die USA und Frankreich. Die daraus entstandenen Reisebeschreibungen erschienen auch im Druck; der Band Amerikafahrt von 1959 zählt laut der Deutschen Biographie zu seinen besten literarischen Arbeiten. 1962 schloss Koeppen einen Vertrag mit dem Suhrkamp Verlag, doch die erwarteten Bücher blieben weitgehend aus. 1976 erschien das schmale Prosastück Jugend. 1992 wurden die Aufzeichnungen aus einem Erdloch unter Koeppens Namen neu veröffentlicht.

Koeppen starb 1996 in einem Münchner Pflegeheim; seine Frau Marion war bereits 1984 gestorben. Beigesetzt wurde er auf dem Nordfriedhof in München-Schwabing. Zur Erinnerung an ihn und zur Betreuung seines Nachlasses gründeten Günter Grass und Peter Rühmkorf im Jahr 2000 die Wolfgang-Koeppen-Stiftung mit Sitz in Greifswald. Seit 2003 befindet sich in seinem Geburtshaus das Koeppenhaus mit dem Literaturzentrum Vorpommern und dem Wolfgang-Koeppen-Archiv, das von der Universität Greifswald betreut wird.


Literarische Merkmale

Charakteristisch für Koeppens Romane ist eine mosaikartige Erzählweise. Sie erweckt den Eindruck von Gleichzeitigkeit, indem sie viele kurze, aus verschiedenen Blickwinkeln erzählte Episoden und Eindrücke scheinbar zufällig aneinanderreiht. Durchzogen sind diese Texte von assoziativen Gedankengängen in langen, parataktischen Sätzen. Thematisch behandeln die drei großen Romane individuelle Isolation und gesellschaftliche Desorientierung, aber auch das Fortwirken der NS-Zeit und die politische Restauration in der frühen Bundesrepublik.

Der Kritiker Reinhard Döhl erkannte schon in den frühen Romanen den Stil, der für Koeppen kennzeichnend blieb: ein oft an den Filmschnitt erinnernder rascher Sprung zwischen Schauplatz, Zeit und Figur, die Technik der Montage und der Wechsel zwischen knapper Parataxe und langen, assoziativen Satzgefügen. Dazu kam die Aufhebung der Grenzen zwischen Erzähler und Figur, zwischen Erzählung und Reflexion, zwischen Realität und Traum. In allen Werken machte Döhl immer wiederkehrende Motive aus: „Vergeblichkeit des Reisens, Flucht und Heimkehr, Fremdheit und Selbstentfremdung, Selbsttäuschung und Resignation“.

Marcel Reich-Ranicki setzte Koeppen von der zeittypischen Kahlschlagliteratur und vom lakonischen Stil Ernest Hemingways ab. Stattdessen habe Koeppen versucht, an die literarische Moderne von James Joyce, John Dos Passos, William Faulkner, Marcel Proust oder Alfred Döblin anzuknüpfen. Diese Erzählweise setzte Koeppen auch in seinen Reise-Essays fort. Über das ganze Werk hinweg beobachtete Döhl eine wachsende Tendenz zur Autobiografie. Helmut Heißenbüttel sah Koeppen einer „Selbstentblößung auf der Spur“, vor der er zugleich zurückschreckte: „Je weiter in der Projektion auf fiktive Gestalten, einschließlich des Ichs der Reiseberichte, die Tendenz zur Selbstentblößung vorangetrieben ist, um so stärker verschließt sich der Privatmann Wolfgang Koeppen.“


Rezeption

Verhalten fiel die zeitgenössische Reaktion auf Koeppens Romane in den frühen 1950er Jahren aus. Die Kritik zeigte sich eher irritiert, die Resonanz war großenteils negativ. Aus heutiger Sicht gelten die drei Bücher jedoch als einige der wichtigsten Werke der deutschen Nachkriegsliteratur, und Koeppen zählt zu den wichtigsten Repräsentanten der Literatur der frühen Bundesrepublik. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt; Tauben im Gras fand Eingang in den Schulkanon.

Vor allem Marcel Reich-Ranicki setzte sich immer wieder für Koeppen ein und nahm Tauben im Gras in seinen Kanon der deutschen Literatur auf. Reich-Ranicki meinte, der Roman sei zu früh erschienen und auf ein Publikum gestoßen, das für diese in Deutschland noch weitgehend unbekannte Form der literarischen Moderne nicht bereit gewesen sei. Bereits 1961 hatte er unter dem Titel Der Fall Koeppen beschrieben, dass die wiederholte Zurückweisung seiner Romane den „Einzelgänger in der deutschen Nachkriegsliteratur“ auf den Nebenpfad der Reiseberichte geführt habe. Andere Kritiker wie Döhl widersprachen und sahen in den Reiseschilderungen ein gleichwertiges Gegengewicht zu den Romanen.

Seit den 1960er Jahren erhielt Koeppen zahlreiche Ehrungen. Seine späten Jahre waren geprägt von großen Erwartungen der Öffentlichkeit – etwa seines Verlegers Siegfried Unseld, der einen „deutschen Ulysses“ erhoffte – und dem gleichzeitigen literarischen Verstummen des Autors. Das Prosastück Jugend fand 1976 noch einmal großes Lob. Umstritten blieb sein Umgang mit den Aufzeichnungen aus einem Erdloch: Postum stellte sich heraus, dass er den Originalbericht des jüdischen Zeitzeugen Jakob Littner weitgehend übernommen und lediglich literarisch bearbeitet hatte. Rückblickend schrieb Koeppen zu dieser Aneignung: „Ich aß amerikanische Konserven und schrieb die Leidensgeschichte eines deutschen Juden. Da wurde es meine Geschichte.“ Der spätere Autor Christoph Peters nahm in mehreren Romanen inhaltlich und erzähltechnisch auf Koeppens Trilogie Bezug.

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