Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Pedro Páramo
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Cover Pedro Páramo
Pedro Páramo
1955
– Werkseintrag –

Pedro Páramo

1955 · Roman

Auf den letzten Wunsch seiner sterbenden Mutter reist ein Sohn in das Dorf seines unbekannten Vaters – und trifft dort auf eine Welt, in der Wirklichkeit, Erinnerung und Traum nicht mehr voneinander zu trennen sind.

Überblick↑

Der Roman Pedro Páramo ist der einzige Roman des mexikanischen Schriftstellers Juan Rulfo. Er erschien 1955 und zählt seither zu den einflussreichsten Werken der lateinamerikanischen Literatur. Vor allem auf den Magischen Realismus wirkte er stark ein: Das erfundene Dorf Comala wurde zum Schauplatz einer Erzählweise, in der sich Wirkliches und Übersinnliches unentwirrbar mischen. In die Erzählung flossen eigene Erfahrungen des Autors ein, der als Kind während der mexikanischen Revolution seine Eltern verlor. Auf Deutsch erschien das Buch 1958 in der Übersetzung von Mariana Frenk-Westheim; 2008 folgte eine Neuübersetzung von Dagmar Ploetz.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Am Sterbebett gibt Dolores Preciado ihrem Sohn Juan einen Auftrag: Er soll den Vater aufsuchen, den er nie gekannt hat – Pedro Páramo –, und das ihm zustehende Erbe einfordern. So bricht Juan auf nach Comala, dem Ort, den die Mutter ihm als blühendes Paradies geschildert hat. Doch was er dort vorfindet, hat mit ihren Erinnerungen nichts gemein: ein verödetes, menschenleeres Dorf und die verfallene väterliche Hazienda Medialuna. Je länger Juan in Comala verweilt, desto rätselhafter wird sein Aufenthalt. Er begegnet Menschen, hört Stimmen und Gespräche, deren Herkunft sich seinem Verstand entzieht. Nach und nach setzt sich zugleich das Bild des Vaters zusammen – die Geschichte eines Mannes, der vom nichtsnutzigen Träumer zum gefürchteten Herrn über Land und Leute aufstieg.

Die Handlung im Detail↑

Der Roman verläuft in zwei ineinander verschränkten Handlungssträngen. Der erste folgt Juan Preciado. Seine sterbende Mutter Dolores trägt ihm auf, den Vater Pedro Páramo zu finden und den Erbteil einzufordern. Juan reist nach Comala, findet den einst blühenden Ort jedoch verwüstet und entvölkert vor. Seine Zeit dort ist erfüllt von verwirrenden Begegnungen: Er sieht und hört Menschen, die längst tot sind. Schließlich endet auch seine eigene Reise mit dem Tod. Doch selbst danach spricht er weiter – mit der neben ihm im Grab liegenden Bettlerin Dorotea unterhält er sich über die mutmaßliche Ursache seines Todes und lauscht den Stimmen anderer Toter. Juan ist selbst zu einem Geist in der Geisterstadt Comala geworden.

Der zweite Strang erzählt das Leben Pedro Páramos. Zunächst wird seine Kindheit geschildert, er selbst als nichtsnutziger Träumer. Nach der Ermordung seines Vaters und angesichts drohender Enteignung heiratet er Dolores Preciado, die Tochter des Hauptgläubigers, und wird so seine Schulden los. In der Folge entwickelt er sich zum unbarmherzigen, gewalttätigen Alleinherrscher über Comala. Während des Bürgerkriegs arrangiert er sich mit wechselnden Gruppierungen, die er allein zum eigenen Vorteil benutzt.

Als seine Jugendliebe Susana geistig verwirrt in sein Leben zurückkehrt, nimmt er sie bei sich auf. Doch Susana lebt in ihrer eigenen Welt, in der Erinnerung an ihren ersten Mann; für Pedro bleibt sie fern und unerreichbar. Am Tag ihres Todes feiert die Bevölkerung von Comala ein Volksfest, statt zu trauern. Pedro Páramo schwört im Stillen Rache, legt die Hände in den Schoß – und von diesem Tag an beginnt Comala unterzugehen. Am Ende wird Pedro von einem Mann erschlagen, der ihm die Schuld am Tod seiner Frau gibt. Er zerfällt in Steinkügelchen, ganz seinem Namen entsprechend, der wörtlich „Stein“ und „Öde“ bedeutet.

Stil↑

Der Aufbau des Romans gleicht einem Mosaik. Unchronologische Episoden aus dem Leben der beiden Hauptfiguren reihen sich scheinbar wahllos aneinander, manche Themen kehren in Blöcken wieder. Durch die Verflechtung beider Handlungsstränge entsteht ein komplexes Geflecht. Hinzu treten Fragmente eines unpersönlichen Erzählers rätselhafter Herkunft sowie Erinnerungen anderer Personen, die kursiv abgesetzt sind.

Ursula Link-Heer erkennt darin eine Dreifachperspektive von Paradies, Hölle und Fegefeuer. Zugleich weckt das Buch Anklänge an die Odyssee, allerdings als deren Umkehrung: Juan Preciado erscheint als ein Telemach, als gescheiterter Sohn des Helden.

Viele der Namen tragen eine Bedeutung. Dolores heißt Schmerz, Preciado wertvoll, Pedro Stein, Páramo Öde und Abundio der Verlorene. Die zahlreichen unerklärlichen Erscheinungen und das Ineinander von Lebenden und Toten machten das Dorf Comala zum Schauplatz des Magischen Realismus und zu einem Vorbild der nueva novela.

Rezeption↑

Das Buch gilt als bahnbrechend für die lateinamerikanische Literatur und übte großen Einfluss auf den Magischen Realismus aus. Noch bevor Gabriel García Márquez sein Macondo in Hundert Jahre Einsamkeit ansiedelte, war Comala zum Ort dieser Erzählweise geworden.

Namhafte Schriftsteller äußerten sich mit Bewunderung. Jorge Luis Borges nannte es einen der besten Romane der spanischsprachigen, wenn nicht der gesamten Literatur. Octavio Paz sprach von der „erschreckenden Realität des Alptraums“. Gabriel García Márquez berichtete, er habe nicht einschlafen können, bevor er das Buch ein zweites Mal gelesen habe; Álvaro Mutis hatte es ihm mit den Worten „Hab es und lies, damit Du lernst!“ gereicht.

Der Roman wurde mehrfach verfilmt; zu zwei der Verfilmungen schrieb Gabriel García Márquez das Drehbuch. Eine erste Fassung entstand 1967, eine neuere kam 2024 unter der Regie von Rodrigo Prieto heraus. 1976 wurde zudem eine Hörspielbearbeitung für den Rundfunk produziert.

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