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Werkseintrag · Phèdre
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Phèdre
1677
– Werkseintrag –

Phèdre

1677 · Tragödie

Eine Königin liebt heimlich den Sohn ihres Gatten – und Racine verwandelt diese verbotene Leidenschaft in eine der größten Tragödien der französischen Klassik.

Überblick↑

Mit Phèdre schuf Jean Racine eine der größten Tragödien der französischen Klassik. Das Stück in fünf Akten wurde am 1. Januar 1677 im Pariser Hôtel de Bourgogne uraufgeführt. Es besteht aus 1654 paarweise gereimten Alexandrinern. Es ist Racines letzte Tragödie, deren Stoff der griechischen Antike entnommen ist. Racine stützt sich dabei besonders auf Der bekränzte Hippolytos des Euripides. Im deutschen Sprachraum wurde das Werk vor allem durch die Übersetzung Friedrich Schillers bekannt. Schillers Übertragung von 1805 ist zugleich sein letztes vollendetes Werk.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Am Hof von Troizen wartet Phädra, die Gattin des Königs Theseus, auf die Rückkehr ihres abwesenden Mannes. In dieser Zeit der Ungewissheit quält sie eine Leidenschaft, die sie für unsagbar hält: Sie liebt Hippolytos, den Sohn ihres Mannes aus früherer Verbindung mit der Amazonenkönigin Antiope. Allein ihrer Amme Oenone vertraut sie endlich an, was sie verzehrt.

Als das Gerücht aufkommt, Theseus sei tot, scheint sich für Phädras Gefühle ein Spielraum zu öffnen. Doch schon bald bringen Nachrichten und Begegnungen alles in Bewegung. Auch Hippolytos hat seine Liebe: Aricia, eine Prinzessin aus verfeindetem Haus. Aus dem Geständnis einer verbotenen Neigung wird ein Geflecht aus Scham, Eifersucht und falschen Beschuldigungen. Darin bleibt niemand mehr unbeschadet. Racine führt seine Figuren durch das, was sie selbst am meisten fürchten. Er zeigt, wie aus Liebe Verhängnis wird.

Die Handlung im Detail↑

In Abwesenheit des Königs Theseus gesteht dessen Gattin Phädra ihrer Amme Oenone, dass sie ihren Stiefsohn Hippolytos liebt, den Sohn des Theseus und der Amazonenkönigin Antiope. Lange hat sie diese Leidenschaft mit allen Mitteln zu verbergen gesucht; nun bricht sie aus ihr heraus.

Als die Nachricht eintrifft, Theseus sei gestorben, wagt Phädra, sich Hippolytos zu nähern und ihm ihre Liebe zu offenbaren. Hippolytos jedoch weist sie zurück: Er liebt Aricia, eine Prinzessin aus dem mit Theseus verfeindeten Geschlecht. Da kehrt der totgeglaubte Theseus überraschend zurück. Um zu verhindern, dass Hippolytos seinem Vater von Phädras Geständnis berichtet, ergreift Oenone die Initiative und behauptet, Hippolytos habe versucht, Phädra zu vergewaltigen.

Theseus glaubt der Verleumdung. Voller Zorn verflucht er seinen Sohn und ruft den Meeresgott Neptun an, ihn zu töten. Als Phädra erfährt, dass Hippolytos Aricia liebt, zerreißt sie die Eifersucht; sie verzichtet darauf, ihn vor dem Vater zu verteidigen. Bald darauf bringen Boten die Nachricht vom Selbstmord Oenones und vom Tod des Hippolytos: Nachdem dieser Troizen verlassen hatte, wurde er von einem Seeungeheuer überfallen; seine Pferde, von der Erscheinung in Panik versetzt, schleiften ihn, in den Zügeln verfangen, zu Tode. Phädra hat sich vergiftet. Auf offener Bühne tritt sie vor Theseus, gesteht ihre Schuld und stirbt.

Stil↑

Racine bindet die Tragödie streng in die Form der französischen Klassik: fünf Akte, geschlossene Handlung, knapper Schauplatz, gemessene Zeit. Das Stück besteht durchgehend aus paarweise gereimten Alexandrinern. Es sind 1654 Zwölfsilber, deren regelmäßiger Rhythmus den Affekten der Figuren einen festen Rahmen gibt. Innerhalb dieser strengen Form entfaltet Racine eine Sprache, die das Innere seiner Personen mit höchster Genauigkeit ausleuchtet. Geständnisse, Selbstvorwürfe und Verzweiflungsausbrüche werden in klar gebauten Versreden hörbar gemacht. Für den antiken Stoff beruft sich Racine vor allem auf Der bekränzte Hippolytos des Euripides. Daraus formt er eine Tragödie, in der die mythologischen Mächte spürbar bleiben. Das eigentliche Geschehen aber läuft in den Seelen der Menschen ab.

Rezeption↑

Die Tragödie Phèdre gilt als eines der wichtigsten Werke der französischen Klassik. Über die Jahrhunderte hinweg blieb sie ein Prüfstein des großen Theaters. Im deutschen Sprachraum wurde das Stück vor allem durch Friedrich Schillers Übertragung von 1805 bekannt. Es ist das letzte vollendete Werk des Dichters. Weitere deutsche Übersetzungen folgten unter anderem von Ernst August Wilhelm Gräfenhan, Wilhelm Willige, Rudolf Alexander Schröder, Wolf Steinsieck und Simon Werle.

Auch die Musik und der Tanz nahmen den Stoff in Racines Fassung wiederholt auf. Jean-Philippe Rameau schuf 1733 seine Oper Hippolyte et Aricie. Es folgten Opern von Jean-Baptiste Lemoyne (1786) und Johann Simon Mayr (1820). Jean Cocteau griff für sein 1963 von Serge Lifar choreographiertes Ballett Phèdre auf Racine zurück. 2008 inszenierte Claudia Bosse das Stück als zeitgenössische Performance in der Salle du Faubourg in Genf. Die Forschung hat sich der Tragödie in zahlreichen Studien gewidmet, von Thierry Maulniers Essay über die Arbeiten von Otto Zwierlein bis zu den Interpretationen von Edward D. James und Gillian Jondorf.

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