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Werkseintrag · Andromache
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Andromache
1667
– Werkseintrag –

Andromache

1667 · Tragödie

Vier Menschen, vier unerwiderte Leidenschaften: Racines Tragödie über die trojanische Königswitwe Andromache, die zwischen der Treue zu ihrem toten Mann und dem Leben ihres Kindes wählen muss.

Überblick

Mit dieser Tragödie in fünf Akten gelang Jean Racine 1667 der literarische Durchbruch. Die Uraufführung fand am 17. November 1667 in Paris statt. Die Titelrolle spielte die Schauspielerin Marquise-Thérèse Du Parc. Das Stück gilt im Rahmen der französischen Klassik als die erste Tragödie im ursprünglichen antiken Sinn. Racine greift den Stoff der griechischen Mythologie auf. Er verlegt das Geschehen in die Zeit nach dem Fall Trojas, an den Hof des Pyrrhus in Epirus.

Inhalt (ohne Spoiler)

Nach dem Sieg der Griechen über Troja hält Pyrrhus, der Sohn des Achilles, die trojanische Königswitwe Andromache und ihren kleinen Sohn Astyanax gefangen. Die Griechen fürchten den Knaben als letzten Nachkommen Hektors. Sie schicken Orest, den Sohn Agamemnons, mit einer Forderung nach Epirus: Pyrrhus soll das Kind ausliefern.

Doch Pyrrhus liebt die gefangene Andromache und will sie zur Frau nehmen. Dabei ist er längst mit Hermione, der Tochter Helenas, verlobt. Orest wiederum liebt Hermione, die ihrerseits an Pyrrhus hängt. So sind vier Menschen in eine Kette unerwiderter Leidenschaften verstrickt. In deren Mitte steht Andromache als Witwe Hektors. Soll sie den Sohn ihres ärgsten Feindes heiraten, um ihr Kind zu retten, oder bleibt sie ihrem Toten treu?

Aus dieser Zwangslage entwickelt Racine eine knappe, immer dichter werdende Tragödie. Sie handelt von Pflicht, Eifersucht und der Unmöglichkeit, mehreren Verpflichtungen zugleich gerecht zu werden.

Die Handlung im Detail

Im ersten Akt kommt Orest, Sohn Agamemnons, im Auftrag der Griechen nach Epirus. Er soll von Pyrrhus die Auslieferung des kleinen Astyanax fordern, denn die Griechen wollen den einzigen Nachkommen Hektors töten lassen. Orest trifft seinen alten Freund Pylades wieder und gesteht ihm, dass ihn neben dem Auftrag vor allem die Hoffnung treibt, Hermione, die er liebt, wiederzusehen. Pyrrhus lehnt die Forderung der Griechen ab und lädt Orest ein, Hermione zu treffen. Sein Vertrauter Phoenix warnt ihn vor einer Wiederannäherung der beiden, doch Pyrrhus erklärt, er habe ohnehin nur Augen für Andromache. Er bietet der Witwe Hektors an, sie und ihren Sohn gegen ganz Griechenland zu verteidigen, wenn sie ihn heiratet. Andromache lehnt ab; ihr Hass gegen den Eroberer Trojas und Sohn des Achilles ist zu groß.

Im zweiten Akt rät Hermiones Vertraute Cleone ihrer Herrin, mit Orest zu fliehen. Orest gesteht Hermione seine Liebe, und sie scheint nicht abgeneigt. Er glaubt sich am Ziel. Da kündigt Pyrrhus überraschend an, er werde Hermione nun doch heiraten. In Wahrheit täuscht er diesen Entschluss nur vor, schwankend zwischen Stolz und seiner Leidenschaft für Andromache.

Im dritten Akt erwägt der wütende Orest, Hermione mit Gewalt zu entführen, lässt aber davon ab. Andromache bittet Hermione um Schutz für ihren Sohn, falls sie selbst sterben sollte; Hermione weist sie kalt zurück. Auf Drängen ihrer Vertrauten Cephise sucht Andromache schließlich doch das Gespräch mit Pyrrhus. Er wiederholt sein Angebot: Heirat um den Preis des Lebens ihres Kindes. Hin- und hergerissen schickt Andromache ihre Vertraute schon mit der Zusage los, ruft sie zurück und beschließt, am Grab Hektors nach einer Antwort zu suchen.

Im vierten Akt fasst Andromache einen verzweifelten Entschluss: Sie will Pyrrhus heiraten, um Astyanax zu retten, und sich gleich danach das Leben nehmen. Hermione erfährt von der bevorstehenden Hochzeit, ruft Orest und verlangt von ihm, Pyrrhus zu töten. Er zögert, willigt aber ein. Pyrrhus versucht, sich vor Hermione zu rechtfertigen, indem er behauptet, sie hätten sich nie wirklich geliebt. Hermione widerspricht, gibt sich scheinbar mit der Hochzeit einverstanden und schickt ihn fort. Phoenix warnt Pyrrhus vor Orest und Hermione, doch der hört nicht.

Der fünfte Akt beginnt mit Hermiones Monolog: Sie erschrickt vor dem, was sie in Gang gesetzt hat. Als Cleone berichtet, Pyrrhus sei bei der Hochzeit mit Andromache glücklich, wünscht sie seinen Tod erst recht herbei. Dann erscheint Orest und meldet, er habe Pyrrhus erschlagen. Hermione streitet ab, den Befehl gegeben zu haben, beschimpft Orest und weist ihn zurück. Pylades drängt zur Flucht und bringt die Nachricht, Hermione habe sich über der Leiche des Pyrrhus selbst getötet. Orest verfällt dem Wahnsinn; Pylades nimmt sich des Freundes an. Andromache, nun Witwe ihres zweiten Gatten und Herrin von Epirus, lässt Orest verfolgen. Sie und ihr Sohn Astyanax sind die einzigen, die unversehrt aus der Katastrophe hervorgehen.

Stil

Racine wählt für seinen Stoff die strenge Form der französischen Klassik: fünf Akte, Alexandriner als Versmaß, knappe Personenzahl, Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Das ganze Geschehen spielt im Palast des Pyrrhus und drängt sich in wenige Stunden zusammen. Äußere Vorgänge wie die Hochzeit, der Mord und Hermiones Selbstmord werden nicht auf der Bühne gezeigt. Sie werden durch Botenberichte vermittelt. Was vor den Augen des Publikums geschieht, ist fast ausschließlich Rede: Werbung, Drohung, Bitte, Vorwurf.

Die vier Hauptfiguren sind durch eine Kette einseitiger Leidenschaften aneinandergefesselt: Orest liebt Hermione, Hermione liebt Pyrrhus, Pyrrhus liebt Andromache, Andromache liebt nur den toten Hektor. Aus dieser klaren Konstellation entwickelt Racine seine dichte, immer enger werdende Spannung.

Rezeption

Die Tragödie gilt als Racines erster großer Erfolg. Mit ihr etablierte er sich neben dem älteren Pierre Corneille als führender Tragödiendichter Frankreichs. Im Rahmen der französischen Klassik wird sie als die erste Tragödie im ursprünglichen antiken Sinn gewertet. Denn Racine nutzt den Stoff nicht zur heroischen Demonstration, sondern konzentriert sich auf das innere Geschehen der Figuren. Der Stoff wurde mehrfach für die Bühne und das Musiktheater bearbeitet, unter anderem in einem dramatisch-musikalischen Werk gleichen Titels von 1800 und in dem Opernlibretto Astianatte.

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