1907
Geschwister Tanner
Überblick↑
Der Roman Geschwister Tanner ist das erste Buch von Robert Walser. Er schrieb ihn Anfang 1906 in Berlin in nur sechs Wochen. 1907 veröffentlichte er ihn bei Bruno Cassirer. Im Mittelpunkt steht der junge Simon Tanner, der von Stelle zu Stelle wandert und nirgends bleiben will. Mit diesem Erstling betrat Walser die literarische Bühne. Das Buch gilt als eines seiner bedeutendsten Werke. Es steht am Anfang einer kleinen Romanreihe. Zu dieser gehören auch Der Gehülfe und Walsers berühmte Prosa um die Figur Fritz Kocher.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der zwanzigjährige Simon Tanner, ein verhinderter Bankangestellter. Er weiß nicht so recht, wohin er in seinem Leben gehört. Seine vier Geschwister – die Lehrerin Hedwig, der Gelehrte Klaus, der Maler Kaspar und der im „Irrenhaus“ lebende Emil – können ihm bei der Suche nach einem festen Platz wenig helfen. Simon wechselt Stelle um Stelle: er versucht es in mehreren Banken, in einer Buchhandlung, als Krankenwärter, als Aushilfe bei einem Advokaten, als angehender Journalist, in einer Maschinenfabrik. Nirgends bleibt er lang.
Auf seinen Wegen lernt er die schöne Pensionswirtin Klara Agappaia kennen. Sie überlässt ihm und seinem Bruder Kaspar ein prachtvolles Zimmer. Und er begegnet immer neuen Menschen, denen er sein Inneres anvertraut. Eine Zeitlang quartiert er sich bei der Schwester Hedwig auf dem Land ein. Später dient er einer strengen Dame in der Stadt. Bruder Klaus, der älteste, sorgt sich um den jüngsten und mahnt ihn – sanft. Denn zwischen den beiden kommt es nie zum Streit. Simon will weder in einem Beruf gefangen noch in eine Zukunft eingespannt sein. Er will eine Gegenwart haben, die Menschen lieben und „Mensch bleiben“.
Die Handlung im Detail↑
Der zwanzigjährige Simon Tanner ist ein verhinderter Bankangestellter und stammt aus einer Familie mit fünf Kindern. Die Mutter starb, als Simon vierzehn war; gepflegt hatte sie die Schwester Hedwig. Der Vater ist inzwischen achtzig Jahre alt. Klaus, der älteste Bruder, hat sich in der Gelehrtenwelt einen Namen gemacht; Kaspar lebt zurückgezogen als Maler in Paris; Hedwig unterrichtet als Lehrerin auf dem Dorf; Emil sitzt im „Irrenhaus“. Nach dem Tod der Mutter wurde Simon in eine Bank in die Lehre gegeben und im dritten Lehrjahr vom Direktor davongejagt.
Seither wechselt Simon die „Bankanstalten“ wie die Hemden. Meist wirft man ihn nicht hinaus, sondern er geht von sich aus, weil ihm etwas nicht passt. Er versucht es als Buchhandlungsgehilfe, verlässt aber bald den „nichtsnutzigen Bücherladen“, meldet sich beim Stellenvermittlungsbüro, arbeitet als Krankenwärter und als Aushilfe bei einem Advokaten. Endlich findet er Anstellung in einem Bankhaus von weltbedeutendem Umfang – legt sich aber mit dem Direktor an und wird entlassen. Das angebotene Zeugnis verschmäht er: Von nun an will er sich nur noch auf sich selbst berufen. Er will keine Zukunft, er will eine Gegenwart haben. Er versucht sich erfolglos als Journalist und nimmt an der Inventur einer großen Maschinenfabrik teil.
Mit ein wenig Geld in der Tasche sucht Simon die Pension der schönen Frau Klara Agappaia am Waldesrand auf, um für sich und seinen Bruder Kaspar ein Zimmer zu mieten. Die Miete übersteigt die Mittel der beiden, doch Klara, vom jungen Mann beeindruckt, lässt sie unentgeltlich in ein prachtvolles Chambre einziehen. Sie verliebt sich in Kaspar und dehnt ihre Zuneigung sogleich auf Simon aus: Sie küsst ihn mit der Begründung, er sei ja der Bruder des Geliebten, und nennt ihn ihren „süßen Knaben“ mit einem „Kopf voll so unergründlicher Gedanken“. Klaras Gatte, ein schießwütiger Forschungsreisender, hat unterdessen sein Vermögen verspielt und sucht das Weite. Klara muss die Pension aufgeben, die Brüder verlieren ihr Zimmer.
Kaspar will sich nicht binden – er muss der Kunst dienen und „hart zu denen sein, von denen er am meisten geliebt“ wird. Alles Liebende, so sieht er es, muss abgetötet werden, damit Liebe für das Schaffen frei wird. Er malt „für die Lust späterer Geschlechter“. Er trennt sich von Klara, obwohl sie nicht von ihm lassen will, und nimmt außerhalb der Stadt Gelegenheitsaufträge an. Simon freut sich beinahe, dass Klara den Bruder unglücklich liebt; zugleich will er „ein besserer Mensch werden“.
Der ältere Bruder Klaus missbilligt Simons „immerwährenden Berufswechsel“. Er fühlt sich für den Jüngsten verantwortlich und nennt ihn einen „Müssiggänger“, doch der Gelehrte ist so rücksichtsvoll, dass es nie zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den beiden kommt. Simon verspricht nachlässig, „daß es bald aufhört“ mit der Faulenzerei; Klaus nimmt das leere Versprechen gutgläubig hin und befördert so den Schlendrian.
Für drei Monate kommt Simon bei seiner Schwester Hedwig unter. Sie begrüßt ihn stürmisch, erkennt aber bald ernüchtert, dass er sich sonst nicht um sie gekümmert hat. Simon übernimmt die Hausarbeit und sinnt darüber: Dankbarkeit will er der Schwester nicht zeigen, denn damit beleidigte er sie nur. Auch Hedwig geht das Geld aus; auf dem Lande versorgen die Eltern der Schulkinder die Lehrerin mit Naturalien. Als Klaus zu Besuch kommt und sich Simon vornimmt, sind beide Geschwister froh, als der „gestrenge Inspektor“ wieder fort ist. Hedwig verachtet Simon „ein ganz klein wenig“, denn er habe „etwas Unbekümmert-Läppisches“ an sich, und jagt ihn schließlich fort.
Von tiefer Wirkung ist die Begegnung Simons mit Hedwigs Freund Sebastian: An einem Abend findet er dessen erfrorene Leiche in einem Bergwald. Simon bewundert Sebastian für die Umstände seines Todes – eine Stelle, die später eine fast unheimliche Spiegelung in Walsers eigenem Ende fand, als der Dichter 1956 nach einem einsamen Spaziergang tot im verschneiten Wald aufgefunden wurde.
Simon geht zurück in die Stadt und wird Diener einer strengen Frau, deren krankes kleines Kind er pflegt. Die Herrin verlangt viel, lässt ihn aber auch an ihrem Schreibtisch einen Brief schreiben und sitzt geduldig daneben. Simon wünscht sich beinahe eine Ohrfeige von ihr und provoziert sie; ob er die gewünschte Strafe erhält, bleibt offen. Bald ist er wieder stellenlos. Er nimmt ein Zimmer bei der Vermieterin Frau Weiß, bezahlt im Voraus, legt sich ins gemachte Bett und träumt von Klara: Sie ist Zauberin geworden und führt ihm seine Geschwister einzeln vor. Klaus schreibt fleißig an seinem Lebenswerk, Hedwig liegt tot da – Mädchen sein und leiden, das sei zu viel gewesen –, Kaspar, der Schaffende, darf beim Malen nicht gestört werden. Als Simon, „ein Freund des Unglücks“, erwacht, liest er in einem Roman von Stendhal weiter.
Aus dem Leben Emils wird nachgetragen, dass er zunächst ein Lehrerseminar besuchte, in München ein „ziemlich flottes Leben“ führte, reicher Leute Kinder unterrichtete, sich mit seinem Direktor zerstritt, nach Italien und England ging, sich als Politiker, Dichter, Dramatiker, Komponist und Zeichner versuchte und zuletzt wieder den Lehrerberuf ausübte, bevor er geisteskrank ins „Irrenhaus“ gebracht wurde.
Simon trifft auf seinen Wegen immer neue Menschen, denen er seine Lebensbekenntnisse anvertraut. Klugheit durchs Reisen lehnt er ab; er sei klug genug und wolle einst „im Lande mit Anstand sterben“, „Lächeln beim Tode“ versuchen. Innerliche Frömmigkeit ist ihm gleichbedeutend mit „menschlichem Anstand“. Er „will Mensch bleiben“, und das heißt für ihn, dass er „mit ganz wenigem satt werden“ könne. Folgerichtig nimmt er als Bedürftiger eine letzte Stelle als Schreiber an – eine Arbeit, die nur jenen gegeben wird, „denen die Kleider womöglich in Fetzen herunterhängen“. Bei Frau Weiß bleibt er die Miete am Ende sogar schuldig und pumpt die Vermieterin obendrein noch erfolgreich an.
Zu Weihnachten flüchtet Simon vor der eisigen Winterkälte hinauf an den Stadtrand zu „Klaras Waldhaus“, das inzwischen ein „Kurhaus für das Volk“ geworden ist. Die Vorsteherin des gut geheizten Hauses verwundert sich über den „jungen, knabenhaften Mann“ und macht sich „unwillkürlich Kummer“ um ihn. Obwohl sie ihn für unbedeutend hält, vermutet sie, der Ankömmling müsse „bedeutende Menschen zu Geschwistern“ haben. Simon erzählt ihr von Klaus, Kaspar, Hedwig, Emil, vom Tod der Mutter, vom Vater, von der davongejagten Banklehre. Früher, als er „noch eine bestimmte Sehnsucht trug“, seien ihm die Menschen gleichgültig gewesen; jetzt aber kenne er „keine Sehnsucht mehr“ und liebe die Menschen. Die Vorsteherin fragt ihn, ob „wir nicht alle Geschwister auf diesem verlorenen Planeten“ sind – und im Kurhaus muss er seine Zeche nicht bezahlen. Mit dieser Szene endet der Roman: Simon, „scheinbar etwas verkommen“, aber „unverwüstlich“, bleibt bei der Vorsteherin – einer „armen, glücklichen Gefangenen“ seiner Gegenwart.
Stil↑
Der Roman folgt einer episodischen Anlage: Der ruhelose Held zieht durch die Welt und sammelt Erfahrungen. Er entwickelt sich aber im Grunde nicht weiter. Die einzelnen Stationen reihen sich wie Bilder aneinander. Was sie zusammenhält, sind weniger Spannungsbögen als Simons Gespräche, Briefe und vor allem seine langen Selbstaussprachen.
Vorbild dieser Figur ist erkennbar Eichendorffs Taugenichts. In Anlehnung an Brentano lässt sich Geschwister Tanner als ein etwas „verwilderter Roman“ beschreiben. Die Forschung spricht von „allerlei unübersehbaren Gestaltungsschwächen“. Ellenlange Monologe sind nur oberflächlich mit der Handlung verwoben. Der „wortreich predigende Ton“ fordert den geduldigen Leser. Und in den letzten beiden Kapiteln verliert der Prosaton an Poesie, als wolle der Autor fertig werden. Auch in der Detailführung zeigt sich Sorglosigkeit. Anne Gabrisch verwies 1984 etwa darauf, dass Klaras Kind bei einer späteren Wiederbegegnung einmal als Junge, einmal als Mädchen erscheint.
Bei aller Schwäche im Bau ist die Sprache aber gerade dort, wo Simon zu sich selbst und zu anderen spricht, von einer eigenen, fast schwebenden Musikalität. Simon plaudert, schwärmt, klagt, schmeichelt – und macht so eine innere Welt sichtbar, die größer ist als die Handlung, die sie trägt.
Rezeption↑
Der Lektor Christian Morgenstern überzeugte den Verleger Bruno Cassirer von den Qualitäten des Romans. So nahm dieser das Buch an. Das geschah, obwohl ein Brief Morgensterns vom September 1906 aus Obermais bei Meran ein insgesamt fast vernichtendes Urteil enthielt. Dieser Brief versammelte die meisten Vorwürfe, die ein Lektor einem Anfänger gewöhnlich macht.
Franz Kafka prägte das schöne Wort über Simon Tanner: „Das ist eine sehr schlechte Karriere, aber nur eine schlechte Karriere gibt der Welt das Licht.“ Hermann Hesse sah Fritz Kochers Aufsätze, Geschwister Tanner und Der Gehülfe in einem Zusammenhang. Robert Mächler lobte den Roman als ungewöhnlich dichterisches Buch, das die Grundbeziehungen innerhalb der Familie Walser reflektiere. Hinter der idealisierenden Schilderung verbirgt sich tatsächlich ein autobiographischer Kern.
Die spätere Forschung hat vor allem zwei Linien herausgearbeitet. Zum einen ist Geschwister Tanner eine Kritik der modernen Arbeitswelt und der Funktionalisierung des Menschen. Simon weigert sich, sich dem Prozess der Entfremdung zu überlassen, den er durchschaut. Und gerade diese Weigerung isoliert ihn. Als Außenseiter und Träumer klagt er in seinen Monologen die äußere Welt an. Zum anderen, so wurde betont, ist „der archimedische Punkt“, auf dem Walsers Figuren stehen, „jener der Souveränität“. Gemeint ist eine stille Überlegenheit dessen, der sich aller Karriere entzieht.
Eindrücklich ist auch der biografische Nachhall. Simon findet Sebastian erfroren im Bergwald. Wie dieser kam Walser selbst 1956 nach einem einsamen Spaziergang tot im verschneiten Wald zu Tode. Und die Vermieterin Frau Weiß aus dem Roman trägt den Namen der Wirtin, bei der Walser im Frühjahr 1902 in der Züricher Spiegelgasse 23 wohnte. In derselben Gasse hatte zuvor Lavater gelebt, und dort war Büchner gestorben.
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