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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Hans Fallada
Hans Fallada
1893 – 1947
– Autorenporträt –

Hans Fallada

1893 – 1947 · 53 Jahre

Erzähler des kleinen Mannes in Krisenzeiten – sein Roman „Kleiner Mann – was nun?" machte ihn weltberühmt und gilt als ein Hauptwerk der Neuen Sachlichkeit.

Kurzporträt

Unter dem Pseudonym Hans Fallada veröffentlichte der 1893 in Greifswald geborene Rudolf Ditzen seine Romane. Sie schildern das Leben einfacher Menschen in den Krisenjahren der Weimarer Republik und der NS-Zeit. Den Durchbruch brachte ihm der 1932 erschienene Roman Kleiner Mann – was nun?, der zum Welterfolg wurde. Seine Bücher zeichnen sich durch einen nüchternen, genauen Blick auf das jeweilige Milieu und eine überzeugende Figurengestaltung aus. In der Literaturgeschichte werden seine Werke der Neuen Sachlichkeit zugerechnet. Fallada starb 1947 in Berlin.


Biografie

Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen kam am 21. Juli 1893 in Greifswald zur Welt. Er war das dritte Kind des Richters Wilhelm Ditzen und seiner Frau Elisabeth. Zur Familie gehörten zwei ältere Schwestern und ein jüngerer Bruder. Als der Vater 1899 zum Kammergerichtsrat ernannt wurde, zog die Familie nach Berlin. Nach seiner Ernennung zum Reichsgerichtsrat 1909 ging es weiter nach Leipzig. Von 1901 bis 1906 besuchte Fallada das Prinz-Heinrichs-Gymnasium in Berlin-Schöneberg, danach das Bismarck-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf. Er litt unter dem Verhältnis zu seinem Vater. Dieser hatte für ihn eine Juristenlaufbahn vorgesehen und versagte ihm die ersehnte Anerkennung. In Leipzig besuchte er bis 1911 das Königin-Carola-Gymnasium. Wie schon zuvor galt er als Außenseiter und zog sich immer mehr zurück.

Weil sich bei ihm „suizidale Tendenzen" zeigten, schickten ihn die Eltern 1911 zunächst in ein Sanatorium nach Bad Berka. Anschließend gaben sie ihn bei einem Rudolstädter Superintendenten in Pension. Im Sommer 1911 wurde er Schüler am Gymnasium Fridericianum Rudolstadt. Mit seinem Mitschüler Hanns Dietrich von Necker beschloss er, gemeinschaftlich aus dem Leben zu scheiden. Bei einem als Scheinduell getarnten Schusswechsel am 17. Oktober 1911 starb von Necker, Fallada überlebte schwer verletzt. Er wurde wegen Totschlags angeklagt und von Februar 1912 bis Juli 1913 in einer Pflegeanstalt für Psychiatrie und Neurologie behandelt. Wegen Schuldunfähigkeit wurde die Anklage fallengelassen. Das Gymnasium verließ er ohne Abschluss. Danach absolvierte er eine landwirtschaftliche Lehre im thüringischen Posterstein.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich Fallada freiwillig, wurde aber als untauglich abgewiesen. Er arbeitete in landwirtschaftlichen Stellungen, unter anderem 1916 als Assistent der Landwirtschaftskammer Stettin. Zwischen 1917 und 1919 verbrachte er wegen Alkohol- und Morphiumsucht viel Zeit in Entzugskliniken und Sanatorien. In diese Jahre fielen erste schriftstellerische Versuche. Der 1920 im Rowohlt Verlag erschienene Roman Der junge Goedeschal erreichte kein größeres Publikum und blieb für den Verleger Ernst Rowohlt ein Misserfolg. Das galt ebenso für ein Übersetzungsprojekt mit Werken Romain Rollands. Mit diesem ersten Buch verwendete Ditzen erstmals das Pseudonym Hans Fallada. Es geht vermutlich auf zwei Märchen der Brüder Grimm zurück: auf Hans im Glück und auf das sprechende Pferd Falada aus Die Gänsemagd. Eine andere Deutung verweist auf die juristische Abkürzung „Fall ad acta".

Um seinen Morphium- und Alkoholkonsum zu finanzieren, beging Fallada Unterschlagungen. Sie führten 1923 zu einer dreimonatigen und 1926 zu einer zweieinhalbjährigen Haftstrafe wegen Betrugs. 1928 kam er aus der Haft frei und lernte Anna Issel, genannt „Suse", kennen. Am 5. April 1929 heiratete er sie in Hamburg. Sie diente als Vorbild für die Figur „Lämmchen" in Kleiner Mann – was nun?. In Neumünster arbeitete er ab 1928 als Anzeigenwerber und Reporter für den General-Anzeiger. Zeitweise gehörte er den Guttemplern und der SPD an. Das Paar bekam mehrere Kinder, von denen nicht alle überlebten.

Den schriftstellerischen Erfolg brachte Anfang der 1930er Jahre der Roman Bauern, Bonzen und Bomben (1931) über Kleinstadtpolitik und Landvolkbewegung. Er ging aus Falladas Berichterstattung beim Landvolkprozess in Neumünster hervor. Auf Anraten Rowohlts, der ihm eine Halbtagsstelle in seinem Verlag verschaffte, zog er nach Berlin. In Neuenhagen entstand Kleiner Mann – was nun?. Der Roman erschien 1932, wurde zum Bestseller und fand international Anerkennung. Mit dem Erlös erwarb Fallada später ein Anwesen im mecklenburgischen Carwitz. Es bewirtschaftete er bis zu seiner Rückkehr nach Berlin 1944 selbst.

Im März 1933 wurde Fallada bei der SA denunziert und kurzzeitig in Haft genommen. In Carwitz schrieb er weiter, darunter den Roman Wer einmal aus dem Blechnapf frißt, in dem er seine Gefängniserfahrungen verarbeitete. Fallada zählte zu den Erfolgsautoren der NS-Zeit. Um veröffentlichen zu können, bemühte er sich um die Akzeptanz der Behörden und passte seine Werke teils deren Forderungen an. Die Machthaber beurteilten ihn unterschiedlich. Joseph Goebbels und die Reichsschrifttumskammer waren von ihm angetan. Alfred Rosenberg und das ihm unterstellte Amt dagegen sahen ihn kritisch und ließen ein Buch verbieten. Auf das Gebiet der leichten Unterhaltungsliteratur musste Fallada zeitweise ausweichen. 1943 unternahm er als RAD-Sonderführer eine Reportagefahrt ins besetzte Frankreich.

Falladas Ehe scheiterte und wurde am 5. Juli 1944 geschieden. Im Streit mit der geschiedenen Frau schoss er schwer angetrunken in einen Tisch. Er wurde wegen versuchten Totschlags angeklagt und im September 1944 zur Beobachtung in eine Anstalt in Neustrelitz-Strelitz eingewiesen. Dort schrieb er Kurzgeschichten, den postum erschienenen Roman Der Trinker und einen Erfahrungsbericht über den NS-Staat. Im Februar 1945 heiratete er Ursula Losch, genannt „Ulla". Beide waren suchtkrank. Hans Fallada starb 1947 in Berlin. In der Forschung umstritten ist sein genaues Todesdatum: Verschiedene Quellen nennen den 5. Februar 1947, die Neue Deutsche Biographie gibt den 6. Februar 1947 an.


Literarische Merkmale

Begonnen hatte Fallada laut der Deutschen Biographie 1920 als Expressionist. Durchsetzen konnte er sich aber erst, als er sich den Problemen seiner Zeit zuwandte und sie in Romanen und Erzählungen realistischer Prägung gestaltete. Seit Bauern, Bonzen und Bomben prägten ein objektiv-nüchterner Stil, anschauliche Milieustudien und eine überzeugende Charakterzeichnung seine Bücher. Diese Merkmale lassen ihn der Neuen Sachlichkeit zuordnen.

Viele seiner Werke sind eng mit dem eigenen Erleben verbunden. Der Roman Bauern, Bonzen und Bomben ging aus seiner Tätigkeit als Berichterstatter hervor. Wer einmal aus dem Blechnapf frißt verarbeitete seine Hafterfahrungen. Auch spätere Bücher wie Der Trinker sind unmittelbar von seinem Schicksal geprägt. Die Neue Deutsche Biographie hebt seine Gabe hervor, volkstümlich zu erzählen. Sie zeigt sich besonders in den Erinnerungsbüchern Damals bei uns daheim und Heute bei uns zu Haus. In seinen großen Romanen stellt Fallada den deutschen Kleinbürger dar, der den Verhältnissen seiner Zeit ausgeliefert ist. Kritischer Blick und warme Menschlichkeit bewahrten ihn dabei, so die Deutsche Biographie, stets vor Einseitigkeiten.


Rezeption

Erst die Hinwendung zu zeitkritischen Stoffen brachte Fallada den Durchbruch. Der Arbeitslosenroman Kleiner Mann – was nun? erschien 1932, erreichte hohe Auflagen und machte ihn international bekannt. Mit dem Erlös konnte er sich das Anwesen in Carwitz kaufen. Auch Wolf unter Wölfen, Jeder stirbt für sich allein und der postum veröffentlichte Roman Der Trinker fanden weite Verbreitung. Die Neue Deutsche Biographie urteilt, dass kritischer Blick und warme Menschlichkeit seinem Werk eine längere Dauer versprechen.

Schon zu Lebzeiten wurde Fallada vielfach besprochen, sowohl im deutschsprachigen Raum als auch im Ausland. Nach seinem Tod 1947 würdigte ihn Johannes R. Becher in der Zeitschrift Aufbau. Sein Werk und Leben sind bis heute Gegenstand zahlreicher Biographien, darunter Arbeiten von Jenny Williams, Cecilia von Studnitz sowie der von Peter Walther und Gunnar Müller-Waldeck herausgegebene Band. Sein Wohnhaus in Carwitz wurde zum Hans-Fallada-Museum, und eine Hans-Fallada-Gesellschaft pflegt sein Andenken. 2016 erschien im Aufbau Verlag eine ungekürzte Neuausgabe von Kleiner Mann – was nun?, erstmals so, wie Fallada den Roman geschrieben hatte.

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