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Werkseintrag · Vidas Secas
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Cover Vidas Secas
Vidas Secas
1938
– Werkseintrag –

Vidas Secas

1938 · Roman

Eine arme Familie zieht mit ihrer Hündin durch das ausgedörrte Hinterland Brasiliens – erzählt in einer Sprache, die so karg ist wie das Land selbst.

Überblick↑

Der Roman Vidas Secas des brasilianischen Schriftstellers Graciliano Ramos entstand zwischen 1937 und 1938. Er erschien 1938 bei der Livraria José Olympio Editora und wird heute von der Editora Record verlegt. Es ist der vierte und letzte Roman des Autors und für viele sein bedeutendstes Buch. Erzählt wird von einer Familie von Wanderarbeitern im Sertão, dem dürren Hinterland des brasilianischen Nordostens, die unter Trockenheit, Hunger und Armut ein kaum menschenwürdiges Leben führt. Ramos verbindet die Anklage sozialer Verhältnisse mit strenger künstlerischer Form: Er verzichtet auf den kommentierenden Erzähler und auf jede Art von Flugblatt-Ton. Das Buch zählt zu den einflussreichsten Werken der brasilianischen Literatur.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im ausgedörrten Hinterland des brasilianischen Nordostens zieht eine arme Familie über Land, weil die Dürre ihr keine andere Wahl lässt. Zu ihr gehören der Vater, die Mutter Sinha Vitória, die Kinder und die Hündin Baleia. Hunger, Durst und die Härte der Caatinga bestimmen jeden Tag; die Suche nach Wasser, Nahrung und Arbeit hört nie auf.

Der Roman besteht aus dreizehn Kapiteln, die wie eigenständige Bilder nebeneinanderstehen. Das erste trägt den Titel „Mudança“, also Aufbruch, und zeigt die Familie unterwegs. Ramos erzählt weniger von äußeren Ereignissen als davon, was in den Figuren vorgeht: ihre Gedanken, Wünsche und Empfindungen, die sich mit der Rauheit des halbtrockenen Landes mischen. Auch die Hündin bekommt ihr eigenes Kapitel und ihr eigenes Innenleben. Soziale Ungleichheit und die Abhängigkeit von den Besitzenden liegen über allem, ohne dass der Erzähler je belehrend eingreift.

Die Handlung im Detail↑

Erzählt wird in der dritten Person vom Weg einer Familie von Wanderarbeitern durch den Sertão. Dürre, Elend und Hunger zwingen sie immer wieder zum Weiterziehen; zwischendurch findet sie Unterkunft und Arbeit, doch die soziale Ordnung des Landes lässt ihr keinen Ausweg. Die Kapitel folgen nicht der gewohnten Zeitfolge, sondern reihen Szenen aneinander, die jede für sich stehen: der Aufbruch, das Leben in der Trockenheit, die Auseinandersetzung mit Übermacht und Willkür, das Warten auf Regen. Neben dem Vater treten die Mutter Sinha Vitória, die Kinder und die Hündin Baleia hervor. Sinha Vitória hat ein eigenes Kapitel, das vierte, in dem ihre Wünsche und Vorstellungen vom Leben sichtbar werden.

Den Kern des Buches bildet das neunte Kapitel, „Baleia“. Es entstand als Erzählung, noch bevor Ramos an einen Roman dachte, und geht auf eine Kindheitserinnerung zurück: Der Autor hatte im Sertão erlebt, wie ein Hund getötet wurde. In diesem Kapitel wird die kranke Hündin von der Familie geopfert. Ramos versuchte dabei, so schrieb er seiner Frau Heloísa, zu erraten, was in der Seele einer Hündin vorgeht. Sterbend träumt das Tier von einer Welt voller Preás, jener kleinen Nagetiere des Hinterlandes, die ihm Beute und Sattheit bedeuten. Dieses Sterben rührte schon die ersten Leser an: José Maria Belo gestand dem Autor, er habe beim Opfer Baleias geweint.

Erst nach diesem Kapitel entwarf Ramos die Besitzer der Hündin und entschied sich für eine Familie von Wanderarbeitern. Die weiteren Kapitel entstanden in loser Folge und wurden einzeln in Zeitungen und Zeitschriften gedruckt, ehe der Autor sie auf Wunsch seines Verlegers José Olympio ordnete. So bleibt der Roman bis zum Schluss ein Nebeneinander von Bildern, gehalten allein durch sein Thema: das Ringen des Menschen mit einer Natur, die nichts hergibt, und mit Verhältnissen, die ihn arm halten. Ein tröstlicher Ausgang wird der Familie nicht zugestanden; ihr Leben bleibt an Dürre und Aufbruch gebunden.

Stil↑

Kennzeichnend für das Buch ist eine karge, auf das Nötigste verknappte Sprache. Man hat Ramos dafür einen trockenen Stil bescheinigt, der mit einem Mindestmaß an Wörtern auskommt und gerade dadurch stärker wirkt. Es ist der einzige seiner Romane, den er in der dritten Person schrieb. Den in seiner Zeit üblichen Eingriff eines meinungsfreudigen Erzählers vermied er ebenso wie den groben Protest. Obwohl er Kommunist und politisch engagiert war, verzichtete er auf Parolen und ließ stattdessen die geschilderte Lage selbst sprechen.

Auch im Aufbau ging Ramos eigene Wege und brach mit der gewohnten Zeitfolge zwischen den Kapiteln. Die dreizehn Teile wirken wie Bilder einer Ausstellung, von denen jedes für sich betrachtet werden kann. Der Grund dafür war zunächst ein sehr praktischer: Ramos schrieb die Kapitel wie einzelne Erzählungen, um sie gesondert in Zeitungen und Zeitschriften unterzubringen und damit Geld zu verdienen. Acht der dreizehn Kapitel erschienen auf diese Weise vorab, eines davon über seinen Übersetzer Benjamín de Garay auch in Buenos Aires. Trotz dieser scheinbar selbstständigen Teile hält eine strenge thematische Einheit das Ganze zusammen; Antonio Candido sprach von einer vollständigen inneren Harmonie. Das Gefühl für das Land des Nordostens ist der Faden, der alles verbindet. Ramos selbst betonte, es sei ihm nicht um Landschaftsschilderung gegangen: Er habe ein Büchlein ohne Landschaften geschrieben.

Rezeption↑

Das Werk wurde ein Erfolg bei der Kritik und beim Publikum. Es gilt als eines der wichtigsten und einflussreichsten Bücher der brasilianischen Literatur und erhielt 1962 den Preis der William-Faulkner-Stiftung in den USA als repräsentatives Buch der zeitgenössischen brasilianischen Literatur. Über anderthalb Millionen Exemplare wurden verkauft, in Brasilien sind inzwischen mehr als hundert Auflagen erschienen. An Schulen gehört der Roman zur Pflichtlektüre, ebenso in Auswahlverfahren und bei den Aufnahmeprüfungen namhafter brasilianischer Universitäten.

Nach der Erstveröffentlichung von 1938 fand das Buch früh den Weg ins Ausland. Zuerst erschien es in Polen, danach in Argentinien, später in der Tschechoslowakei, in Russland, Italien, Portugal, Frankreich, Spanien, den Vereinigten Staaten und im Lauf der Zeit in vielen weiteren Ländern. Der Kommunist Astrojildo Pereira hielt seine Eindrücke von dem Roman fest.

Die Wirkung reicht bis in die Gegenwart: Die Schreibweise von Ramos hat Generationen von Autoren beeinflusst, was sich unter anderem im Werk von Euclides Neto, Rubem Braga, Milton Hatoum und Itamar Vieira Junior verfolgen lässt. Der Regisseur Nelson Pereira dos Santos verfilmte den Stoff 1963 unter dem Originaltitel; die preisgekrönte Verfilmung verstärkte wesentliche Züge des Buches und seines Landes.

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