1946
Paterson
Überblick↑
Das Langgedicht Paterson von William Carlos Williams gilt als eines der großen Versepen der amerikanischen Moderne. Es erschien in fünf Büchern, die zwischen 1946 und 1958 einzeln herauskamen; 1963 wurden sie in einem Band gesammelt. Schauplatz ist die Industriestadt Paterson in New Jersey mit ihrem Wasserfall, der einst die Fabriken antrieb. Williams wollte darin die Ähnlichkeit zwischen dem Denken des modernen Menschen und der Stadt sichtbar machen. Kritiker wie Christopher Beach und Margaret Lloyd haben das Werk als Antwort auf T. S. Eliots The Waste Land und auf Ezra Pounds Cantos gelesen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht eine Stadt, die zugleich ein Mensch ist. Paterson in New Jersey und eine Gestalt gleichen Namens fallen ineinander, und der Wasserfall wird zum Bild für die Kraft, die die Stadt und das Gedicht antreibt. Williams verstand den Dichter als eine Art Reporter, der den Menschen die Nachrichten der Welt überbringt. Entsprechend zog er durch die Straßen der Stadt, ging an Sommersonntagen in den Park und hörte den Gesprächen der Leute zu. Was er sah und hörte, wurde Teil des Gedichts.
Aus diesem Material entsteht ein vielschichtiges Bild: alltägliche Beobachtungen, historische Dokumente, Zeitungsartikel und Briefe fügen sich zu einer Erkundung Amerikas. Die lange Geschichte der Stadt gab Williams die Tiefe, die er für sein Amerika-Bild brauchte. Gestalten aus der Vergangenheit Patersons treten auf und verbinden sich mit den Themen des Gedichts. Fünf Bücher entfalten diesen Stoff, ein sechstes blieb Fragment.
Die Handlung im Detail↑
Der Ursprung des Werks liegt in einem Gedicht von 85 Zeilen, das Williams 1926 schrieb, nachdem ihn James Joyce' Roman Ulysses beeindruckt hatte. Für Paterson in New Jersey wollte er leisten, was Joyce für Dublin geleistet hatte. Dieses frühe Gedicht wurde mit dem Dial Award ausgezeichnet. Im Juli 1933 nahm Williams das Thema in einem elfseitigen Prosagedicht mit dem Titel Life Along the Passaic River erneut auf. 1937 hatte er genug Material für ein großes Gedicht beisammen, doch seine damals stark beanspruchende Arztpraxis ließ die Arbeit nicht zu. Im selben Jahr entstand Paterson, Episode 17, das er zehn Jahre später in das große Werk übernahm. Auch das 1938 geschriebene Morning war für Paterson gedacht. 1939 schickte Williams dem Verleger James Laughlin von New Directions ein 87-seitiges Konvolut unter dem Titel Detail and Parody for the Poem Paterson. Als Sammlung erschien es nicht; fünfzehn dieser Stücke kamen 1941 in den Band The Broken Span.
Die lange Vorbereitungszeit hatte einen inhaltlichen Grund. Williams rang mit Eliots The Waste Land, dessen Ton der Desillusionierung nach dem Ersten Weltkrieg zum Bezugspunkt einer ganzen Generation geworden war. Nach Margaret Lloyd war Paterson von der ersten Idee an als ausführliche Antwort auf Eliots Prägung der modernen Dichtung gedacht. Eliots konventionelles Versmaß erschien Williams der amerikanischen Sprechweise fremd. Amerikanische Dichtung müsse sich, so seine Überzeugung, von fremden Traditionen und alten Formen lösen und ihren eigenen Weg finden. Hart Cranes langes Gedicht The Bridge, das aus ähnlichem Widerspruch entstanden war, verwarf Williams als Rückschritt. Pounds Cantos, deren erste dreißig Teile 1931 vorlagen, studierte er genau: Pound habe die Sprache zu neuen Höhen geführt, dabei aber bisweilen die natürliche Ordnung des Sprechens verformt.
Die Form ließ sich lange nicht finden. Im Dezember 1943 schrieb Williams an Laughlin, er schreibe und vernichte, schreibe und vernichte; Umriss und Absicht stünden fest, aber Technik und Methode seien ungelöst. 1944 half ihm ein Gedicht von Byron Vazakas in der Zeitschrift Partisan Review weiter. Dessen Verbindung einer langen Prosazeile mit einer scharf geschnittenen Strophe, beide unabhängig und doch aufeinander bezogen, wies ihm einen Ausweg. Dazu kam ein gelöster Ton, den Williams auch in Russell Davenports Gedicht America im Life Magazine wiederfand. Ende Juni 1944 begann er ernsthaft, seine Notizen zu ordnen und zum ersten Entwurf des ersten Buches zusammenzufügen. Auch nach Erhalt der Fahnen im September 1945 war er unzufrieden und überarbeitete stark, sodass das Buch erst im Juni 1946 erschien. Muriel Rukeysers US1 hatte ihn zuvor durch die Verarbeitung so nüchterner Materialien wie Notizen aus einer Kongressuntersuchung, eines Röntgenbefunds und einer ärztlichen Zeugenaussage beeindruckt.
Die weiteren Bücher folgten 1948, 1949, 1951 und 1958. Vom sechsten Buch blieb ein Fragment. 1963 kam das Ganze in einem Band heraus. Eine überarbeitete Ausgabe von 1992 berichtigte Druckfehler und andere Textfehler, vor allem Abweichungen zwischen den Prosazitaten und ihren Quellen.
Stil↑
Sein Verständnis vom Dichter fasste Williams knapp: Der Dichter sei eine Art Reporter, der den Menschen die Nachrichten der Welt überbringt. Entsprechend arbeitete er. Er fuhr immer wieder in die Gegend, ging durch die Straßen, kam an Sommersonntagen in den Park, wenn die Leute dort waren, hörte ihren Gesprächen zu und machte alles, was er sah, zum Teil des Gedichts. Auf einem Arbeitsblatt notierte er sich, das Werk müsse faktisch sein, so wie das Leben faktisch ist.
Die Stadt wurde ihm zum Fall, den er bearbeitete. Sie verlangte, wie er schrieb, nach einer Dichtung, die er noch nicht kannte. Die Aufnahme wirklicher Tatsachen in den Vers bereitete ihm Mühe. Fußnoten erwog er, verwarf sie aber. Die gewählte Form ließ dann viele Möglichkeiten, sachliche Angaben einzubauen: Teile seines eigenen Briefwechsels mit der Dichterin Marcia Nardi und mit Allen Ginsberg, dazu historische Briefe und Artikel über Gestalten aus der Vergangenheit Patersons wie Sam Patch und Mrs. Cumming.
Williams suchte eine Prosodie außerhalb des herkömmlichen Versmaßes. Er wollte die Wörter selbst formen, mit harten, greifbaren, zackigen Kanten. Der Tonfall der Umgangssprache aus New Jersey drohte dabei flach zu klingen. Die Lösung lag in einer amerikanischen Alltagssprache, die den Sprechrhythmus aufnimmt, ohne in dessen Regelmäßigkeit zu verfallen. So entstand ein Mosaik aus Versen und Prosastücken, das dem Werk seine Vielschichtigkeit gibt.
Rezeption↑
Die Aufnahme des Werks entsprach nicht ganz den Hoffnungen des Dichters, wie sein Biograf James Breslin festhielt. Die mosaikartige Bauweise, der Stoff und der Wechsel zwischen Vers- und Prosapassagen brachten dem Gedicht den Vorwurf ein, schwierig und lose gefügt zu sein. Dudley Fitts nannte es eine Dichtungslehre für das heutige Amerika und bedauerte zugleich, dass gerade jene, die am meisten davon hätten, durch die Dunkelheiten und Schwierigkeiten abgeschreckt würden. Breslin selbst erklärte die Sperrigkeit damit, dass Paterson eine dichte, vielschichtige Textur habe, die das Lesen schwierig, aber intensiv mache.
Das erste Buch fand bei Randall Jarrell hohe Anerkennung. Er hielt es für das Beste, was Williams je geschrieben habe, lobte die fast beispiellos musikalische Anlage und die Mischung aus feinster Wahrnehmung und härtester, alltäglicher Wirklichkeit. Kein Gedicht sei je amerikanischer gewesen. In der Literaturgeschichte steht das Werk seither neben Eliots The Waste Land und Pounds Cantos als eigenständiger amerikanischer Gegenentwurf.
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