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Werkseintrag · Athalie
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Athalie
1691
– Werkseintrag –

Athalie

1691 · Tragödie

Ein einziges Kind entgeht dem Blutbad einer machthungrigen Königin – und wächst im Tempel heran, während die alttestamentliche Tragödie unaufhaltsam auf die Entscheidung zusteuert.

Überblick

Das Werk Athalie ist eine Tragödie in fünf Akten von Jean Racine aus dem Jahr 1691. Racine, Historiograph König Ludwigs XIV., schrieb das Stück auf Bitten der Madame de Maintenon. Sie hatte ihn gebeten, die alttestamentliche Erzählung von Athalia und Joas aus dem Buch der Könige für die Bühne zu bearbeiten. Die erste Aufführung fand im Kloster Saint-Cyr vor einem adeligen Publikum statt. Der Stoff hat über die Jahrhunderte zahlreiche Komponisten beschäftigt, darunter Händel, der daraus ein Oratorium schuf.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im alten Judäa hat die Königinmutter Athalia mit Gewalt die Herrschaft an sich gerissen. Nach der Ermordung ihres Sohnes, des Königs, lässt sie alle Thronfolger aus der eigenen Familie umbringen, um ihre Macht zu sichern. Doch ein Kind entgeht dem Blutbad: Joas, der jüngste ihrer Enkel. Heimlich gerettet und im Tempel verborgen, wächst der Junge unter falschem Namen heran. Niemand außerhalb des Tempels ahnt, dass er noch lebt.

Athalia aber wird von beunruhigenden Träumen verfolgt. In nächtlichen Visionen sieht sie ein Kind, das ihr gefährlich werden könnte. Als sie den Tempel betritt, fällt ihr Blick auf einen geheimnisvollen Knaben, und ein Verdacht keimt in ihr. Zwischen der herrschsüchtigen Königin und dem Hohenpriester Joad, der das Kind schützt, beginnt ein gefährliches Ringen. Das Stück führt langsam auf den Augenblick zu, in dem sich das Schicksal des verborgenen Erben entscheidet.

Die Handlung im Detail

Die Vorgeschichte liegt in einem Königsmord: Nachdem König Ahasja von Jehu ermordet worden war, riss dessen Mutter Athalia die Herrschaft an sich und regierte sieben Jahre lang. Um jeden Rivalen auszuschalten, ließ sie alle Nachkommen ihres Sohnes töten und war an den Morden selbst aktiv beteiligt. Nur Joas, der jüngste ihrer Enkel, überlebte den Anschlag. Josabet, die Frau des Hohenpriesters Joad, rettete ihn. Sie versteckte das Kind im Tempel und zog es unter dem Namen Eljakim auf. Außerhalb des Tempelbezirks wusste niemand von seiner Existenz. Josabet und Joad fürchten, Athalia werde den Enkel sofort töten und den Tempel zerstören, sollte sie von ihm erfahren.

Athalia, eine Anhängerin des Baal, sieht in nächtlichen Visionen, dass ein Enkel das Gemetzel überlebt hat und vom Hohenpriester im Tempel beschützt wird. Sie sucht den Tempel auf und erkennt in Eljakim das Kind aus ihrem Traum. Auf ihre Frage hin sagt der Junge, er sei bei Wölfen gefunden worden. Athalia lädt Eljakim in ihren Palast ein und behandelt ihn wie einen eigenen Sohn.

Als Eljakim der Einladung nicht folgt, schickt Athalia den Baals-Diener Mathan aus. Er soll den Knaben holen, denn die Königin vermutet richtig, dass es sich um Joas handelt. Joad gibt das Kind nicht heraus. Josabet will den nun siebenjährigen Jungen ein zweites Mal verbergen, diesmal in der Wüste, und stellt sich damit gegen den Willen Joads.

Der Hohepriester aber wählt einen anderen Weg. Insgeheim bewaffnet er die Leviten und ruft Joas vor dem Volk als neuen König aus.

Athalia rückt ein zweites Mal an und umzingelt mit ihrem Söldnerheer den Tempelberg. Doch Joad lockt sie in eine Falle. Mit kleinem Gefolge betritt sie den Tempel, der scheinbar in tiefem Frieden ruht, und erblickt den gekrönten Joas auf dem Thron. Ihre Söldner sind bereits geflüchtet. Joad lässt Athalia abführen und von den Leviten hinrichten. So fällt die Herrschaft an den rechtmäßigen Erben zurück.

Stil

Das Werk folgt der strengen Form der klassischen französischen Tragödie und gliedert sich in fünf Akte. Racine schöpft seinen Stoff aus dem Alten Testament und gestaltet ihn als Drama von feierlichem Ernst. Charakteristisch sind die Chorgesänge, die das Geschehen begleiten und ihm einen besonderen Klang verleihen. Gerade diese Chöre haben später Dichter und Komponisten immer wieder angezogen. August Wilhelm Schlegel hob hervor, das Stück nähere sich dem großartigen Stil der Griechen am meisten.

Rezeption

Das Werk Athalie hat über Jahrhunderte hinweg starke Wirkung entfaltet. Johann Friedrich Reichardt machte 1789 Goethe mit Racines Drama bekannt, und zwar in der Übersetzung von Carl Friedrich Cramer. Unzufrieden mit dieser Fassung, fertigte Goethe daraufhin selbst Übersetzungen einiger Chöre an. August Wilhelm Schlegel lobte das Stück 1808 in seinen Wiener „Vorlesungen über die dramatische Kunst und Literatur“. Auch in der erzählenden Literatur hinterließ das Werk Spuren: In Flauberts Roman Madame Bovary nennt der Apotheker Monsieur Homais seine Tochter Athalie und schwärmt für den Stil und die Dialoge des Dramas, auch wenn er gegen einzelne Figuren Einwände hat.

Besonders reich ist die musikalische Nachwirkung. Der Athalia-Stoff wurde vielfach vertont; ein Kompendium der musikalischen Sujets führt insgesamt 31 musikalische Fassungen auf. Die Bühnenmusik zur Uraufführung schrieb Jean-Baptiste Moreau, Kapellmeister in Saint-Cyr. Am 10. Juli 1733 hatte Händels Oratorium Athalia im Sheldonian Theatre in Oxford Premiere; das Libretto stammte von Samuel Humphreys. Zur Fastenzeit 1822 wurde in Neapel Johann Simon Mayrs Oratorium Atalia nach einem Libretto von Felice Romani uraufgeführt, einstudiert von Gioachino Rossini. Felix Mendelssohn Bartholdy komponierte 1845 eine Schauspielmusik zu dem Drama. Da eine Gesamtaufführung mit Mendelssohns Musik mehr als drei Stunden dauert, verfasste der Schauspieler und Regisseur Eduard Devrient 1849 verbindende Zwischentexte, die seither bei Aufführungen üblich sind. 1946 schrieb der Schweizer Komponist Frank Martin eine Bühnenmusik für eine Genfer Jubiläumsfeier. Auch der Film griff den Stoff auf: 1910 drehte Albert Capellani einen Stummfilm nach einem Drehbuch von Michel Carré.

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