Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Petersburg
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Petersburg
1913
– Werkseintrag –

Petersburg

1913 · Roman

Ein junger Petersburger soll im Auftrag einer Untergrundorganisation seinen eigenen Vater mit einer Bombe töten – und gerät darüber in einen quälenden Zwiespalt zwischen Hass und Liebe.

Überblick↑

Der Roman Petersburg ist das zweite große Prosawerk des russischen Symbolisten Andrei Bely. Die Handlung spielt im Herbst 1905, während der ersten russischen Revolution, und kreist um einen geplanten Vatermord. Wie andere vorrevolutionäre Werke Belys ist das Buch in einer erregten, rhythmischen, reich ausgeschmückten Prosa geschrieben. Die erste Fassung entstand 1912 und 1913 und erschien 1913. Bely selbst führte den raschen ersten Wurf auf eine Eingebung zurück, die er beim Aufstieg auf die Cheopspyramide erlebt habe. Das Werk gilt vielen als Höhepunkt der russischen symbolistischen Prosa und der Moderne überhaupt.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Sankt Petersburg des Jahres 1905, am Beginn der ersten russischen Revolution, verlangt eine geheime revolutionäre Organisation von einem jungen Mann, ein einmal gegebenes Versprechen einzulösen. Nikolai Apollonowitsch Ableuchow soll einen Anschlag auf seinen eigenen Vater verüben – auf Apollon Apollonowitsch Ableuchow, einen hohen Würdenträger des Zarenreichs. Das verhängnisvolle Versprechen hatte Nikolai einst in einem Augenblick der Verzweiflung gegeben, nachdem die von ihm geliebte Sofja Petrowna Lichutina ihn zurückgewiesen hatte.

Nun zögert er. In ihm streiten zwei Gefühle: Er hasst den Vater und ekelt sich vor der unübersehbaren Ähnlichkeit mit ihm, doch im Grunde liebt und bemitleidet er ihn zugleich. Ein Genosse aus dem Untergrund soll ihm ein Bündel mit einer als Sardinenbüchse getarnten Bombe und ein Schreiben mit Anweisungen übergeben. Aus dieser Ausgangslage entfaltet sich ein Roman über eine Familie, eine Stadt und ein Reich am Rande des Zusammenbruchs, in dem sich mechanische Beamtenwelt, revolutionäre Verschwörung und private Verzweiflung ineinander verhaken.

Die Handlung im Detail↑

Die geheime Organisation wird von einem gewissen Lippantschenko geführt. Im Oktober 1905 fordert sie von Nikolai Apollonowitsch die Erfüllung seines Versprechens: den Terroranschlag auf den Vater. Der Kurier, der ihm die Bombe und den Brief bringen soll, ist Alexander Iwanowitsch Dudkin, ein Trinker, der von Halluzinationen geplagt wird. Die Büchse übergibt Dudkin wie befohlen, doch der Brief gerät in die Hände Sofja Petrownas. Um ihren Verehrer zu ärgern und zu erschrecken, reicht sie ihm das Schreiben weiter – sie hält es für einen grausamen Scherz. Unerwartet nimmt Nikolai die Nachricht vollkommen ernst. Ein mit Lippantschenko verbundener Agent der Geheimpolizei droht ihm mit dem Gefängnis, falls er das Versprechen nicht einlöse.

Am nächsten Tag sucht Nikolai dennoch Dudkin auf, wirft der Partei Unmenschlichkeit vor und weigert sich, den Vatermord zu begehen. Da stellt sich heraus, dass Dudkin von dem geplanten Anschlag überhaupt nichts weiß. Er ist überzeugt, dass sich ein Irrtum eingeschlichen habe, und gibt sein Wort, alles zu klären. Als er Lippantschenko den Vorfall schildert, wirft dieser ihm mangelnden revolutionären Eifer vor und behauptet, Nikolai habe Genossen denunziert und verdiene deshalb eine harte Prüfung. In diesem Moment begreift Dudkin, dass alles Lüge ist und Lippantschenko selbst ein Provokateur, ein eingeschleuster Verräter.

In der folgenden Nacht, nach schwersten Halluzinationen, in denen er mit einem Abgesandten der jenseitigen Welt namens „Schischnarfne“ einen Pakt schließt und vom Ehernen Reiter den Segen empfängt, ersticht Dudkin den Provokateur mit einer Schere. Danach setzt er sich in der Haltung des Reiterstandbilds Falconets auf den Leichnam.

Unterdessen trägt Apollon Apollonowitsch die „Sardinenbüchse schrecklichen Inhalts“ aus Zerstreutheit in sein Zimmer. Die Bombe geht im Haus des Senators durch Zufall los und verfehlt ihr Ziel. Dennoch ist das Verhältnis zwischen Vater und Sohn nun endgültig zerrüttet. Es hatte sich gerade zu bessern begonnen, seit die Gattin Apollon Apollonowitschs aus Spanien zurückgekehrt war – sie war einst mit einem Liebhaber ins Ausland geflohen. Den greisen Würdenträger entsetzt der beinahe zum Vatermörder gewordene Sohn, den er aufgezogen hat.

Das Ehepaar Ableuchow verlässt die Hauptstadt, um seine letzten Tage auf dem Land zu verbringen. Nikolai reist nach Ägypten und besucht danach Länder des Nahen Ostens. Erst nach dem Tod der Eltern kehrt er nach Russland zurück. Er hat einen geistigen Umbruch durchlebt und ist zu einem neuen Leben erwacht: Er legt Kant beiseite und liest die Schriften des Philosophen Skoworoda.

Stil↑

Sprachlich ist der Roman von einer erregten, stark rhythmisierten Prosa geprägt, die man als „ornamental“ bezeichnet hat – eine kunstvoll ausgeschmückte Schreibweise, in der der Klang und der Rhythmus der Sätze ein eigenes Gewicht bekommen. Dieser musikalisch durchgeformte Erzählton kennzeichnet auch andere vorrevolutionäre Werke Belys und gilt als charakteristisch für die Prosa des russischen Symbolismus. Die Stadt selbst, das mechanische Getriebe der Beamtenwelt und wiederkehrende Bilder wie das Reiterstandbild verweben sich zu einem dichten Geflecht aus Leitmotiven.

Rezeption↑

Weithin gilt das Werk als Gipfel der russischen symbolistischen Prosa und der Moderne insgesamt. Vladimir Nabokov stellte es neben James Joyces Ulysses. Eine wechselvolle Textgeschichte prägt seine Wirkung bis heute. 1922 bearbeitete Bely den Roman grundlegend und kürzte ihn um etwa ein Drittel – nach Ansicht der meisten Kommentatoren wenig glücklich. Als maßgeblich gilt dennoch die ursprüngliche, vorrevolutionäre Fassung. In der Sowjetunion wurde bis 1981 nur die gekürzte Version nachgedruckt; im 21. Jahrhundert erscheint eben diese in der Reihe „Asbuka-Klassika“.

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