1957
Piedra de sol
Überblick↑
Das Langgedicht Piedra de sol von Octavio Paz erschien 1957 in Mexiko beim Verlag Fondo de Cultura Económica, in einem Heft der Reihe Tezontle. Der Titel spielt auf den volkstümlichen Namen des aztekischen Kalendersteins an, eines Monolithen, der im Nationalmuseum für Anthropologie zu sehen ist. Das Werk trug wesentlich dazu bei, dass Paz international bekannt wurde. In der Rede zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1990 wurde es als einer der Höhepunkte in Paz' Lyrik gewürdigt. Es gehört zu den am häufigsten in Anthologien aufgenommenen Gedichten des Autors.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein einziger, nie zum Stillstand kommender Satz trägt dieses Gedicht. Eine Stimme spricht, erinnert sich, tastet nach Bildern und findet dabei immer neue Gestalten: Frauenfiguren aus Sage, Dichtung und Mythos wie Melusine, Laura, Persephone, dazu Namen wie Isabel und María. Zwischen diese Gestalten schieben sich Erinnerungen eines einzelnen Menschen, der einer bestimmten Zeit und einem bestimmten Land angehört.
Die großen Themen des Gedichts sind Tod, Zeit, Liebe und Wirklichkeit. Immer wieder geht es um Zweiheit: Tag und Nacht, Himmel und Erde, Mann und Frau. Der Planet Venus, der als Morgen- und als Abendstern erscheint, gibt dafür das Bild ab; für die Azteken stand er für die Doppelnatur, die das Weltall regiert.
Mitten im Gedicht steht eine Ortsangabe mit Jahreszahl, die auf den Spanischen Bürgerkrieg verweist. An dieser Stelle bricht die geschichtliche Erfahrung in den Kreislauf der Bilder ein. Wer den Text liest, folgt keiner Handlung im gewohnten Sinn, sondern einer Bewegung, die sich dreht und dabei nirgends anhält.
Die Handlung im Detail↑
Vorangestellt ist dem Gedicht ein Motto aus dem Sonett Arthémis von Gérard de Nerval. Paz hatte dieses und weitere Sonette aus dessen Zyklus Les Chimères 1955 übersetzt. Enrico Mario Santí weist darauf hin, dass die Gleichsetzung der Zahlen dreizehn und eins bei Nerval den Kreischarakter von Paz' Gedicht unterstreicht und der Gedanke des einen Augenblicks auf den Begriff des Moments im Gedicht vorausdeutet. Mounir Hafez merkt an, die rätselhafte dreizehnte Stunde könne auf die dreizehnte Tarotkarte zielen, das Zeichen des Todes, das Erneuerung und den Übergang in eine neue Stufe bedeutet. John M. Fein hält fest, dreizehn sei nicht nur die Stunde des Todes, sondern auch mit dem Mond und mit den dreizehn Mondmonaten verbunden.
Der Bau des Gedichts folgt dem aztekischen Kalender. Die erste Ausgabe enthielt eine Anmerkung des Autors: Auf dem Umschlag stand die Zahl 585 in mayanischer Zahlschrift, dazu die mexikanischen Zeichen für Wind, Ehécatl, und für Bewegung, Ōllin. Das Gedicht bildet einen Kreis und besteht aus einem einzigen, in sich zurücklaufenden Satz, der dem Umlauf des Planeten Venus nachgebildet ist. Die alten Mexikaner zählten den Venuszyklus vom Tag 4 Ōllin an; der Tag 4 Ehécatl, 584 Tage später, bezeichnete die Begegnung von Venus und Sonne, das Ende eines Kreislaufs und den Beginn des nächsten. Dem entsprechen die 584 elfsilbigen Verse des Gedichts. Die ersten sechs Verse kehren am Schluss wieder, so dass der Text wieder an seinem Anfang ankommt.
Weil die Venus am Morgen wie am Abend erscheint, wurde diese Doppelgestalt zum Sinnbild der grundsätzlichen Doppeldeutigkeit des Weltalls. Für die Azteken war sie eine der Erscheinungsformen des Gottes Quetzalcóatl, in dessen Sagengestalt sich die Gegensatzpaare vervielfachen: Erde und Himmel, Unterwelt und Himmelswelt, dazu geschichtliche und moralisch-magische Gegensätze. Das Gedicht arbeitet also mit der allgemeinen Bedeutung des Mythos und reichert sie mit der aztekischen an.
Statt dem Gedicht seine eigene Deutung der Geschichte aufzuzwingen, ordnet Paz sich dem Kalender unter und findet in ihm seine Deutung. In einem Gespräch erklärte er, über die kreisförmige Zeit des Mythos lege sich die unwiederholbare Geschichte eines Menschen, der einem Land, einer Generation und einer Epoche angehört. Die Zeit könne kreisen und damit unsterblich sein, der Mensch aber sei endlich und einmalig. Was sich wiederhole, sei die Erfahrung der Endlichkeit: Alle Menschen wüssten, dass sie sterben werden. Solche Erfahrungen seien geschichtlich und zugleich nicht geschichtlich, weil sie sich wiederholen.
José Emilio Pacheco sieht darin ein Spiel zwischen dem Privaten und dem Gemeinsamen: Paz ruft persönliche Erfahrungen auf und stellt ihnen weibliche Gestalten der Überlieferung an die Seite, Melusine, Laura, Persephone, Isabel, María. Der Dichter lese sich selbst, wie er die Geschichte liest, und komme aus diesem Zwiegespräch nicht heraus.
Als tragendes Bauteil gilt John M. Fein der Vers mit der Angabe Madrid 1937. Er steht beinahe in der Mitte des Gedichts. Fein deutet ihn als Erfahrung, die das Leben des Dichters in zwei Hälften teilte, und liest ihn als Nachhall dessen, was Paz zur Zeit des Spanischen Bürgerkriegs erlebte. Am Ende schließt sich der Kreis mit der Wiederkehr der Anfangsverse, und der Text beginnt gleichsam von neuem.
Stil↑
Auffällig ist zunächst die strenge Zahlenordnung: 584 Verse zu je elf Silben, die den 584 Tagen des Venuszyklus entsprechen. Dazu kommt die Zeichensetzung. Das Gedicht kennt keinen einzigen Punkt, nur Kommas, Strichpunkte und Doppelpunkte. So entsteht ein Sog, der von der ersten bis zur letzten Zeile nicht abreißt. Die Wiederkehr der sechs Anfangsverse am Schluss macht aus dem Text einen geschlossenen Ring.
Paz selbst hat beschrieben, worauf seine Verse zielen: Das Gedicht habe keinen Gegenstand außerhalb seiner selbst, ein Wort verweise stets auf ein anderes Wort. Der Sinn liege nicht außerhalb, sondern innerhalb des Gedichts, nicht in dem, was die Wörter sagen, sondern in dem, was zwischen ihnen gesagt wird. Amelia M. Royo sieht das Werk deshalb als wichtigen Schritt hin zu einer Dichtung, die immer stärker auf sich selbst verweist.
Guillermo Sucre verbindet das Gedicht mit dem Mythos der ewigen Wiederkehr, den er als Mythos der Neuschöpfung versteht: als fortwährende Erneuerung von Welt und Leben durch die Wiederholung der Weltentstehung. Im Weltganzen sei die Natur der Mittelpunkt, im einzelnen Menschen die Liebe. Beides falle zusammen, denn die Frau sei die Natur selbst und umgekehrt; beide seien Zweiheit und Einheit zugleich.
Pacheco hebt hervor, dass das Werk die starren Grenzen zwischen sozialer und reiner Dichtung nicht anerkennt, ebenso wenig die zwischen dem Gesang des Ich und dem Anspruch eines gemeinsamen Gesangs. Es sei ein Gedicht über die Dichtung und zugleich eine Besinnung auf die Geschichte, wie sie sich in einem einzelnen, unwiederholbaren Menschen und in einer Generation verkörpert.
Rezeption↑
Bald nach dem Erscheinen setzte eine Reihe von Übersetzungen ein. Drei Jahre nach der Veröffentlichung übertrug Artur Lundkvist das Gedicht ins Schwedische; es erschien 1960 als Solsten in dem Sammelband Den våldsamma årstiden. Es folgten die französische Fassung von Benjamin Péret 1962 bei Gallimard in Paris, die ungarische von György Somlyó 1965 in Budapest und eine griechische von Serge Makais im selben Jahr.
Ins Englische wurde der Text viermal übertragen. Muriel Rukeyser legte 1962 bei New Directions eine zweisprachige Ausgabe vor. Es folgten Peter Millers Fassung 1963 in Toronto und die von Donald Gardner 1969 in York. Eliot Weinbergers Übersetzung eröffnete 1987 den Sammelband The Collected Poems of Octavio Paz, 1957–1987; 1991 kam sie in einer eigenen zweisprachigen, illustrierten Ausgabe heraus.
Julio Cortázar hob am Werk den erotischen Zug hervor: Es antworte auf den Durst des Menschen, sich mit dem zu messen, was jenseits seiner selbst liegt, dort, wo alle falschen Grenzen ausgelöscht sind und das Sein sich nicht mehr auf das geschichtliche Ich des Abendlandes beschränkt. Clara Román-Odio beschreibt den dichterischen Akt im Gedicht als Ritus, als Weihe eines ausgezeichneten Augenblicks, der Mann und Frau einen rettenden Raum eröffnet.
In der Rede zur Nobelpreisverleihung 1990 hieß es, das vielschichtige Werk scheine die großen Fragen des Daseins aufzunehmen, zu deuten und neu zusammenzusetzen: Tod, Zeit, Liebe und Wirklichkeit. Es gilt als eines der Schwergewichte der spanischsprachigen Dichtung.
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