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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Gertrud Kolmar
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Porträt Gertrud Kolmar
Gertrud Kolmar
1894 – 1943
– Autorenporträt –

Gertrud Kolmar

1894 – 1943 · 48 Jahre

Gertrud Kolmar schrieb Gedichte von großer sprachlicher Dichte, blieb als Jüdin in Deutschland, um ihren Vater zu pflegen, und wurde 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Kurzporträt

Unter dem Namen Gertrud Kolmar veröffentlichte die 1894 in Berlin geborene Gertrud Käthe Chodziesner Gedichte von großer sprachlicher Dichte. Sie gilt heute als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts, obwohl zu ihren Lebzeiten nur wenig erschien. Ihre Verse kreisen um Natur- und Frauenthemen, oft ins Mystische und Hymnische gesteigert. Als Jüdin blieb sie nach 1933 in Deutschland, um ihren Vater zu pflegen, während ihren Geschwistern die Flucht gelang. Anfang 1943 wurde sie verhaftet und im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.


Biografie

Geboren wurde Gertrud Käthe Chodziesner am 10. Dezember 1894 in Berlin. Sie war die älteste Tochter des jüdischen Rechtsanwalts Ludwig Chodziesner und seiner Frau Elise, geborene Schoenflies. Laut der Neuen Deutschen Biographie stammte sie aus einer jüdischen Großbürgerfamilie. Sie hatte zwei Schwestern und einen Bruder und war eine Cousine des Literaturhistorikers Walter Benjamin. Aufgewachsen ist sie im Charlottenburger Westend.

Nach mehreren privaten Berliner Mädchenschulen besuchte sie 1911/12 eine haus- und landwirtschaftliche Frauenschule in Elbisbach bei Leipzig. Sie lernte Russisch und legte 1915/16 ein Seminar für Sprachlehrerinnen in Berlin ab, mit einem Diplom für Englisch und Französisch. In dieser Zeit hatte sie eine Liebesbeziehung mit einem Offizier, die mit einer Abtreibung und der Trennung endete.

Ihren ersten Gedichtband veröffentlichte sie 1917 unter dem Pseudonym Gertrud Kolmar. Der Name geht auf die Herkunft der Familie aus der Stadt Chodziesen in der preußischen Provinz Posen zurück, die 1878 in Kolmar umbenannt worden war. In den Jahren 1917/18 arbeitete sie als Zensorin im Kriegsgefangenenlager Rohrbeck/Döberitz bei Berlin. 1921 zog die Familie in die Berliner Innenstadt, 1923 nach Falkensee bei Spandau in die Villenkolonie Finkenkrug. Gertrud Kolmar war in diesen Jahren Erzieherin in verschiedenen Berliner Familien; 1927 ging sie in dieser Aufgabe auch nach Hamburg. Im selben Jahr unternahm sie eine Studienreise nach Frankreich mit Aufenthalten in Paris und Dijon. Ab 1928 übernahm sie wegen der schweren Erkrankung ihrer Mutter die Führung des elterlichen Haushalts und arbeitete daneben als Sekretärin für ihren Vater.

Wegen dieses Vaters blieb sie nach 1933 in Deutschland, während ihre Geschwister flüchten konnten. Ab Ende der 1920er-Jahre erschienen einzelne Gedichte in Zeitschriften und Anthologien. 1934 kam ihr zweiter Gedichtband Preußische Wappen im Verlag Die Rabenpresse von Victor Otto Stomps heraus. Diese Veröffentlichung brachte den Verlag auf eine Liste unerwünschter Verlage des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Ab 1936 durfte Kolmar nicht mehr unter ihrem Künstlernamen publizieren, sondern nur noch unter dem Familiennamen Chodziesner.

Ihr dritter Gedichtband Die Frau und die Tiere erschien im August 1938 im Verlag Erwin Löwe. Nach der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 wurde er im Zuge der Auflösung der jüdischen Buchverlage verramscht. Noch im November 1938 wurde die Familie zum Verkauf ihres Hauses in Finkenkrug gezwungen und musste in eine Etagenwohnung in ein sogenanntes „Judenhaus“ in Berlin-Schöneberg umziehen. Ab Juli 1941 musste Gertrud Kolmar Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leisten. Ihr Vater wurde im September 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort im Februar 1943.

Am 27. Februar 1943 wurde Gertrud Kolmar im Verlauf der sogenannten Fabrikaktion verhaftet. Am 2. März 1943 wurde sie ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert und dort ermordet. Das genaue Todesdatum ist ungewiss: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet lediglich das Jahr 1943, während andere Angaben den März 1943 nennen; die Deutsche Biographie führt sie als „verschollen seit Februar 1943“.


Literarische Merkmale

Hinter einem äußerlich herben, verschlossenen und zur Askese neigenden Wesen verbarg Gertrud Kolmar eine hohe ästhetische Sensibilität. Nach eher konventionellen Anfängen fand sie vor allem ab Ende der Zwanzigerjahre zu einem eigenen, unverkennbaren Ton, geprägt von großer sprachlicher Virtuosität und Expressivität. Dabei hielt sie zugleich an traditionellen Formen fest. In ihrem Werk herrschen Natur- und Frauenthemen vor, oft ins Mystische und Hymnische gesteigert.

Ihre künstlerische Entwicklung war stark von ihrem Interesse für östliche Kulturen und die Geschichte der alten Völker beeinflusst. Einen entscheidenden Impuls erhielt sie durch die Begegnung mit den Danton-Dramen Georg Büchners und Romain Rollands in den Inszenierungen Max Reinhardts. In dem Essay Das Bildnis Robespierres rechtfertigte sie Robespierre; dieses Thema zieht sich als Leitmotiv durch den postum veröffentlichten Zyklus Robespierre, der wohl in den 1920er-Jahren entstand. In dessen 45 balladesken Gedichten erscheint Robespierre als der „Unbestechliche“ und „Reine“, der um der Gerechtigkeit willen leidet.

Ihr tragisches Geschichtsverständnis führte sie zu der Frage nach der Zerrissenheit der Schöpfung und dem Unbehaustsein des Menschen. Im Zyklus Alte Stadtwappen, zuerst 1934 unter dem Titel Preußische Wappen erschienen, deutete sie die Wappen nicht als heraldische Zeichen, sondern als Urbilder. Ihr Spätwerk, so der mehr als 150 Gedichte umfassende Zyklus Die Frau und die Tiere, ist von tiefem Mitleiden durchdrungen und wird zu einem lyrischen Bekenntnis zu Frau, Kind, Tier und Liebenden. Die Gedichtsammlung Welten, 1947 veröffentlicht, bildet einen elegischen Abgesang ihres Werks in reimlosen, freien Rhythmen.

Als eigene Vorbilder nannte Kolmar die große französische Lyrik und den Eindruck der Slawen. Laut der Deutschen Biographie sind zudem Einflüsse der Droste, Georg Heyms, Georg Trakls und Rainer Maria Rilkes unübersehbar, in den Welten auch Friedrich Hölderlins; eine starke Geistesverwandtschaft besteht zu Else Lasker-Schüler und Elisabeth Langgässer. Dennoch fügt sich ihr Werk keiner Tradition ein. Ihre Prosa erreicht dabei nicht den Rang ihrer Gedichte.


Rezeption

Zu Lebzeiten erschien nur relativ wenig von ihrem Werk. Heute gilt Gertrud Kolmar als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr Rang erschloss sich erst nach und nach, auch durch die postumen Ausgaben ihrer Gedichte.

Die Deutsche Biographie stellt ihr Werk in eine Reihe mit den Dichtungen der Nelly Sachs: Bei beiden erschließe sich der Sinn erst aus dem Schicksal als Jüdin, aus der Vertrautheit mit mythischen Bildern des Ursprungs und dem Wissen um das Leiden alles Geschöpflichen. Nach ihrem Tod wurden zentrale Werke zugänglich gemacht, darunter die Sammlung Welten 1947 sowie erweiterte Auflagen des Zyklus Die Frau und die Tiere 1955 und 1960. Ihr Porträt fand später Aufnahme in Jürgen Serkes Buch Die verbrannten Dichter.

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