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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Die Wildente
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Die Wildente
1884
– Werkseintrag –

Die Wildente

1884 · Drama

Ein Wahrheitsfanatiker will einem alten Freund die Augen über dessen Selbstbetrug öffnen – und muss erfahren, dass manche Menschen ihre Lebenslüge zum Überleben brauchen.

Überblick↑

Das Schauspiel Die Wildente von Henrik Ibsen erschien 1884 und wurde am 9. Januar 1885 am Theater Den Nationale Scene in Bergen uraufgeführt. Auf Deutsch erschien es erstmals 1887. Das Drama in fünf Akten zählt zu den bekanntesten Stücken der skandinavischen Dramatik. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob die schonungslose Wahrheit den Menschen befreit oder ihn vielmehr zerstört. Ibsen stellt dem starren Idealismus seiner Hauptfigur die Vorstellung gegenüber, dass viele Menschen ihre sogenannten Lebenslügen zum Überleben brauchen. Das Stück gilt als eines der wirkungsmächtigsten Werke des modernen Theaters.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Der Großhändler Konsul Werle gibt eine Abendgesellschaft. Sein Sohn Gregers Werle ist nach Jahren in der väterlichen Fabrik zurückgekehrt. Lange hatte er sich vom Vater ferngehalten. Bei dieser Gelegenheit trifft er seinen Jugendfreund Hjalmar Ekdal wieder.

Hjalmar schlägt sich mehr schlecht als recht als Fotograf durch. Er ist ein verträumter Mensch, der seine Arbeit gern auf andere abwälzt. Verheiratet ist er mit Gina, die früher im Haushalt der Werles gearbeitet hat. Das Paar hat eine Tochter, Hedvig. In einer Bodenkammer hält die Familie zahme Tiere, darunter eine flügellahme Wildente, die Hedvig besonders am Herzen liegt. Dort spielen Hjalmar und sein alter Vater Jagd, als sei es ein großes Abenteuer.

Gregers ist ein Idealist und ein Fanatiker der Wahrheit. Er glaubt zu erkennen, dass sein Freund in einem Gespinst aus Lüge und Verschweigen lebt. Entschlossen will er Hjalmar die Augen öffnen, damit dieser zu einem ehrlichen Neuanfang findet. Der Arzt Relling dagegen warnt davor, den Menschen ihre Illusionen zu nehmen. So prallen zwei Lebensauffassungen aufeinander.

Die Handlung im Detail↑

Im ersten Akt gibt Konsul Werle eine Abendgesellschaft. Sein Sohn Gregers, ein Idealist und Wahrheitsfanatiker, ist aus der väterlichen Fabrik im Høydal zurückgekehrt und lädt seinen Jugendfreund Hjalmar Ekdal ein. Hjalmar, ein lebensuntauglicher Phantast, lebt von einem Fotoatelier. Er ist mit Gina Hansen verheiratet, die einst bei den Werles diente. Die Tochter Hedvig wird von Konsul Werle finanziell unterstützt.

Gregers vermutet zwei Gründe für diese Zahlungen. Der Konsul habe ein schlechtes Gewissen gegenüber Hjalmars Vater, dem alten Ekdal. Dieser war früher Mitgesellschafter und wurde in einer dunklen Affäre, in die auch der Konsul verwickelt war, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Seither ist er ein gebrochener Mann. Vor allem aber argwöhnt Gregers, dass Hedvig in Wahrheit die Tochter seines Vaters ist und dass dieser Gina nur deshalb mit Hjalmar verheiratet habe, damit das Kind einen gesetzlichen Vater bekommt. Gregers überwirft sich mit dem Vater und zieht bei den Ekdals ein. Er erkennt rasch, dass nicht Hjalmar, sondern Gina das Atelier führt, während Hjalmar seine Zeit verträumt.

Im zweiten Akt zeigt sich der Alltag der Familie. Gina hält mit wenigen Mitteln das Heim zusammen, Hjalmar vertrödelt die Zeit mit einer angeblichen „Erfindung“ und geht mit seinem Vater auf dem Dachboden „auf die Jagd“. Dort halten sie zahme Tiere zwischen vertrockneten Bäumen, schießen ein Kaninchen und stellen sich vor, es sei ein Bär. Auch die flügellahme Wildente lebt dort, die Hedvig gehört. Für Gregers wird diese Scheinwelt zum Sinnbild der Lebenslüge der ganzen Familie. Er ist entschlossen, das Lügengebäude zum Einsturz zu bringen.

Im dritten Akt verstärkt sich das Bild von Hjalmars Faulheit. Er überlässt die Arbeit Gina und Hedvig und sieht seine eigentliche Lebensaufgabe darin, den Namen Ekdal durch eine große Erfindung wieder zu Ehren zu bringen. Der alte Werle erscheint und will den Sohn mitnehmen, doch Gregers sagt sich von ihm los. Gregers will mit Hjalmar spazieren gehen, um ihm alles zu sagen. Gina und der Arzt Relling versuchen, ihn zurückzuhalten.

Im vierten Akt erzählt Gregers seinem Freund von dem Verdacht, Hedvig könnte das Kind des alten Werle sein. Hjalmar stellt Gina zur Rede. Sie gibt eine frühere Affäre mit dem Konsul zu, betont aber, sie habe geschwiegen, weil Hjalmar sie sonst nicht geheiratet hätte. Sie habe ihn geliebt und gewollt. Gregers hatte gehofft, die Aussprache würde die Ehe festigen. Doch das Gegenteil tritt ein. Der Konsul macht unterdessen Frau Sørby einen Heiratsantrag und setzt fest, dass der alte Ekdal eine Rente erhalten und das Geld nach dessen Tod an Hedvig fallen solle. Darin sieht Hjalmar einen Beweis, dass Hedvig Werles Tochter ist. Er will sich wortreich von seiner Familie trennen, bringt dafür aber nicht die nötige Kraft auf.

Im fünften Akt offenbart Dr. Relling Gregers seine Überzeugung: Er sorge dafür, dass das „Flämmchen der Lebenslüge“ in den Menschen nicht erlischt. Für den alten Ekdal sei das der Dachboden, für andere etwas anderes. Statt vom Wort „Ideale“ zu sprechen, gebe es ein einheimisches Wort dafür: „Lügen“. Als Gregers betont, Hjalmar müsse der Wahrheit ins Auge sehen, entgegnet Relling, das wäre das Schlimmste für ihn: Nehme man einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge, raube man ihm zugleich das Glück.

Hjalmar schwankt zwischen Gehen und Bleiben, lässt seine Sachen packen und doch ein Lager herrichten. In ihm kämpfen Stolz und gekränktes Gefühl gegen den Wunsch, dass alles bleibe wie zuvor. Hedvig hat ein Gespräch zwischen Gregers und ihrem Vater mit angehört. Gregers hat ihr eingeredet, sie müsse ihrem Vater ihre Liebe beweisen, indem sie das ihr Wertvollste opfere – die Wildente. Hjalmar aber zweifelt pathetisch, ob das Kind überhaupt bereit wäre, für ihn etwas hinzugeben. Er glaubt nicht mehr an ihre Liebe.

Als ein Schuss ertönt, meint Gregers, Hedvig habe die Wildente geopfert. Doch die beiden Männer finden das Mädchen tot auf dem Dachboden. Relling erkennt, dass auch dieser Verlust Hjalmar nicht verändern wird. Schon bald, prophezeit er, werde Hjalmar das tote Kind nur noch zum Anlass nehmen, sich in rührseligen Phrasen zu ergehen und sich in Selbstmitleid einzuhüllen.

Stil↑

Das Werk gehört zu Ibsens analytischen Gesellschaftsdramen. Die Handlung verläuft in fünf Akten und konzentriert sich auf wenige Schauplätze – das Haus des Konsuls und die Wohnung der Ekdals mit der Bodenkammer. Vergangene Schuld und alte Geheimnisse werden nach und nach aufgedeckt, sodass sich die Vergangenheit erst im Verlauf des Gesprächs entfaltet.

Auffällig ist die durchgehende symbolische Bildsprache. Die flügellahme Wildente in der dunklen Dachkammer steht für die Menschen, die in ihrer Scheinwelt untergetaucht sind und nicht mehr ans Licht zurückfinden. Die scheinbare „Jagd“ auf dem Dachboden und das Kaninchen, das man sich als Bären vorstellt, machen das Thema der Lebenslüge anschaulich. Den Begriffen „Ideale“ und „Lügen“ gibt das Stück durch die Worte des Arztes Relling eine zugespitzte Doppelbedeutung. Die Sprache der Figuren ist sprechend gestaltet: Hjalmars pathetische, wortreiche Reden entlarven seine innere Hohlheit, während Gina nüchtern und schlicht spricht.

Rezeption↑

Ibsens Schauspiel zählt zu den bekanntesten Werken der skandinavischen Dramatik und wirkt bis heute fort. Es wurde mehrfach verfilmt. Zu den Verfilmungen gehören der deutsche Stummfilm Das Haus der Lüge von 1925 mit Werner Krauß, ein Fernsehfilm der DDR von 1975 und der deutsch-österreichische Spielfilm Die Wildente von 1976 mit Bruno Ganz, Anne Bennent und Jean Seberg. Eine spätere australische Verfilmung von 2015 trägt den Titel The Daughter, Buch und Regie stammen von Simon Stone.

Das Stück hat auch in der Literatur deutliche Spuren hinterlassen. In Thomas Bernhards Roman Holzfällen wird ausdrücklich darauf Bezug genommen: Dort stößt ein Schauspieler zur Abendgesellschaft, der zuvor am selben Abend in einer Aufführung der Wildente die Rolle des Ekdal gespielt hat. Auch das Thema der Verlogenheit und Heuchelei einer Gesellschaft prägt Bernhards Roman. Im Roman Scham und Würde von Dag Solstad aus dem Jahr 1994 löst die Beschäftigung mit der Rolle des Dr. Relling beim Protagonisten, einem Studienrat für Norwegisch, eine folgenschwere Lebenskrise aus.

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