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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Jeder stirbt für sich allein
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Cover Jeder stirbt für sich allein
Jeder stirbt für sich allein
1947
– Werkseintrag –

Jeder stirbt für sich allein

1947 · Roman

Nach dem Tod ihres Sohnes im Krieg beginnt ein einfaches Berliner Ehepaar, mit heimlich ausgelegten Postkarten gegen Hitlers Herrschaft aufzubegehren – ein stiller, einsamer Widerstand mitten in der Diktatur.

Überblick

Der Roman Jeder stirbt für sich allein von Hans Fallada erschien 1947. Hinter dem Namen Fallada verbirgt sich der Schriftsteller Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen. Die Handlung geht auf einen wahren Fall zurück: Das Berliner Ehepaar Otto und Elise Hampel verteilte zwischen September 1940 und September 1942 in der Stadt Postkarten und Handzettel, mit denen es zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus und gegen die begonnenen Kriege aufrief. Die beiden wurden denunziert und 1943 hingerichtet.

Fallada schrieb das Buch Ende 1946 in knapp vier Wochen. Am 5. Februar 1947 starb er. Der Roman gilt als das erste Buch eines deutschen, nicht ins Exil gegangenen Schriftstellers über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Er erzählt vom stillen Aufbegehren einfacher Menschen gegen eine übermächtige Diktatur.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht der Berliner Schreinermeister Otto Quangel und seine Frau Anna. Sie wohnen in der Jablonskistraße 55, einem Mietshaus, in dem die unterschiedlichsten Menschen zusammenleben: der Denunziant und Gelegenheitsdieb Barkhausen, die linientreue Nazi-Familie Persicke, die jüdische Frau Rosenthal und der pensionierte Richter Fromm. Eines Tages bringt die Briefträgerin Eva Kluge einen Feldpostbrief: Der einzige Sohn der Quangels ist im Krieg gefallen.

Der Tod des Sohnes bringt das stille Ehepaar auf einen gefährlichen Gedanken. Sie beginnen, Karten mit Botschaften gegen das Regime zu schreiben und sie heimlich in Treppenhäusern der Stadt auszulegen. Was als kleiner Akt des Trotzes beginnt, wird für die beiden zur Lebensaufgabe. Bald ist der Gestapo-Beamte Escherich damit beauftragt, den unbekannten Kartenschreiber zu finden. Er geht systematisch vor, gerät aber selbst unter Druck, den Täter möglichst schnell zu liefern.

Um dieses Ringen herum entfaltet der Roman ein breites Bild des Berliner Alltags unter der Diktatur, mit vielen Bewohnern des Hauses und ihren eigenen kleinen und großen Verstrickungen. Angst, Misstrauen und Denunziation prägen das Leben, während die Quangels ihren einsamen Kampf fortsetzen.

Die Handlung im Detail

Der erste Teil („Die Quangels“) führt die Bewohner des Mietshauses ein. Neben den Quangels wohnen dort der Denunziant Barkhausen mit seiner Familie, die überzeugten Nazis Persicke, die jüdische Frau Rosenthal und der pensionierte Richter Fromm. Die Briefträgerin Eva Kluge überbringt den Quangels die Nachricht, dass ihr einziger Sohn Otto im Westfeldzug gefallen ist. Evas Mann Enno Kluge ist ein arbeitsscheuer Nichtsnutz mit einer Vorliebe für Frauen und Pferdewetten; er kennt Barkhausen. Auch Trudel kommt ins Haus, die einstige Beinahe-Verlobte des toten Sohnes, die in einer kommunistischen Zelle mitarbeitet.

Der Tod des Sohnes bringt die Quangels auf den Entschluss, Karten mit antifaschistischen Botschaften zu schreiben und in Treppenhäusern auszulegen. Parallel dazu wollen Barkhausen und Enno Kluge in der Wohnung der Frau Rosenthal stehlen. Sie werden von den Persickes daran gehindert, die selbst stehlen wollen, aber ihrerseits von Fromm gestoppt werden. Fromm versteckt Frau Rosenthal. Sie erträgt das Leben im Versteck jedoch nicht, springt aus dem Fenster und stirbt. Trudel wird aus der kommunistischen Zelle ausgeschlossen.

Im zweiten Teil („Die Gestapo“) tauchen die ersten Karten in Berlin auf. Bei den Findern lösen sie vor allem Schrecken aus. Enno Kluge gerät bei einem Arztbesuch in einen solchen Kartenfund und wird verhört. Er kann fliehen, wird aber von Barkhausen bespitzelt und schließlich an die Polizei „verkauft“. Barkhausen will auch Ennos neue Freundin, die Zoohändlerin Frau Häberle, ausnehmen, bekommt jedoch das Geld nicht und wird von Jugendlichen verprügelt. Zu diesen Jungen gehört sein eigener Sohn Kuno, den er als Spitzel eingesetzt hatte; Kuno setzt sich danach von zu Hause ab. Der Gestapo-Beamte Escherich soll die Kartenschreiberei aufklären. Er arbeitet gründlich, wird aber gedrängt, rasch einen Täter vorzuweisen. Obwohl er von Ennos Unschuld überzeugt ist, treibt er den Verdächtigen in den Selbstmord, um wenigstens etwas vorweisen zu können.

Der dritte Teil trägt die Überschrift „Das Spiel steht gegen Quangels“. Trudel hat inzwischen geheiratet und ist schwanger. Zufällig wird sie Zeugin, wie Otto Quangel eine Karte in einem Treppenhaus auslegt. Ihrem Mann Karl Hergesell vertraut ein ehemaliger Genosse einen Koffer zur Aufbewahrung an – so werden beide später in den Fall hineingezogen. Die Quangels nehmen Kontakt zu den Heffkes auf, Annas Bruder und Schwägerin, und legen bei Besuchen auch in deren Gegend Karten aus. Einmal wird Quangel dabei beobachtet und angezeigt, doch Escherichs Nachfolger lässt ihn laufen, weil er einen Straßenbahner verdächtigt. Als Quangel in seiner Schreinerei zwei Karten verliert und bei der Deutschen Arbeitsfront angibt, er habe sie gefunden, wird der Betrieb gesperrt. Über seinen Wohnsitz in der Jablonskistraße erkennt Escherich ihn schließlich als Täter und verhaftet ihn.

Escherich führt Quangel vor und verspottet triumphierend seinen hartnäckigsten Gegner. Er zeigt ihm fast alle Karten, die Quangel je geschrieben hat, und macht damit deutlich: Die Leute lesen und behalten die Karten nicht, sondern geben sie aus Angst so schnell wie möglich bei der Polizei ab. Auch Quangel ist zunächst erschüttert, fasst dann aber Mut, weil immerhin sieben Karten nie gefunden wurden. Escherich hält ihm die geringe Wirkung seiner jahrelangen Arbeit vor, die er nun mit dem Leben bezahlen werde. Quangel entgegnet nur, dass anständige Menschen kämpfen müssten, weil sie sonst irgendwann nicht mehr anständig seien. Zugleich erinnert er Escherich daran, dass auch dieser von den Launen der Machthaber abhängig sei. Nach diesem Gespräch erschießt sich Escherich, weil er erkennt, wie verlogen sein Leben war. Er ist der Einzige, bei dem die Karten die erhoffte Wirkung entfalten. Unterdessen arbeitet Eva Kluge auf dem Land bei ihrer Schwester. Ihr neuer Freund Kienschäper bestärkt sie darin, den obdachlosen Kuno aufzunehmen. Barkhausen gerät mit dem Spitzel Klebs in einen Diebstahl, wird verhaftet und zusammengeschlagen.

Der vierte Teil heißt „Das Ende“. Bei den Verhören erwähnt Anna versehentlich Trudels Namen, woraufhin Trudel und Hergesell verhaftet werden; Trudel erleidet eine Fehlgeburt. Es folgen Aufenthalte in verschiedenen Gefängnissen, die Begegnung mit einem menschlichen Gefängnispfarrer und einem unmenschlichen Gefängnisarzt sowie der Prozess vor dem Volksgerichtshof. In diesem entwürdigenden Verfahren gestehen Otto und Anna ihre Schuld. Wegen abfälliger Äußerungen über Hitler und die SS werden beide vom Prozess ausgeschlossen und entgehen so der höhnischen Urteilsverkündung des Richters. Fromm gelingt es, beiden je eine Giftampulle zukommen zu lassen. Otto lernt in der Haft den kultivierten Dirigenten Dr. Reichhardt kennen, von dessen ruhiger Lebensführung er Wesentliches lernt; er entdeckt das Gespräch und das Schachspiel für sich. Trotz gegensätzlicher Ansichten werden die beiden Freunde. Otto findet seinen inneren Frieden, will die Kapsel aber noch nicht schlucken, weil er die letzten Tage auskosten möchte.

Anna wirft ihre Ampulle weg, um sich nicht der Versuchung eines vorzeitigen Selbstmords auszusetzen, solange die Hoffnung besteht, ihren Mann vor der gemeinsamen Hinrichtung noch einmal zu sehen. Sie wird ruhig und freundlich, gilt den Wächterinnen und Mitgefangenen aber zunehmend als verrückt. Karl Hergesell wird erschlagen, Trudel nimmt sich das Leben. Otto Quangel lehnt ein Gnadengesuch ab und will bis zuletzt das Leben spüren; am Ende wird er mit dem Fallbeil hingerichtet. Anna kommt Monate später ums Leben, als ihr Gefängnis bei einem Bombenangriff zerstört wird. Der heruntergekommene alte Persicke landet als Trinker in einer Entziehungsanstalt. Sein Sohn Baldur, Schüler einer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt, erwirkt, dass der Vater nicht wegen Unterschlagung verurteilt wird, nötigt aber den Arzt, ihn dort festzuhalten und ihm regelmäßig eine hoch dosierte, übelkeitserregende „grüne Spritze“ zu geben – wohl wird der Alte diese Behandlung nicht lange überleben. Das letzte Kapitel öffnet einen hoffnungsvolleren Ausblick: Eva Kluge und Kienschäper haben geheiratet und Kuno adoptiert. Der Junge ist ein anderer Mensch geworden; als er seinen Vater trifft, sagt er sich endgültig von ihm los, um frei auf dem Land zu leben und zu arbeiten.

Stil

Angelegt ist das Werk als breites Gesellschaftsbild eines einzigen Berliner Mietshauses und seiner Bewohner. Neben der Geschichte des Ehepaars Quangel verfolgt der Roman zahlreiche Nebenfiguren und ihre Schicksale, vom Denunzianten bis zum Gestapo-Beamten. So entsteht ein dichtes Bild des Alltags unter der Diktatur, in dem Angst, Misstrauen und Verrat allgegenwärtig sind. Das Buch ist in vier Teile gegliedert, die jeweils einen eigenen Titel tragen: „Die Quangels“, „Die Gestapo“, „Das Spiel steht gegen Quangels“ und „Das Ende“. Bemerkenswert ist das Entstehungstempo: Fallada schrieb den umfangreichen Roman Ende 1946 in knapp vier Wochen nieder.

Rezeption

Eine besondere Stellung nimmt der Roman in der deutschen Nachkriegsliteratur ein: Er gilt als das erste Buch eines deutschen, nicht ins Exil gegangenen Schriftstellers über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Ein zweites Leben gewann das Werk Jahrzehnte später im Ausland. Ab 2002 erschien es, teils neu und teils erstmals übersetzt, in den USA, Großbritannien, Israel und Frankreich und wurde dort zu einem Verkaufserfolg. Als der Roman 2011 in der ungekürzten Originalfassung neu herauskam, wurde auch diese Ausgabe ein Bestseller.

Der Stoff zog früh das Kino und das Fernsehen an. Bereits 1962 entstand ein Fernsehfilm unter der Regie von Falk Harnack. Weitere Verfilmungen folgten 1970 durch Hans-Joachim Kasprzik und 1976 durch Alfred Vohrer. 2016 verfilmte Vincent Perez den Stoff erneut.

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