1853
Villette
Überblick↑
Mit Villette veröffentlichte Charlotte Brontë 1853 ihren dritten Roman. Es war zugleich das letzte zu ihren Lebzeiten erschienene Werk. Das Buch erzählt von Lucy Snowe, einer jungen Engländerin. Nach einem nicht näher beschriebenen Familienunglück reist sie allein in die fiktive kontinentale Stadt Villette, um an einem Mädchenpensionat zu unterrichten. Der Roman gilt vielen Leserinnen und Lesern als Brontës reifstes und kunstvollstes Werk. Virginia Woolf hielt ihn sogar für besser als Jane Eyre. Brontë griff darin Stoffe und Schauplätze ihres früheren Romans The Professor wieder auf, der erst nach ihrem Tod gedruckt wurde. Sie gestaltete sie aber völlig neu.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die dreizehnjährige Lucy Snowe verbringt einen Teil ihrer Jugend bei ihrer Patin Mrs. Bretton in einer ruhigen englischen Kleinstadt. Dort begegnet sie deren Sohn Graham und der kleinen, ernsten Polly, die für kurze Zeit ins Haus kommt. Schon bald bringen Veränderungen Lucy aus diesem geschützten Kreis heraus.
Nach Jahren lässt ein nicht näher beschriebenes Familienunglück sie alleinstehend und mittellos zurück. Da fasst Lucy einen kühnen Entschluss. Mit knapper Französischkenntnis reist sie allein nach Labassecour, in die fiktive Stadt Villette. Dort wird sie am Mädchenpensionat von Madame Beck angestellt. Diese Direktorin beobachtet ihre Lehrerinnen und Schülerinnen heimlich. Lucy unterrichtet Englisch. Nach und nach lernt sie die Welt dieses katholischen Internats kennen.
In diese Welt treten Menschen aus ihrer Vergangenheit zurück, andere kommen neu hinzu: ein gutaussehender englischer Arzt, eine kokette junge Engländerin namens Ginevra Fanshawe und der streitbare, eigensinnige Lehrer Monsieur Paul Emanuel. Hinzu kommt eine unheimliche Erscheinung. Eine Nonnengestalt taucht immer wieder auf dem Gelände des Pensionats auf und verleiht dem Buch seinen halb schaurigen Ton. Lucy sucht zwischen Einsamkeit, Sehnsucht und Selbstbehauptung ihren Weg. Der Roman erzählt das mit feinem Blick auf ihr Innenleben.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman setzt ein, als die dreizehnjährige Lucy Snowe bei ihrer Patin Mrs. Bretton in der „sauberen und alten Stadt Bretton" zu Gast ist. Im Haus leben Mrs. Brettons jugendlicher Sohn John Graham Bretton, von der Familie Graham genannt, und vorübergehend die sechsjährige Paulina Home, kurz Polly. Pollys Mutter, die sich kaum um das Kind gekümmert hatte, ist gestorben; der Vater muss auf ärztlichen Rat verreisen. Polly, ein ungewöhnlich ernstes Mädchen, fasst eine tiefe Zuneigung zu Graham. Doch der Vater holt sie bald ab und nimmt sie mit ins Ausland.
Aus nicht genannten Gründen verlässt Lucy wenig später ebenfalls das Haus der Patin. Jahre vergehen, in denen ein nicht näher beschriebenes Familienunglück sie ohne Angehörige, Heim und Geld zurücklässt. Sie wird Gesellschafterin der rheumakranken, gelähmten Miss Marchmont und gewöhnt sich rasch an das stille, sparsame Leben. In einer stürmischen Nacht erlebt Miss Marchmont eine letzte Aufwallung von Kraft, erzählt Lucy von ihrer dreißig Jahre zurückliegenden, traurigen Liebesgeschichte und spricht davon, dass der Tod sie mit dem verstorbenen Geliebten wieder vereinen werde. Am nächsten Morgen findet Lucy sie tot.
Lucy reist nach London und schifft sich mit zweiundzwanzig Jahren nach Labassecour ein, obwohl sie nur wenig Französisch spricht. An Bord lernt sie die kokette junge Engländerin Ginevra Fanshawe kennen, die ihr von einem Mädchenpensionat in Villette berichtet. Dessen Direktorin, Madame Beck, suche eine Erzieherin für ihre Kinder. Lucy findet dort Aufnahme, kümmert sich um die drei Kinder und unterrichtet bald auch Englisch. Madame Becks ständige Bespitzelung des Personals stört sie wenig; sie blüht in ihrer Arbeit auf.
Häufiger Gast im Pensionat ist ein gutaussehender englischer Arzt, „Dr. John", der von Madame Beck gerufen wird und sich zunehmend für Ginevra interessiert. In einer berühmten Wendung des Romans stellt sich heraus, dass „Dr. John" niemand anderes ist als John Graham Bretton aus Lucys Kindheit – eine Tatsache, die Lucy schon länger erkannt, dem Leser aber bewusst verschwiegen hat.
In den Sommerferien leert sich das Pensionat fast vollständig. Nur ein behindertes Kind bleibt Lucys Obhut anvertraut. Nachdem auch dieses Kind abgeholt wird, ist Lucy völlig allein und erkrankt schwer an Leib und Seele. In ihrer Verzweiflung geht sie, obwohl Protestantin, in eine katholische Kirche und beichtet einem Priester. Auf dem Rückweg bricht sie zusammen. Dr. John findet sie und bringt sie in das Haus seiner Mutter – und so erkennt auch Graham erst jetzt seine alte Spielgefährtin wieder.
Nachdem Graham im Theater Ginevras wahres Wesen durchschaut hat, wendet er sich Lucy zu, und die beiden werden enge Freunde. Lucy schätzt diese Freundschaft trotz ihrer Zurückhaltung sehr und beginnt, mehr für Graham zu empfinden; seine Briefe werden ihr kostbar. Bei einem Theaterbrand begegnen die beiden Polly wieder, die nun Paulina Mary Home de Bassompierre heißt, weil ihr Vater einen Grafentitel geerbt hat. Polly und Graham erkennen sich, erneuern ihre Verbindung und heiraten schließlich, obwohl der Vater anfangs zögert.
Lucy kommt unterdessen einem Kollegen näher: Monsieur Paul Emanuel, einem reizbaren, herrischen und streitlustigen Lehrer, der mit Madame Beck verwandt ist. Allmählich begreift sie, dass seine scheinbaren Schikanen ihr helfen, eigene Schwächen zu überwinden und zu wachsen. Lucy und Paul verlieben sich ineinander.
Doch eine Gruppe von Gegnern – Madame Beck, der Priester Père Silas und Verwandte von Pauls längst verstorbener Verlobter – verbündet sich gegen sie. Sie sehen in der Verbindung eines Katholiken mit einer Protestantin etwas Unmögliches und erreichen schließlich, dass Paul nach Guadeloupe geschickt wird, um dort eine Plantage zu beaufsichtigen. Vor seiner Abreise gesteht er Lucy jedoch seine Liebe und richtet ihr eine eigene Tagesschule ein, die sie später zu einem Pensionat ausbaut.
Durch den ganzen Roman zieht sich die unheimliche Erscheinung einer Nonne, die Lucy dreimal sieht. Es heißt, eine Nonne sei einst auf dem Gelände lebendig begraben worden, weil sie ihr Keuschheitsgelübde gebrochen habe. In einer stark symbolischen Szene gegen Ende findet Lucy die Tracht der „Nonne" in ihrem Bett und zerreißt sie. Später stellt sich heraus, dass Alfred de Hamal, Ginevras Verehrer, sich unter dieser Verkleidung in das Pensentum geschlichen hatte. Ginevra hält brieflich Verbindung zu Lucy und zeigt sich darin als ebenso oberflächlich wie zuvor.
Die letzten Seiten des Romans bleiben absichtsvoll offen. Lucy sagt, sie wolle dem Leser ein glückliches Ende überlassen, deutet aber stark an, dass Pauls Schiff auf der Rückreise von Westindien in einem Sturm unterging. Drei Jahre, schreibt sie, sei Paul fort gewesen, und es seien die drei glücklichsten Jahre ihres Lebens gewesen. Den „zerstörenden Engel des Sturms" zu erwähnen genügt ihr, um den Tod des Geliebten anzudeuten, ohne ihn auszusprechen. Elizabeth Gaskell zitiert in ihrer Lebensbeschreibung der Autorin, dass Brontë diese Doppeldeutigkeit selbst als „kleines Rätsel" bezeichnete.
Stil↑
Berühmt ist Villette weniger für seine Handlung als für die genaue Zeichnung von Lucys Innenleben. In gotisch gefärbter Umgebung verfolgt der Roman die Themen Einsamkeit, Verdoppelung, Entwurzelung und Auflehnung. Er zeigt, wie sich jedes davon in der Seele der Erzählerin niederschlägt. Lucy Snowe ist zugleich Hauptfigur und ein bewusst unzuverlässiger Erzähler. Sie verschweigt dem Leser zentrale Tatsachen – etwa, dass sie „Dr. John" längst als ihren Jugendfreund erkannt hat. Erst später gibt sie sie preis.
Die feministische Literaturwissenschaft hat den Roman als Erkundung von Geschlechterrollen und seelischer Unterdrückung gelesen. Sandra Gilbert und Susan Gubar haben in ihrer Studie The Madwoman in the Attic darauf hingewiesen, dass die Figur Lucy Snowe Bezüge zu den Lucy-Gedichten von William Wordsworth aufweist. Sie betonen die Idee einer weiblichen Umschrift männlicher Vorlagen. Andere haben Lucys seelische Lage als Auseinandersetzung mit den patriarchalen Vorgaben ihrer Kultur gedeutet.
Daneben verhandelt der Roman Fremdheit und Sprachnot. Lucys Mühe mit dem Französischen wird ebenso eindringlich geschildert wie der Konflikt zwischen ihrem englischen Protestantismus und dem Katholizismus ihrer Umgebung. Lucys Urteil über die römische Kirche fällt schroff aus – „Gott ist nicht bei Rom" heißt es an einer Stelle. Sprachlich verbindet der Roman scharfen, oft bissigen Witz mit Passagen, die nahe an einen Bewusstseinsstrom heranreichen. Er stellt phantastisch zugespitzte Szenen neben minutiöse seelische Beobachtung.
Rezeption↑
Schon unter Brontës Zeitgenossen wurde Villette hoch geschätzt. George Eliot hielt das Buch für „ein noch wunderbareres Werk als ‚Jane Eyre'" und sprach von einer beinahe übernatürlichen Kraft. Der Kritiker George Henry Lewes verglich es mit Elizabeth Gaskells Ruth. Brontës Darstellung von Lucy Snowes moralischem Ringen gab er den Vorzug vor Gaskells konventionellerer Prüfung ihrer Heldin. Er lobte vor allem die Ursprünglichkeit und die seelische Tiefe des Romans. Nur in wenigen Büchern denke und spreche ein Mensch wirklich für sich selbst, schrieb Lewes, und Villette gehöre dazu.
Virginia Woolf nannte den Roman Charlotte Brontës „schönstes Werk". Sie hob seine Naturschilderungen hervor, die wie ein Spiegel der inneren Lage der Heldin wirken. Lucy Hughes-Hallett vom „Daily Telegraph" hielt Villette sogar für das größere Buch im Vergleich zu Jane Eyre. Sie rühmte die Beweglichkeit von Brontës Prosa zwischen phantasmagorischen Schaustücken und kleinster seelischer Beobachtung, zwischen spöttischem Witz und nahezu strömender innerer Rede.
Claire Fallon hat in der Huffington Post auf die Verwandtschaft mit Jane Eyre hingewiesen: gotische Anklänge, geistige Intensität, leidenschaftliche Sprachausbrüche, eine unscheinbare Heldin in einer feindlichen Welt. Zugleich verwies sie auf den Gegensatz der beiden Frauenfiguren. Während Jane mit Nachdruck auf ihr eigenes Recht poche, sei Lucy Snowe eine zurückhaltende Beobachterin, eher bedrängt als handelnd. Und doch sei am Ende sie es, die sich aus dem erwarteten häuslichen Schicksal wirklich befreie. Jane Eyre arbeite, so Fallon, in scharfem Schwarz-Weiß. Villette dagegen arbeite in seelischen und auch tatsächlichen Grauzonen.
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