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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Arno Holz
Arno Holz
1863 – 1929
– Autorenporträt –

Arno Holz

1863 – 1929 · 66 Jahre

Erneuerer der deutschen Dichtung um 1900, der als Kopf des Naturalismus die strengste Nachbildung der Wirklichkeit forderte und in seinem „Phantasus“ Reim und Versmaß über Bord warf.

Kurzporträt

Zu den eigenwilligsten Erneuerern der deutschen Literatur um 1900 zählt Arno Holz, der am 26. April 1863 geboren wurde und am 26. Oktober 1929 in Berlin starb. Als Dichter und Dramatiker gilt er als Kopf des Naturalismus, dessen strengste Spielart er theoretisch begründete. Gemeinsam mit Johannes Schlaf schrieb er die Prosaskizze Papa Hamlet (1889) und das Drama Die Familie Selicke (1890), in denen er das Alltagselend minutiös schilderte. Sein lyrisches Hauptwerk ist der Gedichtband Phantasus (1898), an dem er fast sein ganzes Leben lang weiterarbeitete. Zeitlebens von Geldsorgen begleitet, blieb Holz ein Einzelgänger, der die überlieferten Formregeln der Dichtung radikal in Frage stellte.


Biografie

Geboren wurde Arno Holz 1863 als Sohn des Apothekers Hermann Holz und seiner Frau Franziska, geborene Werner. Je nach Quelle wird als Geburtsort der historische Name Rastenburg in Ostpreußen (so die Deutsche Biographie) oder der heutige Name Kętrzyn (so Wikidata) angegeben – beide bezeichnen denselben Ort, der heute in Polen liegt. 1875 zog die Familie nach Berlin, wo der Vater eine Stellung als Apothekenvertreter annahm.

In Berlin besuchte Holz das Humboldt- und später das Königstädtische Gymnasium, das er 1881 verließ. Die Schule musste er aus finanziellen Gründen abbrechen; von da an blieb er Autodidakt. Zunächst arbeitete er als Journalist, entschied sich dann aber für ein Leben als freier Schriftsteller. Geldsorgen begleiteten ihn fortan. Er schloss sich dem Berliner Naturalistenverein Durch an, in dem er unter anderem Gerhart Hauptmann kennenlernte. 1885 erhielt er für den Gedichtband Buch der Zeit ein Stipendium der Augsburger Schillerstiftung. Um diese Zeit begann er, sich mit dem Darwinismus zu beschäftigen.

Von 1887/88 an arbeitete Holz eng mit Johannes Schlaf zusammen. Gemeinsam entwickelten sie die Theorie eines „konsequenten Naturalismus“, den sie in der Schrift Die Kunst, ihr Wesen und ihre Gesetze darlegten. Diese Kunst sollte die Wirklichkeit möglichst genau abbilden und jede Subjektivität ausschalten. Daraus entstand die Formel „Kunst = Natur − x“, wonach der Künstler das x, also die Abweichung von der Natur, so klein wie möglich halten sollte. Der Großteil dieser Schrift stammt von Holz. Unter dem gemeinsamen Pseudonym Bjarne P. Holmsen erschienen Papa Hamlet und Die Familie Selicke. Die Reaktionen auf Papa Hamlet fielen unterschiedlich aus: Die meisten Kritiker schrieben dagegen, doch einige, darunter Theodor Fontane, erkannten darin einen hohen künstlerischen Wert.

Als Schlaf und Holz über die geringen Einnahmen aus beiden Werken in Streit gerieten, kam es zum Bruch. Holz behauptete, den größeren Anteil geleistet zu haben. Danach experimentierte er in seiner Lyrik mit einem reimlosen Stil und gab die überlieferten Formregeln auf. Seine Gedichte sollten von einem „inneren Rhythmus“ bestimmt und frei von Reim und Versmaß sein. Diese Grundsätze legte er 1899 in der Schrift Revolution der Lyrik nieder. Über seine „modernen“ Auffassungen geriet er mit dem Germanisten Richard M. Meyer in einen öffentlich ausgetragenen Streit.

1893 heiratete Holz Emilie, geborene Wittenberg, mit der er drei Söhne hatte. 1898 veröffentlichte er den Gedichtband Phantasus, der als sein lyrisches Hauptwerk gilt. Die Gedichte handeln von einem hungernden Dichter und spiegeln das Milieu wider, in dem Holz im Berliner Wedding lebte. Eine formale Besonderheit war der Druck der Verszeilen um eine gedachte Mittelachse, weshalb dieser Stil auch Mittelachsenlyrik genannt wird.

Ab 1896 arbeitete Holz an dem Dramenzyklus Berlin. Wende einer Zeit in Dramen, der von Émile Zolas Romanzyklus Rougon-Macquart angeregt war und ursprünglich 25 Stücke umfassen sollte. Er blieb bis auf drei Werke unvollendet: die Komödie Sozialaristokraten (1896) sowie die Tragödien Sonnenfinsternis (1908) und Ignorabimus (1913). Die Dramen des Spätwerks fielen beim Theaterpublikum durch, und auch die Buchausgaben fanden trotz vieler Umarbeitungen kaum Käufer. Auf Holz’ Anregung wurde 1902 in Berlin das Kartell lyrischer Autoren gegründet. 1903 schuf er die Lieder auf einer alten Laute, die der Dichtung des Barock nachempfunden waren; erweitert erschienen sie später unter dem Titel Dafnis bei Reinhard Piper und wurden zu einem seiner wenigen finanziellen Erfolge.

Bekannt wurde die Tragikomödie Traumulus (1904), das erste von fünf Bühnenstücken, die Holz gemeinsam mit seinem Freund Oskar Jerschke unter dem Pseudonym Dr. Hans Volkmar schrieb. Traumulus wurde auf zahlreichen Bühnen gespielt und diente 1935 als Vorlage für einen von Carl Froelich inszenierten Film mit Emil Jannings in der Titelrolle. Von 1910 bis zu seinem Tod wohnte Holz in Berlin-Schöneberg. 1923 wurde er zum Ehrendoktor der Universität Königsberg ernannt, 1926 zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste. Im selben Jahr ließ er sich von Emilie scheiden und heiratete Anita, geborene Gewelke. 1929 stand er auf der Kandidatenliste für den Literaturnobelpreis. Im selben Jahr starb er in Berlin.


Literarische Merkmale

Kennzeichnend für das Schaffen von Arno Holz ist der Wille, die Wirklichkeit so genau wie möglich abzubilden. Aus dieser Forderung entwickelte er mit Johannes Schlaf den „konsequenten Naturalismus“, der auf exakte Milieuschilderung zielte und dabei auch umgangssprachliche Elemente einbezog. Aus diesem Streben ging der sogenannte „Sekundenstil“ hervor, in dem soziales Elend minutiös genau geschildert wird. Die gesammelten Experimente dieser Richtung erschienen 1892 unter dem Titel Neue Gleise.

Später wandte sich Holz von jeder überlieferten Poetik ab und erklärte das rein subjektive Empfinden des Dichters zur letzten künstlerischen Instanz. In seiner Lyrik verzichtete er auf Reim und Versmaß und ließ die Gedichte von einem „natürlichen“ oder „immanenten Rhythmus“ bestimmen. Über dreißig Jahre arbeitete er am Phantasus, der in insgesamt fünf Fassungen erschien. Der Grund für diesen ungewöhnlichen Entwicklungsprozess lag in dem Formprinzip des Werkes: Um oft sehr kleine Motivkerne bildete sich von Fassung zu Fassung ein immer üppigeres Rankenwerk weiterer Stoffbezüge. Die ursprünglichen Gedichte tauchten dabei wörtlich in der neuen Fassung wieder auf, während Holz jeder sprachlichen Bestimmung neue Inhaltsmomente anhängte. So entstand eine rauschhafte Wortanhäufung, die zu einer ekstatischen Dynamik führte. Der Phantasus wirkt wie der Versuch, alle Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache zu einer einzigen Aussageform zusammenzupressen.

Zeit seines Lebens blieb Holz ein ausgeprägter dichterischer Einzelgänger und Außenseiter. Nach kurzer Mitarbeit an der Zeitschrift Pan und einer Tätigkeit als erster Schriftleiter der Zeitschrift Freie Bühne ging er eigene Wege. Aus der Tradition des 19. Jahrhunderts kommend, steht seine „literarische Revolution“ zwischen Impressionismus und Expressionismus und weist zugleich auf spätere Bemühungen um die dichterische Gestaltung der Welt voraus.


Rezeption

Schon früh bewegte Arno Holz die literarische Öffentlichkeit, blieb als Dichter aber meist von finanziellen Misserfolgen begleitet. Zeitweise geriet er in so starke wirtschaftliche Not, dass er zum Unterhalt seiner Familie Kinderspielzeug fertigen musste. Immer wieder fand er Unterstützung durch Freunde und Gönner, unter ihnen der Rezitator Robert Reß, der Komponist und Lyriker Georg Stolzenberg sowie Max Wagner, der Gründer des Arno-Holz-Archivs.

Der Gedichtband Buch der Zeit (1886) rückte Holz laut der Deutschen Biographie schlagartig an die Spitze der Berliner „Moderne“. Seine radikale Grundhaltung, der Lobpreis der modernen Technik, die Verdammung des Christentums im Sinne Nietzsches und die Verurteilung der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts prägten dieses Buch. Für den Nobelpreis wurde er mehrfach vorgeschlagen, zuletzt stand er 1929 auf der Kandidatenliste. Die Zusammenarbeit mit Oskar Jerschke, aus der die konventionellen Dramen Traumulus, Frei! und Büxl hervorgingen, sieht die Deutsche Biographie am Rande seines dichterischen Lebenswerkes; entscheidender war die frühe Arbeit mit Johannes Schlaf.

Die Dramen seines Spätwerks fielen beim zeitgenössischen Theaterpublikum durch, und die Buchausgaben fanden kaum Käufer. Nach seinem Tod erschienen mehrere Werkausgaben, darunter die von Wilhelm Emrich und Anita Holz herausgegebenen sieben Bände (1961–1964). In seiner literarischen Persönlichkeit spiegelt sich, so die Deutsche Biographie, die ganze Vielgestaltigkeit und Widersprüchlichkeit seiner Zeit; trotz aller Einseitigkeit trägt sein Werk zukunftsweisende Züge.

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