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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Robert Walser
Robert Walser
1878 – 1956
– Autorenporträt –

Robert Walser

1878 – 1956 · 78 Jahre

Schweizer Erzähler der literarischen Moderne und Meister der kleinen Form – von Kafka, Musil und Benjamin verehrt, jahrzehntelang in Heil- und Pflegeanstalten verschollen, erst ab den 1970er Jahren wiederentdeckt.

Kurzporträt

Robert Walser (1878–1956) gilt heute als einer der wichtigsten Schweizer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er ist ein bedeutender Vertreter der literarischen Moderne. Er schrieb vier Romane, darunter Geschwister Tanner, Der Gehülfe und Jakob von Gunten. Dazu kamen die längere Erzählung Der Spaziergang und eine Vielzahl kleiner Prosastücke. Diese kleinen Prosastücke wurden zu seinem Markenzeichen. Zeitgenossen wie Franz Kafka, Robert Musil, Walter Benjamin, Hermann Hesse und Kurt Tucholsky schätzten ihn. Der kommerzielle Durchbruch blieb aber aus. Den größten Teil seines Lebens verbrachte er in Armut. Nach einem psychischen Zusammenbruch lebte er von 1929 bis zu seinem Tod in Heil- und Pflegeanstalten. Am ersten Weihnachtsfeiertag 1956 starb er bei einer einsamen Wanderung in einem Schneefeld bei Herisau.


Biografie

Robert Otto Walser kam am 15. April 1878 in Biel zur Welt. Er war das zweitjüngste von acht Kindern. Sein Vater Adolf Walser war gelernter Buchbinder und führte ein Detailhandelsgeschäft für Papeteriewaren und Bilderrahmen. Dieses Geschäft ging im Laufe der Zeit nieder. Die Mutter Elisabeth, geborene Marti, galt als "gemütskrank" – eine zeitgenössische Bezeichnung für eine affektive Psychose. Sie wurde von der älteren Tochter Lisa gepflegt, bis sie 1894 starb. Laut der Deutschen Biographie war Walsers Kindheit von diesem doppelten Schatten geprägt: dem Niedergang des väterlichen Geschäfts und der psychischen Erkrankung der Mutter. Der Schweizer Germanist Peter von Matt hält die symbiotische Beziehung zur Mutter für prägend für Walsers gesamtes Schaffen. Walser wuchs an der deutsch-französischen Sprachgrenze zweisprachig auf. Er besuchte in Biel die Primarschule und das Progymnasium. Die Schule musste er aber vor dem Examen verlassen, weil die Familie das Schulgeld nicht mehr aufbringen konnte.

Von 1892 bis 1895 absolvierte er eine Lehre bei der Berner Kantonalbank in Biel. Danach folgten Wanderjahre. Sie führten ihn nach Basel, Stuttgart, Thun, Solothurn, München, Würzburg, Berlin, Täuffelen, Winterthur, Wädenswil und immer wieder nach Zürich. In Stuttgart arbeitete er bei der Union Deutsche Verlagsgesellschaft als Schreiber in der Inseratenabteilung. Er versuchte vergeblich, Schauspieler zu werden. Sein Vorsprechen bei einer Schauspielerin des Hoftheaters blieb erfolglos. Zu Fuß wanderte er in die Schweiz zurück. In den folgenden Jahren arbeitete er häufig, aber unregelmäßig in rasch wechselnden Anstellungen als Büroangestellter und Schreibkraft. Als einer der ersten deutschsprachigen Autoren machte er das Angestelltendasein zu einem Topos der Literatur.

1898 veröffentlichte Joseph Victor Widmann, Feuilletonredaktor der Berner Tageszeitung "Der Bund", sechs Gedichte Walsers im Sonntagsblatt. Franz Blei wurde dadurch auf ihn aufmerksam. Er führte ihn 1899 in den vom Jugendstil geprägten Kreis um die Zeitschrift "Die Insel" ein. Dort lernte er Frank Wedekind, Max Dauthendey, Otto Julius Bierbaum und andere kennen. 1903 war Walser "Gehülfe" beim Ingenieur und Erfinder Carl Dubler in Wädenswil. Diese Episode lieferte später den Stoff für den Roman Der Gehülfe (1908). 1904 erschien sein erstes Buch Fritz Kochers Aufsätze im Insel Verlag. Im Spätsommer 1905 absolvierte er in Berlin einen Kurs zur Ausbildung als Diener. Anschließend ließ er sich einige Monate auf Schloss Dambrau in Oberschlesien anstellen. Das Thema des Dienens durchzog danach sein Werk. Besonders ausgeprägt zeigt es sich im Roman Jakob von Gunten (1909).

Anfang 1906 ging Walser dauerhaft nach Berlin. Sein Bruder Karl war ein erfolgreicher Maler und Bühnenbildner, unter anderem für Max Reinhardt. Er verschaffte ihm Zugang zu Literaten-, Verleger- und Theaterkreisen. Zeitweise arbeitete Walser als Sekretär der Berliner Secession. Er lernte die Verleger Samuel Fischer und Bruno Cassirer, den Industriellen Walther Rathenau und den Schauspieler Alexander Moissi kennen. In Berlin entstanden in rascher Folge drei Romane: Geschwister Tanner (1907), den er innerhalb von sechs Wochen niederschrieb, Der Gehülfe (1908) und Jakob von Gunten (1909). Alle erschienen bei Bruno Cassirer. Sein Lektor war Christian Morgenstern.

Im April 1913 kehrte Walser in die Schweiz zurück. Nach eigener Wahrnehmung war er künstlerisch gescheitert. Er wohnte zunächst bei seiner Schwester Lisa, die als Lehrerin an der Pflegeanstalt Bellelay arbeitete. Dort lernte er die Wäscherin Frieda Mermet kennen. Mit ihr verband ihn eine enge Freundschaft und ein langer Briefwechsel. Ab Juli 1913 bezog er eine Mansarde im Bieler Hotel "Blaues Kreuz" und blieb dort bis 1920. 1914 starb sein Vater. Ende 1916 starb sein psychisch erkrankter Bruder Ernst in der Heilanstalt Waldau. 1919 nahm sich der Bruder Hermann, Professor der Geographie in Bern, das Leben. Walser geriet zunehmend in Isolation, auch weil er durch den Krieg von Deutschland abgeschnitten war. Trotz umfangreicher Produktion konnte er kaum seinen Lebensunterhalt bestreiten. Aus dieser Zeit stammen die Bände Aufsätze (1913), Geschichten (1914), Kleine Dichtungen (1915), Prosastücke (1917), Poetenleben (1917), Komödie (1919) und Seeland (1920) sowie die längere Erzählung Der Spaziergang (1917).

Anfang 1921 zog er nach Bern. Dort arbeitete er für einige Monate als "Aushülfsangestellter" im Staatsarchiv. In zwölf Jahren bewohnte er dort sechzehn verschiedene möblierte Zimmer. Mitte der zwanziger Jahre begann seine quantitativ produktivste Zeit. Von den geplanten Buchpublikationen kam aber nur Die Rose (1925) zustande. Mehr als die Hälfte dieser Produktion wurde erst Jahrzehnte nach seinem Tod aus den 526 nachgelassenen Mikrogrammen entziffert.

Anfang 1929 begab sich Walser in die Heilanstalt Waldau bei Bern. Er wurde von Angstzuständen und Halluzinationen geplagt und folgte dem Rat eines Psychiaters und dem Drängen seiner Schwester Lisa. In der Waldau erhielt er die Diagnose "Schizophrenie". Ein Arztprotokoll vermerkt: "Der Patient gibt zu, Stimmen zu hören." Von einer wirklich freiwilligen Einweisung kann daher kaum gesprochen werden. Nach einigen Wochen normalisierte sich sein Zustand. Er schrieb weiter, wenn auch mit Pausen. 1933 wurde er gegen seinen Willen in die Heil- und Pflegeanstalt Herisau in seinem Heimatkanton versetzt und gab das Schreiben auf. Ein Grund war, dass mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ein wesentlicher Veröffentlichungsmarkt in Deutschland wegfiel. Er stellte mit den anderen Insassen Papiersäcke her und las in seiner Freizeit Unterhaltungsliteratur. 1934 erhielt er gegen seinen Willen einen Vormund. Ab 1936 besuchte ihn der Schweizer Schriftsteller und Mäzen Carl Seelig. Dieser übernahm nach dem Tod der Geschwister Karl (1943) und Lisa (1944) die Vormundschaft und bemühte sich um Neuausgaben. Walser lehnte es wiederholt ab, die Anstalt zu verlassen. Am 25. Dezember 1956 starb er an einem Herzschlag bei einer Wanderung durch ein Schneefeld bei Herisau.


Literarische Merkmale

Walser ist Teil der literarischen Moderne. Er schloss sich dabei nie einer Gruppe, Schule oder Programmatik an. Laut der Deutschen Biographie greift sein Werk Traditionen des Realismus, der Romantik und des Jugendstils auf. Von den Avantgarden hält es sich aber fern. Im Feuilleton, der prototypischen Gattung der Moderne, wurde er, wie die NDB notiert, zum "Meister der kleinen Form". Zwischen 1898 und Anfang der 1930er Jahre veröffentlichte er mehr als tausend Texte in über zwanzig Zeitungen und Zeitschriften. Dazu zählten der "Bund", das "Berliner Tageblatt", die "Schaubühne", die "Neue Zürcher Zeitung" und die "Prager Presse". Der größte Teil seines Werks besteht aus solchen kleinen Prosastücken: literarischen Skizzen, die sich einer genaueren Kategorisierung entziehen.

In den drei Berliner Romanen setzte er den politischen und ökonomischen Entwicklungen hin zum Großen und Globalen das Kleine, Unscheinbare und Subalterne entgegen. Den Stoff fand er in der eigenen Erfahrung: die familiäre Situation in Geschwister Tanner, die Tätigkeit beim Wädenswiler Unternehmer in Der Gehülfe, die Erfahrungen an der Berliner Dienerschule in Jakob von Gunten. Letzterer nimmt nach Lesart der Deutschen Biographie inhaltlich und formal Franz Kafkas Institutionenromane vorweg. Charakteristisch sind sprachspielerische Prosastücke. In ihnen skizziert ein ärmlicher Flaneur subjektiv populäre Berliner Lokale wie das "Aschinger" oder die "Gebirgshallen". In seiner Bieler Zeit verschob sich der Ton hin zu Naturbetrachtung und Idylle. Texte aus der Sicht eines Wanderers wechseln sich ab mit spielerischen Aufsätzen über Schriftsteller und Künstler.

In Bern entwickelte Walser seine experimentellen Verfahren weiter und benutzte die von ihm so genannte "Bleistiftmethode". In winziger deutscher Kurrentschrift, deren Buchstaben gegen Ende kaum einen Millimeter hoch waren, schrieb er Gedichte und Prosa in Entwürfen. Diese Entwürfe sind heute als Mikrogramme bekannt. In einem zweiten Arbeitsgang übertrug er sie mit der Feder ins Reine. In dem Konvolut fand sich auch der Räuber-Roman, der die Gattungskonventionen radikal überwindet. Die Modernität dieses Werks beruht, so die NDB, wesentlich auf seiner Selbstreflexivität: auf Ironie, Intertextualität und Autofiktionalität. Diese Eigenschaften machten es später anschlussfähig an die postmoderne Theoriebildung.


Rezeption

Vor dem Ersten Weltkrieg und auch noch in den 1920er Jahren war Walser ein angesehener, viel veröffentlichter Autor – zuletzt allerdings fast nur noch als Feuilletonist. Seine Berliner Romane wurden positiv aufgenommen. Robert Musil und Kurt Tucholsky priesen seine Prosa. Hermann Hesse und Franz Kafka zählten ihn zu ihren Lieblingsautoren. In den 1930er Jahren geriet er in Deutschland jedoch rasch in Vergessenheit. Carl Seeligs Editionen erschienen nach dem Zweiten Weltkrieg in der Schweiz und wurden fast nur dort beachtet. Auch sie änderten daran zunächst wenig. Seelig hatte ihn ab 1936 in Herisau besucht und 1944 die Vormundschaft übernommen. Später berichtete er in dem Buch Wanderungen mit Robert Walser über die gemeinsamen Gespräche.

Erst ab den 1970er Jahren wurde Walser in breiterem Umfang wiederentdeckt. Seither sind fast alle seine Schriften zugänglich, durch eine umfangreiche Werkausgabe und durch die Edition der späten Entwurfmanuskripte. Die 526 Mikrogramme aus dem Nachlass wurden entziffert. Zwischen 1985 und 2000 erschienen sie in sechs Bänden unter dem Titel Aus dem Bleistiftgebiet. Seine Wirkung auf zeitgenössische Autoren ist beträchtlich. In diesem Zusammenhang werden Martin Walser, Peter Bichsel, Ror Wolf, Peter Handke, Elfriede Jelinek, W. G. Sebald und Max Goldt genannt.

1967 trat Walsers Schwester Fanny Hegi-Walser den Nachlass an die Carl Seelig-Stiftung ab. 1973 wurde daraus das Robert Walser-Archiv. 1996 wurde die Robert Walser-Gesellschaft mitinitiiert. 2009 zog das Archiv nach Bern um. Zugleich wurde dort das Robert Walser-Zentrum eröffnet. In seiner Heimatstadt Biel besteht seit 1978 die Stiftung Robert Walser Biel/Bienne, die den Robert Walser-Preis vergibt. Nach ihm wurde ein Neigezug der SBB benannt. Der Installationskünstler Thomas Hirschhorn widmete ihm 2019 eine Skulptur, die 86 Tage lang vor dem Bieler Hauptbahnhof stand. Heute wird sein Werk international rezipiert.

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