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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Stefan Zweig
Stefan Zweig
1881 – 1942
– Autorenporträt –

Stefan Zweig

1881 – 1942 · 60 Jahre

Meistgelesener Erzähler der Zwischenkriegszeit, Meister der psychologischen Novelle und literarischen Biographie, Stimme eines geistig geeinten Europas.

Kurzbiografie↑

Stefan Zweig (1881–1942) zählte zu den meistgelesenen deutschsprachigen Schriftstellern der Zwischenkriegszeit. In den dreißiger Jahren galt er als der am häufigsten übersetzte deutschsprachige Autor überhaupt. Berühmt wurde er mit psychologisch fein gezeichneten Novellen wie der Schachnovelle, dem Amokläufer oder dem Brief einer Unbekannten. Ebenso bekannt wurde er mit literarischen Biographien über Marie Antoinette, Joseph Fouché und Erasmus von Rotterdam. Auch seine Sammlung historischer Momentaufnahmen Sternstunden der Menschheit und die Erinnerungen Die Welt von Gestern gehören bis heute zu seinen bekanntesten Büchern. Als überzeugter Pazifist und Verfechter eines geistig geeinten Europas wurde er zu einem Symbol der vor Gewaltherrschaft fliehenden Intellektuellen seiner Zeit. 1942 nahm er sich im brasilianischen Exil das Leben.


Biografie↑

Geboren wurde Stefan Samuel Zweig am 28. November 1881 in Wien, in der großbürgerlichen elterlichen Wohnung am Schottenring. Sein Vater Moritz Zweig stammte aus Mähren und war ein wohlhabender jüdischer Textilunternehmer. Seine Mutter Ida, geborene Brettauer, kam aus einer ursprünglich aus Hohenems stammenden, in Ancona ansässig gewordenen Kaufmanns- und Bankiersfamilie. Mit seinem älteren Bruder Alfred wuchs Stefan im Wiener Stadtzentrum auf. Die Familie war nicht religiös. Zweig bezeichnete sich später selbst als „Jude aus Zufall“.

Nach dem Besuch des Gymnasiums Wasagasse legte er 1899 die Matura ab. Anschließend schrieb er sich an der Wiener Universität für Philosophie, Psychologie und Literaturgeschichte ein. Schon als Schüler hatte er Gedichte in Zeitschriften veröffentlicht. 1901 erschien sein Gedichtband Silberne Saiten, 1904 die Novellensammlung Die Liebe der Erika Ewald. Im selben Jahr promovierte er bei Friedrich Jodl mit einer Arbeit über die Philosophie des Hippolyte Taine zum Dr. phil. Neben eigenen Erzählungen und Essays trat er als Übersetzer Paul Verlaines, Charles Baudelaires und vor allem des belgischen Lyrikers Émile Verhaeren hervor. Seine Bücher erschienen im Leipziger Insel Verlag. Mit dessen Verleger Anton Kippenberg verband ihn eine enge Freundschaft, und auf seine Anregung hin entstand 1912 die Insel-Bücherei.

Zweig pflegte einen großbürgerlichen Lebensstil und reiste viel: 1908/09 nach Britisch-Indien, Ceylon und Burma, 1911 nach Nordamerika und Mittelamerika. 1907 begann mit dem Drama Tersites seine Karriere als Theaterautor. 1912 wurde Das Haus am Meer am Wiener Burgtheater uraufgeführt. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete er sich freiwillig und kam auf eigenen Wunsch ins Wiener Kriegsarchiv. Aus anfänglicher patriotischer Stimmung wurde unter dem Einfluss seines Freundes Romain Rolland bald entschiedener Pazifismus. 1917 ließ er sich vom Militärdienst freistellen und ging in die neutrale Schweiz. Dort wurde 1918 sein pazifistisches Stück Jeremias am Züricher Stadttheater uraufgeführt.

Nach Kriegsende kehrte Zweig nach Österreich zurück und zog nach Salzburg. Dort hatte er 1917/18 das Paschinger Schlössl auf dem Kapuzinerberg erworben. 1920 heiratete er Friderike von Winternitz, die zwei Töchter mit in die Ehe brachte. In den zwanziger Jahren entstand seine vierteilige Essayreihe Baumeister der Welt mit Drei Meister (1920), Der Kampf mit dem Dämon (1925), Drei Dichter ihres Lebens (1928) und Die Heilung durch den Geist (1931). Ferner erschienen die Sternstunden der Menschheit (1927), der Novellenband Verwirrung der Gefühle (1927) und die Biographie Joseph Fouché (1929). 1928 reiste er zur Tolstoi-Hundertjahrfeier nach Moskau. Ab dieser Zeit erschien eine russische Werkausgabe. Mit Joseph Roth war er eng befreundet und unterstützte ihn auch finanziell.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten geriet Zweigs Lage rasch ins Wanken. Seine Bücher wurden im Deutschen Reich verboten und öffentlich verbrannt. 1935 stand er auf der Liste verbotener Autoren. Im Februar 1934 wurde sein Salzburger Haus auf eine Denunziation hin nach Waffen durchsucht. Zwei Tage später emigrierte er nach London. Seine Zusammenarbeit mit Richard Strauss am Libretto zur Oper Die schweigsame Frau (Uraufführung Dresden 1935) und seine Weigerung, an Klaus Manns Exilzeitschrift Die Sammlung mitzuarbeiten, brachten ihm den Vorwurf ein, sich nur halbherzig am Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu beteiligen. 1938 wurde seine Ehe mit Friderike geschieden. 1939 heiratete er seine Sekretärin Charlotte Altmann. Im selben Jahr zog er von London nach Bath, 1940 erhielt er die britische Staatsbürgerschaft.

Über New York, Argentinien und Paraguay reiste Zweig 1940 nach Brasilien, wo er ein dauerhaftes Einreisevisum besaß. 1941 erschien seine Monographie Brasilien. Ein Land der Zukunft. Im selben Jahr erkannte ihm die Universität Wien auf Betreiben der Nationalsozialisten den Doktorgrad ab. Dieser Beschluss wurde 2003 durch Senatsbeschluss für nichtig erklärt. Seit Mitte September 1941 lebte er in Petrópolis in den Bergen nordöstlich von Rio de Janeiro. Dort vollendete er das Manuskript seiner Erinnerungen Die Welt von Gestern. In der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 1942 nahm er sich mit einer Überdosis Veronal das Leben. Seine Frau Lotte begleitete ihn in den Tod. In seinem Abschiedsbrief schrieb er, er scheide „aus freiem Willen und mit klaren Sinnen“. Die Zerstörung seiner „geistigen Heimat Europa“ habe ihn entwurzelt, und seine Kräfte seien durch die Jahre des Wanderns erschöpft. Am 24. Februar wurde er mit einem Staatsbegräbnis geehrt und auf dem Cemitério Municipal von Petrópolis bestattet.


Literarische Merkmale↑

Charakteristisch für Zweigs Schreiben ist die Verbindung von einfühlsamer psychologischer Deutung mit einer fesselnden, klar gebauten Erzählweise und einer auf klangliche Wirkung achtenden Sprache. Schon in seiner ersten literarischen Biographie Verlaine (1905) trat jene Mischung aus psychologischer Einfühlungsgabe und stilistischer Erzählsicherheit hervor, die sein späteres Werk prägen sollte.

In seinen Erzählungen verbindet er klassische Elemente wie einen dramatisch zugespitzten Handlungsablauf mit Figuren, die er psychoanalytisch durchleuchtet und aus wechselnden Perspektiven betrachtet. Seine Werke sind in Erzählweise und Mitteln weitgehend dem Realismus verpflichtet und verzichten auf die radikalen Brüche der literarischen Moderne. So bot Zweig einer breiten Leserschaft Zugang zu einer Literatur, in der ihre eigene Gegenwart aufgehoben war, ohne dass sie sich auf modernistische Erzählweisen einlassen musste.

Inhaltlich kreist sein Werk wiederholt um historische Stoffe und große Einzelgestalten. In den Sternstunden der Menschheit verdichtet er Weltgeschichte zu Momentaufnahmen und zeigt darin auch seine Vorliebe für Weltentdecker, etwa im Kapitel über den Kampf um den Südpol. In den literarisierten Biographien über Marie Antoinette, Joseph Fouché oder Erasmus von Rotterdam verbindet er erzählerische Darstellung mit historischer Recherche. Im Erasmus- wie im Castellio-Buch wird daraus zugleich ein Bekenntnis zu einem „Europa des Geistes“.

In den Salzburger Jahren entstand zudem die vierteilige Essayreihe Baumeister der Welt. Darin porträtierte Zweig in jeweils dreigliedrig konzipierten Bänden große Gestalten der europäischen Literatur und Geistesgeschichte – von Balzac, Dickens und Dostojewski bis zu den drei Dichtern ihres Lebens. Sein einziger zu Lebzeiten abgeschlossener Roman, Ungeduld des Herzens (1939), und der Fragment gebliebene Roman Clarissa knüpfen an das altösterreichische Milieu seiner Herkunft an.


Rezeption↑

Zweig stieg in den zwanziger und dreißiger Jahren zu einem weltweit gelesenen Autor auf. Laut der Deutschen Biographie war er in den dreißiger Jahren der meistübersetzte deutschsprachige Schriftsteller. Den entscheidenden Durchbruch brachten der Novellenband Verwirrung der Gefühle und die Sternstunden der Menschheit (beide 1927) sowie die Biographie Joseph Fouché (1929). Seine Marie-Antoinette-Biographie wurde 1938 von W. S. Van Dyke verfilmt. Die Maria-Stuart-Biographie wurde besonders in den USA zum Verkaufserfolg.

Schon früh hatte sein Aufstieg auch Widerspruch geweckt. Die Auszeichnung des Gedichtbandes Die frühen Kränze mit der Ehrengabe zum Bauernfeldpreis 1906 veranlasste Hugo von Hofmannsthal zu spöttischen Bemerkungen. Sie begründete eine Rivalität, die Anfang der zwanziger Jahre zu Hofmannsthals Veto gegen eine Zusammenarbeit mit Zweig im Rahmen der Salzburger Festspiele führte. Im Exil löste die Zusammenarbeit mit Richard Strauss an der Oper Die schweigsame Frau und Zweigs Absage an Klaus Manns Zeitschrift Die Sammlung Kritik aus. Aus Exilkreisen wurde ihm vorgeworfen, sich nur halbherzig am Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu beteiligen. Sein Erasmus-Buch wurde von Schriftstellerkollegen im Exil als zu konziliant getadelt, während das spätere Castellio-Buch (1936) als Ausdruck eines kämpferischen Humanismus breite Zustimmung fand.

Thomas Mann äußerte sich 1952 zu Zweigs zehntem Todestag zwiespältig über dessen kompromisslosen Pazifismus. Dieser habe ihn zeitweise gequält, weil Zweig fast bereit gewesen sei, die Herrschaft des Bösen zuzulassen, wenn nur der Krieg vermieden werde. Nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges versuche er jedoch, anders darüber zu denken. Nach 1945 wurde Zweig zum Symbol für die Intellektuellen des 20. Jahrhunderts auf der Flucht vor der Gewaltherrschaft.

Sein letztes Wohnhaus in Petrópolis beherbergt seit 2006 die Casa Stefan Zweig, ein Museum und Gedenkort. 1957 wurde in Wien die Internationale Stefan Zweig Gesellschaft gegründet und 1998 in Salzburg wiederbelebt. Seit 2014 trägt die Pädagogische Hochschule Salzburg seinen Namen. 2017 wurde Zweig von der brasilianischen Regierung postum mit dem Ordem Nacional do Cruzeiro do Sul im Grad eines Comendador geehrt. Straßen und Plätze sind nach ihm in Rio de Janeiro, São Paulo und Petrópolis sowie in zahlreichen Städten des deutschsprachigen Raums und darüber hinaus benannt, unter anderem in Salzburg, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, Leipzig, München, Dijon und Tel Aviv.

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