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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Jakob von Gunten
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Jakob von Gunten
1909
– Werkseintrag –

Jakob von Gunten

1909 · Roman

Das fiktive Tagebuch eines hochmütigen Jünglings, der in einer rätselhaften Berliner Dienerschule lernen soll, ein Nichts zu sein.

Überblick

Mit Jakob von Gunten legte Robert Walser 1909 bei Bruno Cassirer in Berlin seinen dritten Roman vor. Es folgte nach Geschwister Tanner und Der Gehülfe. In Form eines fiktiven Tagebuchs berichtet der junge Titelheld vom Leben in einer Berliner Dienerschule. Walser selbst hatte 1905 einen Dienerkurs besucht. Kurz darauf arbeitete er als Diener auf Schloss Dambrau in Oberschlesien. Die eigentümliche Atmosphäre dieser Erfahrungen prägt den Roman. Das schmale Buch gilt heute als eines der bedeutendsten Werke der deutschsprachigen Moderne.

Inhalt (ohne Spoiler)

Der junge Jakob von Gunten stammt aus wohlhabender Familie. Der Vater besitzt Wagen und Pferde, die Mutter eine eigene Theaterloge. Der ältere Bruder Johann ist ein anerkannter Künstler in gehobenen Kreisen. Jakob aber läuft von zu Hause weg, um dem übermächtigen Schatten des Vaters zu entkommen. In Berlin tritt er in eine seltsame Dienerschule ein. Sie ist in einem Stockwerk eines Hinterhauses untergebracht.

Vorsteher des Instituts ist der rätselhafte Herr Benjamenta. Unterrichtet werden die Schüler von dessen Schwester Lisa. Weitere Lehrer gibt es zwar, doch sie sind entweder abwesend oder liegen in tiefem Schlaf. Der Unterricht besteht vor allem darin, eine Broschüre mit dem Titel Was bezweckt Benjamenta's Knabenschule? und die sogenannten „Vorschriften" auswendig zu lernen. Die Schüler sollen sich willig bevormunden und drillen lassen, um später als Diener eine Stellung zu finden. Ein Grundsatz lautet: „Wenig aber gründlich."

Jakob, eitel und selbstbewusst, hält sich für den Gescheitesten unter den Schulkameraden. Er flaniert allein durch die Großstadt. Er sucht Streit mit dem rechtschaffenen Mitschüler Kraus und führt eigentümliche Gespräche mit dem Vorsteher und dessen Schwester. Aus den Aufzeichnungen wächst nach und nach ein eigentümliches Bild dieser Welt zwischen Demut und Hochmut, Drill und Tagtraum.

Die Handlung im Detail

Jakob von Gunten, jüngerer Sohn aus gutem Haus, verlässt das Elternhaus, um dem Vater zu entkommen, und schreibt sich in der Berliner Dienerschule des Herrn Benjamenta ein. Die Anstalt ist eine kuriose Einrichtung: in einem Stockwerk eines Hinterhauses untergebracht, mit einem Vorsteher, der die Schüler mit einer einzigen Broschüre und festen „Vorschriften" auf das Dienertum vorbereitet, und mit Lehrern, die entweder nicht erscheinen oder schlafen. Den eigentlichen Unterricht hält Lisa Benjamenta, die Schwester des Vorstehers.

Beim Eintritt wird Jakob vom Vorsteher geprüft, lehnt sich auf und bekommt Schläge, die er klaglos hinnimmt. Auch später schlägt der Vorsteher zu, ohne nach Schuld zu fragen, wenn Jakob in Streit verwickelt ist. Minderwertig fühlt sich der Eleve trotzdem nie. Er hält sich für eitel und hochmütig, fühlt sich leicht gekränkt und vermutet, im Institut werde er verdummt – kleingemacht jedenfalls wird er, das weiß er.

Bald gesteht der Vorsteher, er habe eine unbeherrschbare Vorliebe für Jakob, er spüre an ihm etwas Bedeutendes, ohne es erklären zu können. Jakob ist überrascht, schweigt aber wohlweislich, auch als der Vorsteher ihm seine Liebe gesteht. Als Jakob sein vertrauter Freund werden soll, zögert er. Daraufhin verschafft der Vorsteher ihm keine Stelle, denn der über vierzigjährige Mann liebt zum ersten Mal in seinem Leben einen Menschen. Bald aber bekommt Jakob hasenartige Angst: Der Vorsteher will ihn erwürgen, später will er ihn küssen – der prachtvolle Bursche lehnt das entrüstet ab.

Sein wichtigster Mitschüler ist Kraus, der Redlichste und Tüchtigste, eine zarte, feste Menschenseele, der den Unterrichtsstoff mit Mühe einpaukt und Jakobs Müßiggang verachtet. Jakob hat eine leichte Auffassungsgabe, flaniert in der Freizeit durch die Stadt, betritt mit zehn Mark ein Restaurant mit Damenbedienung und lässt sich von einem jungen Mädchen verwöhnen; sie spielen „Sag' mir guten Tag" – der Kontext lässt auf Geschlechtsverkehr schließen – und Jakob ist pleite, als er das Lokal verlässt. Kraus empfängt ihn mit verächtlichem Lächeln. Jakob hängt an ihm, weil dieser ihm bei jeder Gelegenheit zürnt, wenn er ihn reizt und äfft. Kraus, so heißt es, hat etwas Joseph-in-Ägypten-haftes, ein Nichts, ein Diener.

Fräulein Lisa Benjamenta geht lächelnd über Jakobs Ungezogenheiten hinweg. Abends erscheint sie im weißen, wallenden Gewand zum Gute-Nacht-Gruß. Wenn sie in den inneren Gemächern verschwindet, malt Jakob sich eine palastartige Wunderwelt hinter der Tür aus. Einer seiner Träume führt ihn dorthin – die Wirklichkeit ernüchtert: Hinter der Tür liegen zwei schäbige Zimmer, Armut und Entbehrung. Alle Erwartungen werden enttäuscht und doch traumhaft seltsam übertroffen. Bei den kleinen Theaterstücken der Eleven, in denen das bescheidene Dienen versinnbildlicht wird, spielt das Fräulein Publikum.

Lisa Benjamenta leidet, doch Jakob weiß nicht, woran. Schließlich kündigt sie ihm unter vier Augen ihren bevorstehenden Tod an und fordert Stillschweigen. Die Todesursache: Sie ist im Leben von keinem Manne geliebt worden. Jakob nimmt die Nachricht beherrscht auf; er weiß, dass er gemein ist, aber er denkt an seinen Geldmangel. Als das Fräulein gestorben ist, bleiben nur noch Jakob und der Vorsteher bei der Leiche zurück. Der Vorgesetzte, dieser Schuft, hat allen anderen Eleven am Sterbetag seiner Schwester Stellungen verschafft; Jakob möchte auch unterkommen. Den Vorsteher überkommt unerhörte Lebens- und Lachlust. Er will mit Jakob in die Welt hinaus – und so geschieht es.

Durch das Buch ziehen sich Jakobs Träume. Er schlägt seiner fernen, geliebten Mutter ins Gesicht und reißt sie an den Haaren. Anfang des 16. Jahrhunderts kämpft er als Kriegsoberst in den mailändischen Feldzügen und wird in den Grafenstand erhoben. Als napoleonischer Soldat zieht er, zum Körper-Klumpen geschunden, durch den Schnee gen Moskau. Am Ende, nachdem der Vorsteher und Jakob als Letzte im Institut zurückgeblieben sind, verlassen die beiden die Knabenschule, wenden sich ab von der Kultur und reiten auf Kamelen in die Wüste.

Stil

Der Ich-Erzähler beschränkt sich in seinen sprunghaften Tagebuchaufzeichnungen nicht auf das sachliche Berichten aus dem Knabeninternat. Er schreibt ebenso seine Phantasien und Träume auf. So mischen sich Wahrheit, Erträumtes und Phantasiertes und sind für den Leser nicht immer leicht zu trennen.

Anders als in Tagebüchern üblich, fehlt eine durchlaufende Datierung der Einträge. Auch indirekt lässt sich aus dem Text keine Chronologie der Ereignisse ableiten. Hervorstechendes Merkmal ist die eingängige, unaufdringliche Sprache. Durch sie wird der Alltag zu etwas Besonderem stilisiert. Hermann Hesse hat festgehalten, Walser gehe mit der Sprache respektvoll um, wie mit einem hochgeachteten, doch vertrauten Freund.

Rezeption

Der Roman gilt als ein eigentümliches und bis heute wirkungsmächtiges Werk der deutschsprachigen Moderne. Robert Mächler hat Walsers Prosa mit der Kafkas verglichen und einen Unterschied herausgestellt: Walsers eskamotierende, taschenspielerhafte Weltfreundlichkeit fehle bei Kafka. Peter Sprengel hat auf die Analogie des Instituts Benjamenta zur Turmgesellschaft in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahren hingewiesen. Jochen Greven hat auf die typische Märchenfabel hingewiesen. Christopher Middleton vermutet, Jakob von Gunten sei eine Parodie des klassischen deutschen Bildungsromans.

Die Wirkung reicht bis in den Film. 1995 verfilmten die Brüder Stephen und Timothy Quay den Stoff unter dem Titel Institut Benjamenta.

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