1898
Phantasus
Überblick↑
Der Gedichtzyklus Phantasus gilt als das Hauptwerk von Arno Holz. Erstmals erschien er 1898/99 in zwei Heften mit je fünfzig kurzen Gedichten. In den folgenden Jahrzehnten arbeitete Holz das Werk immer weiter um und dehnte es enorm aus: Aus den anfangs schmalen Heften wurde bis zu seinem Tod 1929 ein Buch von vielen hundert Seiten. Der Titel geht auf eine Gestalt der antiken Mythologie zurück. Phantasus, ein Sohn des Schlafes, erzeugt durch seine Verwandlungskünste die Träume der Menschen. Bei Holz wird diese Figur zum Sinnbild des Dichters selbst, dessen Fantasie sich unaufhörlich in immer neue Dinge und Gestalten verwandelt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht kein erzählter Handlungsverlauf, sondern das Bewusstsein des Dichters, das sich von seiner eigenen Einbildungskraft leiten lässt. Ein lyrisches Ich verwandelt sich fortwährend: Es nimmt die Gestalt der verschiedensten Dinge und Wesen an und bemächtigt sich so in einer Fülle von Verwandlungen der ganzen Welt der Erscheinungen. Holz selbst hat dieses Verfahren beschrieben, indem er sagte, sein Geheimnis bestehe darin, sich unaufhörlich in die heterogensten Dinge und Gestalten zu zerlegen. Eines der bekanntesten Gedichte des Zyklus beginnt mit den Zeilen „Sieben Billionen Jahre vor meiner Geburt / war ich eine Schwertlilie“ – ein Beispiel dafür, wie das lyrische Ich sich sogar in Pflanzen und andere unbelebte Dinge zurückverwandelt.
Hinter diesem Spiel der Verwandlungen steht ein naturwissenschaftlicher Gedanke, geprägt von den Theorien Ernst Haeckels. Das lyrische Ich durchläuft gleichsam alle Entwicklungsstufen des Lebens und vollzieht sie in seinen Verwandlungen noch einmal nach. So entsteht ein Werk, das weniger eine Geschichte erzählt, als vielmehr eine unerschöpfliche Bewegung der Fantasie in vielen kurzen Gedichten vorführt.
Die Handlung im Detail↑
Da es sich um einen Gedichtzyklus handelt, gibt es keine fortlaufende Handlung mit Figuren, Wendungen und einem Ende im erzählerischen Sinne. Der Zusammenhang des Werkes liegt in seinem Grundgedanken: der Selbstdarstellung des Dichters als eines Wesens, das sich in alles verwandeln kann.
Das lyrische Ich stellt sich in der Nachfolge des mythischen Phantasus dar, jenes Sohnes des Schlafes, der die menschlichen Träume erzeugt. Wie dieser sich in beliebige Gestalten verwandelt, so wandelt sich auch das dichterische Ich durch alle Erscheinungen der Welt. Holz fasste dies in die Worte, das letzte Geheimnis der Phantasuskomposition bestehe darin, dass er sich unaufhörlich in die heterogensten Dinge und Gestalten zerlege.
Diese Verwandlungen sind nicht willkürlich, sondern folgen einer Idee aus der Naturwissenschaft seiner Zeit. Holz überträgt diesen Gedanken auf das seelische Leben und erklärt in einer Selbstdeutung, er habe vor seiner Geburt die körperliche Entwicklung seiner Art durchlaufen und seit seiner Geburt die seelische. Er sei „alles“ gewesen, und die Spuren davon lägen zahlreich und bunt in ihm aufgespeichert. So durchwandert das lyrische Ich in den Gedichten alle Stufen des Lebens und ruft sie in immer neuen Bildern und Verwandlungen wach.
Das Werk kennt keinen festen Abschluss. Holz hat es sein Leben lang fortgeschrieben und ständig erweitert. Aus den beiden schmalen Heften von 1898/99 wuchs es über eine Fassung von 1916 zu einer umfangreichen Ausgabe von 1924/25 heran. Nach seinem Tod erschien eine noch größere Fassung aus dem Nachlass. Das Buch blieb damit gewissermaßen ein offenes, immer weiter wachsendes Gebilde.
Stil↑
Die sprachliche Gestalt des Phantasus steht in enger Verbindung zu einem Verfahren, das Arno Holz gemeinsam mit Johannes Schlaf entwickelt hatte, dem sogenannten Sekundenstil. Diese Technik hatten beide zuvor für die Prosa in Papa Hamlet und für das Drama in Die Familie Selicke erprobt. Der lyrische Stil des Phantasus bildet dazu das Gegenstück im Bereich der Dichtung.
Kennzeichnend ist der Bau aus vielen kurzen Gedichten, die nicht an ein festes Reimschema oder ein herkömmliches Versmaß gebunden sind. Statt einem geregelten Metrum zu folgen, richtet sich die Form nach dem Fluss der inneren Vorstellungen. Auch im Druckbild zeigt sich dieser Bruch mit der Tradition: Die einzelnen Verszeilen sind nicht linksbündig gesetzt, sondern auf eine gedachte Mittelachse hin ausgerichtet, weshalb man auch von Mittelachsenlyrik spricht. Die theoretische Begründung für diese Neuerungen lieferte Holz 1899 mit seiner Programmschrift Revolution der Lyrik, in der er eine von Reim und Metrum gelöste Dichtung forderte, die sich allein am inneren Rhythmus der Sprache orientiert. Die Verwandlung ist dabei nicht nur Thema, sondern auch Formprinzip: Das Ich zerlegt sich in immer neue Dinge und Gestalten, und die Sprache folgt dieser Bewegung.
Rezeption↑
Als Hauptwerk von Arno Holz nimmt der Phantasus einen festen Platz in seinem Schaffen ein. Schon vor der Buchveröffentlichung hatte Holz einen großen Teil der Gedichte des ursprünglichen Zyklus in angesehenen Zeitschriften und Anthologien der Jahrhundertwende erscheinen lassen. Das Werk war also bereits vor seiner ersten geschlossenen Ausgabe einem literarischen Publikum bekannt.
Die anhaltende Beschäftigung des Dichters mit dem Text und dessen stetiges Anwachsen zeigen, welchen Rang das Werk für ihn selbst besaß. Bis heute wird sein Andenken bewahrt: Das Deutsche Literaturarchiv Marbach besitzt eine Sammlung von Handschriften Arno Holz', und einzelne Seiten des Phantasus sind im Literaturmuseum der Moderne in Marbach in der Dauerausstellung zu sehen.
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