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Werkseintrag · Vita Nova
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Cover Vita Nova
Vita Nova
1295
– Werkseintrag –

Vita Nova

1295 · Epik

Dantes schmales Jugendwerk über seine Liebe zu Beatrice – eine Mischung aus Versen und erklärender Prosa, in der ein neuer Stil und ein neues Lebensgefühl entstehen.

Überblick

Ein schmales Bändchen, das die abendländische Literatur geprägt hat: In der Vita nova (lateinisch und italienisch: "Neues Leben") erzählt Dante Alighieri die Geschichte seiner Liebe zu Beatrice. Das Jugendwerk entstand bis 1293 und erschien gedruckt erstmals 1576. Dante verbindet darin die Tradition der mittelalterlichen Minnedichtung mit einer neuen Form. Ein erzählender Prosakommentar verknüpft eine Reihe von Sonetten und Kanzonen zu einem zusammenhängenden Buch. Der Titel hat mehrere Bedeutungen. Er meint die Jugend der Liebenden, die erneuernde Kraft der Liebe und einen neuen Stil. Aus diesem schmalen Werk geht später der Weg zur Göttlichen Komödie hervor, in der Beatrice erneut zur Hauptfigur wird.

Inhalt (ohne Spoiler)

Dante ist neun Jahre alt, als ihm Beatrice zum ersten Mal begegnet. "Incipit vita nova" – hier beginnt ein neues Leben, schreibt er über diese Szene. Erst neun Jahre später richtet sie zum ersten Mal das Wort an ihn. Schon dieser Gruß stürzt ihn in solche Verwirrung, dass er sich in sein Zimmer flüchtet und einschläft. Im Traum erscheint ihm der Gott der Liebe und zeigt ihm Bilder, die ihn nicht mehr loslassen.

Von hier ab erzählt Dante die Geschichte seiner Liebe zu Beatrice. Es ist eine Liebe, die ideell bleibt und nie in Erfüllung geht. Um die Geliebte vor den Augen der Welt zu verbergen, gibt er vor, andere Frauen zu lieben. Daraus entstehen Verwicklungen, Verletzungen, Krankheit und Visionen. Jeder Schritt wird in Versen festgehalten, die Dante anschließend in Prosa erklärt. Er nennt Anlass, Aufbau und Sinn jedes Gedichts. So entsteht ein Doppelbuch aus erlebter Liebesgeschichte und nachdenklicher Selbstauslegung. Die Geschichte mündet in eine große Aufgabe, die am Ende erst angedeutet wird.

Die Handlung im Detail

Die "glorreiche Herrin seines Herzens" erscheint Dante zum ersten Mal, als er neun Jahre alt ist. Neun Jahre später, zur neunten Stunde des Tages, richtet Beatrice zum ersten Mal das Wort an ihn. Die Begegnung verwirrt ihn so, dass er sich zurückzieht und einschläft. Im Traum sieht er den Gott der Liebe ("Ego dominus tuus"), der die fast nackte, in ein blutrotes Tuch gehüllte Beatrice im Arm hält und in der anderen Hand das glühende Herz des Liebenden. Der Gott weckt sie und lässt sie das Herz essen; weinend entschwebt er mit ihr in den Himmel – eine erste Vorausdeutung auf Beatrices Tod. Nach dem Erwachen fasst Dante den Traum in ein Sonett, das er Freunden vorträgt, ohne den Namen der Geliebten zu nennen.

Die Liebe beginnt seine Gesundheit anzugreifen. Als die Umgebung neugierig zu fragen beginnt, wer ihn so unglücklich macht, täuscht Dante zur Tarnung die Liebe zu einer anderen Edelfrau vor (donna dello schermo, "Schirmdame"). Das Verheimlichen der wahren Geliebten wird zu einem Hauptmotiv. Als die erste Schirmdame fortzieht, empfiehlt ihm der Gott der Liebe auf einer Reise eine weitere Frau, die diese Rolle übernehmen soll. Die Tarnung wird zum Verhängnis: Beatrice erfährt von Dantes scheinbarer Hinwendung zu anderen Frauen und verweigert ihm den Gruß. Der Verlust dieses Grußes, in dem Dante Ziel und Sinn seiner Liebe sieht, stürzt ihn in Verzweiflung. Er zieht sich in die Einsamkeit zurück, wo ihm der Gott der Liebe erneut erscheint und ihn auffordert, das Versteckspiel zu beenden und sich Beatrice in Versen zu offenbaren.

Die Liebe bleibt ideell und unerfüllt. Auch an Beatrices Trauer um ihren verstorbenen Vater nimmt Dante nur aus der Ferne teil. Er erkrankt erneut, sieht in einer Vision zuerst den eigenen Tod und dann den Tod der Geliebten voraus. Das Bild der von Engeln ins Paradies geführten Beatrice weckt in ihm die Todessehnsucht – der Tod erscheint ihm als einziger Weg, mit ihr vereint zu sein. Im 25. Kapitel hält Dante inne und reflektiert über die Liebesdichtung in der toskanischen Volkssprache: Weil viele Frauen, denen die Dichter ihre Verse widmen wollten, kein Latein konnten, hätten sich die Liebesdichter der Alltagssprache (volgare) zugewandt. Den Einsatz literarischer Mittel – Verlebendigung lebloser Dinge, "rhetorische Zier" – hält er nur dann für erlaubt, wenn der Dichter ihren Sinn auch in Prosa erklären kann. Er beruft sich auf Vergil, Lucan, Horaz, Homer und Ovid; rhetorischen Schmuck ohne erklärbaren Sinn lehnt er streng ab.

Dann tritt das Ereignis ein, das Dante nicht selbst schildern will: der Tod Beatrices. Wie ihre erste Begegnung stellt er auch ihn unter das mystische Zeichen der Zahl Neun. Beatrice sei am neunten Tag nach arabischer Zeitrechnung gestorben, im neunten Monat nach syrischer Rechnung und in dem Jahr, in dem nach hiesiger Zählung die vollkommene Zahl Zehn neunmal vollendet wurde. Je nach Rechenweise wird ihr Todesdatum mit 17. Juni 1290, 8. Juni 1290, stellenweise auch 12. oder 9. Juni 1290 angegeben. Dante setzt diese Zahlensymbolik in Beziehung zum ptolemäischen Weltbild mit seinen neun Himmeln: Schon bei Beatrices Geburt hätten diese Himmel in idealer Konstellation gestanden. Gleichnishaft sei Beatrice selbst die Neun, deren Wurzel die heilige Dreifaltigkeit sei. Gott habe sie zu sich genommen, weil die Erde, voll des Bösen, kein Ort für ein solches Wesen mehr sei.

Der Tod der Geliebten stürzt Dante in Trauer und Lebensverachtung. Er ruft den Tod, um Beatrice im Himmel als Liebeslicht wiederzusehen, das selbst die Engel staunen lässt. Da begegnet ihm eine "donna gentile", eine mitleidige junge Frau, deren Anteilnahme an seiner Trauer eine neue Zuneigung in ihm weckt. Diese Hinwendung empfindet er als Verrat. In einer Vision erscheint ihm "eines Tages um die neunte Stunde" Beatrice wieder – in der kindlichen Gestalt, in der sie ihm zuerst erschienen war. Damit erlöschen alle Wünsche nach einer neuen Liebe. Das Buch endet mit einer abermaligen Vision: Sie lässt Dante beschließen, nicht mehr über Beatrice zu sprechen, bis er es auf bessere Weise vermag. In Zukunft, so hofft er, werde er einmal in einer Weise über sie schreiben können, wie noch nie über eine Frau gesprochen worden sei. Dieses Versprechen löst er später in der Göttlichen Komödie ein.

Stil

Die Vita nova ist eine ungewöhnliche Mischform. Ein erzählender Prosakommentar verbindet eine Reihe von Sonetten und Kanzonen zu einem zusammenhängenden Buch. Dante schildert in Prosa, in welcher Lebenssituation jedes Gedicht entstand, und legt anschließend dessen Aufbau und Sinn aus. So entsteht eine doppelte Stimme: die des Liebenden, der dichtet, und die des Erzählers, der das Geschehen ordnet und auslegt.

Geschrieben ist das Werk nicht im Latein der Gelehrten, sondern in der toskanischen Volkssprache. Dante begründet diese Wahl ausdrücklich. Wer für die Geliebte schreibe, müsse in einer Sprache schreiben, die sie versteht. Im 25. Kapitel formuliert er ein eigenes Stilprogramm. Literarische Mittel wie das Verlebendigen toter oder unwirklicher Dinge, die "rhetorische Zier", hält er nur dann für erlaubt, wenn der Dichter ihren Sinn auch in nüchterner Prosa erklären kann. Rhetorischen Schmuck ohne erklärbaren Gehalt lehnt er streng ab. Als Maßstab beruft er sich auf die antiken Klassiker Vergil, Lucan, Horaz, Homer und Ovid.

Auffällig durchzieht das Werk die Zahlenmystik der Neun. Erste Begegnung, erster Gruß, Tod der Geliebten – alles wird unter dieses Zeichen gestellt. Alles wird auf die neun Himmel des ptolemäischen Weltbildes und auf die heilige Dreifaltigkeit bezogen. Auch die Farbsymbolik ist sorgfältig gesetzt, etwa das blutrote Tuch, in das Beatrice im ersten Traum gehüllt ist.

Rezeption

Die Vita nova ist über die Jahrhunderte immer wieder aufgegriffen, gedeutet und herausgefordert worden. Der deutsch-italienische Komponist Ermanno Wolf-Ferrari vertonte 1901/02 Texte aus dem Werk als Oratorium La Vita Nuova (op. 9) für Soli, Doppelchor, Knabenchor, Orgel und Orchester. Die Uraufführung fand am 21. März 1903 in München statt. Eine Bühnenfassung inszenierte Fred Berndt am Berliner Renaissance-Theater, mit Kompositionen von Uri Rom. Sie wurde am 14. März 2010 in Leverkusen uraufgeführt. Es spielten Tilo Prückner und die Sopranistin Janet Williams.

Bertolt Brecht hat sich 1934 in Das zwölfte Sonett (Untertitel "Über die Gedichte des Dante auf die Beatrice") kritisch mit Dantes platonischer Liebe auseinandergesetzt. Das Sonett gehört zu einer Gruppe von dreizehn Gedichten an seine abwesende Geliebte Margarete Steffin. Schon die Anfangsverse geben die Richtung an: "Noch immer über der verstaubten Gruft / In der sie liegt, die er nicht vögeln durfte". In drastischer Sprache, aber in der klassischen Form des Sonetts, holt Brecht den verehrten Klassiker "auf den Boden des banalen Alltags zurück". Der Brecht-Herausgeber Jan Knopf sieht darin eine Positionsbestimmung in der marxistischen Literaturdebatte. Georg Lukács' Konzept des Sozialistischen Realismus forderte eine Orientierung am klassischen Erbe. Dagegen habe Brecht "kritisch und kämpferisch" mit den Klassikern umgehen wollen. Auch im Dreizehnten Sonett greift Brecht Dante auf, diesmal als den Autor, der die drastische Volkssprache in die Dichtung eingebracht habe.

Im 20. Jahrhundert wirkt die Vita nova weiter. Wie Horst-Jürgen Gerigk gezeigt hat, lässt sich in Boris Pasternaks Roman Doktor Schiwago (1957) eine intensive Rezeption nachweisen. Orhan Pamuk wiederum greift in seinem Roman Yeni Hayat (Das neue Leben) Dantes Motiv des plötzlichen Lebenswandels auf. Bei Pamuk geht der Anstoß zunächst von einem Buch aus, dann aber auch von einer überraschenden Begegnung mit einer schönen Frau. Die Architekturstudentin Canan erscheint dem Helden Osman in einem purpurnen Gewand, wie einst Beatrice dem jungen Dante. Auch Dantes Zahlenmystik und Farbsymbolik kehren bei Pamuk wieder.

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