1963
Der geteilte Himmel
Überblick↑
Die Erzählung Der geteilte Himmel von Christa Wolf erschien 1963 und gehört zu den bekannten Werken der DDR-Literatur. Im Mittelpunkt steht die junge Studentin Rita Seidel und ihre Liebe zu dem Chemiker Manfred Herrfurth. Vor dem Hintergrund des geteilten Deutschlands kurz vor dem Mauerbau schildert das Buch, wie eine persönliche Beziehung an den politischen Verhältnissen zerbricht. Christa Wolf verzichtet dabei auf die üblichen Muster der sozialistischen Propagandaliteratur und spricht die wirtschaftlichen Nöte der DDR offen an. Schon 1964 verfilmte Konrad Wolf den Stoff unter demselben Titel.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird von der neunzehnjährigen Rita Seidel und ihrem Freund Manfred Herrfurth. Die Handlung spielt im Jahr 1961, kurz vor dem Bau der Berliner Mauer. Die beiden sind grundverschieden: Rita stammt vom Lande und ist eine schwärmerische Natur, Manfred kommt aus der Stadt und denkt nüchtern und technisch. Sie lernen sich bei einem Dorftanz kennen und werden ein Paar.
Rita zieht zu Manfred und seinen Eltern nach Halle. Manfred arbeitet dort als Chemiker, Rita besucht das Institut für Lehrerbildung und sammelt zugleich Erfahrungen in einer Brigade des Waggonbauwerks. Aus dem unerfahrenen Mädchen vom Dorf wird nach und nach eine selbstständige junge Frau, die ihr Leben in der Stadt zu meistern lernt.
Manfred wächst in einer zerstrittenen Familie auf und verliert den Glauben an das Wirtschaftssystem der DDR. Als eine seiner Entwicklungen von den Funktionären abgelehnt wird, gerät die Beziehung in eine schwere Belastungsprobe. Die Erzählung folgt dabei nicht der zeitlichen Ordnung, sondern setzt bei einer erschöpften Rita ein, die sich rückblickend an ihre gemeinsame Geschichte erinnert.
Die Handlung im Detail↑
Rückblickend erzählt Rita Seidel ihre Geschichte aus dem Krankenhaus, in dem sie nach einem körperlichen wie seelischen Zusammenbruch erwacht. Die Handlung selbst spielt vor dem Johannistag des Jahres 1961, also kurz vor dem Mauerbau.
Rita stammt aus einem kleinen Dorf in Ostdeutschland. Ihre Kindheit war nicht leicht: Sie wuchs ohne Vater auf und musste die Schule wegen Geldmangels früh verlassen. Sie findet eine Anstellung im örtlichen Versicherungsbüro, doch die Arbeit gefällt ihr nicht. Die Wende in ihrem Leben kommt mit Manfred Herrfurth und mit Schwarzenbach, der ihr die Möglichkeit eröffnet, ihr Leben zu ändern. Rita ergreift diese Chance ohne Zögern.
Rita und Manfred begegnen sich bei einem Dorftanz und werden ein Paar. Rita zieht zu Manfred und seinen Eltern nach Halle. Manfred arbeitet als Chemiker, Rita besucht das Institut für Lehrerbildung und arbeitet als Teil ihrer Ausbildung in einer Sozialistischen Brigade des Waggonbauwerks Ammendorf. Anfangs ist ihr die neue Umgebung fremd, doch mit der Hilfe ihrer Arbeitskollegen findet sie sich zurecht. Sie wird reifer und trifft zunehmend eigene Entscheidungen. Für Manfred ist sie eine wichtige Stütze: Sie hört ihm geduldig zu und steht ihm mit Rat zur Seite, während er umgekehrt auch für sie zum Tröster wird.
Manfred wächst in einer zerstrittenen Familie auf, zu der er keine innige Verbindung hat. Er verliert den Glauben an das sozialistische Wirtschaftssystem, nachdem eine seiner Entwicklungen von den Wirtschaftsfunktionären der DDR abgelehnt wird. Für ihn ist die Flucht in die Bundesrepublik der einzige Ausweg aus Willkür und Unfähigkeit der politischen Führung. Er geht über den Ostteil Berlins in den Westen der Stadt.
Rita reist ihm nach und versucht, ihn zur Rückkehr zu bewegen. Doch Manfred will bleiben. Rita selbst fühlt sich im Westen fremd und fährt nach Halle zurück. Anders als Manfred erkennt sie zwar die Mängel des sozialistischen Systems, ist aber bereit, materielle Einbußen hinzunehmen, um an der sozialistischen Idee mitzuwirken. Kurz nach ihrer Rückkehr wird die Berliner Mauer gebaut, die die beiden endgültig voneinander trennt. Rita bricht daran zusammen und versucht, sich das Leben zu nehmen; sie wird ohnmächtig und erwacht später im Krankenhaus. Am Ende steht Rita als eigenständige, gereifte Frau da, die trotz mehrerer Schicksalsschläge – des Todes ihres Vaters und der Trennung von Manfred – immer wieder aufsteht und weitermacht.
Stil↑
Auf zwei Ebenen entfaltet sich die ganze Erzählung. Die erste Ebene spielt im Krankenhaus nach Ritas Zusammenbruch und wird aus allwissender Erzählerperspektive geschildert. Sie steht im Präsens und beschreibt Ritas Alltag in der Klinik, etwa die Gespräche mit ihren Besuchern. Diese Ebene bildet das Jetzt der Erzählung. Die zweite Ebene erzählt im Präteritum die eigentliche Vorgeschichte. Hier berichtet ein Erzähler, der nicht zur Handlung gehört und der mehr weiß als Rita selbst.
Oft sind die beiden Ebenen durch Kapitel getrennt, doch nicht selten erfolgt der Wechsel auch mitten im Text, von einem Absatz zum nächsten. Auffällig ist der Umgang mit der direkten Rede: Sie muss nicht zwingend in Anführungszeichen stehen. Die Erzählperspektive verläuft nicht chronologisch, was für die damalige DDR-Literatur eher untypisch ist. Christa Wolf arbeitet mit zahlreichen Rückblenden und bedient sich so des analytischen Erzählens, das eine Psychologie des Erinnerns hervorruft. Durch häufige Perspektivenwechsel lenkt sie die Sympathien der Leser und lädt sie ein, sich mit den Figuren zu identifizieren.
Sprachlich ist die Erzählung leicht verständlich formuliert; viel mehr als der Grundwortschatz wird nicht gebraucht. Dafür setzt Christa Wolf jedoch historische Kenntnisse voraus, vor allem über die DDR in der Zeit vor dem Mauerbau.
Rezeption↑
Zu den bekannten Werken der frühen DDR-Literatur zählt diese 1963 erschienene Erzählung. Bemerkenswert ist, dass Christa Wolf die typischen Muster der sozialistischen Propagandaliteratur vermeidet. Sie spricht die Lage der Wirtschaft und die Gründe für die mangelhafte Versorgung der Bevölkerung offen und direkt an. Zugleich überwiegt am Ende der zuversichtliche Gedanke, sodass die Anforderungen des sozialistischen Regimes an die Literatur dennoch erfüllt werden. In den Figuren von Rita und Manfred spiegeln sich die beiden rivalisierenden Gesellschaftsformen der geteilten Nachkriegszeit.
Schon 1964 verfilmte Konrad Wolf den Stoff unter demselben Titel. 2023 entstand außerdem eine musikalische Bearbeitung des Werks.
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