1920
Angst
Überblick↑
Die Novelle Angst gehört zu den bekannten Erzählungen Stefan Zweigs. Sie schildert die Ängste einer verheirateten Frau. Diese betrügt ihren Mann und lebt in ständiger Sorge, der Betrug könnte auffliegen. Zweig schrieb das Werk 1910 in Wien, wo auch die Handlung spielt. 1920 erschien es zum ersten Mal, 1925 dann als eigenständige Veröffentlichung. Im Mittelpunkt steht nicht eine äußere Handlung, sondern ein einziges Gefühl: die wachsende Angst, die das Leben einer Frau Stück für Stück vergiftet.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Irene Wagner, eine verheiratete Frau aus dem Wiener Bürgertum. Sie hat einen Geliebten. Jedes Mal, wenn sie dessen Wohnung verlässt, packt sie dieselbe Furcht: Ihr Mann könnte von dem Verhältnis erfahren. Eines Tages stellt sich ihr auf der Straße eine fremde Frau in den Weg. Diese behauptet, Irene habe ihr den Geliebten ausgespannt, und beginnt, sie zu erpressen. Irene gibt ihr Geld und flieht.
Doch mit der einen Zahlung ist es nicht getan. Die Forderungen kehren wieder und werden größer. Die Begegnungen mit der Erpresserin häufen sich. Die Angst begleitete anfangs nur den Weg vom Geliebten nach Hause. Nun breitet sie sich über Irenes ganzen Alltag aus. Jede Bemerkung ihres Mannes, jeder Blick scheint ihr ein Zeichen, dass er etwas ahnt. Wie weit dieser Druck eine Frau treiben kann und worauf das Ganze hinausläuft, erzählt die Novelle bis zu einer überraschenden Wendung.
Die Handlung im Detail↑
Irene Wagner, verheiratet und Mutter, hat einen Geliebten. Immer, wenn sie ihn verlässt, fürchtet sie, ihr Ehemann könne den Betrug entdecken. Eines Tages wird sie von einer fremden Frau aufgehalten, die behauptet, Irene habe ihr den Geliebten abspenstig gemacht. Die Frau erpresst sie; Irene gibt ihr Geld und flieht. Zu Hause schreibt sie ihrem Geliebten einen Brief, in dem sie ihm mitteilt, sie könne sich in den nächsten Tagen nicht mit ihm treffen. Weil er aber weiter an die Beziehung glaubt, trifft sie ihn am nächsten Tag in einem Café. Dort macht sie nur Andeutungen und lässt ihn im Ungewissen. Auf dem Heimweg begegnet ihr die Erpresserin erneut, und wieder muss sie zahlen.
Drei Tage lang verlässt Irene danach das Haus nicht, was ihrer Familie auffällt. Am dritten Tag ist sie mit ihrem Mann zu einem Ball eingeladen und muss aus dem Haus. Sie tanzt wie im Rausch, bemerkt dann aber, dass ihr Mann misstrauisch wird. In der folgenden Nacht träumt sie, die Erpresserin verrate ihrem Mann die Affäre. Am nächsten Tag erhält sie einen Brief mit der Forderung nach 100 Kronen, die sie sofort dem Boten gibt. Als sie zum Mittagstisch zurückkehrt, merkt sie, dass sie den Brief offen liegen gelassen hat; rasch nimmt sie ihn an sich und verbrennt ihn. Eine Bemerkung ihres Mannes lässt sie abermals glauben, er ahne etwas. Beim Spaziergang am Nachmittag begegnet sie ihrem Geliebten, den sie nun ignoriert. Am nächsten Tag verlangt ein neuer Brief 200 Kronen. Wieder zahlt sie widerstandslos und hat danach für einige Zeit Ruhe.
Als sie eines Tages heimkommt, spielt ihr Mann, ein Anwalt, mit den Kindern Gericht, weil das Mädchen ein Spielzeug des Bruders zerstört hat. Aus diesem Anlass spricht sie mit ihm über Schuld. Er meint, für einen Täter sei es oft leichter zu gestehen, als ständig in der Angst zu leben, entdeckt zu werden – und wieder glaubt sie, er ziele auf sie. Einige Zeit später klingelt die Erpresserin an der Haustür und verlangt Irenes Verlobungsring. Erst will Irene ihn nicht hergeben, doch als ihr Mann hinzukommt, muss sie überstürzt gehorchen. Am nächsten Tag geht sie durch die Stadt und fühlt sich die ganze Zeit von ihrem Mann verfolgt. Schließlich kommt ihr der Gedanke, ihren Geliebten zu bitten, mit der Erpresserin zu reden. Als sie aber zu seiner Wohnung kommt, erklärt er, er kenne sie nicht. Irene erkennt, dass er bereits eine neue Geliebte hat.
Verzweifelt geht sie in eine Apotheke und kauft ein Gift, mit dem sie sich das Leben nehmen will. Da taucht ihr Mann auf und bringt sie nach Hause, wo sie zusammenbricht. Nun gesteht er ihr: Er selbst hat eine arbeitslose Schauspielerin angeheuert, die sie als Erpresserin verfolgen sollte – damit sie ihren Geliebten verlässt.
Stil↑
Die Novelle rückt das Innenleben der Hauptfigur ganz in den Mittelpunkt. Erzählt wird kaum ein äußeres Geschehen, sondern vor allem das, was in Irene vorgeht: ihre Furcht, ihr Misstrauen, ihre wachsende Verzweiflung. Der Titel benennt das beherrschende Gefühl, das die ganze Erzählung trägt. Die Spannung baut sich nicht durch große Ereignisse auf. Sie entsteht durch immer neue, immer höhere Forderungen der Erpresserin, die Irenes Alltag Schritt für Schritt einengen. Träume, beiläufige Bemerkungen ihres Mannes und harmlose Blicke verwandeln sich für sie in Bedrohungen. Schauplatz ist das wohlhabende Wiener Bürgertum, dessen geordnete Fassade die Erzählung von innen her aushöhlt.
Rezeption↑
Wie stark der Stoff nachgewirkt hat, zeigen seine Verfilmungen. Bereits 1928 brachte Hans Steinhoff die Novelle auf die Leinwand. 1954 verfilmte sie der italienische Regisseur Roberto Rossellini erneut. Der Text ist knapp und ganz auf das Seelenleben einer einzigen Figur gerichtet. Dass er mehrfach den Weg ins Kino fand, spricht für die anhaltende Wirkung dieser Erzählung über Schuld, Angst und das Leben hinter einer bürgerlichen Fassade.
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