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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Auf Schwimmen-zwei-Vögel
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Auf Schwimmen-zwei-Vögel
1939
– Werkseintrag –

Auf Schwimmen-zwei-Vögel

1939 · Roman

Ein Student erfindet drei Geschichten zugleich, deren Figuren sich verselbständigen und schließlich gegen ihren eigenen Autor auflehnen.

Überblick↑

Der Roman Auf Schwimmen-zwei-Vögel erschien 1939 und stammt von dem irischen Schriftsteller Brian O'Nolan, der ihn unter dem Pseudonym Flann O'Brien veröffentlichte. Das Buch gilt als Beispiel für die sogenannte Metafiktion, also für eine Erzählweise, die das Schreiben selbst zum Thema macht. Zugleich wird es als frühes Beispiel des postmodernen Romans betrachtet. Der Titel geht auf die Ortsbezeichnung Snámh dá Én zurück, die „Schwimmen zweier Vögel“ bedeutet und einen Ort an einer Furt über den Fluss Shannon meint, an dem sich der legendäre irische König Sweeny aufgehalten haben soll.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht ein namenloser irischer Literaturstudent in Dublin. Er glaubt nicht daran, dass ein Buch nur einen einzigen Anfang und ein einziges Ende haben sollte, und erfindet deshalb gleich drei Handlungsstränge, an denen er zugleich arbeitet.

Der erste Strang erzählt von dem Pooka Fergus MacPhellimey und einer nörgelnden „Guten Fee“, die in der Tasche des Pookas lebt. Der zweite handelt von dem jungen Mann John Furriskey, der sich im Verlauf als Erfindung einer weiteren Figur erweist. Der dritte Strang bringt irische Sagengestalten ins Spiel, etwa den Riesen Finn Mac Cool und den verrückten König Sweeny, deren Taten mitunter ins Lächerliche gezogen werden.

In der Rahmenhandlung berichtet der Student aus seinem Alltag. Er lebt bei seinem Onkel, den er verachtet und der ihm vorwirft, nicht fleißig genug zu studieren. Damit liegt der Onkel nicht ganz falsch, denn der Student verbringt seine Zeit lieber mit dem Schreiben seines Buches, mit müßigem Im-Bett-Liegen und mit dem geselligen Trinken in Dubliner Pubs. Nach und nach beginnen sich die anfangs getrennten Geschichten miteinander zu verflechten.

Die Handlung im Detail↑

Der ungenannte Student entwirft drei zunächst unabhängige Handlungsstränge und wechselt zwischen ihnen hin und her. In der Rahmenhandlung lebt er bei seinem Onkel, der zumindest anfangs als Buchhalter bei der Guinness-Brauerei in Dublin angestellt ist. Der Onkel verdächtigt ihn, seine Studien zu vernachlässigen – ein Verdacht, der berechtigt ist, da der junge Mann seine Zeit mit Schreiben, Faulenzen und Trinken zubringt.

Ein zentrale Rolle spielt die Figur John Furriskey. Er erweist sich als Erfindung von Dermot Trellis, der seinerseits als Verfasser von Wildwestromanen eine Schöpfung des Studenten ist. Die Handlungsstränge verknüpfen sich immer enger. Furriskey trifft weitere Figuren, die Trellis erdacht hat, darunter Antony Lamont. Gemeinsam beschließen sie, ihrem Autor Trellis ein Schlafmittel zu verabreichen, um ein ruhiges Leben führen zu können, statt ständig als Bösewichte auftreten zu müssen.

Trellis wehrt sich, indem er Sheila erfindet, eine Schwester Lamonts. Er nimmt an, dass Furriskey sie verführen und verraten wird. Doch Trellis verliebt sich wegen ihrer Schönheit selbst in sie. Sheila bekommt daraufhin einen Sohn, Orlick, der sich als begabter Romanschriftsteller erweist. Inzwischen haben sich alle Figuren, auch die aus den übrigen Strängen, in Trellis' Hotel „Roter Schwan“ versammelt. Sie ermutigen Orlick, seinerseits einen Roman zu schreiben, in dem Dermot Trellis für schuldig erklärt und anschließend gefoltert wird.

Als Trellis fast zu Tode gekommen ist, besteht der Student sein Examen. Das Buch endet mit mehreren Schlüssen. Der letzte Schluss handelt von Sweeny, der über das Hundegebell nachdenkt, und von den angeblichen Urteilen zweier angesehener Neurologen über den Seelenzustand von Trellis. Zuletzt wird ein bislang unerwähnter Deutscher beschrieben, der alles dreimal macht und deshalb auch das „Lebe wohl“ an seine Ehefrau dreimal schreibt.

Stil↑

Kennzeichnend ist die Verschachtelung mehrerer Ebenen. Figuren erfinden Figuren, die wiederum eigene Geschichten hervorbringen, sodass Autor und Geschöpf ständig die Plätze tauschen. Das Werk macht auf diese Weise das Schreiben selbst zum Gegenstand und gilt als Beispiel der Metafiktion sowie als frühes Beispiel des postmodernen Romans.

Der Text ist in Abschnitte geteilt, die zum Teil recht kurz sind. Häufig werden Sachverhalte eigens erläutert, etwa als scheinbare Hintergrundinformation oder durch ausdrückliche Benennung der jeweils verwendeten rhetorischen Figur. Gelegentlich weist der Beginn eines Abschnitts auf dessen Bedeutung hin, so etwa mit der Angabe „Schluß des Buches, vorletzter“. Dem Buch ist zudem ein griechisches Motto aus Euripides vorangestellt, das sich mit „Denn es gehört sich, dass alle Dinge sich ändern“ übersetzen lässt. Der Ton schwankt zwischen Gelehrsamkeit und Komik, und selbst altehrwürdige irische Sagengestalten wie Finn Mac Cool und König Sweeny werden mitunter ins Lächerliche gezogen.

Rezeption↑

Nach dem Erscheinen fielen die Kritiken überwiegend ablehnend aus. Bemängelt wurde der Inhalt als „die milde Obszönität eines Schuljungen“, und lange Passagen, die eine Joyce'sche Parodie der frühen irischen Epik nachahmen, galten manchem Rezensenten als „verheerend langweilig“.

Andere Stimmen urteilten dagegen anerkennend. James Joyce lobte das Buch, bezeichnete O'Brien als „wahren Schriftsteller“ und bescheinigte ihm „den wahrhaft komischen Geist“. Jorge Luis Borges rühmte 1939 die Komplexität des Werks, die er mit einem Labyrinth verglich, und stellte zugleich fest, dass der Einfluss von Joyce deutlich zu erkennen sei. Keith Hopper ordnete das Buch als menippeische Satire ein.

Die Nachwirkung reicht bis in die Gegenwart. Nach einer 2011 aufgestellten Liste des US-amerikanischen Time-Magazins zählt das Werk zu den 100 besten englischsprachigen belletristischen Büchern aus der Zeit von 1923 bis 2005.

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