1931 – 1989
Thomas Bernhard
Kurzporträt↑
Thomas Bernhard zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Romane, Erzählungen und Theaterstücke kreisen um Krankheit, Tod, Einsamkeit und das Fortwirken des Nationalsozialismus in Österreich. Mit polemischen Schmähreden auf sein Heimatland löste er einen Skandal nach dem anderen aus. 1970 erhielt er den Georg-Büchner-Preis. Seine Werke sind in 42 Sprachen übersetzt. Bis heute gilt er als stilprägendes Vorbild für Autoren weit über den deutschsprachigen Raum hinaus.
Biografie↑
Thomas Bernhard kam am 9. Februar 1931 in Heerlen in den Niederlanden als nichteheliches Kind zur Welt. Seine Mutter Herta Bernhard arbeitete dort als Haushaltshilfe. Sie war die Tochter des Salzburger Schriftstellers Johannes Freumbichler. Den Vater, den Tischler Alois Zuckerstätter, lernte Thomas nie kennen. Zuckerstätter bestritt die Vaterschaft. 1939 wurde er vom Amtsgericht Berlin-Mitte als Vater festgestellt. 1940 starb er in Berlin durch eine Gasvergiftung, wobei Suizid vermutet wurde.
Nach den ersten Wochen auf einem Fischkutter bei Rotterdam kam der Junge zu den Großeltern nach Wien. 1935 zog die Familie nach Seekirchen am Wallersee. Diese Zeit bezeichnete Bernhard später als die glücklichste seines Lebens. 1936 heiratete die Mutter den Friseurgesellen Emil Fabjan. Ein Jahr darauf übersiedelte die Familie nach Traunstein in Oberbayern. 1938 und 1940 wurden seine Halbgeschwister Peter und Susanne Fabjan geboren.
1943 schickte man ihn in ein nationalsozialistisches Erziehungsheim im thüringischen Saalfeld – eine Verwechslung, denn ursprünglich war das salzburgische Saalfelden vorgesehen. Die dort gemachten Erfahrungen prägten ihn schwer. Ab April 1944 lebte er im NS-Schülerheim in der Salzburger Schrannengasse. Dort ermöglichte ihm sein Großvater Violinunterricht bei einem Mitglied des Mozarteum-Quartetts. Nach den Luftangriffen auf Salzburg kehrte er nach Traunstein zurück. Nach Kriegsende wohnte er erneut im nun katholisch geführten Knabeninstitut Johanneum. Johannes Freumbichler vermerkte 1945 und 1948 zwei Suizidversuche seines Enkels.
1946 brach Bernhard die Schule am Salzburger Akademischen Gymnasium ab. 1947 begann er eine Kaufmannslehre im Kolonialwarenladen Karl Podlahas in der Salzburger Scherzhauserfeldsiedlung, einer Armensiedlung. Diese Zeit schilderte er später im autobiografischen Text Der Keller. Im Januar 1949 erkrankte er an einer tuberkulösen Rippenfellentzündung und schwebte in Lebensgefahr. Der geliebte Großvater starb im selben Monat, die Mutter im Oktober 1950 an Gebärmutterkrebs. Von 1949 bis 1951 verbrachte er mehrere Aufenthalte in Heilstätten, vor allem in der Lungenheilstätte Grafenhof bei St. Veit im Pongau. Dort begegnete er 1950 Hedwig Stavianicek, einer 37 Jahre älteren Wiener Ministerialratswitwe aus großbürgerlicher Familie. Sie blieb bis zu ihrem Tod 1984 sein engster Vertrauter. Er nannte sie seinen „Lebensmenschen".
Von 1952 bis 1955 arbeitete Bernhard als freier Journalist, unter anderem für das sozialistische Demokratische Volksblatt in Salzburg. Ende 1954 trat er auf Anregung des Chefredakteurs Josef Kaut der SPÖ bei. Das Parteibuch schickte er aber bereits am nächsten Tag zurück. Am Salzburger Mozarteum studierte er zunächst Gesang ohne Abschluss, dann mit Abschluss Regie und Schauspiel. 1957 erschien sein erster Gedichtband Auf der Erde und in der Hölle. Auf dem Tonhof des Komponisten Gerhard Lampersberg in Maria Saal traf er zwischen 1957 und 1960 auf Schriftstellerkollegen wie H. C. Artmann, Christine Lavant und den jungen Peter Turrini.
Den literarischen Durchbruch brachte 1963 der Roman Frost. Vom Preisgeld des Bremer Literaturpreises 1965 erwarb er einen 700 Jahre alten Vierkanthof in Obernathal bei Ohlsdorf in Oberösterreich. Diesen restaurierte er in jahrelanger Arbeit, und er fand von nun an in vielfältiger Weise Eingang in sein Schreiben. Spätere Liegenschaften kamen in Altmünster und Ottnang hinzu. Bevorzugte Reiseziele waren über Jahre Jugoslawien und später der mediterrane Süden, auch aus gesundheitlichen Gründen. 1967 wurde der „Morbus Boeck" diagnostiziert, eine unheilbare Immunerkrankung, in deren Verlauf eine Herzerweiterung entstand. Von 1974 bis 1987 war Bernhard Mitglied des Österreichischen Bauernbundes, einer Teilorganisation der konservativen ÖVP – was erst nach seinem Tod öffentlich wurde. Hielt er sich nicht auf dem Hof auf, lebte er in Wien in der Wohnung Hedwig Stavianiceks. Viel Zeit verbrachte er in seinem Stammcafé Bräunerhof.
Ende November 1988 erkrankte Bernhard an einer Lungeninfektion. Sein Halbbruder Peter Fabjan, Internist in Gmunden, betreute ihn medizinisch bereits seit rund zehn Jahren. Am 12. Februar 1989 starb Thomas Bernhard in seiner Gmundner Wohnung an Herzversagen. Bestattet wurde er am 16. Februar im Grab Hedwig Stavianiceks auf dem Grinzinger Friedhof in Wien – wunschgemäß nur in Anwesenheit weniger Angehöriger. In seinem Testament untersagte er die Veröffentlichung aller unpublizierten Texte sowie jede Aufführung und jeden Druck seiner Werke in Österreich. Dieses Aufführungsverbot hob sein Erbe Peter Fabjan rund ein Jahrzehnt nach Bernhards Tod auf.
Literarische Merkmale↑
Bernhards Prosa und seine Theaterstücke kreisen unermüdlich um wenige Grundthemen: den Tod und die Relativierung aller Werte angesichts seiner steten Bedrohung, Krankheit, Einsamkeit und das verdrängte nationalsozialistische Erbe Österreichs. Schon die Titel In hora mortis, Frost, Die Kälte, Verstörung und Auslöschung geben den dunklen Grundton vor.
Sein Erzählverfahren entwickelte sich aus dem frühen Lyrikband Auf der Erde und in der Hölle. Es entfaltete sich in den Romanen der sechziger und siebziger Jahre. In Frost stellt er die wahnhafte Weltsicht eines radikal vereinsamten Malers in den Mittelpunkt. In Korrektur nähert er sich dem Nachlass eines Protagonisten, der nach gescheiterten Plänen Suizid begangen hat. Charakteristisch ist die Figur des scheiternden Künstlers oder Privatgelehrten mit radikal pessimistischer Weltsicht – eine Gestalt, die der erfolglose Schriftsteller-Großvater Freumbichler vorgezeichnet hat.
Ab 1975 erschien im Salzburger Residenz Verlag die fünfbändige Reihe der autobiografischen Erzählungen, beginnend mit Die Ursache. Eine Andeutung. Parallel verfasste Bernhard fiktionale Prosatexte, in denen er die Grenzen zwischen eigener Erfahrung und literarischer Erfindung immer wieder durchbrach. Am deutlichsten geschah dies in Holzfällen. Eine Erregung, dessen reale Vorbilder den Roman vorübergehend vor Gericht brachten. Im Spätwerk verarbeitet er auch persönliche Verluste. In Alte Meister. Komödie spiegelt der Tod der Frau des Protagonisten den Tod Hedwig Stavianiceks wider.
Für die Bühne schrieb Bernhard achtzehn abendfüllende Theaterstücke, beginnend mit Ein Fest für Boris (1970). Sein wichtigster Regisseur war Claus Peymann, der einen Großteil davon erstinszenierte. Auch hier dominieren grüblerische, oft monologische Figuren – vom Weltverbesserer mit pessimistischer Weltsicht bis zu den philosophierenden Greisen der späten Stücke. Hanns Dieter Hüsch war einer der wenigen bekennenden Bernhard-Verehrer zu dessen Lebzeiten. Er hat das Charakteristische dieser Schreibweise treffend benannt: Figuren, die in verschachtelten Gedankensprüngen erzählen.
Rezeption↑
Bernhard war zu Lebzeiten in Österreich vor allem aufgrund seiner Skandale auch außerhalb der Literaturszene bekannt und umstritten. Schon 1968 löste er mit seiner Dankesrede zum Österreichischen Staatspreis für Roman Empörung aus, weil er abwertende Bemerkungen über sein Land machte. 1972 mündete die Uraufführung des Ignorant und der Wahnsinnige bei den Salzburger Festspielen in einen weiteren Skandal, als die feuerpolizeilich untersagte Abschaltung des Notlichts zum Konflikt eskalierte. Dennoch arbeitete er bis 1986 weiter mit den Festspielen zusammen. Insgesamt fünf seiner Stücke wurden dort uraufgeführt.
1975 erregte Die Ursache Anstoß, weil Bernhard das Fortwirken nationalsozialistischer Mentalität in Österreich anprangerte. Der Salzburger Stadtpfarrer Franz Wesenauer erwirkte gerichtlich die Streichung einzelner Passagen. 1984 folgte mit Holzfällen der bis dahin größte Skandal. Auf Antrag Gerhard Lampersbergs, der sich in einer Romanfigur verunglimpft sah, wurde das Buch vorübergehend beschlagnahmt – was eine leidenschaftliche Debatte über die Freiheit der Kunst auslöste. Den Höhepunkt bildete 1988, im „Bedenkjahr" fünfzig Jahre nach dem „Anschluss", sein Stück Heldenplatz am Wiener Burgtheater. Darin stellte er Österreich als heruntergekommenes, unverändert antisemitisches und nationalsozialistisches Land dar. Der Roman Auslöschung. Ein Zerfall (1986) bündelt viele zentrale Themen seines Werks und wurde von der Kritik als „opus magnum" wahrgenommen.
Friedrich Heer charakterisierte Bernhard schon 1975 anlässlich der Uraufführung des Präsidenten als „österreichischen Patrioten" und Konservativen in der Tradition der Einsamen und Schwierigen zwischen Grillparzer und der Gegenwart. Über den deutschsprachigen Raum hinaus wurde Bernhard zum stilprägenden Vorbild. Jon Fosse, William Gaddis, Imre Kertész und Susan Sontag bekannten sich ausdrücklich zu seinem Einfluss. Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch begründete Ende der siebziger Jahre seine Figur „Hagenbuch" offen auf Bernhards Kunst. Georg Schramm setzte den Bezug mit seinem Programm Thomas Bernhard hätte geschossen direkt in den Titel. Antonio Fian parodierte ihn in Aus den Verliesen des Suhrkamp-Verlags. Seit 2022 untersucht das Projekt GlobalBernhard an der Universität Wien die internationale literarische Resonanz seines Werks.
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