1867
Peer Gynt
Überblick↑
Henrik Ibsens dramatisches Gedicht Peer Gynt erschien 1867. Es gehört zu den eigenwilligsten Werken der europäischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Der Norweger schickt seinen jungen Helden auf eine weit ausgreifende Lebensreise. Sie führt zwischen norwegischer Bauernwelt, Trollreich, marokkanischer Wüste und Kairoer Irrenhaus hin und her. Das in Versen verfasste Stück verbindet Märchenmotive und Gesellschaftsbild mit der bohrenden Frage, was einen Menschen im Innersten ausmacht. Längst gehört Peer Gynt zum Weltrepertoire. Bis heute wird es auf Bühnen, in Opern, Balletten und Filmen immer wieder neu erzählt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Peer Gynt ist ein junger norwegischer Bauernsohn. Vor allem eines beherrscht er: das Erfinden von Geschichten. Mit Lügenmärchen schmückt er sein Leben aus. Die heruntergekommene Hütte, in der er mit seiner Mutter Aase lebt, verklärt er zum strahlenden Palast. Den Niedergang seines Vaters, des einst angesehenen Jon Gynt, blendet er aus. Auch die eigene Nichtsnutzigkeit übersieht er. Seiner Mutter erzählt er von einem halsbrecherischen Ritt auf einem Bock über einen schmalen Bergrücken im Gebirge Jotunheimen.
Auf der Suche nach Liebe und Abenteuer gerät Peer in eine seltsame Welt voller Trolle und Dämonen. Er entführt Ingrid, die Braut eines anderen, und lässt sie kurz darauf wieder sitzen. Zugleich begegnet er Solvejg, einem Mädchen aus pietistischem Elternhaus. Sie weist ihn zunächst zurück. Dann aber folgt sie ihm und beginnt, in einem Holzhaus im Wald auf seine Rückkehr zu warten.
Was Peer auf seinen weiten Wegen erlebt, führt ihn quer durch Länder und Lebensalter. Es reicht vom Reichtum bis zum bitteren Tiefpunkt. Am Ende steht die Frage, wer dieser Mensch eigentlich ist.
Die Handlung im Detail↑
Peer Gynt, der junge Bauernsohn, flieht vor der Wirklichkeit in eine Welt der Lügengeschichten. Sein Vater Jon Gynt, einst hoch geachtet, hat den Hof durch Misswirtschaft und Trunksucht verspielt; in Peers Fantasie ist die verfallene Behausung noch immer ein Palast, die eigene Nichtsnutzigkeit verwandelt sich in Heldentum. Seiner Mutter Aase schildert er einen waghalsigen Ritt auf einem Bock über einen Grat, vermutlich den Besseggen oberhalb des Gjendesees im norwegischen Jotunheimen. Aase überbehütet und glorifiziert ihren Sohn, verlangt aber zugleich, dass er ihre Sicht der Dinge teilt.
Auf der Suche nach Liebe und Abenteuer findet sich Peer bald inmitten von Trollen und Dämonen wieder. Er entführt Ingrid, die Braut eines anderen, lässt sie aber kurz nach der Tat wieder allein. Zugleich verliebt er sich in Solvejg, die aus einem pietistischen Elternhaus stammt. Sie weigert sich zunächst, sich auf ihn einzulassen, schließt sich ihm später jedoch an und wartet in einem Holzhaus im Wald auf seine Rückkehr.
Nach einem Sprung von etwa dreißig Jahren begegnet man Peer im vierten Akt in Marokko. Inzwischen ist er reich geworden, unter anderem durch Sklavenhandel. Geschäftspartner stehlen ihm sein Schiff samt allen Reichtümern; nach einem Gebet versinkt das Schiff. Peer findet sich mit seiner Armut ab und wendet sich Gott zu. Ein Affenangriff treibt ihn in die Wüste, wo er sich in eine Oase rettet. Unter den dort lebenden Jungfrauen wählt er Anitra, die ihm jedoch die letzten Habseligkeiten stiehlt. Den Tiefpunkt seines Lebens erlebt Peer im Irrenhaus zu Kairo, dem der deutsche Arzt Doktor Begriffenfeldt vorsteht.
Alt und verarmt kehrt Peer schließlich in die Heimat zurück. Dort erscheint ihm der Knopfgießer, der Abgesandte des "Meisters", und Peer muss um seine Seele kämpfen. In einer berühmten Szene vergleicht er sich mit einer Zwiebel, die viele Hüllen hat, aber keinen Kern. Die Schlussszene spielt an einem Pfingstmorgen: Solvejg, die ihr Leben lang auf ihren Geliebten gewartet hat, stellt sich schützend vor ihn. Weil Peers ideales Selbst die ganze Zeit in ihrem Herzen gelebt hat – "in meinem Glauben, in meinem Hoffen und in meinem Lieben" –, wird ihm verziehen.
Stil↑
Ibsen verfasste Peer Gynt als dramatisches Gedicht in Versen. Damit brach er aus den Konventionen des bürgerlichen Bühnenstücks aus. Der Bogen reicht von der norwegischen Bauernstube über die Trollwelt und die marokkanische Wüste bis ins Kairoer Irrenhaus. Diese Form bindet sich weniger an die Aufführungspraxis als an die epische Weite des Dichtwerks. Märchenhaftes, Satirisches und Psychologisches greifen ineinander. Die berühmte Zwiebel-Szene zeigt, wie konkret und bildkräftig Ibsen abstrakte Fragen nach dem Wesen des Menschen fasst.
Rezeption↑
Das Drama Peer Gynt ist über Norwegen hinaus zu einem Schlüsselwerk der europäischen Literatur geworden. Schon kurz nach Erscheinen entstanden musikalische Bearbeitungen. 1876 schrieb Edvard Grieg seine berühmte Schauspielmusik. Im 20. und 21. Jahrhundert wurde der Stoff vielfach für Bühne, Ballett, Oper und Film aufgegriffen. Die Spanne reicht von frühen Stummfilmen über Inszenierungen großer Theaterregisseure bis zu Verfilmungen unter anderem von Richard Oswald, Fritz Wendhausen und Uwe Janson. In Norwegen erinnern bis heute ein Skulpturenpark und ein jährliches Festspiel an den Stoff.
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