1847
Jahrmarkt der Eitelkeit
Überblick↑
Der Roman Jahrmarkt der Eitelkeit gilt als das Hauptwerk von William Makepeace Thackeray. Sein Originaltitel lautet Vanity Fair or A Novel without a Hero. Das Buch erschien 1847 und 1848 in monatlichen Lieferungen und wurde von Bradbury and Evans verlegt. Thackeray zählt neben Charles Dickens und George Eliot zu den bedeutendsten Schriftstellern des viktorianischen Zeitalters. Sein Roman entwirft ein breites Bild der Londoner Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts und bezieht alle gesellschaftlichen Schichten ein. Berühmt wurde er für seinen ironischen Ton und die genaue Zeichnung seiner Figuren. Im Jahr 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler ihn zu einem der bedeutendsten britischen Romane.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt stehen zwei junge Frauen, die gemeinsam Miss Pinkertons Erziehungsanstalt für junge Damen verlassen. Becky Sharp stammt aus armen Verhältnissen. Sie ist klug, gewandt und fest entschlossen, sich in der vornehmen Gesellschaft einen Platz zu erobern. Amelia Sedley dagegen kommt aus gutem Hause. Sie ist gutmütig und liebenswert, aber von eher schlichtem Gemüt.
Mit Amelia reist Becky zunächst in das wohlhabende Elternhaus der Sedleys am Russell Square. Dort lernt sie Amelias Bruder Joe kennen, einen reichen, aber unbeholfenen Mann. Sie begegnet auch dem schneidigen Captain George Osborne, mit dem Amelia von Kindheit an verlobt ist. Becky versucht ihr Glück und umwirbt den reichen Joe, doch der Plan misslingt. Daraufhin nimmt sie eine Stelle als Gouvernante beim Baronet Sir Pitt Crawley auf dem Land an.
Während Becky beharrlich nach oben strebt, zieht am Horizont ein neuer Krieg herauf: Napoleon ist nach Frankreich zurückgekehrt. Die Schlacht bei Waterloo wird zum großen Wendepunkt, der in das Leben aller Figuren eingreift. Thackeray verfolgt die beiden so verschiedenen Frauen über viele Jahre und durch alle Schichten der englischen Gesellschaft. Wer am Ende emporsteigt und wer scheitert, bleibt lange offen.
Die Handlung im Detail↑
Die Geschichte beginnt in Miss Pinkertons Erziehungsanstalt für junge Damen. Becky Sharp und Amelia Sedley haben dort soeben ihre Ausbildung abgeschlossen und bereiten ihre Abreise zum Russell Square vor. Becky wird als willensstark und gewandt geschildert, Amelia als gutmütig, aber einfältig. Am Russell Square lernt Becky Captain George Osborne kennen, mit dem Amelia von Kindheit an verlobt ist, sowie Amelias Bruder Joe Sedley, einen reichen, aber tollpatschigen Angehörigen der Britischen Ostindien-Kompanie. Becky umwirbt Joe in der Hoffnung auf eine Heirat. Der Plan scheitert an Osbornes Warnungen, an Joes Schüchternheit und an seiner Verlegenheit darüber, dass Becky ihn betrunken erlebt hat.
Becky tritt anschließend als Gouvernante in die Dienste des plumpen Baronets Sir Pitt Crawley. Mit ihrem Benehmen gewinnt sie seine Gunst. Nach dem frühen Tod seiner zweiten Frau hält Sir Pitt um ihre Hand an, muss aber erfahren, dass sie bereits heimlich mit seinem zweitältesten Sohn Rawdon Crawley verheiratet ist. Sir Pitts ältere Halbschwester, die reiche, unverheiratete Miss Crawley, hat ein Vermögen von 70.000 Pfund geerbt. Um ihre Gunst und ihr Erbe wetteifern die Zweige der Familie schamlos. Ursprünglich war Rawdon ihr Liebling. Als seine heimliche Verbindung mit Becky herauskommt, enterbt Miss Crawley ihn und setzt stattdessen seinen pedantischen älteren Bruder ein, der ebenfalls Pitt Crawley heißt. Becky und Rawdon bemühen sich um Versöhnung, doch Miss Crawley empfängt nur ihren Neffen und ändert ihr Testament nicht.
Unterdessen meldet Amelias Vater John Sedley Bankrott an. Als die Familie ruiniert ist, zerbrechen die alten Bande zwischen den Sedleys und den Osbornes, und die Heirat zwischen Amelia und George wird untersagt. Auf Drängen seines Freundes William Dobbin heiratet George Amelia dennoch gegen den Willen seines Vaters und wird dafür enterbt. Zugleich droht ein neuer Krieg mit Napoleon, der Elba verlassen hat. George, Dobbin und Rawdon Crawley erhalten plötzlich Marschbefehl nach Brüssel. Schon jetzt ist George seiner Frau überdrüssig und fühlt sich zu Becky hingezogen, die seine Avancen erwidert.
Auf einem Ball in Brüssel reicht George Becky eine Nachricht, mit der er sie auffordert, mit ihm durchzubrennen. Bald bereut er es und versöhnt sich mit der tief verletzten Amelia. Schon am Morgen darauf wird er mit den anderen nach Waterloo geschickt. Becky bleibt der Abreise ihres Mannes gegenüber fast gleichgültig. Als sie Amelia aufheitern will, kommt es zum Streit, der zu einem jahrelangen Zerwürfnis der beiden Frauen führt. Becky sorgt sich auch wenig um den Ausgang der Schlacht. Sollte Napoleon siegen, will sie die Geliebte eines seiner Marschälle werden. Vorerst verdient sie daran, dem ängstlichen Joe Sedley ihre Kutsche und ihre Pferde zu überhöhten Preisen zu vermieten, denn er will aus der pro-napoleonischen Stadt fliehen.
Rawdon überlebt die Schlacht, doch George Osborne fällt. Amelia bringt nach seinem Tod einen Sohn zur Welt, den sie ebenfalls George nennt, und lebt fortan in bescheidener Armut bei ihren Eltern. Dobbin, der Pate des Kindes, gesteht der Witwe nach und nach seine Liebe, indem er ihr und dem Jungen kleine Aufmerksamkeiten zukommen lässt. Doch Amelia hängt zu sehr an der Erinnerung an George. Tieftraurig geht Dobbin für einige Jahre nach Indien.
Auch Becky hat inzwischen einen Sohn, der nach seinem Vater Rawdon heißt. Anders als die vernarrte Amelia bleibt Becky eine kalte, unnahbare Mutter. Sie setzt ihren Aufstieg im Nachkriegs-Paris und dann in London fort, wo der mächtige Marquis of Steyne sie heimlich aushält und in die Gesellschaft einführt. Trotz ihrer niedrigen Herkunft wird sie schließlich sogar am Hofe des Prinzregenten vorgestellt. Doch der Wohlstand des Paares ist nur Schall und Rauch. Rawdon spielt und betrügt, Becky nimmt Geld und Geschenke von ihren Bewunderern und zahlt ihre Rechnungen kaum. So leben beide auf Kredit. Becky weiß, dass sie zwei unschuldige Menschen ruiniert hat: ihre Bedienstete Miss Briggs, deren Ersparnisse sie verprasst hat, und ihren Vermieter Raggles, einen früheren Butler der Crawleys, dem sie die Miete schuldig bleibt.
Auf der Höhe ihres Erfolgs wird Beckys Verhältnis zum Marquis of Steyne aufgedeckt. Weil Rawdon wegen seiner Schulden in Haft gerät, zahlt Lady Jane, die Frau seines Bruders, das Geld für seine Freilassung. Rawdon kehrt heim und überrascht Becky und Steyne in einer kompromittierenden Lage. Er verlässt seine Frau und fordert den alternden Marquis zum Duell. Über Steynes Amt wird er als Gouverneur nach Coventry Island geschickt, um ihn aus dem Weg zu schaffen. Becky, die nun Ehemann und Ruf verloren hat, verlässt auf Steynes Rat das Land. Rawdon und sein Sohn kommen bei Pitt Crawley und Lady Jane unter.
Wohin Becky in Europa auch geht, folgt ihr der Schatten des Marquis. Überall in der besseren Gesellschaft weiß jemand von ihren Machenschaften und verbreitet die Gerüchte; aus Rom vertreibt Steyne sie selbst. Unterdessen wächst Amelias geliebter Sohn heran. Sein nun versöhnter Großvater Osborne möchte ihn aus dem armen Haushalt der Mutter in den seinen aufnehmen. Amelia weiß, dass der Großvater dem Jungen einen weit besseren Start ins Leben bieten kann als sie, und gibt ihn schweren Herzens frei.
Stil↑
Schon der Untertitel des Originals deutet die Haltung des Buches an: A Novel without a Hero, also ein Roman ohne Held. Keine Figur taugt zum strahlenden Vorbild. Alle sind in Eitelkeit, Ehrgeiz und Selbstsucht verstrickt. Thackeray erzählt mit feiner Ironie und spöttischem Unterton. Statt seine Figuren zu beschönigen, zeichnet er sie genau und mit allen Schwächen.
Der Titel selbst ist ein Wink an den Leser. Er geht zurück auf John Bunyans Pilgerreise zur seligen Ewigkeit aus dem Jahr 1678. Dort ist der Jahrmarkt der Eitelkeit ein Ort voller Sünde und leerer Vergnügungen. Mit diesem Bild übt Thackeray Kritik an der Gesellschaft seiner Zeit, in der es vor allem um Geld, Rang und schönen Schein geht.
Angelegt ist das Buch als breiter Gesellschaftsroman. Es spannt einen weiten Bogen über alle Schichten, von der Londoner Geschäftswelt über den vornehmen Adel bis zu den Spieltischen und den Schuldnern, die auf Kredit leben. Auch die Schauplätze sind weit gestreut. Sie reichen von London über das Schlachtfeld bei Waterloo und Paris bis nach Indien und in ein erfundenes deutsches Kleinfürstentum. So entsteht ein vielfältiges Panorama einer ganzen Epoche.
Rezeption↑
Seit diesem Roman gilt Thackeray neben Charles Dickens und George Eliot als einer der bedeutendsten englischen Erzähler des viktorianischen Zeitalters. Die deutsche Übersetzung erschien 1849. Bis heute zählt das Werk zu den großen Büchern der englischen Literatur. Im Jahr 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler es zu einem der bedeutendsten britischen Romane.
Wie lebendig der Stoff geblieben ist, zeigen die zahlreichen Verfilmungen über mehr als ein Jahrhundert hinweg. Zu ihnen gehören ein Kinofilm von 1935 unter der Regie von Rouben Mamoulian, eine mehrteilige Fernsehfassung von 1998 sowie der Kinofilm von Mira Nair aus dem Jahr 2004.
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