1929 – 2011
Christa Wolf
Kurzporträt↑
Christa Wolf zählte zu den bekanntesten Schriftstellerinnen der DDR und wurde 1980 als erste dort lebende Autorin mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Geboren 1929 als Christa Ihlenfeld, verarbeitete sie eigene Erfahrungen aus Kindheit, Krieg und Flucht in einer Prosa, die das Erinnern und das eigene Ich in den Mittelpunkt rückte. Werke wie Der geteilte Himmel, Nachdenken über Christa T., Kindheitsmuster und Kassandra machten sie über die DDR hinaus bekannt. Zeitlebens hielt sie an der Idee eines demokratischen Sozialismus fest. Nach der Wiedervereinigung geriet sie in einen heftigen öffentlichen Streit, der sowohl ihre Bücher als auch ihre Biografie betraf. Ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt; laut der Neuen Deutschen Biographie in 35 Sprachen.
Biografie↑
Geboren wurde sie am 18. März 1929 als Tochter der Kaufleute Otto und Herta Ihlenfeld. Die Quellen benennen ihren Geburtsort unterschiedlich: Die Deutsche Nationalbibliothek nennt Landsberg an der Warthe, Wikidata das heutige Gorzów Wielkopolski. Gemeint ist dieselbe Stadt, die damals zu Deutschland gehörte und heute in Polen liegt; die Neue Deutsche Biographie führt beide Namen nebeneinander. Bis kurz vor Kriegsende besuchte sie dort die Schule. 1945 floh die Familie vor der Roten Armee nach Mecklenburg, wo Wolf als Schreibhilfe beim Bürgermeister des Dorfes Gammelin bei Schwerin arbeitete. Nach einem monatelangen Aufenthalt in einem Lungensanatorium zog die Familie 1947 nach Bad Frankenhausen in Thüringen.
Dort legte sie 1949 das Abitur ab und trat der SED bei, der sie bis zu ihrem Austritt im Juni 1989 angehörte. Von 1949 bis 1953 studierte sie Germanistik in Jena und Leipzig. Ihre Diplomarbeit schrieb sie bei Hans Mayer über Probleme des Realismus im Werk Hans Falladas. 1951 heiratete sie ihren Studienfreund Gerhard Wolf, den späteren Schriftsteller und Verleger, mit dem sie bis zu ihrem Tod zusammenlebte. 1952 kam die Tochter Annette zur Welt, 1956 die Tochter Katrin.
Zunächst arbeitete Wolf im Literaturbetrieb: von 1953 bis 1957 als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Schriftstellerverband, danach als Cheflektorin des Verlags Neues Leben und von 1958 bis 1959 als Redakteurin bei der Zeitschrift neue deutsche literatur. Von 1955 bis zu ihrem Ausschluss 1977 gehörte sie dem Vorstand des Schriftstellerverbands der DDR an. 1959 gab das Ehepaar zwei Sammelbände unter dem Titel Wir, unsere Zeit heraus. Von 1959 bis 1962 lebte die Familie in Halle. Dem Bitterfelder Weg folgend, arbeitete Wolf zeitweise in einer Brigade im Waggonbauwerk Ammendorf und leitete dort mit ihrem Mann einen Zirkel schreibender Arbeiter. Diese Erfahrungen flossen in den Roman Der geteilte Himmel von 1963 ein.
Ihr literarisches Debüt gab sie 1961 mit der Moskauer Novelle, die von der Liebe einer Ostberliner Ärztin zu einem russischen Dolmetscher erzählt und ihr den Kunstpreis der Stadt Halle einbrachte. Seit 1962 arbeitete sie als freie Schriftstellerin. Sie lebte bis 1976 in Kleinmachnow, danach in Berlin. Von 1963 bis 1967 war sie Kandidatin des ZK der SED. Ende 1965 sprach sie sich auf dem 11. Plenum des ZK als einzige Rednerin gegen die restriktive Kulturpolitik aus und verteidigte den später verbotenen Roman Rummelplatz von Werner Bräunig. Damit begann eine Zeit schwieriger Konflikte mit dem SED-Machtapparat.
Den internationalen Durchbruch brachte 1969 Nachdenken über Christa T.. Ein Besuch ihrer Geburtsstadt 1971 war Auslöser für Kindheitsmuster, das autobiografische Züge trägt und in der DDR das Tabu der Themen Flucht und Vertreibung durchbrach. 1976 zog die Familie nach Ost-Berlin. Weil sie zu den Unterzeichnern des offenen Briefes gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns gehörte, wurde sie 1977 aus dem Vorstand der Berliner Sektion des Schriftstellerverbandes ausgeschlossen und erhielt in einem SED-Parteiverfahren eine strenge Rüge. 1979 wurde sie in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen, 1980 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Es folgten Mitgliedschaften in Akademien in West-Berlin, Paris und Hamburg sowie zahlreiche Lesereisen nach Schweden, Finnland, Frankreich und in die USA, wo sie das Ehrendoktorat der Ohio State University erhielt.
Bei der Alexanderplatz-Demonstration am 4. November 1989 gehörte sie zu den Rednerinnen. An eine Auflösung des Staates DDR glaubte sie damals nicht; sie hielt eine Reform des Sozialismus für möglich und gehörte zu den Verfassern des Aufrufs Für unser Land. Die Bezeichnung Wende lehnte sie ab und sprach stattdessen von einer Epochenwende.
Am 21. Januar 1993 gab Wolf in einem Zeitungsartikel selbst bekannt, dass sie von 1959 bis 1962 als IM „Margarete“ beim Ministerium für Staatssicherheit geführt worden war. Sie hatte drei Berichte verfasst, die ein durchweg positives Bild der Betroffenen zeichneten; die Stasi beklagte ihre Zurückhaltung und beendete die Zusammenarbeit. Danach wurden sie und ihr Mann selbst als Operativer Vorgang „Doppelzüngler“ bis zum Ende der DDR überwacht. Um die Vorwürfe zu entkräften, veröffentlichte sie 1993 ihre vollständige Akte unter dem Titel Akteneinsicht Christa Wolf. In den Jahren 1992/93 hielt sie sich für längere Zeit in den USA auf, zog sich aus der Öffentlichkeit zurück und erkrankte schwer. Ihren dortigen Aufenthalt verarbeitete sie im 2010 erschienenen Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud. 2002 wurde sie für ihr Lebenswerk mit dem erstmals verliehenen Deutschen Bücherpreis geehrt. Christa Wolf starb am 1. Dezember 2011 im Alter von 82 Jahren in Berlin und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt; die Gedenkrede hielt Volker Braun.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für ihr Schreiben ist eine Haltung, die sie selbst 1967 in der Erzählung Juninachmittag erstmals andeutete und in der Essaysammlung Lesen und Schreiben von 1972 als „subjektive Authentizität“ beschrieb. Das Erinnern und das Nachdenken über die sozialen und mentalen Strukturen des Gedächtnisses wurden fortan zu Schlüsselbegriffen ihres poetischen Konzepts. Laut der Neuen Deutschen Biographie sind ihre meist weiblichen Hauptfiguren häufig Identitätskrisen ausgesetzt. In Nachdenken über Christa T. stellte sie den Konflikt zwischen der als sozialistisch behaupteten Gesellschaft und dem Anspruch der Heldin auf individuelle Selbstverwirklichung dar. In Kindheitsmuster ging sie den Wurzeln gegenwärtiger Verhaltens- und Denkmuster in der eigenen Generation zur NS-Zeit nach.
Immer wieder griff sie auf Mythos und Geschichte zurück, um Gegenwartsfragen zu stellen. In Kein Ort. Nirgends imaginierte sie eine fiktive Begegnung zwischen Heinrich von Kleist und Karoline von Günderode. In Kassandra nahm sie den antiken Mythos zum Ausgangspunkt, um patriarchalisch begründete Kriege und die Notwendigkeit weiblichen Widerstands zu behandeln. Ähnlich verfuhr sie 1996 in Medea, Stimmen, wo sie die Ausgrenzung des Fremden kritisierte. Auch aktuelle Themen bezog sie ein: Störfall reagierte 1987 auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mit einer Reflexion über Umweltprobleme. Ihr Engagement für Umwelt-, Friedens- und Frauenbewegungen machte sie zu einer literarischen Instanz. Ihre subjektive, die Authentizität betonende Art zu schreiben wurde, so die Neue Deutsche Biographie, sowohl hoch verehrt als auch kontrovers diskutiert.
Rezeption↑
Besonders nach der Wiedervereinigung 1990 kam es zu einer kontroversen Diskussion über ihr Werk. Die Erzählung Was bleibt, bereits 1979 entstanden, löste einen Streit über das Verhalten von Intellektuellen zur politischen Macht aus. Westdeutsche Kritiker wie Frank Schirrmacher warfen ihr vor, den Autoritarismus der DDR-Regierung nicht kritisiert zu haben; Ulrich Greiner belegte sie mit dem Wort „Staatsdichterin“, Schirrmacher nannte sie eine „Repräsentantin des Systems“. Andere bezeichneten ihre Werke als „moralistisch“. Dagegen plädierten Günter Grass, Volker Hage und Walter Jens für mehr Verständnis, und Verteidiger betonten ihre Bedeutung als Repräsentantin der ostdeutschen Literatur. Dieser sogenannte Literaturstreit verschärfte sich, als 1993 ihre frühere Tätigkeit als IM „Margarete“ bekannt wurde. Eine Studie von Fausto Cercignani zu ihren Frühromanen trug dazu bei, ein Bewusstsein für die Substanz ihres Erzählwerks unabhängig von den politischen und persönlichen Wechselfällen zu fördern.
Ihr Nachlass wird seit 1994 im Literaturarchiv der Akademie der Künste betreut und umfasst rund 175.000 Blatt an Manuskripten, Tagebüchern, Dokumenten und Korrespondenz sowie an die 10.000 Leserzuschriften. 2011 kam durch eine Schenkung des Luchterhand Literaturverlags dessen komplettes Rezensionsarchiv hinzu. Ende 2013 wurde in Berlin die Christa Wolf Gesellschaft gegründet, die das Studium und die Verbreitung ihres Werkes fördert. In ihrem Geburtsort wurde 2015 das Denkmal „Nellys Bank“ eingeweiht: Es zeigt die Figur Nelly Jordan aus dem Roman Kindheitsmuster auf einer Bank sitzend und lädt zum fiktiven Zwiegespräch ein.
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