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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt William Carlos Williams
William Carlos Williams
1883 – 1963
– Autorenporträt –

William Carlos Williams

1883 – 1963 · 79 Jahre

Amerikanischer Lyriker, der in seiner Heimatstadt in New Jersey als Arzt praktizierte und eine Dichtung aus der gesprochenen amerikanischen Alltagssprache forderte.

Kurzbiografie↑

Der amerikanische Lyriker William Carlos Williams verbrachte fast sein ganzes Leben in seiner Geburtsstadt Rutherford in New Jersey, wo er von 1910 an als Arzt praktizierte. Neben der ärztlichen Arbeit entstand ein umfangreiches literarisches Werk. Er zählt mit Ezra Pound und T. S. Eliot zu den wichtigsten Dichtern der amerikanischen Moderne. Anders als Pound, der sich an europäischen Vorbildern orientierte, forderte Williams eine Dichtung, die aus der gesprochenen Sprache und dem amerikanischen Alltag schöpft. Am bekanntesten wurde sein 1934 entstandenes Gedicht This is Just to Say.


Biografie↑

Geboren wurde William Carlos Williams am 17. September 1883 in Rutherford, New Jersey. Er war einer von zwei Söhnen von Raquel Hélène Hoheb und William George Williams. Der englische Vater arbeitete als Angestellter eines New Yorker Handelshauses; daneben wirkte er rund zwanzig Jahre als Dekan der örtlichen unitarischen Sonntagsschule. Die Mutter stammte aus Martinique und hatte französische und spanische Vorfahren, ihre Muttersprache war Spanisch. Nach ihrem ältesten Bruder Carlos erhielt der Sohn seinen Mittelnamen.

Den Schulabschluss machte er 1897 in Rutherford. Während der Vater über ein Jahr auf Geschäftsreise in Buenos Aires war, brachte die Mutter ihn und seinen jüngeren Bruder Ed nach Europa. Zwei Jahre lang besuchten die Brüder zunächst das Internat Château de Lancy bei Genf, danach das Lycée Condorcet in Paris. Der Bruder studierte später in Rom Architektur. Ab 1899 gingen beide wieder in New York zur Schule, erst an der Horace Mann School, dann an einer prep school in Morningside Heights. Williams schloss sich in dieser Zeit der Schriftsteller-Avantgarde an. Ein College besuchte er nicht: 1902 begann er unmittelbar nach der prep school mit dem Medizinstudium.

An der University of Pennsylvania in Philadelphia freundete er sich mit dem Dichter Ezra Pound und mit Hilda Doolittle an. Auch den Maler Charles Demuth lernte er dort kennen, der an der Pennsylvania Academy of the Fine Arts studierte. Die Freundschaft mit Pound ruhte von Anfang an auf einem Gegensatz der künstlerischen Auffassungen. In seiner 1951 erschienenen Autobiografie schrieb Williams über den Freund: „Ezra war immer sehr darauf bedacht, die Kluft zwischen meinen Bildungslücken und seiner souveränen Gelehrtheit zu überbrücken. Da er mich hierbei keineswegs gönnerhaft behandelt, lasse ich es mir gefallen. Es macht mir aufrichtig Kummer, dass meine literarischen Kenntnisse den seinigen so weit unterlegen sind." Über Pounds Versuche, sich als Opernkomponist zu betätigen, spottete er dagegen: „Meiner Meinung nach kann Ezra, ebenso wie W. B. Yeats, keinen Ton von einem anderen unterscheiden.“ Pounds Interesse an der Oper, so vermutete er, gründe eher in dessen ausgeprägtem Gefühl für Rhythmus.

Den Doktorgrad erwarb Williams 1906. Zur klinischen Weiterbildung ging er nach New York zurück und arbeitete in Manhattan, unter anderem ein Jahr am French Hospital. Dort verlobte er sich mit Florence Herman, einer Frau aus Rutherford. 1909 reiste er zur weiteren medizinischen Ausbildung nach Leipzig. Vom Oktober 1909 bis zum März 1910 war er an der Medizinischen Fakultät eingeschrieben und hörte Vorlesungen über Pädiatrie, sein späteres Spezialgebiet. In der vorlesungsfreien Zeit erkundete er Leipzig und Umgebung mit dem Fahrrad und las europäische Literatur. Er sah Dramen Schillers und berichtete begeistert von seiner Lektüre Heines sowie der Stücke Frau Sorge und Johannisfeuer von Sudermann.

Von 1910 an praktizierte Williams als Arzt in Rutherford. Dort heiratete er Florence Herman, drei Jahre nach der Verlobung. Er zog seine Kinder auf und schrieb seine Bücher. Sieht man von den Europareisen ab, spielte sich sein Leben fast vollständig in dieser Stadt ab.

Seine frühen Gedichte zeigen noch starke Spuren des europäischen Dadaismus und Surrealismus. Um 1912 schloss er sich gemeinsam mit Pound und Eliot den Imagisten an, einer anglo-amerikanischen Bewegung. In der Essaysammlung In the American Grain von 1925 verlangte er eine einfache und zugleich avantgardistische Dichtung, die sich an der gesprochenen Sprache und der amerikanischen Alltagswelt ausrichtet. 1934 entstand This is Just to Say, sein bis heute wohl bekanntestes Gedicht.

Auf seiner Europareise besuchte Williams 1927 in Paris den Salon von Gertrude Stein in der Rue de Fleurus 27. Beide schätzten einander als Erneuerer der amerikanischen Sprache und teilten die Liebe zur Malerei. Zurück in den Vereinigten Staaten veröffentlichte er einen Essay über die umwälzende Kraft des Wortes bei Stein.

Die Freundschaft mit Pound zerbrach später an künstlerischen Meinungsverschiedenheiten und an Pounds Eintreten für den italienischen Faschismus. Williams besuchte ihn dennoch, als Pound in den USA interniert war; davon berichtet die Autobiografie.

Den ersten Schlaganfall erlitt Williams 1951. Der dritte im Oktober 1955 führte zu einer Lähmung, sein Arbeitstempo verlangsamte sich. Er brachte sich daraufhin selbst bei, mit der nicht gelähmten Hand auf einer elektrischen Schreibmaschine zu tippen. Am 4. März 1963 starb er im Alter von 79 Jahren in Rutherford nach einer weiteren Serie schwerer Schlaganfälle.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Williams ist die Abkehr vom europäischen Bildungsvorrat, an dem sich Ezra Pound orientierte. In In the American Grain forderte er 1925 eine Dichtung, die einfach ist und trotzdem avantgardistisch bleibt: Sie sollte sich an der gesprochenen Sprache und an der amerikanischen Alltagswelt ausrichten. Genau das macht seine Gedichte aus, etwa das kurze This is Just to Say von 1934.

Am Anfang stand er dem europäischen Dadaismus und Surrealismus noch nahe; deren Spuren sind in den frühen Gedichten deutlich. Um 1912 gehörte er dann zu den Imagisten. Auch die bildende Kunst prägte ihn: Schon im Studium war der Maler Charles Demuth sein Freund, und mit Gertrude Stein verband ihn später die gemeinsame Liebe zur Malerei. Über Stein schrieb er einen Essay, in dem er die umwälzende Kraft ihres Umgangs mit dem Wort hervorhob. Neben der Lyrik verfasste er Essays, Literaturkritik und 1951 eine Autobiografie.


Rezeption↑

Zusammen mit Ezra Pound und T. S. Eliot gilt Williams als einer der wichtigsten Dichter der amerikanischen Moderne. Das 1923 geschriebene Gedicht This is Just to Say ist bis heute sein bekanntestes. Im deutschen Sprachraum verweist der Artikel über Rolf Dieter Brinkmann in der Neuen Deutschen Biographie auf ihn. Nachlassmaterial zu Williams verzeichnen der Kalliope-Verbund und das Deutsche Literaturarchiv Marbach.

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