1847
Jane Eyre
Überblick↑
Mit Jane Eyre. Eine Autobiographie legte Charlotte Brontë 1847 ihren ersten veröffentlichten Roman vor. Sie schrieb ihn unter dem Pseudonym Currer Bell. Das Buch erschien bei Smith, Elder & Co. in London. Heute gilt es als Klassiker der viktorianischen Romanliteratur. In Form einer Ich-Erzählung schildert es den Lebensweg einer mittellosen Waise. Als Gouvernante gerät sie auf den abgelegenen Herrensitz Thornfield Hall. Dort begegnet sie dem zwanzig Jahre älteren Hausherrn Mr. Rochester. Jane Eyre ist klein, blass, schlicht gekleidet und trägt einen strengen Mittelscheitel. Nicht zuletzt durch die zahlreichen Verfilmungen ist sie die bekannteste Gouvernante der englischen Literaturgeschichte.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird die Lebensgeschichte des Waisenmädchens Jane Eyre. Nach dem Tod der Eltern wächst sie bei der angeheirateten Tante Mrs. Reed auf Gateshead auf. Dort behandeln die Tante und die drei verwöhnten Cousins sie als sozial Geringere. Jane ist ein einfaches, ruhiges und kluges Mädchen. Sie besitzt jedoch eine leidenschaftliche Seele und kann in Zorn geraten, wenn man ihr Unrecht tut.
Nach einer Eskalation wird sie in das Internat Lowood geschickt. Es leitet der heuchlerische Geistliche Mr. Brocklehurst. Sie leidet unter schlechter Ernährung, Kälte und seinen falschen Anschuldigungen. In der Schulleiterin Miss Temple findet sie aber eine Vertraute und in der frommen, geduldigen Helen Burns eine Freundin. Nach schweren Jahren bessern sich die Verhältnisse. Jane wird selbst Lehrerin an der Schule.
Als die Achtzehnjährige Lowood schließlich verlässt, tritt sie eine Stelle als Gouvernante auf dem Herrensitz Thornfield Hall an. Ihre Schülerin ist die kleine Französin Adèle, das Mündel des Hausherrn Mr. Rochester. Die Hauswirtschafterin Mrs. Fairfax empfängt sie herzlich. Der Herr des Hauses bleibt jedoch zunächst abwesend. Erst Wochen später lernt Jane ihn kennen: einen launischen, lebenserfahrenen, etwa zwanzig Jahre älteren Mann, der sie immer öfter abends zu sich bittet. In ihren Gesprächen entwickeln sich Wortgefechte auf Augenhöhe, an denen beide sichtlich ihre Freude haben. Doch über dem Haus liegen rätselhafte Schatten: ein dämonisches Lachen in der Nacht, ein Brand in Rochesters Schlafzimmer, ein blutender Gast. Zwischen Jane und ihrem Arbeitgeber wächst eine Zuneigung. Sie bricht sich an Standesgrenzen und am Geheimnis von Thornfield. Nach langer Odyssee finden die beiden schließlich zueinander.
Die Handlung im Detail↑
Die ersten Kapitel erzählen von Janes freudloser Kindheit auf dem Anwesen Gateshead. Ihr reicher Onkel Mr. Reed hatte versprochen, sich nach dem Tod der Eltern um sie zu kümmern. Doch nach seinem Tod behandeln die verwitwete Tante Mrs. Reed und ihre drei verwöhnten Kinder Jane schlecht und lassen sie spüren, dass sie sozial unter ihnen steht. Janes leidenschaftliche Seele, ihre Neigung zur Direktheit, ihre Zornesausbrüche und ihre lebhaften, fast visionären Träume entfremden sie der Pflegefamilie zusätzlich.
Nach einer Eskalation wird sie in das Internat Lowood geschickt, das der heuchlerische Geistliche Mr. Brocklehurst leitet. Aus nichtigem Anlass bezeichnet er sie öffentlich als Lügnerin, was sie tiefer trifft als die schlechte Ernährung und die Kälte. In der Schulleiterin Miss Temple findet sie eine Vertraute, in der älteren, gebildeten und sehr frommen Helen Burns eine Freundin. Helen erträgt das Internatsleben beinahe stoisch und nimmt auch ihr Schicksal still hin: An Tuberkulose erkrankt, stirbt sie in Janes Armen, während viele andere Mädchen einer Typhus-Epidemie zum Opfer fallen. Nach der Seuche wird Brocklehurst wegen ruchbar gewordener Verfehlungen von der Leitung entbunden, die Verhältnisse bessern sich. Jane erarbeitet sich eine Vertrauensposition und bleibt nach ihrer Schulzeit als Lehrerin an der Anstalt. Erst als Miss Temple heiratet und Lowood verlässt, hält auch sie dort nichts mehr.
Über Mrs. Fairfax, die Hauswirtschafterin von Thornfield Hall, erhält die nun Achtzehnjährige eine Anstellung als Gouvernante. Ihre Schülerin ist die achtjährige Französin Adèle, das Mündel des Hausherrn Mr. Rochester. Jane schätzt die gutherzige Mrs. Fairfax, leidet aber in der Abgeschiedenheit unter Ruhelosigkeit und wünscht sich ausdrücklich Respekt für Frauen, die mehr arbeiten und lernen wollen, als ihrem Geschlecht zugestanden wird.
Nach drei Monaten stürzt vor ihren Augen ein unbekannter Reiter mit seinem Pferd. Sie hilft ihm wieder in den Sattel und erfährt abends, dass es ihr Arbeitgeber war. Beim ersten Tee verhört er sie geradezu, macht sie für den Sturz verantwortlich, prahlt mit seiner Lebenserfahrung und lobt Adèles Fortschritte. Er findet Jane zwar nicht hübsch, lädt sie aber immer öfter zu abendlichen Gesprächen ein. Mit einundzwanzig sei er, so erzählt er ihr, vom rechten Weg abgekommen. Er berichtet von seiner früheren französischen Geliebten Céline Varens, die ihn mit einem Offizier betrog, den er im Duell in den Arm schoss. Adèle, die er nicht für seine leibliche Tochter hält, brachte er später nach England, weil ihre Mutter sie in Paris zurückgelassen hatte. Rochester legt seinen Hochmut nach und nach ab; Jane vergisst über den Gesprächen, sich nach weiblicher Gesellschaft zu sehnen.
Eines Nachts weckt ein dämonisches Lachen sie. Brandgeruch zieht aus Rochesters Gemach; Jane löscht das Feuer und rettet ihm das Leben. Sie verdächtigt eine Bedienstete, doch Rochester gebietet ihr Schweigen und erklärt den Hausangestellten am Morgen, er habe das Licht brennen lassen. Tief bewegt bedankt er sich, hält ihre Hand zu lange, und in der Nacht wird Jane im Traum bewusst, dass sie ihn liebt. Als Mrs. Fairfax am nächsten Abend von Rochesters Reise zu vornehmer Gesellschaft erzählt und Blanche Ingram erwähnt, eine reiche, unverheiratete Schönheit, mit der er einmal im Duett gesungen habe, zerplatzen Janes Hoffnungen – sie ist sich ihrer Lage als arme, alleinstehende Gouvernante schmerzlich bewusst.
Als Rochester die Aristokraten der Nachbarschaft samt Miss Ingram nach Thornfield einlädt, treibt er ein Verwirrspiel: Er wirbt scheinbar um die Schöne, um Janes Eifersucht zu wecken, und verkleidet sich sogar als Zigeunerin, um seinen Gästen als Wahrsagerin Geheimnisse zu entlocken – so erfährt er, dass Miss Ingram reiche Männer bevorzugt. Aus Jane bekommt er nichts heraus; als er sich zu erkennen gibt, weist sie ihn deutlich zurecht und kündigt an, sich nach seiner Hochzeit mit Miss Ingram eine neue Stelle zu suchen und Adèle in ein Internat zu geben. In derselben Nacht erscheint überraschend ein Mr. Mason als Gast und muss wegen einer stark blutenden Bisswunde versorgt werden; Rochester lässt ihn mit Janes Hilfe heimlich im Morgengrauen fortbringen.
Da kommt Nachricht aus Gateshead: Tante Reed liege im Sterben und habe nach Jane gefragt. Jane will Frieden schließen, doch die Tante zeigt sich bis zuletzt verbittert – sie habe Jane vom ersten Augenblick an gehasst. Mit Gewissensbissen übergibt sie ihr jedoch einen drei Jahre alten Brief des Onkels John Eyre aus Madeira, der angekündigt hatte, Jane zu adoptieren und ihr sein Vermögen zu vermachen. Die Tante gestand zurückgeschrieben zu haben, Jane sei in Lowood an Typhus gestorben. Auch das Friedensangebot weist sie zurück und stirbt in derselben Nacht.
Zurück in Thornfield trifft Jane auf einen Rochester, der sie offenbar vermisst hat und launische Bemerkungen über ihre Abwesenheit macht. An einem lichten Sommerabend begegnen sie sich im Garten. Er erinnert sie daran, dass sie fortziehen wollte, sobald er heirate, und habe schon eine Stelle in Irland für sie gefunden. Beide beteuern, wie sehr sie sich vermissen werden – dann schließt Rochester sie in die Arme, küsst sie und macht ihr einen Heiratsantrag. Jane fürchtet zunächst, verspottet zu werden, willigt schließlich aber glücklich ein. Während sie zurück ins Haus eilen, bricht ein Gewitter los; der Kastanienbaum, unter dem sie gestanden hatten, wird vom Blitz zur Hälfte zerschmettert.
In den folgenden Tagen gesteht Rochester, dass er Miss Ingram nur umworben habe, um Janes Eifersucht zu wecken; mit Ingrams Gefühlen zu spielen, hält Jane ihm vor, sei ein himmelschreiendes Unrecht. Wenige Tage vor der Hochzeit weckt eine Gestalt Jane in ihrem Schlafzimmer und zerreißt ihren Brautschleier. Rochester tut den Vorfall zunächst als Einbildung ab, lenkt dann den Verdacht auf die Bedienstete Grace Poole und verspricht, ihr ein Jahr nach der Hochzeit das Geheimnis zu enthüllen, warum diese Person noch im Hause sei.
Stil↑
Brontë wählt für ihren Roman die Form einer chronologischen Ich-Erzählung. Das Buch überschreibt sie ausdrücklich als „Autobiographie“. Erzählerin und Heldin sind dieselbe Person. Jane berichtet aus der Rückschau. Das Geschehen wird aber Schritt für Schritt entfaltet, im Tempo des erlebenden Mädchens. Die Erzählerstimme ist stark, leidenschaftlich und überzeugend.
In diese Hauptstimme eingebettet stehen längere Erzählungen Rochesters. Er berichtet seinerseits in der Ich-Form von seiner Vergangenheit. So erfährt die unerfahrene Jane von einem weitgereisten, lebenserfahrenen Mann. Charakteristisch sind die wiederkehrenden Wortgefechte auf Augenhöhe zwischen den beiden. Deren Reiz kostet Brontë sorgfältig aus.
Die Sprache verbindet nüchterne Beobachtung mit einem ausgeprägten Sinn für das Schauerliche: das dämonische Lachen in der Nacht, der nächtliche Brand, der zerschmetterte Kastanienbaum, das zerrissene Brautschleier-Bild. Janes lebhafte, fast visionäre Träume gehören in dieselbe Tonlage. Erziehungsroman, autobiographischer Roman und Schauerliteratur greifen so unmittelbar ineinander.
Rezeption↑
Charlotte Brontës Heldin ist unkonventionell: klein, blass, schlicht, aber im Denken, Auftreten und Handeln unbeirrbar. Damit hat die Autorin eine Figur geschaffen, die bis heute als die bekannteste Gouvernante der englischen Literaturgeschichte gilt. Daran haben die zahlreichen Verfilmungen ihren Anteil. Sie reichen vom Stummfilm aus dem Jahr 1915 über die Hollywood-Version Die Waise von Lowood von 1943 mit der Regie Robert Stevensons bis zu Franco Zeffirellis Kinofassung von 1996 und Cary Joji Fukunagas Verfilmung von 2011. Dazu kommen mehrere Fernsehfilme und Mehrteiler sowie verschiedene musikalisch-dramatische Bearbeitungen.
Auch in der Literatur hat Jane Eyre weitergewirkt. Die erschreckenden Szenen um Mr. Rochesters erste Frau gelten als Vorbild für Daphne du Mauriers Roman Rebecca von 1938, den Alfred Hitchcock 1940 verfilmte. Jean Rhys erzählt in Wide Sargasso Sea ausführlich die Vorgeschichte von Bertha Antoinette Mason. Augenscheinliche Parallelen werden zudem zum Musical The Sound of Music von 1959 gezogen. In Jasper Ffordes Fantasy-Roman Der Fall Jane Eyre schließlich tritt Jane Eyre selbst als Figur auf. Die Ermittlerin Thursday Next versucht zu verhindern, dass der Verbrecher Acheron Hades in den Roman eindringt und die Heldin ermordet. Diese Hommage zeigt, wie tief sich die Figur ins literarische Gedächtnis eingeschrieben hat.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →