1892 – 1941
Marina Iwanowna Zwetajewa
Kurzporträt↑
Marina Iwanowna Zwetajewa war eine russische Dichterin und Schriftstellerin. Sie wurde 1892 in Moskau geboren und starb 1941 in Jelabuga. Ihr Leben war geprägt von Revolution und jahrelangem Exil in Berlin, Prag und Paris. Danach kehrte sie in eine Sowjetunion zurück, in der sie Verfolgung und bitterste Not erwartete. Sie stammte aus einer gebildeten Moskauer Familie, begann früh zu schreiben und veröffentlichte ihren ersten Gedichtband. Sie zählt zu den bedeutendsten russischen Dichtern des 20. Jahrhunderts.
Biografie↑
Marina Iwanowna Zwetajewa wurde 1892 in Moskau geboren. Ihr Vater war Iwan Wladimirowitsch Zwetajew, ein Professor für Kunstgeschichte an der Moskauer Universität. Er gründete später das Museum Alexander III., das heutige Puschkin-Museum. Ihre Mutter, Marija Aleksandrowna Meyn, war eine hochgebildete, jedoch frustrierte Konzertpianistin mit deutschen und polnischen Vorfahren. Sie missbilligte die dichterische Neigung der Tochter und hätte sie lieber als Pianistin gesehen. Marina hatte zwei Halbgeschwister aus der ersten Ehe des Vaters sowie die 1894 geborene jüngere Schwester Anastasija.
Die Kindheit war unruhig und von vielen Reisen bestimmt. 1902 erkrankte die Mutter an Tuberkulose. Bis zu ihrem Tod 1906 zog die Familie durch Europa, um durch Klimawechsel Linderung zu suchen. Stationen waren unter anderem Nervi bei Genua, Lausanne, Freiburg im Breisgau und der Schwarzwald. Auf der Rückreise nach Moskau starb die Mutter in Tarussa. Die häufigen Ortswechsel führten zu mehreren Schulwechseln. Marina lernte dabei jedoch Italienisch, Französisch und Deutsch. 1908 studierte sie Literaturgeschichte an der Sorbonne.
In jenen Jahren erlebte die russische Dichtung die Blütezeit des Symbolismus. Diese Strömung sollte Zwetajewas spätere Arbeit stark beeinflussen. Ihr erster Gedichtband Abendalbum erschien 1910. Er erregte die Aufmerksamkeit des Dichters und Kritikers Maximilian Woloschin, der bald ihr Freund und Mentor wurde. Sein Haus in Koktebel am Schwarzen Meer war ein Treffpunkt für Dichter und Künstler. Dort traf sie den Offizierskadetten Sergei Jakowlewitsch Efron. Sie war neunzehn, er achtzehn; 1912 heirateten sie. Im selben Jahr wurde das Lebenswerk ihres Vaters, das Museum Alexander III., feierlich eröffnet. Die starke Liebe zu Efron hielt Zwetajewa nicht von Beziehungen zu anderen ab. Dazu zählten Ossip Mandelstam, dem sie die Sammlung Meilensteine (1916) widmete, und die Dichterin Sofia Parnok, die sie im Zyklus Die Freundin behandelte. Aus der Ehe gingen die Töchter Ariadna (1912–1975) und Irina (1917–1920) sowie der Sohn Georgi (1925–1944) hervor.
Die Oktoberrevolution erlebte sie unmittelbar und war von der gewaltsamen Stimmung erschüttert. Efron schloss sich der Weißen Armee an. Marina kehrte nach Moskau zurück und saß dort fünf Jahre fest. In dieser Zeit schrieb sie sechs Versdramen und Gedichterzählungen. Dazu kam ihr Epos über den Bürgerkrieg, Schwanenlager (1917–1921), das die Kämpfer gegen den Kommunismus verherrlichte. Die Moskauer Hungersnot traf sie schwer. 1919 brachte sie die jüngere Tochter Irina in einem Kinderheim bei Moskau unter, in der Hoffnung auf bessere Verpflegung. Das Kind starb dort im Februar 1920 an Unterernährung.
1922 verließ Zwetajewa mit Ariadna die Sowjetunion und traf Efron in Berlin wieder. Dort erschienen Sammlungen wie Trennung und Gedichte an Blok. Noch im selben Jahr zog die Familie nach Prag, wo Efron studierte. Eine leidenschaftliche Beziehung zu Konstantin Bojeslaw Rosdewitsch und die Trennung von ihm 1923 inspirierten sie zum Poem vom Ende und zum Poem vom Berg. In dieselbe Zeit fiel der Beginn ihrer geistigen Verbindung zu Boris Pasternak, der in der Sowjetunion geblieben war. Prosa wurde besser bezahlt als Verse. Deshalb wandte sie sich zunehmend dem Schreiben von Prosa zu.
1925 ließ sich die Familie in Paris nieder. Dort wurde Georgi geboren, und sie verbrachte die folgenden vierzehn Jahre in der Stadt. Heimisch wurde Zwetajewa dort nicht. Die russischen Emigrantenkreise warfen ihr eine zu unklare Haltung gegenüber der Sowjetunion vor, besonders nach einem bewundernden Brief an Wladimir Majakowski. Sie fand Trost in der Korrespondenz mit Pasternak, Rainer Maria Rilke und anderen. Ihr Mann entwickelte unterdessen Sympathien für die Sowjets und begann für den Geheimdienst NKWD zu arbeiten. 1937 kehrten zunächst Ariadna und dann Efron in die Sowjetunion zurück. Efron ging, weil ihn die französische Polizei eines politischen Mordes beschuldigte. Zwetajewa galt seither in Paris als geächtet.
1939 kehrte auch sie mit dem fünfzehnjährigen Georgi in die Sowjetunion zurück. Dort erwartete sie der Schrecken stalinistischer Verfolgung, denn jeder, der im Ausland gelebt hatte, war verdächtig. Ihre Schwester war bereits verhaftet. Efron und Ariadna wurden wegen Spionage inhaftiert. Efron wurde 1941 erschossen, Ariadna zu acht Jahren Haft verurteilt. Pasternak verschaffte ihr einige Übersetzungsarbeiten, doch die anerkannten sowjetischen Schriftsteller verweigerten ihr die Hilfe. 1941 wurde Zwetajewa mit ihrem Sohn nach Jelabuga in die Tatarische Autonome Republik evakuiert, wo sie ohne Mittel dastand. Am 31. August 1941 nahm sie sich das Leben. Die genaue Lage ihres Grabes ist bis heute unbekannt.
Literarische Merkmale↑
Wurzeln vieler ihrer Gedichte liegen, wie die Quellen betonen, in der unruhigen und doch reichen Kindheit. Prägend war für sie die Blütezeit des russischen Symbolismus. Dabei faszinierte sie weniger die Theorie als die Poesie und die Ernsthaftigkeit von Dichtern wie Andrei Bely und Alexander Blok. Ihr Werk umfasst ein weites Feld von Formen: lyrische Gedichte und Gedichtzyklen, Versdramen und Gedichterzählungen, das Bürgerkriegsepos Schwanenlager sowie längere Poeme wie das Poem vom Ende. Immer wieder verarbeitete sie unmittelbar Erlebtes: Liebesbeziehungen, Trennungen, den Tod ihres Kindes und die politischen Umwälzungen ihrer Zeit. In den Pariser Jahren wandte sie sich mehr und mehr der Prosa zu, auch aus dem nüchternen Grund, dass diese besser bezahlt wurde als Gedichte. In Essays wie Lebendes über einen Lebenden und Gefangener Geist erinnerte sie an Weggefährten wie Woloschin und Bely.
Rezeption↑
Marina Zwetajewa wird heute zu den bedeutendsten russischen Dichtern des 20. Jahrhunderts gezählt. Zu ihren Lebzeiten jedoch blieb ihr Wirken vielfach von Ablehnung und Ausgrenzung überschattet. In den Pariser Emigrantenkreisen warf man ihr eine zu unklare Haltung gegenüber der Sowjetunion vor. Die Emigrantenzeitschrift Die neuesten Nachrichten hatte zuvor Beiträge von ihr gedruckt. Nach ihrem bewundernden Brief an Majakowski veröffentlichte sie jedoch nichts mehr von ihr. Nach der Rückkehr in die Sowjetunion verschlossen sich ihr alle Türen. Die anerkannten sowjetischen Schriftsteller weigerten sich, ihr zu helfen. Manche scheuten aus Angst um die eigene Karriere vor ihr zurück. Ihr Grab blieb unbekannt. Ihre Tochter Ariadna und ihr Mann Efron wurden erst nach Stalins Tod von den Anschuldigungen entlastet.
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