1881 – 1975
P. G. Wodehouse
Kurzbiografie↑
Als einer der meistgelesenen Humoristen des englischsprachigen Raums im 20. Jahrhundert schuf Pelham Grenville Wodehouse ein eigenes englisches Märchenland mit eigenem Slang. Über sieben Jahrzehnte hinweg veröffentlichte er ein gewaltiges Werk: mehr als 90 Romane, rund 40 Theaterstücke sowie etwa 200 Kurzgeschichten und Essays. Berühmt wurde er vor allem durch den lebensfrohen Müßiggänger Bertram Wooster und dessen unerschütterlichen Kammerdiener Jeeves sowie durch die auf Blandings Castle angesiedelten Romane um den zerstreuten Lord Emsworth und sein Mastschwein, die „Kaiserin von Blandings“. Kurz vor seinem Tod wurde er zum Knight Commander des Order of the British Empire geschlagen.
Biografie↑
Geboren wurde Wodehouse am 15. Oktober 1881 in Guildford in der Grafschaft Surrey, während seine Mutter Eleanor dort zu Besuch war. Sein Vater Henry Ernest Wodehouse war Kolonialbeamter und diente in Hongkong als Richter. Väterlicherseits gehörte die Familie zum weitverzweigten Kreis einer alten englischen Adelsfamilie, die sich bis zu Mary Boleyn zurückführen ließ; Wodehouse war zumindest theoretisch Anwärter auf einen Baronet-Titel. Seine Biografin Frances Donaldson hält fest, dass er an dieser Abstammung selbst kaum Interesse zeigte. Interessanter erschien Donaldson die mütterliche Linie, über die Wodehouse mit dem britischen Kardinal Newman verwandt war.
Die ersten beiden Lebensjahre verbrachte der Junge in Hongkong. Dann wurde er gemeinsam mit seinen älteren Brüdern Peveril und Armine nach Großbritannien geschickt, wo die Kinder zunächst drei Jahre bei einer Pflegemutter in Bath lebten. Dieses Schicksal, sehr früh von den Eltern getrennt zu werden, teilte er mit vielen Nachkommen britischer Kolonialbediensteter – den sogenannten Raj-Waisen, zu denen auch Rudyard Kipling und Saki gezählt werden. 1886 kamen die Brüder auf ein Grundschulinternat in Croydon, später auf eine Privatschule auf der Kanalinsel Guernsey. 1891 schickte man Wodehouse auf die Malvern House Preparatory School, die auf eine Laufbahn bei der königlichen Marine vorbereitete. Wegen seiner Augenprobleme war diese Laufbahn jedoch unmöglich, und so bat er den Vater, ihn auf das Dulwich College in London zu schicken.
Die Jahre am Dulwich College von 1894 bis 1900 zählte Wodehouse später zu den glücklichsten seines Lebens. Er war ein überdurchschnittlicher Sportler in Fußball, Cricket und Boxen, gehörte dem Schulchor an und gab die Schulzeitschrift mit heraus. Dem Internat blieb er bis kurz vor dem Zweiten Weltkrieg eng verbunden. Da der Vater sich außerstande sah, einem zweiten Sohn ein Studium zu finanzieren, musste Wodehouse im September 1900 eine Einstiegsstelle im Londoner Büro der Hongkong and Shanghai Banking Corporation annehmen. Die Arbeit bei der Bank war ihm zuwider. Nebenher schrieb er Verse, Kurzgeschichten und Artikel, von denen etwa achtzig in neun verschiedenen Blättern erschienen. Ab 1901 vertrat er einen früheren Lehrer bei der humoristischen Kolumne By the way der Londoner Zeitung The Globe. Als die Stelle frei wurde, kündigte er bei der Bank und arbeitete ab dem 2. September 1902 als Journalist.
Zwischen 1902 und 1909 verfasste Wodehouse acht Romane und war an zwei weiteren beteiligt. Werke wie The Pothunters von 1902 spielten an Internaten und erschienen zunächst in Jugendmagazinen. 1904 reiste er erstmals in die USA, angetrieben von seiner Begeisterung für den amerikanischen Boxsport. Im selben Jahr schrieb er auf Bitte eines Theatermanagers einen Liedtext für eine von Jerome Kern komponierte musikalische Komödie – der Beginn regelmäßiger Theateraufträge. Mit dem Roman Mike von 1909 führte er die Figur Psmith ein, seinen ersten erwachsenen Protagonisten; Evelyn Waugh und George Orwell sahen darin einen entscheidenden Wendepunkt. Psmith kehrte in weiteren Romanen wieder, darunter Psmith in the City (1910), Psmith, Journalist (1915) und Leave it to Psmith (1923).
Als der Erste Weltkrieg ausbrach, hielt sich Wodehouse in den USA auf. Wegen seines schlechten Augenlichts kam ein Militärdienst nicht in Frage, und so blieb er dort und widmete sich dem Schreiben. 1915 erschien mit Something Fresh der erste Roman der Blandings-Castle-Saga, sein erster Bestseller. Im selben Jahr trat in der Kurzgeschichte Extricating Young Gussie erstmals das Gespann Jeeves und Bertram Wooster auf, wobei die Figuren noch nicht voll entwickelt waren.
1934 zog Wodehouse aus Steuergründen nach Frankreich. Nach der deutschen Invasion 1940 wurde er zunächst interniert und später auf eigene Kosten komfortabel in einem Berliner Hotel festgehalten. Dort nahm er 1941 fünf Rundfunkbeiträge auf, die in seiner Heimat, die damals schwer unter der deutschen Bombardierung litt, mit großem Ärger und Hass aufgenommen wurden. Bei Betreten britischen Bodens drohte ihm nun die Verhaftung. Im Juni 1946 teilten ihm die französischen Behörden mit, dass sie keine Strafverfolgung einleiten würden, er das Land aber verlassen müsse. Die Ausreise in die USA verzögerte sich bis April 1947.
Zunächst lebte das Ehepaar in New York City, wo sich der Schriftsteller aber nicht mehr wohlfühlte. Anfang der 1950er-Jahre zog es nach Long Island in die Hamptons, in ein Haus in Remsenburg, einem Teil der Küstenstadt Southampton. Dort blieb Wodehouse bis ins hohe Alter produktiv und schrieb noch etwa ein Buch pro Jahr. 1955 nahm er zusätzlich zur britischen die amerikanische Staatsbürgerschaft an. 1965 ließ die britische Regierung ihm mitteilen, dass er ohne Gefahr eines Verfahrens heimkehren könne, doch für den Umzug fühlte er sich zu alt. Bei den Neujahrsehrungen 1975 wurde er zum Knight Commander des Order of the British Empire geschlagen. Sieben Wochen später starb er am 14. Februar 1975 im Alter von 93 Jahren an einem Herzinfarkt. Über den genauen Sterbeort gehen die Quellen auseinander: Die Deutsche Biographie nennt Southampton im Staat New York, während Wikidata ein Krankenhaus in Southampton angibt.
Literarische Merkmale↑
Wodehouse gilt als typischer britischer Humorist und schuf sich, wie es heißt, ein eigenes englisches Märchenland samt eigenem Slang. Schon seine frühen, an Internaten spielenden Romane fielen dadurch auf, dass sie – anders als bei Jugendromanen jener Zeit üblich – nicht moralisierten. Zentraler Handlungsstrang waren dort meist Sportereignisse im Boxen, Fußball und Cricket, und bereits sie ließen laut seiner Biografin Donaldson Wodehouses große Begabung als Geschichtenerzähler erkennen.
Mit der Figur Psmith gelang ihm der erste erwachsene Protagonist. Diese Figur zeichnet sich durch ständiges Monokeltragen, Weltgewandtheit und eine gravitätische Sprache aus. In den späteren Werken verband Wodehouse Komödie gelegentlich mit sozialkritischen Einsprengseln, ohne den heiteren Grundton aufzugeben. Kennzeichnend ist eine Welt, in der die Zeit stillzustehen scheint: Seine Protagonisten alterten nicht, und noch die späten Werke wirkten kulturell in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts verhaftet. Mehrere Biografen führen dies darauf zurück, dass Wodehouse in der langen Abwesenheit von Großbritannien ein idealisiertes England vor Augen behielt, während das reale Land von Nachkriegsproblemen geprägt war. 1960 gestand er selbst ein, dass seine Werke inzwischen „historisch“ wirkten, sah aber keinen Grund, daran etwas zu ändern.
Rezeption↑
Im englischsprachigen Raum zählt Wodehouse zu den meistgelesenen Humoristen des 20. Jahrhunderts, und einige seiner Romane gelten als Klassiker. Die britische Zeitung The Guardian nahm 2009 mehrere seiner Romane in ihre Liste der 1000 Romane auf, die jeder gelesen haben sollte. Robert McCrum führte Ohne mich, Jeeves! in der im Guardian veröffentlichten Liste der 100 besten englischsprachigen Romane. 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler Alter Adel rostet nicht zu einem der bedeutendsten britischen Romane. Der Schriftsteller John le Carré hielt 1996 in einem Zeitungsartikel fest, dass jede Büchersammlung ein gut gelesenes Exemplar von Dann eben nicht, Jeeves enthalten müsse, mit seiner Beschreibung einer missratenen Preisvergabe durch den betrunkenen Gussie Fink-Nottle.
Auch das Fernsehen griff das Werk mehrfach auf. Im britischen Fernsehen lief zwischen 1965 und 1967 die Reihe The World of Wooster mit Ian Carmichael und Dennis Price. Von 1990 bis 1993 folgte Jeeves and Wooster mit Hugh Laurie als Bertie und Stephen Fry als Jeeves.
Im deutschsprachigen Raum waren Übersetzungen der Romane lange vergriffen. Erst im Jahr 2000 begann der Schweizer Verlag Edition Epoca, die Werke in neuen Übersetzungen von Thomas Schlachter aufzulegen.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (104 weitere Titel)