1932
Auf der Suche nach Indien
Überblick↑
Der Roman Auf der Suche nach Indien von E. M. Forster erschien 1924 und erkundet die kulturellen Konflikte zwischen Indern und Briten in Britisch-Indien während der Kolonialzeit der frühen 1920er Jahre. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob eine echte Verständigung und Freundschaft zwischen Angehörigen beider Gruppen überhaupt möglich ist. Koloniale Herrschaft, kulturelle Unterschiede, Vorurteile und Missverständnisse stehen ihr immer wieder im Weg. Daneben behandelt der Roman auch die Frage, ob Indien zu einer nationalen Einheit finden kann. Forster kannte die Verhältnisse aus eigener Anschauung, denn er hatte 1912 und 1921 längere Zeit im Land verbracht.
Das Buch wurde 1924 mit dem James Tait Black Memorial Prize ausgezeichnet. Gleich nach dem Erscheinen warf man ihm eine angeblich antibritische Haltung vor. Heute gilt es als herausragende Darstellung einer fremden Kultur und als Klassiker der Literatur des 20. Jahrhunderts. Das US-amerikanische Magazin Time zählte den Roman 2005 zu den wichtigsten hundert Romanen, die zwischen 1923 und 2005 erschienen. 2015 wählten ihn 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler zu einem der bedeutendsten britischen Romane.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die ältere Engländerin Mrs. Moore reist mit der jungen Adela Quested von England in die indische Stadt Tschandrapur. Adela möchte dort herausfinden, ob sie Mrs. Moores Sohn Ronny Heaslop wirklich heiraten will, der als Amtsrichter im Dienst der Kolonialverwaltung steht. In einer Moschee lernt Mrs. Moore zufällig den jungen indischen Arzt Dr. Aziz kennen, und die beiden freunden sich an. Über Mrs. Moore begegnet auch Adela dem Arzt.
Beide Frauen suchen das „wahre Indien" und versuchen, sich über die Vorurteile und die starren Standesschranken der in Indien lebenden Briten hinwegzusetzen. Um ihnen dieses Indien zu zeigen, lädt Aziz sie zu einem Ausflug ein: zu den geheimnisvollen Marabar-Höhlen in der Umgebung. Was als freundschaftliche Geste beginnt, wird zum Wendepunkt, der das ohnehin gespannte Verhältnis zwischen Briten und Indern in der Stadt auf eine harte Probe stellt. Der Roman zeichnet dabei ein vielschichtiges Bild der Kolonialgesellschaft, in der Misstrauen, Hochmut und Missverständnisse auf beiden Seiten das Zusammenleben prägen.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn reisen Mrs. Moore und Adela Quested nach Tschandrapur, wo Ronny Heaslop, Mrs. Moores Sohn, als englischer Amtsrichter arbeitet. Mrs. Moore trifft in einer Moschee auf den muslimischen Arzt Dr. Aziz, einen jungen Witwer, der im britischen Krankenhaus der Stadt tätig ist. Aus der zufälligen Begegnung wird eine Freundschaft. Aziz lernt durch sie auch Adela kennen und knüpft überdies eine enge Verbindung zu Cyril Fielding, dem liberalen Leiter des Government College. Um den beiden Engländerinnen das Land näherzubringen, organisiert Aziz einen Ausflug zu den Marabar-Höhlen.
Dieser Ausflug endet in einer Katastrophe. Adela beschuldigt Aziz, er habe sie beim Besuch einer der Höhlen sexuell belästigt. Tatsächlich verbinden sich in ihr Zweifel an ihrer Liebe zu Ronny mit der Beobachtung, dass ihr Aziz gefällt; in dieser inneren Verwirrung bildet sie sich die Belästigung ein. Aziz wird verhaftet. Die Anklage bringt die Beziehungen zwischen Briten und Indern in Tschandrapur bis an den Rand eines Gewaltausbruchs. Mrs. Moore hält die Anschuldigungen für hysterische Einbildungen, doch sie ist von den Ereignissen zunehmend erschöpft und beschließt, vorzeitig nach Europa zurückzureisen. Auf dem Weg dorthin stirbt sie. Fielding stellt sich gegen seine Landsleute und verteidigt Aziz, was ihm das Misstrauen der Engländer einträgt.
Während des Gerichtsprozesses nimmt die Handlung eine überraschende Wendung: Adela zieht ihre Anklage zurück, und Aziz wird freigesprochen. Nach dieser Erfahrung lehnt er jeden weiteren Umgang mit Briten ab. Er nimmt eine Stellung als Arzt in einem von Indern regierten Bundesland an, wo er mit seiner Familie lebt, Gedichte schreibt und persische Literatur liest.
Der dritte Teil spielt zwei Jahre später. Fielding, sein früherer Freund, besucht ihn. Erst jetzt erfährt Aziz, dass Fielding nicht Adela Quested geheiratet hat, wie er lange geglaubt hatte, sondern eine Tochter von Mrs. Moore und Halbschwester Ronny Heaslops. Die beiden Männer reiten aus und sprechen über die Zukunft Indiens. Aziz sagt voraus, dass er und Fielding erst dann wahre Freunde sein könnten, wenn die Briten Indien verlassen haben. So endet der Roman mit der Einsicht, dass echte Freundschaft unter den Bedingungen der Kolonialherrschaft nicht gelingen kann.
Stil↑
Der Roman ist durchgehend von Leitmotiven und ihren metaphorischen Verdichtungen durchzogen. Sein Gewebe besteht im Wesentlichen aus vier Fäden: den Aspekten des Kolonialismus, den inneren Widersprüchen der indischen Gesellschaft, der magisch überhöhten Natur und den Störungen von Erkenntnis und Verständigung zwischen den Figuren. Diese Motive werden nach und nach gesteigert. So kündigt sich etwa die tödliche Erschöpfung Mrs. Moores in immer neuen Anklängen an, bevor sie eintritt.
Erzählt wird aus der Sicht eines auktorialen Erzählers, der von außerhalb der Ereignisse steht. Er wendet sich unmittelbar an den Leser, kommentiert das Verhalten seiner Figuren und greift mit seinen Vorhersagen weit über die erzählte Zeit hinaus in deren Zukunft. Von dieser Warte aus distanziert er sich häufig durch Ironie von seinen Figuren. Diese Ironie trifft die englischen Kolonialbewohner deutlich stärker als die Inder. Deren Schwächen wiederum erscheinen aus der Sicht der indischen Figuren noch schärfer.
Forster forderte in seiner Romantheorie „runde Charaktere", und seine Hauptfiguren sind entsprechend widersprüchlich angelegt. Ein zentraler Wesenszug wird oft durch sein Gegenteil ergänzt und dadurch zeitweise aufgehoben. Aziz etwa ist in seiner Arbeit zuverlässig, im Privaten aber sprunghaft und überspannt. Fielding hat keine Vorbehalte gegen seine indische Umgebung, doch nur begrenztes Verständnis für ihre Kultur. Adela ist neugierig auf das wahre Indien, aber nicht neugierig genug, um ihr eigenes Erlebnis zu klären, bevor sie mit ihrer falschen Anklage das Unheil auslöst. Aus solchen Brüchen entwickelt Forster die Wendungen seiner Figuren.
Auch der Titel ist bedeutungsvoll gewählt. Er geht nach Forsters eigenem Hinweis auf ein Gedicht Walt Whitmans zurück. Whitman hatte 1871 die Eröffnung des Suezkanals als Anbruch einer Zeit der Völkerverständigung gefeiert. Forster lässt genau diese Hoffnung in seinem Roman scheitern, sodass sich das Buch wie ein ironischer, skeptischer Kommentar zu Whitmans Prophezeiung liest. Der deutsche Titel ist dabei nur metaphorisch zu verstehen: Nicht die Existenz Indiens steht in Frage, sondern die Möglichkeit, sich ihm geistig anzunähern. Schon der Nachname der Adela Quested spielt auf die englische Wendung in quest of an, also „auf der Suche nach".
Rezeption↑
Schon 1927 würdigte Virginia Woolf den Autor als Klassiker. Sie unterschied grob zwei Arten von Romanschriftstellern: einerseits die Prediger und Lehrer, angeführt von Tolstoi und Dickens, andererseits die reinen Künstler wie Austen und Turgenjew. Von Forster sagte sie, er habe „den wunderbaren Impuls, beiden Lagern gleichzeitig anzugehören".
Auch die spätere Literaturkritik stellte den Roman hoch. Kindlers neues Literatur-Lexikon wertet ihn als Forsters Meisterwerk und von höherem Rang als seine früheren Bücher. Es hebt die subtile Erzählkunst, den stimmigen Symbolismus, die ausgewogene Menschendarstellung und die intime Kenntnis der indischen Verhältnisse hervor, sodass das Werk „zu den klassischen Werken der modernen englischen Literatur gehört". Simon Strauß hält Forster in seiner Heimat heute für einen eher ungelesenen Autor, woran auch die Verfilmungen wenig geändert hätten; dabei sollte das Buch für Indienreisende ebenso Pflichtlektüre sein wie für alle, die „auf der Suche nach dem abenteuerlichen Herzen" sind. Pankaj Mishra schätzt den Roman nicht nur wegen seiner formalen Vollkommenheit, sondern auch wegen seiner umfassenden Darstellung von Gefühlen und Gedanken.
Die Nachwirkung reicht bis ins Kino. 1984 verfilmte David Lean den Stoff unter dem deutschen Titel Reise nach Indien. So hat der Roman, der bei seinem Erscheinen noch als antibritisch angegriffen wurde, seinen Platz unter den anerkannten Klassikern der Moderne gefunden.
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