1908
Der Gehülfe
Überblick↑
Robert Walsers Roman Der Gehülfe erschien im Mai 1908 im Berliner Verlag Bruno Cassirer. Er gehört zu den bekanntesten Werken des Schweizer Autors. Geschildert wird ein halbes Jahr im Leben des vierundzwanzigjährigen Joseph Marti. Er fängt in der Villa eines erfolglosen Erfinders als Hausangestellter und Bürogehilfe an. Den langsamen wirtschaftlichen Verfall dieser Familie erlebt er aus nächster Nähe mit. Walser hatte selbst einige Monate als Angestellter in einem solchen Haushalt am Zürichsee gelebt. Seinen Text nannte er später einen „ganz und gar realistischen Roman", zu dem das Leben fast alles beigesteuert habe.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Der junge Joseph Marti ist seit einiger Zeit ohne Stellung. Er bewirbt sich bei dem Ingenieur und Erfinder Carl Tobler als Gehülfe. Nach einem Probetag bekommt er die Stelle. In den Sommermonaten zieht er in ein Turmzimmer der Villa zum Abendstern. Fortan sitzt er mit der Familie am Tisch. Sein Arbeitsplatz ist das Bureau im Keller. Dort arbeitet Tobler an Erfindungen wie der Reklame-Uhr, einem Schützenautomaten und einem Krankenstuhl. Er wartet auf den großen Geldgeber, der ihm zur Massenfertigung verhelfen soll.
Schauplatz ist das Dorf Bärenswil am See, eine knappe Eisenbahnfahrt von der Kantonshauptstadt entfernt. Joseph erlebt sommerliche Gartenfeste, ein Feuerwerk am ersten August und nächtliche Ruderfahrten über den See. Zugleich erlebt er das immer deutlichere Wanken des Hauses Tobler. Sein Gehalt erhält er kaum, dafür Almosen, abgelegte Kleider und das stillschweigende Einverständnis, mit am Tisch zu sitzen.
Zwischen den Erwachsenen entsteht ein eigenes Gefüge: der polternde Hausherr auf Geschäftsreisen, die selbstbewusste Frau Tobler aus bürgerlichem Haus, die vier Kinder Dora, Silvi, Edi und Walter, die Magd Pauline und im Hintergrund der entlassene Vorgänger Wirsich, ein Trinker. Joseph rudert, schweigt, jasst mit der Hausherrin, läuft Besorgungen, wehrt Gläubiger ab und gerät zwischen Loyalität, Mitleid und stillen Widerstand.
Die Handlung im Detail↑
Joseph Marti, vierundzwanzig Jahre alt und stellenlos, bewirbt sich beim Ingenieur Carl Tobler in dessen Villa zum Abendstern in Bärenswil, einem Dorf eine gute Dreiviertelstunde Eisenbahnfahrt von der Kantonshauptstadt entfernt. Nach einem Probetag wird er als Gehülfe eingestellt, bezieht im Sommer ein Turmzimmer und bleibt sechs Monate, bis Neujahr. Er isst am Tisch der Familie, weil es anders nicht geht, und bekommt sein Gehalt anfangs gar nicht ausgezahlt, sondern lebt von Almosen, die Tobler ihm sporadisch zusteckt. Obwohl Joseph eigentlich Schulden tilgen müsste, fügt er sich.
Tobler hat eine Reklame-Uhr erfunden, dazu eine Tiefbohrmaschine, einen nach Münzeinwurf Patronen ausgebenden Schützenautomaten, einen patentierten Krankenstuhl und einen kleinen Dampfapparat. Das Bureau im Keller ist Josephs Arbeitsplatz. Eigentlich will Tobler einen denkenden Kopf, doch das Nachdenken über hohe Dinge ist Josephs Sache nicht; er brilliert in Handlangerdiensten, bewässert den Garten, erledigt Besorgungen, geht der Haushälterin Pauline zur Hand, spielt eine Art Hausmeister. Pünktlichkeit fordert Tobler unbedingt, jede kleine Verspätung im Bureau führt zu einem Donnerwetter, das Joseph wohlüberdacht schweigend übersteht. Während der Arbeit darf er von den Zigarrenstummeln seines Chefs rauchen.
Tobler war drei Jahre zuvor einfacher Hilfsingenieur in einer großen Maschinenfabrik gewesen, hatte geerbt und das Geld in die Villa und in die Reklame-Uhr gesteckt. Nun soll ein Kapitalist, am liebsten ein Fabrikherr, gewonnen werden, damit die Massenanfertigung beginnen kann. Daraus wird im ganzen Roman nichts. Statt Geld hereinzuholen, muss Tobler unentwegt Gründe für Zahlungsverweigerungen erfinden. Trotzdem lebt die Familie nicht schlecht: Niemand hungert, im Garten am See finden sommerliche Feste statt, am ersten August wird das üppig illuminierte Anwesen mit einem Feuerwerk gefeiert. Joseph schwimmt, rudert nachts Frau Tobler und die vier Kinder über den See, Musik erklingt über dem Wasser.
Frau Tobler kommt aus bürgerlichem Haus und fürchtet ihren Mann nicht. Weil er häufig auf Reisen ist, verbringt sie viel Zeit mit dem Gehülfen: Sie jassen, unterhalten sich, oder Joseph sieht ihr beim Lesen zu. Einmal erblickt er sie durch die offene Schlafzimmertür im Negligé. Ein Verhältnis entsteht nicht, doch beide kommen einander näher, achten einander, und Frau Tobler vertraut sich Joseph an. Ursache des Misserfolgs ihres Mannes sind nach ihrer Ansicht die verschwenderischen Wohltaten, die Tobler in besseren Tagen austeilte und mit denen er jetzt jene gefüttert hat, die ihn bedrängen. Sie steht ihrem Mann bei, kann den Ruin aber nur ein wenig hinausschieben. Wenn sie Joseph fragt, ob das Desaster doch noch abwendbar sei, und er sie zu trösten versucht, heißt sie ihn einen Lügner.
Auch im Bureau spitzt sich alles zu. Als ein Kapitalist tatsächlich einmal vorspricht, ist Tobler verreist; Joseph muss einspringen, benimmt sich kopflos und vertreibt den möglichen Geldgeber. Nach seiner Rückkehr tobt Tobler, verzeiht aber, schenkt dem Gehülfen abgetragene Kleidungsstücke; Joseph begehrt wortreich auf und nimmt die Geschenke schließlich doch. Als Tobler seine Frau misshandelt, schreitet Joseph ein und ermahnt den Hausherrn; der hält ihm vor, ein großes Maul könne jeder haben, leisten solle er endlich etwas. Frau Tobler erkrankt, der Ingenieur probiert seinen Krankenstuhl an ihr aus, muss Kritik einstecken und konstruiert flugs um.
In Bärenswil schlägt das Erstaunen der Bank in herablassendes Mitleid um. Tobler erfindet Zahlungsverweigerungsgründe, pumpt Bekannte und Verwandte an, muss schließlich Schuldforderern seine Illiquidität eingestehen. Ein mütterliches Erbteil ist noch da, doch um an das Geld zu kommen, muss er die Ehefrau vorschicken. Der Betrag, den die Mutter herausrückt, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein; er besänftigt allenfalls die wildesten Gläubiger. Nicht einmal das geringe Entgelt des hauptstädtischen Stellenvermittlungsbureaus wird beglichen. Das Elektrizitätswerk schaltet den Strom ab.
Im Haus leben weiter die vier Kinder Dora, Silvi, Edi und Walter. Frau Tobler hasst ihre Tochter Silvi, ohne sich erklären zu können warum, und erlaubt der Magd Pauline, das Kleinkind nachts zu prügeln, wenn es einnässt. Pauline nutzt diese Macht. Joseph beobachtet das Gezeter, hält schließlich Frau Tobler ernsthaft Vorwürfe und liest dem heimkehrenden Tobler die Leviten: Die Mutter misshandle das Kind, der Vater sehe darüber hinweg. Toblers Antwort lautet, seine Frau sei eine Gans und Joseph verrückt.
Auch Wirsich kehrt zurück, Josephs Vorgänger als Hausdiener, den Tobler wegen Volltrunkenheit aus dem Haus geworfen hatte. Er bittet, mit seiner alten Mutter im Schlepptau, um Wiedereinstellung; Tobler sieht sich außerstande. Im Spätherbst, als der Sommersee zum Nebelsee geworden ist, kommt Wirsich aus Regen und Kälte zurück. In Abwesenheit des Hausherrn und mit Zustimmung der Frau Tobler nimmt Joseph den Obdachlosen in seinem Turmzimmer auf, teilt das Bett mit ihm und drückt ihm ein Goldstück in die Hand, das er tags zuvor von Tobler bekommen hat. Wirsich wünscht Tobler, diesem Großhans, dass er aus seinem prahlerischen Haus und Garten hinausfliegt.
Wirsich verliert seine nächste Stelle in Bärenswil wieder, erneut wegen Trunkenheit. Auch Joseph bereitet nun seinen Abgang vor und bewirbt sich beim hauptstädtischen Stellenvermittlungsbureau um eine andere Stelle. Nach einer weiteren Ungeschicklichkeit wird Tobler tätlich. Weinend begründet Joseph der Frau seinen beabsichtigten Weggang; sie bleibt kalt und empfiehlt ihm, sich noch vom Hausherrn zu verabschieden. Der Gehülfe wird vom Ingenieur aus dem Haus geworfen. Joseph und Wirsich verlassen Bärenswil und ziehen weiter.
Stil↑
Erzählt wird in einer ruhigen, beobachtenden Prosa. Sie nimmt das Alltägliche mit großer Genauigkeit: das Gartenwässern, das Kartenspielen, das Warten auf den Geldgeber. Das Drama des Ruins inszeniert sie nicht als Knall, sondern als langsames Sinken. Walsers Sprache schwankt zwischen sachlich-bürokratischen Wendungen und Augenblicken einer fast lyrischen Stimmung. Die sachlichen Wendungen stammen aus der Welt des Bureaus, etwa die Sätze über Reklame-Uhr, Schützenautomat und Krankenstuhl. Die lyrischen Augenblicke zeigen sich etwa, wenn Musik den dunklen, duftenden Leib der Seesommernachtstille umschlingt. Der Erzähler bleibt nahe bei Joseph, ohne ganz in dessen Kopf aufzugehen. Vieles wird angedeutet, manches wird durch Höflichkeit oder Schweigen ausgespart. Komik und Wehmut stehen dicht nebeneinander. Das Pathos des Erfinders steht neben dem stillen, oft ironischen Blick des Gehülfen.
Rezeption↑
Hermann Hesse schrieb 1936, der Roman sei voll von Stimmungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Er bezaubere aber durch die zeitlose Anmut seines Vortrags und durch eine zart und absichtslos spielende Magie. Albin Zollinger führte Walsers unbeschreiblichen Zauber auf dessen pedantische Unbestechlichkeit zurück. Anne Gabrisch nannte 1983 Herr und Diener gleichermaßen närrisch. Das Paar sei von fürchterlicher Komik und erinnere von weit her an Don Quijote und Sancho Pansa. Peter Sprengel resümierte, die Bärenswiler erwiesen sich als Nachfolger der Leute von Seldwyla. Sie seien also Verwandte der schweizerischen Bürgergesellschaft, die Gottfried Keller geschildert hatte. Robert Mächler erzählt aus der Entstehungsgeschichte. Der Roman sei im Rahmen eines Wettbewerbs des Scherl-Verlags in sechs Wochen niedergeschrieben worden. Walser habe achttausend Mark Honorar verlangt, das Manuskript jedoch postwendend zurückerhalten. Mit dem Verlagsleiter habe er sich gestritten. Dabei soll ihm der Satz entfahren sein, dieser verstehe als Kamel überhaupt nichts von Literatur. 1976 verfilmte Thomas Koerfer den Stoff unter dem Titel Der Gehülfe.
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