1927
Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau
Überblick↑
Die Novelle Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau von Stefan Zweig erschien 1927. In ihrem Mittelpunkt steht eine ältere Frau, die einem Fremden zum ersten Mal von einem einzigen Tag erzählt, der ihr ganzes Leben verändert hat. Zweig schrieb das Werk unter dem Eindruck eines Aufenthalts an der französischen Riviera.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In einer kleinen Pension an der Riviera, nahe Monte Carlo, sorgt ein Vorfall für Aufregung: Einem Gast brennt die Frau mit einem jungen Mann durch, den sie erst am Tag zuvor kennengelernt hat. Unter den Gästen wird der Skandal hitzig diskutiert. Der Erzähler kommt dabei mit Mrs. C. ins Gespräch, einer älteren Dame aus Schottland. Sie fasst Vertrauen zu ihm und beschließt, ihm unter vier Augen eine ungewöhnliche Begebenheit aus ihrem eigenen Leben anzuvertrauen.
Vor fünfundzwanzig Jahren, so beginnt ihre Erzählung, war Mrs. C. erst seit kurzem verwitwet. Ihre beiden Söhne gingen längst eigene Wege und brauchten sie nicht mehr. An einem Tag im März begegnet sie im Spielsaal des Casinos von Monte Carlo einem jungen Mann, der ganz im Bann des Glücksspiels steht. Was an diesem einen Tag zwischen den beiden geschieht, gerät für die trauernde Frau zu einem Erlebnis, das alles ins Wanken bringt, was ihr bis dahin fest und sicher schien.
Die Handlung im Detail↑
Der Erzähler wohnt in einer kleinen Pension an der Riviera in der Nähe von Monte Carlo. Eines Tages sorgt eine unerhörte Begebenheit unter den Gästen für Aufsehen: Die Frau eines Gastes, Vater zweier halbwüchsiger Töchter, brennt mit einem jungen Mann durch, den sie erst am Vortag kennengelernt hat. Der Vorfall wird unter den Gästen kontrovers diskutiert. Mrs. C., eine ältere Schottin, kommt mit dem Erzähler ins Gespräch. Sie fasst Vertrauen zu ihm und erzählt ihm unter vier Augen eine ungewöhnliche und unvergessliche Begebenheit ihres Lebens, die sie sich von der Seele reden will.
Die Erlebnisse, von denen sie berichtet, liegen fünfundzwanzig Jahre zurück. Damals war Mrs. C. im zweiten Jahr verwitwet. Ihre beiden Söhne gingen inzwischen eigene Wege und brauchten ihren Beistand nicht mehr. An einem Tag im März begegnet sie im Casino von Monte Carlo einem etwa vierundzwanzigjährigen Mann. Es ist ein angehender österreichischer Diplomat aus polnischem Adel, der zur Zeit in Nizza lebt. Im Casino hat er sein Geld verspielt und will sich umbringen.
Nach einer gemeinsam verbrachten Liebesnacht ringt Mrs. C. ihm das Gelübde ab, nie wieder zu spielen, und gibt ihm Geld für die Heimfahrt. Doch der Mann verspielt auch dieses Geld wieder im Casino. Mrs. C. begibt sich daraufhin in ihr Hotel, legt das Trauerkleid ab und besorgt Bargeld. Denn der Pole hatte zuvor eine Tante um Wertsachen gebracht, diese verkauft und das Geld verspielt. Nach dem Wunsch von Mrs. C. soll er die Wertgegenstände zurückkaufen und der Tante zurückgeben. Der Mann verspricht das hoch und heilig.
Nachdem er das Geld erneut verspielt hat, will er nichts mehr von Mrs. C. wissen, weil sie ihm nur Unglück bringe. Er erschießt sich. Mrs. C. hatte den Mann über alle Maßen geliebt. Diese Liebe hatte die seit über einem Jahr trauernde Frau zu einer neuen Frau gemacht.
Stil↑
Zweig erzählt die Geschichte als Rahmenerzählung: Eine ältere Frau vertraut dem Erzähler ihr Erlebnis an, sodass die eigentliche Handlung in ihrer eigenen Stimme aufgerollt wird. Diese Form rückt das Innenleben der Sprecherin in den Mittelpunkt. Im Zentrum steht eine zugespitzte Ausnahmesituation, in der sich der Charakter eines Menschen in kürzester Zeit offenbart. Die Spannung entsteht weniger aus äußeren Ereignissen als aus der seelischen Erschütterung der Frau, deren Leidenschaft und deren Begegnung mit dem Spielfieber des jungen Mannes Schritt für Schritt sichtbar werden.
Rezeption↑
Das Werk wurde mehrfach für Kino und Fernsehen verfilmt. Schon 1931 entstand eine Verfilmung von Robert Land mit Henny Porten und Walter Rilla. Es folgten weitere Fassungen, darunter Affair in Monte Carlo mit Merle Oberon und Richard Todd, eine Version von Dominique Delouche mit Danielle Darrieux sowie zuletzt 2002 eine Verfilmung von Laurent Bouhnik mit Agnès Jaoui und Michel Serrault. 1961 entstand zudem eine US-amerikanische Fernsehfassung mit Ingrid Bergman und Rip Torn.
Die Literaturkritikerin Katharina Döbler hob die psychologische Kunst des Autors hervor. Zweigs Spezialität sei „die Psychologie der Ausnahmesituation“ gewesen, eine Gelegenheit, „die menschliche Verfassung in einem kurzen Zeitraum sich offenbaren zu lassen“. Kaum je sei ihm das so meisterhaft gelungen wie in dieser kleinen Novelle von 1927.
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