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Gespenster
1881
– Werkseintrag –

Gespenster

1881 · Drama

Eine Witwe kämpft mit aller Kraft um den makellosen Ruf ihrer Familie – und muss erfahren, dass sich eine verschwiegene Vergangenheit nicht für immer begraben lässt.

Überblick

Das Drama Gespenster von Henrik Ibsen erschien 1881 und trägt im Original den Titel Gengangere, wörtlich „Die Wiedergänger". Es zählt zu den bedeutendsten Gesellschaftsdramen des späten 19. Jahrhunderts. Ibsen hält der Gesellschaft darin gleichsam einen Spiegel vor und stellt überholte Konventionen, Moralvorstellungen und Familienlügen bloß. Im Mittelpunkt steht eine Familie, deren Leben noch ganz vom längst verstorbenen Vater bestimmt wird – von dem, was sein Lebenswandel der Witwe und dem Sohn hinterlassen hat.

Inhalt (ohne Spoiler)

Auf einem Landgut an einem Fjord in West-Norwegen lässt die Witwe Helene Alving ein Kinderasyl errichten – zum Andenken an ihren verstorbenen Mann, den Hauptmann und Kammerherrn Alving. Zur Einweihung ist Pastor Manders eingetroffen, ihr alter Berater, der sich um die Stiftungsunterlagen kümmert. Auch der Sohn Osvald, ein Maler, ist nach Jahren in Paris und Rom endlich zurückgekehrt. Im Haus dienen der Tischler Engstrand und seine Tochter Regine, die Frau Alving fast wie eine eigene Tochter aufgezogen hat.

Was wie ein ehrbares Familienbild aussieht, beginnt rasch zu bröckeln. Hinter dem makellosen Ruf des verstorbenen Hauptmanns verbergen sich Geheimnisse, die Frau Alving ein Leben lang verschwiegen hat. Im Gespräch mit dem Pastor prallen ihre Erfahrungen auf dessen feste Vorstellungen von Pflicht, Ehe und Gehorsam. Und während sich zwischen Osvald und Regine eine Zuneigung anbahnt, drängt die Vergangenheit unaufhaltsam an die Oberfläche. Die ganze Handlung spielt an einem einzigen Schauplatz – in einem Gartenzimmer des Gutes – und an einem einzigen, regnerischen Tag.

Die Handlung im Detail

Auf Frau Alvings Landgut beginnt das Stück mit einem Streit zwischen dem Tischler Engstrand und seiner Tochter Regine. Engstrand will, dass sie mit ihm in die Stadt zieht, um dort beim Aufbau eines Asyls für Seeleute zu helfen. Regine lehnt höhnisch ab – sie will im Hause Alving bleiben, wo sie wie eine Tochter behandelt wird und wo Osvald lebt. Sie wirft Engstrand vor, ihre Mutter zu Tode gequält und sie selbst in Trunkenheit verstoßen zu haben.

Pastor Manders trifft ein. Er rät Regine, sich mehr um ihren Vater zu kümmern, doch sie weist das zurück. Dann erscheint Frau Alving. Sie ist überglücklich, dass Osvald nach über zwei Jahren wieder zu Hause ist. Im Gespräch über das Kinderasyl zeigt sich Manders' Sorge um seinen guten Ruf: Eine Versicherung lehnt er ab, weil das Haus unter Gottes Segen stehe – in Wahrheit fürchtet er Gerede. Als Osvald hinzutritt, glaubt der Pastor im Sohn das Ebenbild des Vaters zu erkennen, was Frau Alving abwehrt.

Im Vier-Augen-Gespräch hält Manders der Witwe vor, sie habe einst nach nur einem Ehejahr ihren Mann verlassen und damit ihre Pflicht verletzt; er selbst habe sie damals zu ihrem angetrauten Gatten zurückgeführt. Nun enthüllt Frau Alving ihre wahre Sicht: Ihr Mann war zeitlebens ein verkommener Mensch. Aus einem Verhältnis mit dem Stubenmädchen Johanne ging ein Kind hervor – Regine. Engstrand heiratete Johanne später gegen eine Aussteuer. Den siebenjährigen Osvald gab Frau Alving fort, damit er nicht in diesen Verhältnissen aufwachse. Sie selbst führte das Gut, mehrte den Ruhm ihres Mannes und pflegte ihn, als er, von der Syphilis zerrüttet, dahindämmerte. Das Kinderasyl soll jeden Zweifel an der Ehrbarkeit der Familie ausräumen. In diesem Moment hört sie aus dem Esszimmer, wie Osvald sich an Regine heranmacht – und murmelt: „Gespenster."

Im zweiten Akt sprechen Frau Alving und Manders über Osvald und Regine. Frau Alving entwickelt ihren Gedanken vom Spuk der Vergangenheit: Nicht nur das von Vater und Mutter Geerbte geistere in den Menschen herum, sondern auch alte, abgestorbene Meinungen und Überzeugungen, die niemand mehr loswerde – darum seien alle so „gotterbärmlich lichtscheu". Sie gesteht, dass sie einst selbst Manders heiraten wollte, dieser sie aber zu ihrem Mann zurückschickte. Engstrand tritt hinzu und bittet um eine Andacht im fertigen Asyl; geschickt versöhnt er den empörten Pastor wieder mit sich.

Dann öffnet sich Osvald seiner Mutter: Er sei geistig zerrüttet und werde nie wieder arbeiten können. Ein Pariser Arzt habe gesagt, von Geburt an sei etwas „Wurmstichiges" in ihm – „Die Sünden der Väter werden heimgesucht an ihren Kindern." Osvald, der seinen Vater für redlich hält, sucht verzweifelt die Schuld bei sich selbst. Er schwärmt von der Lebensfreude, dem Licht und der Sonne der Fremde, und fürchtet sich davor, im freudlosen Elternhaus zu bleiben. Er verlangt nach Champagner; Regine trinkt mit. Als Frau Alving den jungen Leuten endlich die Wahrheit über ihre Verwandtschaft offenbaren will, kehrt Manders von der Andacht zurück – und im selben Augenblick ertönen Schreie: Das Kinderasyl steht in Flammen.

Im dritten Akt beschuldigt Engstrand den Pastor, das Haus während der Andacht in Brand gesetzt zu haben. Manders ist verzweifelt um seinen Ruf besorgt; Engstrand bietet an, die Schuld auf sich zu nehmen – wenn dafür mit den Stiftungsgeldern sein Seemannsasyl unterstützt wird. Frau Alving nimmt den Brand nüchtern hin und überträgt Manders die ganze Verwaltung. Pastor und Tischler fahren davon. Allein mit Mutter und Regine spricht Osvald von seiner furchtbaren Angst und bittet Regine, ihm immer beizustehen und ihm einen Dienst zu leisten, den seine Mutter ihm nicht erweisen könne. Frau Alving aber blickt auf den toten Mann zurück, dessen Erbe nun ihren Sohn einholt, und sagt: „Du hättest Deinen Vater als ganz jungen Leutnant sehen sollen. Er war voller Lebensfreude."

Stil

Die gesamte Handlung spielt an einem einzigen Schauplatz – einem Gartenzimmer des Gutes – und drängt sich in einen kurzen Zeitraum zusammen. Diese strenge Einheit von Ort und Zeit gibt dem Stück seine bedrückende Geschlossenheit. Ibsen erzählt die Vergangenheit nicht in Rückblenden, sondern lässt sie nach und nach im Gespräch ans Licht treten: In scheinbar harmlosen Unterhaltungen sickert Schicht um Schicht die verschwiegene Familiengeschichte durch, bis das ehrbare Bild in sich zusammenfällt. Diese Technik der allmählichen Enthüllung treibt die Spannung allein durch das, was die Figuren sagen und verschweigen.

Der Titel selbst ist ein Schlüsselbild: „Gespenster" meint nicht nur das ererbte Blut, sondern auch die alten, längst abgestorbenen Meinungen und Moralvorstellungen, die in den Menschen weiterspuken. Ibsen arbeitet mit wiederkehrenden Gegensätzen – Licht und Lichtscheu, Lebensfreude und Pflichtdüsternis, Wahrheit und schöner Schein. Frau Alvings große Reden über Pflicht, Schuld und Konvention machen das Drama zugleich zu einer offenen Auseinandersetzung mit den herrschenden Anschauungen seiner Zeit.

Rezeption

Als eines der bedeutendsten Gesellschaftsdramen des späten 19. Jahrhunderts hat Gespenster bis heute Bestand. Indem Ibsen Themen wie uneheliche Kinder, Ehebruch, ererbte Krankheit und die Heuchelei kirchlicher Moral offen auf die Bühne brachte, hielt er der Gesellschaft einen Spiegel vor und stellte überholte Konventionen bloß – ein Wagnis, das das Stück von Anfang an zum Streitfall machte.

Die anhaltende Wirkung zeigt sich an der Fülle der Bearbeitungen über mehr als ein Jahrhundert hinweg. Schon ab den 1910er-Jahren wurde der Stoff mehrfach verfilmt, später vielfach für Fernsehen eingerichtet und immer wieder neu für die Bühne inszeniert. Bis in die Gegenwart greifen Theater und Film auf das Drama zurück, das damit zu den dauerhaft gespielten Werken des modernen europäischen Theaters gehört.

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